Arbeit & Recht

Kündigung nach Karnevalsfeier: keine Gnade für "Al Capone"

Karnevalsfeiern im Betrieb können eine gefährliche Angelegenheit sein: Wenn die feuchtfröhliche Stimmung kippt, kann das schnell böse Folgen haben. Etwa wenn ein Schlipsträger seinen Schlips behalten will.

An Weiberfastnacht ist es vielerorts Brauch, das Närrinnen bei Männern den Schlips kürzen. Ein Arbeitnehmer, der sich gewaltsam widersetzte, verlor dadurch seinen Job. (©Foto: Fredrik von Erichsen /dpa)

An Weiberfastnacht ist es vielerorts Brauch, das Närrinnen bei Männern den Schlips kürzen. Ein Arbeitnehmer, der sich gewaltsam widersetzte, verlor dadurch seinen Job. (©Foto: Fredrik von Erichsen /dpa)

Weil er auf einer Karnevalsfeier die Nerven verlor, ist ein Versicherungsmitarbeiter in Düsseldorf seinen Job los. Das Landesarbeitsgericht bestätigte den fristlosen Rauswurf des schwerbehinderten Mannes und wies dessen Berufung zurück (Az.: 13 Sa 957/15).

Seine Anwältin hatte sich vergeblich auf eine Angststörung ihres Mandanten berufen: Mit Scheren bewaffnete Möhnen (Karnevalsweiber) hätten bei ihm Panik ausgelöst. Er habe, als Mafiagangster Al Capone verkleidet, seinen Schlips behalten wollen und damit den Unmut der Närrinnen entflammt. Die hätten auf der Karnevals-Tradition des Krawatten-Abschneidens bestanden.

Als er auch noch von einem Clown bedrängt worden sei, habe der 48-jährige Sachbearbeiter die Nerven verloren und ihm ein Bierglas ins Gesicht gestoßen. Dem Kollegen mussten von einem Arzt Glassplitter aus der Stirn entfernt werden. Eine Überwachungskamera hatte das Geschehen aufgezeichnet. Wenig später erhielt „Al Capone“ die Kündigung.

Die Anwältin hielt den fristlosen Rauswurf angesichts der Vorgeschichte für überzogen: Seit einer Operation leide er an einer Angststörung, die durch die mit Scheren bewaffneten Närrinnen akut geworden sei. Er habe die Damen zuvor mehrfach gebeten, ihm vom Leib zu bleiben, doch die hätten dies mit unflätigen Beleidigungen quittiert. Schließlich habe sich noch der Clown auf die Seite der Frauen geschlagen.

Der Sachbearbeiter habe sich in 28 Jahren Betriebszugehörigkeit nichts zuschulden kommen lassen. Er sei in dem Moment schuldunfähig gewesen, die Kündigung sein „wirtschaftliches Todesurteil“.

Stundenlang studierte das Gericht die Aufnahmen aus der Überwachungskamera und analysierte das Verhalten des Klägers etwa bei einer Polonaise. „Er war der Situation einfach nicht gewachsen und ist ausgerastet. Er hat sich bei seinem Kollegen aber entschuldigt und der hat die Entschuldigung auch angenommen“, sagte seine Anwältin.

Doch vergeblich. Dem Gericht reichte der Gewaltausbruch für den Rauswurf aus. Es bestätigte damit ohne mündliche Begründung das Urteil der Vorinstanz und ließ keine Revision zu.

21 Kommentare

Dr. No

02.02.2016

Schon etwas zu krass, einen relativ wehrlosen Mann zum „Spaß“ zwingen zu wollen.

No means no.

Und dann eine Kündigung nach 28 Jahren? Kam der Firma wohl ganz gelegen.

Hauser

02.02.2016

wie bescheuert ist den ein solches Verhalten des Gerichtes

Sebastian

02.02.2016

Immer wieder zum Ko****, wenn Menschen gegen ihren Willen bedrägt werden mit vermeintlichen Nichtigkeiten, die aber für Einzelne eben Alles sein können, und am Ende wird nur der, der eigentlich Opfer der Situation war, bestraft.

Die Auslöser(in), welche den Unmut ihres Kollegen asozial und unempathisch ignoriert hat, ist fein raus.

Seelische Qual ist i.d.R. grausamer als körperlicher Schaden; aber Otto Normal erachtet Blut als glaubwürdiger und relevanter.

Armer Al Capone.

Robin

02.02.2016

„Stundenlang studierte das Gericht die Aufnahmen aus der Überwachungskamera und analysierte das Verhalten des Klägers etwa bei einer Polonaise.“ Postillon-Medlung? :)

Andreas

02.02.2016

Wenn man darum weiß, um die Phobie, wäre Urlaub bzw. eine Krankmeldung (->Phobie) durchaus eine Überlegung wert gewesen. Ich meine, nach 28jahren Betriebszugehörigkeit sollte man wissen, wie der Betrieb läuft, was kommt und sich dementsprechend wappnen. Möglicherweise, und nach dem Verhalten der Kollegen wußten diese anscheinend nichts von diser Phobie. Tja, alle nur mutmaßungen, was widerum zeigt, das dieser Artikel schlecht recherchiert ist, der nur dazu dient, sich ein einseitiges Urteil zu bilden. Ich hätte mir von Xing wesentlich mehr tiefe erwartet, den ganz Umsonst kommt das Gericht nicht zu dem Entschluß, den fristlosen Rauswurf zu bestätigen. ‚

Christian

02.02.2016

Ein behinderter Mensch der “ gezwungen “ wird seine Krawatte abschneiden zu lassen?
Da gehören außer ihm aber auch die “ Möhnen “ zu den Mitschuldigen , und evtl war auch der Alkoholpegel bei allen Beteiligten nicht ohne.

Denke , der Arbeitgeber wollte ihn schon früher loswerden ….

Matthias

02.02.2016

@Andreas: Diese Empfehlung gleicht derer, Frauen sollten doch „eine Armlänge Abstand halten“ oder sich nicht so provokativ kleiden.

irene

02.02.2016

ich gehe davon aus, dass die angststörung medizinisch abgesichert und belegt ist. statt einer kündigung wäre wohl eine professionelle hilfestellung zielführender für alle beteiligten! das wäre wohl ein vorbildhaftes verhalten eines unternehmens der zukunft!

Antoine Beinhoff

02.02.2016

Ich vermute, dass es der Firma einfach nur gelegen kam, sich von diesem Mitarbeiter zu trennen.

Schade, dass das Gericht einfach mitgemacht hat!

Silverager

02.02.2016

So, wie es geschildert wird, kommt mir die Kündigung auch überzogen vor.
Aber jeder weiß, dass bei der sog. „Weiberfastnacht“ die Weiber den Kerlen die Krawatte abschneiden.
Wenn ich eine derartige „Phobie“ habe, gehe ich da entweder nicht hin oder -wenn schon- ohne Krawatte.
Die Gerichte sind meist den Arbeitnehmer mehr zugeneigt als den Arbeitgebern als wirtschaftlich Stärkerem. Wenn das Gericht so geurteilt hat, muss der „Ausraster“ schon sehr, sehr heftig gewesen sein. Jemandem ein Bierglas so brutal ins Gesicht zu stoßen, dass es splittert und das Gesicht zerschneidet, ist kein harmloses Späßchen.

Peter

02.02.2016

Andreas‘ Kommentar hat einiges. Wie ist zB dieses (Zwangs-)Feiern in den vorangegangenen 28(!) Jahren verlaufen? Gerichte bzw. Richter urteilen bei Arbeitsrechtsprozessen üblicherweise für den schwächeren. Da scheint es doch eine erheblich andere Seite der Medaille zu geben.

Xcelerator

02.02.2016

Einerseits kann ich diese Urteil in seiner Härte nicht nachvollziehen.

Andererseits verstehe ich nicht, wie man bei dieser gesundheitlichen Vorgeschichte mit Krawatte auf eine Firmen-Karnevalsveranstaltung gehen kann. Nach 28 Jahren Betriebszugehörigkeit sollten einem die dortigen Abläufe doch hinlänglich bekannt sein. Ich nehme doch auch nicht an einem Wettbewerb im Dauerfahrstuhlfahren teil, wenn ich weiss, dass ich unter Klaustrophobie leide.

Karsten

02.02.2016

Schade, wer hier alles Kommentare abgibt…. Der Mitarbeiter hat um seine Krawatte zu verteidigen jmd. ein Bierglas ins Gesicht gestoßen, geht’s noch? Verhältnismäßigkeit?
Außerdem ist „Krawatte abschneiden“ normal und wer 28 Jahre in der Firma arbeitet, der weiß das.
Und wenn ich mit dem Stress nicht umgehen kann, dann binde ich mir an dem Tag keine Krawatte um oder direkt eine Abgeschnittene. Das Gericht hat meines Erachtens das absolut überzogene und nicht tragbare Verhalten des Mannes richtig beurteilt. Man kann sich nicht immer auf eine Behinderung berufen.

Thomas Schuchhardt

02.02.2016

Einen Behinderten nach 28 Jahren rauszuschmeißen wegen einen Ausraster und das soll gerecht sein. Wo bitte, ist unser hochgelobter RECHTSSTAAT. Ist das wirklich noch gerecht. Könnt ich kotzen, wer hier noch den Richtern beipflichtet. Wie man sieht, bringt studieren auch nur Deppen hervor. Steckt Richter und Politiker in einen Sack, ihr trefft immer den Richtigen. Was ist nur aus der hochangepriesenen sozialen Gerechtigkeit in unserem STAAT geworden. Dank der Richter haben wir jetzt einen Arbeitslosen und vielleicht auch zukünftigen Hartz 4 Empfänger mehr zu bezahlen. KÖNNTE ICH WIE SCHON GESAGT NUR NOCH KOTZEN.

König Urgan

02.02.2016

Ich dachte , daß spätestens seit Silvester in Köln das „nein“ einer Frau unbedingt zu respektieren ist ! Das „nein“ eines Mannes aber offensichtlich nicht ! Sind wir Männer also nun Wesen 2.Klasse ?

Oder steckt doch noch was ganz anderes hinter diesem Urteil ?

Ralf Röwekamp

02.02.2016

In dem Bericht wird viel durcheinander geworfen. Aus meiner Sicht ist folgendes geahndet worden. Ein Mitarbeiter schlägt einem anderen ein Glas ins Gesicht. Das ist unentschuldbar und zu Recht ein Kündigungsgrund. Der Rest ist Geplänkel und wirkt nicht strafmildernd.

CD

03.02.2016

„Wenn ich eine derartige „Phobie“ habe, gehe ich da entweder nicht hin oder -wenn schon- ohne Krawatte.“

Das klingt so wie: „Die Frau ist selbst schuld, wenn sie missbraucht wurde, weil sich so aufreizend sie gekleidet hat.“

Und Menschen mit Phobien zu raten, sich von Feiern oder ähnlichen sozialen Treffen fern zu halten, ist auch nicht gerade förderlich für die Betroffenen.

Vielleicht sollten besser diejenigen, die null Respekt vor den Befindlichkeiten anderer haben zu Hause bleiben, um den Ablauf einer Feier nicht zu gefährden.
Aber an Fasching dürfen die Bescheuerten sich ja voll ausleben, dakann man dann auch solche Spaßbremsen auf’s Korn nehmen…

Christian

03.02.2016

Typisch Deutschland!
Der Mann hätte eigentlich einen Orden verdient gehabt, daß er sich traut, sich zu wehren! Schwachsinnige Weiber betreiben mal wieder blinde Zerstörungswut und der Mann muss sich fügen! Daß auch noch ein Mann bei so einem Scheiß mitmacht, macht die Sache noch schlimmer!
Von einem deutschen Gericht ist aber natürlich nichts anderes zu erwarten, Stichwort „Gutmenschen“!

Alexander

03.02.2016

Meiner Meinung nach erfüllen die Schlips und Schnürsenkel abschneidenden Frauen den Tatbestand der NÖTIGUNG & SACHBESCHÄDIGUNG.
Wenn mich jemand mit einer spitzen Schere bedroht/bedrängt WEHRE ich mich, um körperlichen und/oder Sachschaden durch andere an meiner Person abzuwenden. Auch würde ich zusätzlich noch eine STRAFANZEIGE gegen alle Beteiligten stellen.
Was wäre wohl, wenn ich an Weiberfastnacht den Frauen die BH’s oder die Haare abschneide?

Joel

05.02.2016

Weiberfastnacht: Das Oktoberfest für Frauen.
Das Gericht wird zwar seine Gründe für dieses Urteil gehabt haben, dennoch gibt es einiges, was ich hier einfach mal loswerden möchte.
Mit einer Schere auf jemanden loszugehen, um ihm den Schlips abzuschneiden, ist aus meiner Sicht Nötigung und Sachbeschädigung und sollte ebenfalls Folgen haben. Außerdem scheinen die Leute ja ziemlich respektlos mit dem Al Capone umgegangen zu sein. Schade eigentlich, weil Respekt vor seinen Mitmenschen doch gerade im erwachsenen Alter Gang und Gäbe sein sollte. Jedoch scheint diese Regel schnell außer Kraft gesetzt zu werden, wenn man nicht „mit macht“. Dieser Gruppenzwang scheint ein allgemein deutsches Problem zu sein.
Schade finde ich, dass man aus dem Artikel nicht entnehmen kann, in welcher Form dieser Mann bedrängt wurde. Eventuell hätte er aber auch einfach gehen können?
Vermutlich stand er nicht in einer Ecke und hatte keine Fluchtmöglichkeit gegeben. Falls doch, wäre es aus meiner Sicht schon eher Notwehr gewesen.
Der „Clown“ scheint ja ein gut zu sich passendes Kostüm gefunden zu haben. Anscheinend wollte er den Frauen imponieren, indem er innerhalb des Rudels die Rolle des Alpha-Tiers annimmt. Unglaublich dämlich sowas.

Leute werdet erwachsen!!!

Philipp

25.04.2016

Echt mehr als schade, ich meine er hat die Frauen mehrmals darum gebeten das nicht zu tun und sie haben ihn immer weiter bedrängt.. Und wenn man da schon eine Vorgeschichte mit Angstattacken hat, dann rastet man halt auch mal aus. Dass sich derjenige noch beim Clown entschuldigt hat zeigt ja, dass die Handlung aus reinem Affekt heraus war. Kündigung ist vollkommen übertrieben.