New Work

Sind die "digitalen Nomaden" nur ein Hype?

Die Digitalisierung macht es für viele Berufe einfacher, von quasi überall zu arbeiten. Doch wie viele Arbeitnehmer machen das wirklich? Darüber berichtet Dennis Buchmann im zweiten Teil unserer Serie über den Weg des „betterplace.lab“-Teams zum New Work.

Betterplace-Kreativredakteur Dennis Buchmann: "Bisschen viel Wind um nichts." (Foto: Nils Hasenau)

Betterplace-Kreativredakteur Dennis Buchmann: „Bisschen viel Wind um nichts.“ (Foto: Nils Hasenau)

Meinen ersten Computer habe ich nie mit auf Reisen genommen, zu schwer. 2007 kam dann das iPhone auf den Markt, mit dem ich erstmals E-Mails in der U-Bahn beantwortet habe, auch geschäftliche. Weil ich die Push-Funktion deaktiviert hatte, guckte ich manchmal ins Postfach, wenn mir langweilig war. Angry Birds gab’s noch nicht.

Vor einigen Jahren kaufte ich mir einen 27-Zoll-Rechner und genoss das Arbeiten an dem großen Bildschirm, die Fenster von Mail, Word, Finder und Firefox, alle schön übersichtlich nebeneinander. Ins Büro, wo ich regelmäßig freelancte, nahm ich den Rechner nicht mit. Also kaufte ich mir einen Laptop. Und so schön das Spiel Osmos auf dem großen Schreibtischbildschirm auch war, er staubte ein.

Seit zwei Jahren habe ich nur noch den Laptop und ein Smartphone, auf dessen Home-Bildschirm die E-Mails meiner geschäftlichen Accounts gepusht werden. Meine Freundin pusht das Handy deshalb manchmal vom Abendbrotstisch.
Laptop habe ich oft, Handy eigentlich immer dabei. Das Handy ist aber auch praktisch! Allein schon wegen Angry Birds 2. Im Ausland buche ich meist einen Datenpass dazu, die Connection zum Internet für eine Woche ist mir die 15 oder 20 Euro wert. Mit Routenplanern muss man aufpassen, die lassen das Datenvolumen schnell verpuffen, aber für Mails reichen die 150 oder wie viel MB das sind, locker.

Ich bin also unterwegs – ob in der U-Bahn in Berlin, im Café in Tokio oder auf der Toilette beim Vater – und beantworte geschäftliche Mails. Bin ich deshalb schon ein digitaler Nomade? Nicht wirklich. Zwar verwende ich fast ausschließlich digitale Technologien, um meine Arbeit (Schreibkram) zu verrichten und könnte von überall, wo es Internet gibt, arbeiten. Aber mein Lebensstil ist eher sesshaft statt multilokal. Danke Wikipedia für diese Definition. Denn nur wer quasi ohne festen Wohnsitz umherreist und dabei mit dem Rechner arbeitet, ist wirklich ein digitale Nomader.

Wie viele Menschen weltweit als echte digitale Nomaden umherziehen, konnte ich nicht herausfinden. Aber die Quote dürfte gering sein, da die meisten Menschen einen festen Wohnsitz haben. Ob Menschen nun vermehrt „im Unterwegs“ leben, weil sie dabei mit dem Rechner auch ihren Lebensunterhalt verdienen können?

Manager, die von einer Metropole in die andere reisen, haben das zwangsläufig schon immer getan, um mit anderen Managern persönlich zu sprechen. Früher mit dem Pferd, heute mit dem Flugzeug. Laptops, Smartphones und Skype dürften die Zahl dieser Leute eher reduziert haben, da die digitale Kommunikation räumliche Distanzen überwindet und physische Präsenz nicht immer wichtig ist. Video-Skypen nervt zwar, ist aber billig.

Betterplace-Grafiker Rico Reinhold in Kolumbien: "In der Hängematte zu neuen Ideen"

Betterplace-Grafiker Rico Reinhold in Kolumbien: „In der Hängematte zu neuen Ideen“

Es bleiben also Grafiker, Programmierer, Schreiber und all die anderen, die nur einen Rechner für ihre Arbeit brauchen. Diese Leute können nun losfahren (wenn sie es sich leisten können) und von Bali, Brooklyn oder Bogota aus arbeiten. So wie Rico Reinhold, unser Hausgrafiker im „betterplace lab“. In einem Interview erzählte er uns, dass er so viel reist, weil er es kann. Während der Manager für das ein oder andere delikate Gespräch ins Flugzeug steigen muss, fliegt Rico freiwillig um die Welt. Wichtiger Unterschied: Seine Ziele sind Hängematten, die Wohnzimmer von Freunden und Coconut-Water in WiFi-Cafés. Bei diesem ständig neuen Input kämen ihm immer auch neue Ideen, sagt Rico.

Aber ob Rico nun einer von vielen digitalen Nomaden ist und ob es immer mehr werden, lässt sich ohne belastbare Zahlen schwer sagen. Von einem riesengroßen Trend würde ich aber nicht sprechen. Zumindest in meinem Freundeskreis und Netzwerk ist Rico seit Jahren der einzige, der kaum länger als ein paar Monate am selben Ort arbeitet.

Wir im „betterplace lab“ sind demnach höchstens temporäre digitale Nomaden. Jedes Jahr schwärmen wir für vier Wochen aus, um bei unserer Forschungsreise „lab around the world“ digitale Innovatoren weltweit zu treffen. Ich war letztes Jahr in Indonesien und habe viel vor Supermärkten und in Cafés rumgelungert. Besser gesagt: gearbeitet. Denn da gab’s Internet. Der Konzentration war das nicht besonders zuträglich, aber der exotische Flair und die knatternden Tuk-Tuks haben auch gekickt. Es war dieses Gefühl „Ich bin hier nicht im Urlaub, ich hab zu tun!“, das auch das Ego tätschelt, wenn man durch die Straßen geht und offensichtliche Touristen (kurze Hosen, Flipflops) passiert.

Eventhinweis - das betterplace labtogether: Innovative Technologien machen es uns leichter denn je, die Welt zu verbessern. Bei der digital-sozialen Leitkonferenz, dem "Betterplace labtogether", stellen wir uns seit 2012 gemeinsam mit Vordenkern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft der spannenden Herausforderung, die Zukunft neu zu erfinden. Dieses Jahr diskutieren wir unter anderem das Potenzial der Digitalen Flüchtlingshilfe, des Internet der Dinge, sowie der Zukunft der Arbeit. Am 20. November 2015 im Kraftwerk Berlin. Komm vorbei und denk mit: www.labtogether.org

Eventhinweis – das betterplace labtogether:
Innovative Technologien machen es uns leichter denn je, die Welt zu verbessern. Bei der digital-sozialen Leitkonferenz, dem „Betterplace labtogether“, stellen wir uns seit 2012 gemeinsam mit Vordenkern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft der spannenden Herausforderung, die Zukunft neu zu erfinden. Dieses Jahr diskutieren wir unter anderem das Potenzial der Digitalen Flüchtlingshilfe, des Internet der Dinge, sowie der Zukunft der Arbeit. Am 20. November 2015 im Kraftwerk Berlin. Komm vorbei und denk mit: www.labtogether.org

Etwas anders war es dieses Jahr in Japan: Die Infrastruktur ist dort eine der besten der Welt, Internet hatte ich in der Hosentasche (SIM und Wifi-Router vom Mitbewohner). Mir ist vielmehr aufgefallen, welch Vor- und Nachteile der deutliche Zeitunterschied (acht Stunden) mit sich bringt. Während die Skype-Meetings in Indonesien nervten, weil es nirgends ruhig war, bin ich bei denen in Japan spät abends eingeschlafen. Aber die Zeitverschiebung gaukelte zumindest Effizienz vor: Wenn mir jemand in Berlin abends noch eine Aufgabe mailte, hatte er sie am nächsten Morgen schon erledigt im Posteingang, ich hatte ja am japanischen Nachmittag Zeit. Vormittags in Japan (Berliner Nacht) blieb es ruhig hingegen in meine Posteingang, da konnte ich mich ungestört dem Schreiben widmen.

Verwunderlich jedenfalls, dass so viele Leute von sich behaupten, digitale Nomaden zu sein. „Ich check‘ meine geschäftlichen Mails auch an der Kasse bei Rewe“, sagt der eine. „Richtig offline bin ich auch auf Teneriffa nicht“, der Andere. „Ich arbeite ständig und überall!“, so der Tenor. Voll digital. Aber halt nur auf dem Weg zur Arbeit, im Urlaub oder nach dem offiziellen Feierabend. Es scheint, als hätten alle das Gefühl, mit ihrer Arbeit zu verwachsen. Was uns zu dem wohl größten Merger unserer Zeit führt: Arbeit kauft mehrheitlich Aktien bei Freizeit und stärkt so seine Position am Markt. Doch das ist ein anderes Thema.

Für digitale Nomaden gibt es mittlerweile sogar eine eigene Konferenz. Tickets für die DNX kosten zwischen 200 und 400 Euro, und man kann etwas über SEO lernen und darüber, wie man Bücher und eBooks im Eigenverlag veröffentlicht, etwas über Facebook- und Youtube-Marketing. Weltreisende sind da und Selbständige erzählen über das Management ihres Selbst. Für Leute, die los und dabei Geld verdienen wollen, ist das sicher interessant. Ich habe aber auch das Gefühl, dass hier ein bisschen viel Wind um nichts gemacht wird.


Über das „betterplace lab“:
Das „betterplace lab“ ist überzeugt: Die Digitalisierung kann die Welt verbessern. Dafür forscht und experimentiert es an der Schnittstelle zwischen Innovation und Gemeinwohl. Als Forschungsabteilung von „betterplace.org“, Deutschlands größter Spendenplattform, verbreitet das „betterplace lab“ Wissen, inspiriert durch Geschichten und kämpft dafür, dass die Digitalisierung positiv genutzt wird.

1 Kommentare

Dörflinger André

17.11.2015

Keine Chefen mehr zu haben, geht doch auf Dauer nicht > Man sieht das Ergebnis ja bei den Medien, wo und wie und was jeder Redaktor schreiben kann nach Belieben und niemand korrigiert ihn je, wurden doch die Sprach-Korrek-Toren aus Kostengründen aussortiert.