Mein Arbeitsjahr 2015

Warum erfolgreiche Menschen öfter scheitern müssen

Ist in Ihrem Arbeitsjahr 2015 ein Plan nicht aufgegangen? Hat eine Geschäftsidee nicht funktioniert? Sind andere an Ihnen vorbeigezogen? Trösten Sie sich – Sie haben prominente Gesellschaft. Alles Erfolgstypen. Teil 9 in unserer Serie „Zukunftsräume“ in Kooperation mit dem Zukunftsinstitut.

Businessexperte Reinhold Rapp: "Wirklich scheitert nur derjenige, der es erst gar nicht versucht."

Businessexperte Reinhold Rapp: „Wirklich scheitert nur derjenige, der es erst gar nicht versucht.“

Von Dr. Reinhold Rapp

Gerade als ich diese Zeilen schreibe, überlege ich, ein neues Unternehmen zu starten. Und denke aus theoretischer und praktischer Sicht ans Scheitern. Nicht dass mir dies noch nicht passiert wäre: Ich hatte ein Start-up, das mir die Hälfte meines Wohlstands nahm, und ich habe ein Unternehmen, das den anderen Teil konsumierte – und vielleicht keinen Ertrag zurückzahlt. Warum also wieder das Risiko des möglichen Scheiterns eingehen?

Es geht selten beim ersten Mal gut

Schaut man sich die populäre Literatur an, ist es einfach: Viele erfolgreiche Menschen mussten scheitern, bis sie ihre beruflichen Ziele erreichten. Hätte Howard Schultz nach 244 Absagen von Banken aufgegeben, gäbe es heute kein Starbucks. Walt Disney, der schon in der Schule Probleme wegen mangelnder Kreativität hatte deshalb auch im ersten Job entlassen wurde, erhielt 302 Neins, bevor jemand Ja zur Finanzierung des Disneylands sagte. Colonel Sanders, Gründer und Logo-Figur von Kentucky Fried Chicken, musste sogar 1009 Mal scheitern, bis jemand sein Fast-Food-Konzept fördernswert fand. Um den Rekord in Sachen Scheitern kämpfen illustre Köpfe wie James Dyson, der behauptet, 5216 Prototypen gebaut zu haben bis sein Vakuum-Staubsauger funktionierte. Oder Thomas Alva Edison, der immer stolz verkündete, 6.000 Wege gefunden zu haben, wie eine Glühbirne nicht funktioniert (andere Quellen sprechen gar von 10.000).

Scheitern als Lernkonzept erfolgreicher Menschen

Scheitern gehört nach diesen (erfolgreichen) Geschichten zum Lernkonzept. Und tatsächlich ist es so, dass erfolgreiche Menschen wahrscheinlich nur durch Scheitern lernen können – denn erfolgreiche Menschen waren oft vorher schon erfolgreich. Man denke nur an die Geschichte von Steve Jobs denken, der schon im Alter von 30 Jahren Apple an die Börse brachte, mehrfacher Milliardär war – und dann mit der Macintosh-Strategie grandios daneben lag. Und noch einmal mit dem Next Computer – einem Unternehmen, bei dem ich mich damals um die Vertretungsrechte bemühte. Und sie auch erhielt. Wir verkauften weniger als eine Handvoll dieser teuren Geräte (der heutige Preis läge bei über 10.000 Euro), und niemand hatte mit Next einen Ertrag.

Neue Geschäftsmodelle: Neue Wege, um zu scheitern

Der Erfolg in der Vergangenheit ist offensichtlich keine Sicherheit für Erfolg in der Zukunft. Erfolg im Sinne von Wachstum, Erreichen von hochgesteckten Zielen oder der Erfüllung von Erwartungen (Investoren, Geschäftspläne) kommt in Zukunft immer mehr von Innovationen, speziell im Bereich neuer Geschäftsmodelle. Diese hat aber noch niemand vorher getestet, es gibt keinerlei Erfahrungswerte. Deshalb müssen Innovatoren diese Geschäftsmodelle ausprobieren – und mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Denn innovative Geschäftsmodelle funktionieren nicht im ersten Anlauf, oft auch nicht im zweiten, manchmal nie. Paypal-Mitgründer Max Levchin brachte dies einmal auf den Punkt: „Das erste Unternehmen, das ich gegründet habe, ist mit einem großen Knall gescheitert. Das zweite ein bisschen weniger schlimm, das dritte ist wieder anständig gescheitert. Das vierte Unternehmen überlebte bereits. Das fünfte war dann PayPal.“

Manchmal braucht es 1000 Versuche für DIE Idee (©Foto: Yeko Photo Studio / shutterstock)

Manchmal braucht es 1000 Versuche für DIE Idee (©Foto: Yeko Photo Studio / shutterstock)

Erfolgreich scheitern funktioniert auch in Europa

Menschen, die als Erste neue Wege gehen, können sich nur auf sich selbst verlassen. Niemand hat bislang ihren Weg beschritten. Deshalb müssen sie probieren und nach neuen Lösungen suchen. Es wäre vermessen anzunehmen, dass diese Wege immer direkt zum Ziel führen oder die angestrebte Lösung ermöglichen. Dies aber als Scheitern zu bezeichnen ist schlichtweg falsch: Es sind Lernerfahrungen und Ergebnisse von Experimenten. Wirklich scheitert nur derjenige, der es erst gar nicht versucht. Der Experimentleiter lernt hinzu, er wird immer klüger und findet die Prototypen, die nicht funktionieren – bis hoffentlich irgendwann einmal die richtige Lösung auftaucht.

Es wird gern behauptet, dass eine solche Form des Lernen aus dem Trial-and-Error-Prozess in Europa nicht möglich bzw. gesellschaftlich nicht akzeptiert sei. Ich halte hier das Gegenargument, dass nahezu alle Unternehmensgründer, die ich persönlich kenne, alle einmal in dieser Form gescheitert sind. Man muss sich einmal die Problemjahre von Ikea oder Bertelsmann ansehen, auch Playmobil oder Beate Uhse sind gute Beispiele. Alle diese Unternehmen haben es auch in Europa geschafft. Was wir wieder benötigen, sind mutige, erfolgreiche Menschen, die Scheitern als Lebensweg und Lernerfahrung akzeptieren. Dazu müssen wir Räume und Gelegenheiten bieten, Labore und Start-up-Umfelder, die solche Lernkulturen in nicht-sanktionierten Umfeldern ermöglichen und die Personen, die diese Risiken eingehen, nicht stigmatisieren.

Wir brauchen mehr Raum und mehr Menschen zum Scheitern

Die Forderung nach Laboren, Experimentierumgebungen und Testfeldern gilt aber vor allem für die etablierten Unternehmen, die sich heute erfolgreich nennen. Die Hidden Champions, die Weltmarktführer und die Unternehmen, die auf einer guten Tradition beruhen. Diese Erfolgsunternehmen und ihre erfolgreichen Mitarbeiter dürfen nicht aufhören, mit neuen Ideen zu scheitern. Sie müssen den Mut haben, unbequeme Lösungen auszuprobieren und gemeinsam ihre Lernerfahrungen zu teilen. Nur so können sie im Wettbewerb mit jungen Unternehmen, Kopisten aus Ländern mit geringeren Arbeitskosten und digitalen Herausforderern bestehen. Nichts zu tun oder das Alte einfach günstiger zu produzieren, kann keine langfristige und nachhaltige Lösung sein.

Deshalb: Lasst uns voranschreiten, neue Wege gehen und lernen. Die Erfolgsformel ist ein iterativer Prozess: Erfolg – Scheitern – Lernen – Erfolg – Scheitern – Lernen. Genießt die Irrwege und Sackgassen: Sie helfen uns weiter.

Frohes Scheitern!

Über den Autor:
Dr. Reinhold Rapp ist Keynote-Speaker des Zukunftsinstituts und Unternehmer, Investor und Berater. Zuvor war er u.a. als Professor an einer Business School in England und als Manager für die Deutsche Lufthansa tätig. Weitere Infos unter www.reinholdrapp.com.

Das 1998 gegründete Zukunftsinstitut gilt heute als einer der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung und ist eine zentrale Informations- und Inspirationsquelle für Entscheider und Weiterdenker. Mehr über das Thema New Work und die Megatrends, die unsere Zukunft prägen, erfahren Sie auf zukunftsinstitut.de.

6 Kommentare

Lefevre-Sandt

14.12.2015

Super Artikel,sehr motivierend falls mal die Dinge nicht auf Anhieb klappen sollten.

Brechbühl

15.12.2015

Scheitern minimieren und sich das Buch von Kerstin Friederich „Das grosse 1 x 1 der Erfolgsstrategie“ über die Engpass-Konzentrierte Strategie nach Prof. Wolfgang Mewes zu Gemühte führen.

Valentina Levant

22.12.2015

Ein klasse Artikel, der Mut gibt und motiviert. Danke.
Dazu fällt mir noch das Zitat aus der berühmten Rede Churchills: „Never. Never. Never give up!“

Valentina Levant

Stefan Bach

26.12.2015

Was ist Erfolg? Jeder bewertet es aus seiner Sicht auf die Dinge und meist „gefärbt“ von seiner Idee „von Ordnung und Welt“. Ich zum Beispiel bin ein Risiko eingegangen und mit Pauken und Trompeten in eine Lernkurve geflogen, die „ihres gleichen“ sucht. Bin ich erfolgreich? Ja! Schließlich habe ich überlebt und über Wirtschaft, Sozialstaat und das Recht so viel gelernt, daß ich nun in kürzester Zeit weiß, bei welchen Ideen welche Themenfelder beachtet werden sollten um sie „bestenfalls mit mehr als einer schwarzen Null“ zum Abschluss zu bringen. Gut ein Studium wäre sicherlich günstiger gewesen, aber hey wer weiß das schon vorher; schließlich, die Gewissheit darüber zu haben, ob etwas funktioniert oder nicht, zeigt einzig die Geschichte. „wohl denn, last uns Geschichte schreiben :-)

Hans Walter Putze

07.01.2016

Das Scheitern ist das zentrale LEBEN des Clowns. Hocherotisch. ☺

JC

29.04.2018

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass erfolgreiche Menschen sich auch immer wieder reflektieren, bereit sind Umwege zu gehen und den Weg zum Ziel genießen. Super Artikel!