Entspannter arbeiten

So schaffen Sie Ihre Jobvorsätze 2016

Raus aus der Komfortzone! Gute Vorsätze können sich auch als Hindernisse entpuppen: Wie schaffen wir es, dass aus Visionen keine Illusionen werden und unser (Arbeits-)Leben entspannter wird? Teil 10 in unserer Serie „Zukunftsräume“ in Kooperation mit dem Zukunftsinstitut.

Arbeitsexpertin Christiane Varga: "Die entscheidende Frage lautet: Was wünsche ich mir wirklich?" (©Foto: Martin Joppen Photographie)

Arbeitsexpertin Christiane Varga: „Die entscheidende Frage lautet: Was wünsche ich mir wirklich?“
(©Foto: Martin Joppen Photographie)

Von Christiane Varga

Gute Vorsätze sind fantastisch: Sie motivieren uns, geben uns das Gefühl, uns immer weiterentwickeln zu können, lebendig zu sein. Gute Vorsätze sind das Gegenteil von Stillstand.

Gute Vorsätze sind furchtbar: Sie versklaven uns, geben uns das Gefühl, uns immer optimieren zu müssen, nie genug zu sein. Gute Vorsätze sind das Gegenteil von Freiheit.

Laut dem Philosophen Martin Heidegger sind wir Menschen zukünftige Wesen und können gar nicht anders, als uns in die Zukunft hinein zu entwerfen. Deshalb fassen wir gute Vorsätze – selbst wenn wir es nur selten schaffen, sie wirklich und dauerhaft in unseren Alltag zu integrieren. Es ist zutiefst menschlich, sich selbst zu motivieren, Ziele zu stecken, zu träumen: von einem besseren, ausbalancierten Leben und der selbstbestimmten Gestaltung unserer Arbeit. In einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung gaben im vergangenen Jahr mehr als 40 Prozent der Befragten an, keinen oder nur geringen Einfluss auf ihre Arbeitsziele zu haben. Wie kann es gelingen, auch hier den schmalen Grat zwischen Vision und Illusion zu beschreiten?

Die Krux der guten Vorsätze

Aus einer Vision kann schnell eine Illusion werden, die plötzlich der Gegenwart statt der Zukunft dient. Die Psychologin Gabriele Oettingen spricht vom „Gegenwartseffekt der Zukunft“. In ihrem Buch „Die Psychologie des Gelingens“ beschreibt sie die Mechanismen der Selbstregulation und Motivation, ausgehend von der Erkenntnis, dass das in vielen Ratgebern propagierte „Think positive!“ kontraproduktiv wirken kann: Je bunter und fantastischer wir unsere Zukunftsbilder malen, umso bequemer machen wir es uns in unserer mentalen Komfortzone – und holen unsere Belohnungs-Endorphine bereits durch die Vorfreude ab.

Wenn wir uns also die Beförderung ständig vorstellen, entsteht ein warmes Gefühl der Zufriedenheit, das uns zugleich die nötige Energie nimmt, eine ernsthafte Status-quo-Analyse zu erstellen und Hindernisse zur Realisierung aus dem Weg zu schaffen. Die größten Hürden sind dabei Klischee-Vorsätze, die wir oft unbewusst von unserer Umgebung kopieren. Und der falsche Glaube, wir könnten irgendwann „fertig“ sein, mit unserem perfekten Leben.

Von Illusionen zu Visionen

Um die Zielvorgaben zu erreichen, die realistisch in unser individuelles Leben passen, hat Oettingen die WOOP-Methode („Wish, Outcome, Obstacle, Plan“) entwickelt – „Wunsch, Ergebnis, Hindernis, Plan“. Die ersten beiden Punkte sind den meisten vertraut: die Sehnsucht, einen Bereich im eigenen Leben zu optimieren (Wunsch), der uns ein ein Bild von einem besseren Ich (Ergebnis) in der Zukunft imaginieren lässt.

Spannend wird es, wenn wir die Stolpersteine in unserem Alltag analysieren (Hindernis) und ein Wenn-dann-Szenario (Plan) erstellen. Voraussetzung dafür ist, dass wir uns auch wirklich mit unseren Visionen identifizieren können. Die entscheidende Frage lautet: Was wünsche ich mir wirklich? Und welche Wünsche haben sich nur aus Illustrierten („Perfekter After-Baby-Body nach nur drei Wochen“), Business-Ratgebern („In 10 Schritten zum CEO“) oder dem Bekanntenkreis („Wir essen jetzt nur noch vegan“) in unser Unterbewusstsein eingeschlichen, verkleidet als persönlicher Herzenswunsch? Es gilt, die unrealistischen Traumbilder zu verabschieden und die erfüllbaren Wünsche herauszuschälen, auf die wir uns fokussieren können.

Vater in Elternzeit: "Alles gleichzeitig geht nicht" (Foto: Mila Supinskaya / Shutterstock)

Vater in Elternzeit: „Alles gleichzeitig geht nicht“ (Foto: Mila Supinskaya / Shutterstock)

Den eigenen Rhythmus finden

Die Kunst des Gute-Vorsätze-Fassens will also geübt sein – erst recht in einer ausdifferenzierten Welt, die von einem hoher Grad an Komplexität und einem ebenso hohen Optimierungsideal geprägt ist. Der gesellschaftliche Wandel, der die alte Industriegesellschaft zur Wissensökonomie umwandelt, rekonfiguriert unsere Lebensweisen und unsere Art zu arbeiten. Unternehmen funktionieren immer weniger in klassischen Abteilungen, sondern zunehmend in Netzwerken und Projekten. Die Erwerbstätigkeit und der Karrierewunsch von Frauen ist keine Besonderheit mehr. Gemeinsam mit der gestiegenen Mobilität und Flexibilität gilt es, die Zeitressourcen von Familien ständig neu auszutarieren. Doch so gerne wir es auch hätten: mehr Zeit für die Familie, mehr Zeit für sich, mehr Distanz zur Arbeit, mehr Teamwork im Job – alles gleichzeitig geht nicht.

Wie wäre es also, wenn wir uns anders positionieren? Weg von der Vorstellung der perfekten Balance, hin zum Finden eines eigenen Rhythmus? Eine Zukunft, die uns wirklich glücklich macht, entsteht nicht durch die Realisierung fixer Pläne, sondern auch durch den virtuosen Umgang mit dem Unvorhergesehenen, durch Kreativität und Vitalität. So kann – in Kombination mit realistischen Vorsätzen – wahre Weiterentwicklung stattfinden. Dann können wir das Wartezimmer Zukunft verlassen und mit realistischen Visionen die Spiel-Räume unserer eigenen Zukunft betreten.

Wo sind die Spielräume in Ihrem Leben, auf die Sie Einfluss nehmen können?

Über die Autorin: Christiane Varga arbeitet seit 2012 als Zukunftsforscherin und Referentin im Wiener Office des Zukunftsinstituts. Die Germanistin und Soziologin fokussiert sich auf raumbezogene Gesellschaftsanalyse und die Schwerpunkte New Work, New Living und Geschlechterrollen. 

Das 1998 gegründete Zukunftsinstitut gilt heute als einer der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung und ist eine zentrale Informations- und Inspirationsquelle für Entscheider und Weiterdenker. Mehr über das Thema New Work und die Megatrends, die unsere Zukunft prägen, erfahren Sie auf zukunftsinstitut.de.

4 Kommentare

Roman Kuhr

07.01.2016

Bevor es um die Frage geht, was man sich als Nächstes wünscht, womit dann wiederum der Stress bzgl der Zielerreichung beginnt, sollte sich jeder erst einmal ganz ehrlich die Frage beantworten, was er oder sie wirklich BRAUCHT. Ganz viele jagen ständig neuen Wünschen hinterher, ohne das mal konsequent zu fragen, und rennen daher oft unnötig und mit hohem Verschleiß jeden Tag im Hamsterrad herum…

Wolfgang Seger

07.01.2016

Wünsche werden aus meiner Sicht erst dann zur Realität, wenn wir die hinderlichen Kindheitsprogrammierungen aufgelöst haben (über akzeptieren und respektieren), denn erst dann sind wir in der Lage unsere Konzentration über Visionen und positivem
Denken dauerhaft aufrecht zu erhalten. Dies kann ich aus eigener Erfahrung berichten.

Kadow

07.01.2016

Damit Wünsche dann auch wirklich realisiert werden können ist es oftmals eine gute Idee, sich gleichzeitig von anderen Gewohnheiten, Projekten oder auch Dingen zu trennen. Also etwas loslassen um etwas dazu gewinnen zu können.

Gabriele Vincke

11.01.2016

Ich bin der Meinung, das der erste Schritt der sein MUSS, das man sich zurücklehnt und sich erst einmal drei Fragen stellt:
Was ist mir wichtig?
Woran glaube ich? und
Was will ich wirklich?

Wenn ich diese Fragen beantwortet habe, dann lege ich fest, was ich bis wann umsetzen werde – und zwar in kleinen Häppchen, in Teilschritten.

Die meisten Menschen überschätzen tatsächlich, was sie innerhalb kurzer Zeit schaffen können und unterschätzen, was sie langfristig erreichen können.

Daher ist ein Vorhaben oft schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Wenn ich aber Teilschritte erreiche, mache ich auch weiter.