Arbeit & Geld

Selbständigkeit als Lohn

Von Lars Brücher

Die Zahl der Selbständigen steigt langsam, aber beständig [1]. Gleichzeitig leben gerade Solo-Selbständige oft prekär an der Existenzminimumgrenze und arbeiten real dennoch über 20% mehr als festangestellte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer [2]. Wie passt das zusammen?

Die Gründe für die Selbständigkeit sind vielfältig. Natürlich spielt dabei auch das Interesse an einem hohen Verdienst eine große Rolle. Insofern besteht auch hier der Wunsch nach einer Korrelation zwischen Arbeit und Geld. Allerdings ist das laut einer Forsa-Umfrage nur bei 40% der Selbständigen die Motivation zur Gründung. Wesentlich wichtiger ist Selbständigen beispielsweise das gute Gefühl, der eigene Chef zu sein (76%), eigene Ideen umzusetzen (78%) oder selbstverantwortlich zu arbeiten (83%). Dinge, die man offensichtlich im Festangestelltenverhältnis als nicht erreichbar betrachtet.

Trend zum Arbeiten im Coworking Space, weil man es kann

Im betahaus Hamburg haben wir über 300 solcher Selbständigen – vom freien Journalisten bis hin zum wachsenden Startup. Bei so einer Vielzahl von Backgrounds sind auch verschiedene Trends in der Szene erkennbar: Wie zum Beispiel die Digital Nomads, die die Freiheit der Selbständigkeit beim Wort nehmen. Einer der betahaus-Nutzer, ein WordPress-Entwickler, ist seit Monaten meist in der Welt unterwegs und arbeitet von verschiedenen Coworking Spaces, weil er es kann: Er muss für seine Kunden nicht vor Ort anwesend sein und kann seinen Traum vom Reisen um die Welt mit dem Broterwerb verbinden. Sicherlich (noch) ein Extrembeispiel, aber eines das zeigt, wie die Zukunft der Arbeit bei dazu kompatiblen Tätigkeiten aussehen kann.

Oder die Wanderer zwischen den (Arbeits-)welten: 2-4 Tage pro Woche im festen Job und den Rest der Zeit am eigenen Projekt arbeiten, welches nicht einmal viel Geld abwerfen muss, aber mehr Selbstverwirklichung ermöglicht als der parallele feste Job. Das kann ein Kunstprojekt, das Schreiben eines Buches oder auch Social Entrepreneurship sein. Oder aber auch wie im Falle von Ali Jelveh, der in einem solchen Modus im betahaus startete, zu einem erfolgreichen Startup wie Protonet führen.

Auch zunehmend ist die Zahl freier Teams, die an verteilten Orten arbeiten und damit ihr Arbeitsleben ebenfalls organisieren, wie es zu ihrem Lebensentwurf passt. So wie das Startup Fastbill, das neben dem betahaus noch zwei andere Teamstandorte hat und sehr virtuell aber dennoch als Team zusammenarbeitet – das digitale Zeitalter mit Cloudservices, Hangouts und iPhone mit LTE-Flat macht es möglich.

Überstunden als Selbständiger fühlen sich anders an

Allen gemeinsam ist, dass Sie sich dabei ihre Zeit so einteilen, wie sie es für richtig halten. Natürlich gibt es äußere Faktoren, die den Arbeitsrhythmus beeinflussen, aber die Prioritätensetzung liegt immer noch bei einem selbst. Und auch wenn das schnell zum berühmten „selbst und ständig“ führen kann, fühlen sich die Überstunden als Selbständiger ganz anders an als als Festangestellter. Man tut es für seine kleine Unternehmung und hat damit eine ganz andere Motivation. Man zahlt sich quasi einen Teil des Lohns in einer ganz speziellen Währung aus: Der Währung der Selbstbestimmung.

Können Unternehmen von der Freiheit des Selbständigen lernen, um ihre festangestellten Mitarbeiter zu incentivieren? Im begrenzten Umfang ja. Und gerade im Bereich Zeit und Ort der zu erfüllenden Tätigkeit gibt es natürlich zum Teil schon seit längerem Bemühungen, die Wünsche der Arbeitnehmer mit den Notwendigkeiten des Unternehmens auf einen Nenner zu bringen.

Das fängt mit der zumindest teilweise möglichen freien Wahl des Arbeitsortes an. Das muss nicht zwingend das berühmte Homeoffice samt des antiquarischen Begriffs der Telearbeit und der ablenkenden Hausarbeit sein. Es kann auch der Stadtpark oder Sandstrand sein – oder ein Coworking Space, in dem man in einem Arbeitskontext bleibt, aber neue Eindrücke sammelt. Praktisch im Weg stehen dem manchmal weniger die Arbeitsprozesse in einem Unternehmen als die Sicherheitsvorschriften der IT-Abteilung. Die Nutzung der vorgeschriebenen Tools wie VPN und Co. funktioniert dann doch nicht an jedem Sandstrand der Welt.

Die volle Freiheit der Selbstbestimmung ist noch die Ausnahme

Auch bezüglich der Zeiteinteilung gibt es natürlich viele Modelle wie Gleitzeit, Arbeitszeitkonten oder (Teilzeit-)Sabbaticals. Die volle Freiheit der Selbstbestimmung bei der Einteilung der Arbeitszeit in Form einer echten Form von Vertrauensarbeitszeit bleibt aber jenseits von Führungskräften noch die Ausnahme. Das hat diverse Gründe: gerade in der Industrie ist die Selbstbestimmung trotz aller Innovationen noch schwierig umzusetzen, wenn Mitarbeiter A für die Fertigstellung des Autos das Teil von Mitarbeiter B benötigt. Aber auch in der Dienstleistungsbranche, wo solche Modelle theoretisch besser umsetzbar sind, gibt es Hürden. Zum einen muss schlicht eben dieses Vertrauen des Arbeitgebers in den Arbeitnehmer vorhanden sein, das diese Vertrauensarbeitszeit ausmacht. Zum anderen gibt es aber auch noch viele rechtliche Probleme bezüglich einer wirklichen Umsetzung. Die Vertrauensarbeitszeit hat noch keine rechtliche Regelung, was bedeutet, dass grundsätzlich alle rechtlichen Regelung zur Erfüllung der Arbeitszeit, zu Überstundenkompensation und mehr nicht wegfallen. Es ist also sowohl das Vertrauen als auch die rechtlichen Rahmenbedingungen betreffend immer auch eine Sache der gelebten Unternehmenskultur, ob solche Modelle funktionieren.

Bei allen Incentives in diese Richtung werden Unternehmen aber dennoch weiterhin Mühe haben, dem Arbeitnehmer das gleiche Gefühl der Selbstverantwortung zu vermitteln, wie es Selbständigen quasi angeboren ist. Selbst der dem Unternehmen und seinen Zielen verbundenste Mitarbeiter wird bei unbezahlten Überstunden nicht das Gefühl haben, dass er es „für sich“ tut, zumindest wenn nicht sehr deutliche variable Gehaltsbestandteile von diesen Überstunden profitieren.

Selbständigkeit wird also auch bei noch so großer Flexibilisierung Individualisierung der Arbeitsumgebungen von Festangestellten der Ort bleiben, an dem man die Chance hat, sein Arbeitsleben komplett selbst zu bestimmen – selbstverständlich unter Einbeziehung des allgegenwärtigen unternehmerischen Risikos.

[1] Statista Umfrage

[2] Statistisches Bundesamt


Über den Autor
Lars Brücher, 44, ist freiberuflicher Berater für digitale Transformation und Kommunikation sowie Co-Founder und ehemaliger Geschäftsführer des Coworking Spaces betahaus Hamburg.

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