Digitalisierung

"Keine Angst vor der neuen Arbeitswelt"

Vieles, was wir heute mit Arbeit verbinden, wird sich in Zukunft mehr und mehr auflösen. Diese Veränderungen können wir gut finden oder weniger gut. Aufhalten können wir sie nicht, sagt Isabelle Kürschner. Die Arbeitsexpertin, zu Gast bei der XING New Work Session in Berlin, plädiert in ihrem Buch „NEW WORK“ die Möglichkeiten zu nutzen, die die neue Arbeitswelt für uns alle bereithält. Wir veröffentlichen hier Auszüge.

Arbeitsexpertin Isabelle Kürschner: "Wir haben so viel Entscheidungsspielraum wie noch nie" (©Foto: Daimler-Blog)

Arbeitsexpertin Isabelle Kürschner: „Wir haben so viel Entscheidungsspielraum wie noch nie“ (©Foto: Daimler-Blog)

Bis heute glauben viele, dass die neuen Möglichkeiten in der Arbeitswelt nur einem kleinen Kreis von Auserwählten zugutekommen werden. Home-Office mag ja eine tolle Lösung für Schreibtischtäter sein, aber was haben die Menschen davon, die in der Fabrik, auf der Baustelle oder im Altersheim ihren Dienst tun? Den Arbeiter in der Produktion beschäftigt doch eher die Sorge, dass sein Arbeitsplatz bald gänzlich einem Roboter zum Opfer fallen könnte. Er weiß mitunter noch relativ wenig über die Chancen, die sich ihm durch cyber-physische Systeme und Prozessvernetzungen eröffnen werden und die seine Arbeit nicht nur körperlich erleichtern, sondern darüber hinaus eine nie dagewesene Mobilität und Flexibilität bieten können. Je mehr er darüber in Erfahrung bringt und je besser er sich darauf vorbereiten kann, desto größer sind seine Chancen, in Zukunft zu den heiß begehrten Fachkräften zu gehören.
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Deshalb wäre es geradezu sträflich, wenn wir als Arbeitnehmer und Einzelpersonen dieses Feld allein den Arbeitgebern und Unternehmen überlassen würden. Auch die Vorgehensweise der Gewerkschaften, lediglich zu reagieren und protestieren, wenn sich Veränderungen anbahnen, ist auf Dauer nicht zielführend. Viel besser ist es doch, sich selbst mit den Chancen und Herausforderungen auseinanderzusetzen, die die Arbeitswelt der Zukunft für uns bietet. Wir haben so viel Entscheidungsspielraum wie noch nie, also sollten wir schnellstens damit beginnen, uns Gedanken zu machen, wie wir uns bestmöglich vorbereiten und unsere Entscheidungen entsprechend treffen können. Wir müssen uns überlegen, für welche Unternehmen wir künftig arbeiten, mit welchen Menschen wir uns umgeben und in welche Netzwerke wir uns einbringen wollen. Wir müssen den Mut haben, auszuprobieren, was uns gefällt und was nicht, müssen voneinander lernen, gute Ideen aufschnappen und weiterentwickeln. Nur so bringen wir uns in eine Position, die uns davor schützt, von einem ungewollten Wandel überrascht oder gar überrollt zu werden. Um uns dafür zu rüsten, sollten wir anfangen, uns ein paar Fragen zu stellen:

  • Welche Veränderungen und Fortschritte werden mein Arbeitsleben am stärksten beeinflussen und was bedeutet das für mich konkret?
  • Welche bahnbrechenden Ereignisse könnten sich auf mich und mein persönliches Umfeld besonders stark auswirken?
  • Was kann ich tun, um mich so gut wie möglich auf diese Veränderungen vorzubereiten?

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„Die meisten von uns wird NEW WORK doch gar nicht betreffen.“

Und ob – die neue Arbeitswelt geht uns alle an! Ganz egal, in welchem Bereich wir tätig sind. Der Wandel macht vor nichts und niemandem halt. Beispiele gibt es heute schon genug. Ärzte sitzen Patienten gegenüber, die sich im Internet bereits umfassend selbst diagnostiziert haben. Unter Umständen nehmen ihnen schlaue Uhren oder Armbänder auch Routineaufgaben wie Blutdruck- oder Herzfrequenzmessungen ab, warnen Patienten vor Übergewicht, falscher Ernährung oder zu wenig Bewegung. Lehrer und Professoren müssen online Bewertungen über sich und ihre Leistung ergehen lassen. Und mit den zunehmenden Möglichkeiten, Seminare und Kurse online zu belegen, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Präsenzkultur an Universitäten abgeschafft wird. Sekretäre und Assistenten brauchen heute nicht mehr im Büro nebenan zu sitzen, sondern können uns auch von ihren Schreibtischen in Mumbai, Bangalore oder Sofia aus unterstützen.

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Kürschner-Buch "New Work":  "Die menschlichen Komponenten werden vielleicht noch wichtiger als heute"

Kürschner-Buch „New Work“: „Die menschlichen Komponenten werden vielleicht noch wichtiger als heute“

Auch Anwaltskanzleien droht die Konkurrenz aus dem Netz, denn rechtliche Fragen können schon lange nicht mehr ausschließlich vom Anwalt selbst, sondern auch online beantwortet werden. Besonders einfach machen dies Portale, die sich auf ein Problemfeld spezialisiert haben, wie beispielsweise „flightright“. Hier können sich Fluggäste, deren Flüge verspätet oder ausgefallen sind, schnell und unkompliziert zu ihrem Recht verhelfen lassen. Einfach die Flugnummer und das Datum eingeben und per Mausklick erfahren, ob einem eine Entschädigung zusteht und, wenn ja, in welcher Höhe. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen und wahrscheinlich fallen Ihnen selbst noch unzählige Beispiele ein.

Fakt ist: Nahezu jede einzelne Berufsgruppe ist vom Wandel durch die Digitalisierung betroffen, Widerstand ist zwecklos. Das heißt nicht, dass wir alle arbeitslos werden und untergehen. Wir haben sogar gute Chancen, als Gewinner aus dem Prozess hervorzugehen. Aber wir müssen wachsam sein, Möglichkeiten erkennen und ergreifen und dabei auch einen gewissen Mut an den Tag legen, um öfters mal etwas Neues auszuprobieren.

„Werden unsere Jobs nicht früher oder später sowieso alle von Robotern und Computern übernommen?“

Ganz so schlimm wird es wohl nicht kommen. Das „Ende der Arbeit“, wie es vor 20 Jahren der amerikanische Ökonom und Gesellschaftstheoretiker Jeremy Rifkin voraussagte, steht uns nach heutigem Kenntnisstand mit großer Wahrscheinlichkeit nicht bevor – zumindest nicht in absehbarer Zeit. Zwar wissen wir bereits, dass fast die Hälfte unserer heutigen Jobs in 20 Jahren von Automaten übernommen werden könnten. Was aber nicht heißt, dass dies auch der Fall sein muss, denn was technisch möglich ist, macht nicht immer Sinn oder rechnet sich auch betriebswirtschaftlich.

Die Befürchtung, dass Maschinen den Menschen die Arbeit wegnehmen, hegten schon unsere Ururgroßeltern. Richtig ist dabei, dass die menschliche Arbeitskraft – und zwar ganz egal ob geistiger oder körperlicher Natur – immer mehr durch Roboter und Computer ersetzt werden kann. Doch dabei werden die menschlichen Komponenten niemals ganz an Bedeutung verlieren; vielleicht werden sie sogar wichtiger als je zuvor. Ganz egal, in welchem Berufsfeld wir heute und in Zukunft tätig sind: Gute Chancen auf Beschäftigung werden künftig vor allem diejenigen haben, die neben ihren Fachkenntnissen über kreative und soziale Fähigkeiten verfügen und diese immer weiter ausbauen.


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Die New Work Sessions
Die XING New Work Sessions sind ein an ein BarCamp angelehntes Veranstaltungsformat mit Impulsen, Best-Practices, Workshops, Diskussionen zur Arbeitswelt von morgen. Die New Work Session mit Isabelle Kürschner und vielen interessanten Speakern findet am 3. und 4.Dezember in Berlin statt, im Fokus steht das Thema „Brave New Work – Innovation im Mittelstand“

1 Kommentare

Sylvia

04.05.2017

Hm,… ob Sekretariat und Assistenz ALLE vom Homeoffice aus arbeiten können? Ist zumindest dort, wo ich arbeite, nicht denkbar. Schön wär’s.. aber hier ist volle Präsenz erforderlich. Briefe/Schriftsätze ausdrucken, einreichen, formatieren, dem Chef am PC zur Hand gehen etc., überhaupt der ganze Ablauf. So nicht vorstellbar (und sicher auch gut so!).