Mein Arbeitsjahr 2015

Neuanfang 2015 : „Ich lebe meine Leidenschaft“

13 Jahre lang war Anke Schulz Bildredakteurin bei Gruner + Jahr, davon acht Jahre zusätzlich Betriebsrätin. Nach der Einstellung der Wirtschaftsmedien beim Hamburger Verlag erhielt sie die Kündigung – und startete neu durch mit einer eigenen Idee. Sie gründete die „Betriebsratshelden“ und coacht heute Arbeitnehmervertreter.

Als die Wirtschaftszeitung Financial Times Deutschland (FTD) am 7. Dezember 2012 eingestellt wurde, veränderte sich das Leben von Anke Schulz drastisch. Die studierte Lehrerin, die nach ihrer Ausbildung mehr als 20 Jahre lang als Bildredakteurin gearbeitet hatte, verlor nicht nur ihren Job – sondern sie musste auch lange funktionieren und hart weiterarbeiten, um für ihre Kollegen zu kämpfen. Als Betriebsrätin.

Denn mit dem Ende der FTD begann ihr intensivster und wohl wichtigster Einsatz als Arbeitnehmervertreterin. Ein Ehrenamt, zu dem sie kam wie „die Jungfrau zum Kinde, weil man eine Frau suchte und mich schließlich fragte“. Nach langen und harten Verhandlungen entwickelte sie später mit dem Betriebsratsteam für die 350 Kollegen einen Sozialplan und die erste Transfergesellschaft in der Geschichte von Gruner + Jahr.

„Einerseits war der Job weg – aber dennoch ging die Arbeit als Vertreterin derjenigen, die ihre Arbeit verlieren sollten, erst richtig los“, erzählt die heute 48-Jährige. „Das war acht Monate lang Himmel und Hölle, bis wir im Juni 2013 die Transfergesellschaft, die neue Beschäftigungsverhältnisse vermitteln sollte, erkämpft hatten.“

Heute kann sie sich gar nicht mehr so genau vorstellen, wie sie damals durchgehalten hat. „Im Nachhinein denkt man, wie habe ich das überlebt?“ Anke Schulz musste ihre eigenen Gefühle unter Kontrolle halten, damit sie eine solche Aufgabe meistern konnte. Mit Hilfe von anderen Gewerkschaftern, Betriebsratskollegen und der gesamten Belegschaft sei das aber gut gelungen, sagt sie: „Das sehr gute Ergebnis verdanken wir vielen Leuten, die aktiv geworden sind.“

Verbittert über diesen Einschnitt nach dem Ende der Wirtschaftsmedien war sie nie. Sicher, sie „habe dieses kreative Schaffen in meinem Job als Fotoredakteurin innig geliebt“, erzählt Anke Schulz. Die Zusammenarbeit mit den Layoutern, der Austausch mit den anderen Kollegen, das Unternehmen, dem sie sich verbunden fühlte. Außerdem hatte sie leidenschaftlich viel Spaß an ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Betriebsrätin und an den damit verbundenen Herausforderungen. Das war eine spannende Zeit, sagt sie. „Aber vorbei ist vorbei.“

Dennoch hat sie der Übergang vom festangestellten Dasein hinein ins Ungewisse natürlich geprägt – und auch gestärkt. „Man weiß, dass man über seine Grenzen gehen kann – dass ich nicht müde, sondern hellwach bin in besonderen Situationen“, sagt Schulz. „Da gibt man 1000 Prozent.“ Geholfen beim Sprung in die Selbstständigkeit habe „die Leidenschaft“. Man müsse schon für eine Idee brennen, um den Schritt zu wagen und eine gewisse Bereitschaft ein Risiko einzugehen haben, so Schulz.

So sehr die ehemaligen Kollegen auch manchmal fehlen mögen – heute glaubt Anke Schulz, dass diese erzwungene Veränderung, dieser Bruch in ihrem Leben, gut war – und ist. Heute entwickelt sie E-Books mit „Zehn goldenen Regeln für die perfekte Rede“, sie hilft mit ihrem Angebot „Betriebsratshelden“ Arbeitnehmervertretern bei ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung. Sie teilt ihr Wissen und all die Erfahrungen, die sie als Gesamtbetriebsratsvorsitzende und der Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien gemacht hatte. Klar hatte sie auch Zweifel, ob der neue Weg richtig ist. Aber die waren nie stärker als der Wunsch, „meine Leidenschaft zu leben“.

Ein Kinderspiel ist die Selbstständigkeit freilich nicht. Schon deshalb sei die Hilfe von außen, von der Outplacement-Agentur Inplace*, sehr wertvoll gewesen. Denn für die berufliche Neu-Orientierung als Unternehmerin brauchte Anke Schulz zunächst einmal Unterstützung. „Es war mir wichtig, dass dieser Prozess, den ich durchlaufen habe – von Namensfindung über Website-Gestaltung und Seminarinhalte – begleitet wird. Auch wenn man am Ende die wichtigen Entscheidungen allein treffen muss.“

Im März dieses Jahres ging Anke Schulz mit ihrer Webseite „betriebsratshelden.de“ online, seither hat sie sich „immer weiterentwickelt“. Sie hat ständig neue Seminare kreiert, Blogartikel geschrieben, und viel, viel mehr. Und kann von den Betriebsratshelden mittlerweile leben.

„Ich wachse immer mit“, sagt sie. Es sei ein ständiger Prozess, immer gebe es Neues und man lerne stets dazu. „Die Herausforderung als Existenzgründer ist, sich nicht entmutigen zu lassen – und auch bei kleinen Flauten weiterzumachen.“

Text: Silja Schriever

 

*Berufliche Neuorientierung: In zehn Schritten zum neuen Job – die Tipps von Inplace

1 Erstellen Sie eine Liste mit Ihren Erfahrungen, Kompetenzen, Stärken und Werten.
2 Stellen Sie zusammen, was Ihnen bei der Arbeit wichtig ist und welche Rahmenbedingungen unbedingt gegeben sein müssen.
3 Entwickeln Sie möglichst viele Ideen für ihren zukünftigen Beruf. Lassen Sie Hindernisse und Gegenargumente zunächst außer Acht, und reduzieren Sie Ihre Liste dann auf drei spannende Ziele.
4 Organisieren Sie Ihre Stellensuche wie ein Projekt: Legen Sie Zwischenziele fest und führen Sie Buch über Ihre Aktivitäten.
5 Aktivieren Sie Ihr Netzwerk: Sammeln Sie Informationen über die Branche, die Sie interessiert und lassen Sie Ihr Interesse anklingen.
6 Recherchieren Sie regelmäßig in Stellenbörsen und über Meta-Suchmaschinen nach offenen Stellen.
7 Entwickeln oder überarbeiten Sie Ihren Lebenslauf: Finden Sie den Roten Faden Ihrer Erfahrungen, der fast zwangsläufig zu der Stelle führt, auf die Sie sich bewerben wollen.
8 Finden Sie Ihren „30-Sekunden-Spot“: Wofür Sie stehen und was Sie wollen in einer halben Minute.
9 Üben Sie Bewerbungsgespräche – vor einem Spiegel, mit Ihrem Partner oder mit einem unbefangenen Dritten.
10 Bedanken Sie sich für Ratschläge aus Ihrem Freundes- und Familienkreis, lassen Sie sich aber weder einschüchtern noch verwirren.

 

2 Kommentare

Britta G. Aufermann

25.12.2015

Ich kann nur bestätigen, was die Dame beschreibt. Auch in meiner bunten beruflichen Biografie war die Leidenschaft die treibende Kraft, die mich stets auch in schwierigen Zeiten motiviert hat, durchzuhalten und weiter an meinen Traum zu glauben.

Dennis Danielmeyer

11.01.2016

Der Mensch weiß (erst) im Alter von etwa 40 Jahren, was für ihn wirklich wichtig ist im Leben, was ihn antreibt und für welche Werte er steht. Ich selber habe es „auf die harte Tour“ lernen müssen, bzw. wohl einfach lernen sollen. Quasi von hinten durch die Brust ins Auge.

Aus einer größeren Lebenskrise gehe ich heute kräftiger und stärker hervor denn je. „Lebenslanges Lernen“ – denn ich bin stets neugierig. Heute gehe ich „meiner“ echten Leidenschaft (auch) beruflich auf selbständiger Basis nach! Darauf bin ich schon ein wenig stolz, vor allem aber freut es mich jeden Tag immer mehr!
Herzliche Grüße, Dennis Danielmeyer