Arbeit & Geld

Karten auf den Tisch - jetzt sprechen wir über’s Geld

Wie verdienen wir eigentlich Geld? Wie viel verdienen wir? Wer bestimmt das? Und warum spricht eigentlich keiner über sein Einkommen? „Unruhestifterin“ Tina Egolf hat ihre eigene Sicht auf das Thema Gehalt – im Interview mit XING spielraum verrät sie, wie ein „Neues Einkommen“ aussehen könnte und worauf sie als Jury-Mitglied des diesjährigen New Work Awards besonderen Wert legt.

Was sind für Dich aktuell die spannendsten Aspekte bzw. Themenfelder im Bereich „New Work“?

Auf jeden Fall nicht Work-Life-Balance, Home Office oder twitternde Recruiter. Nein, im Ernst: Ich finde es großartig, dass sich mehr und mehr Menschen und Organisationen Gedanken darüber machen, wie sie in Zukunft arbeiten und leben wollen. Aber leider führt so etwas gern auch dazu, dass ein Thema durch zu viel „Symptom-Behandlung“ statt „Ursachenforschung“ trivialisiert wird.

Die spannendsten Themen sind meiner Meinung nach vor allem diejenigen, die Grundsätzliches in Frage stellen. All das, was wir gerne als selbstverständlich hinnehmen, nach dem Motto: „Das war doch schon immer so.“

Und allem voran steht für mich die Frage nach dem lieben Geld: Wie verdienen wir eigentlich Geld? Wie viel verdienen wir? Wer bestimmt das? Und wie könnte das auch anders gehen?

Im Englischen gibt es für „Geld verdienen“ den schönen Ausdruck „to make a living“. Das beschreibt sehr gut, welchen Stellenwert unser Einkommen für uns hat. Einkommen, Gehalt, Verdienst, alles was wir als Arbeit definieren – oder eben auch nicht definieren – fußt auf dessen Verhältnis zum Geld.

Von Arbeitsverträgen und Arbeitszeit über Jobprofile und Status bis hin zu Verantwortung und Entscheidungsbefugnis – wenn wir über „Neue Arbeit“ sprechen wollen, müssen wir auf jeden Fall auch über „Neues Einkommen“ sprechen. Und darüber, warum eigentlich keiner über sein Einkommen spricht…

Warum ist das Thema eigentlich so sensibel? Warum sprechen wir nicht über unser Gehalt?

Ich bin keine Soziologin, aber ich würde die Hypothese wagen, dass Geld und Einkommen deutlich mehr sind als eine bloße Tauschwährung für unsere geleistete Arbeit. Einkommen definiert sowohl ein Abhängigkeitsverhältnis (gegenüber meinem Arbeitgeber oder meinen Kunden) als auch einen persönlichen Leistungs- und Wertmaßstab (im Vergleich zu meinen Kollegen und Freunden).

Und ich glaube, wir sprechen nicht gerne über unser Gehalt, weil Information immer Einfluss bedeutet und unsere Kultur sich offensichtlich darauf geeinigt hat, dass dieser Einfluss nur demjenigen zusteht, der das Gehalt zahlt.

Wie passt das mit dem Ruf nach mehr Transparenz und Mitbestimmung zusammen?

Gar nicht. Wenn Informationen ungleich verteilt sind, besteht immer ein Machtunterschied. Wenn mein Arbeitgeber deutlich vor Augen hat, wie viel jeder in der Abteilung verdient, ich jedoch nicht, wer hat dann die besseren Karten, wenn es um die Frage geht: „Verdiene ich eigentlich genug?“

Aber es geht nicht nur um Transparenz. Wichtig ist vor allem auch zu hinterfragen, wie der Mechanismus des Geldverdienens funktioniert: Warum werde ich eigentlich für Arbeit bezahlt? Warum koppeln wir Arbeit an die eine Ressource, die wir benötigen, um Rechnungen zu zahlen und Lebensmittel zu kaufen?

Natürlich klingt das jetzt viel zu abstrakt, aber man kann auch anders fragen: Könnte ich nicht auch für meine Verfügbarkeit, also da zu sein, wenn ich wirklich gebraucht werde, bezahlt werden – anstatt für 40 Stunden Anwesenheit im Büro? Oder für mein Potential? Oder dafür, dass ich jemand anderem die Möglichkeit gebe, einer bestimmten Arbeit nachzugehen – Stichwort Eltern?

Wie werden wir in Zukunft Geld verdienen?

Lohnarbeit ist ein vergleichsweise junges Konstrukt, das erst mit der Industrialisierung entstanden ist. Davor haben die Menschen natürlich auch Handel betrieben, aber Geld und Einkommen waren keine selbständigen abstrakten Größen.Wie wir in Zukunft Geld verdienen werden? Um ehrlich zu sein, weiß ich das (noch) nicht so genau.

Aber stellen Sie sich vor, was für eine (disruptive) Energie es freisetzen würde, wenn vom Taxifahrer bis hin zum Investment-Banker die Frage danach, wie man sein Leben finanziert – „how to make a living“ – nicht 100% gleichzusetzen wäre mit dem Beruf, den man ausübt, oder dem Arbeitsvertrag, den man unterschrieben hat.

Viele werden jetzt direkt an das bedingungslose Grundeinkommen denken, aber das ist nur eine von vielen möglichen Richtungen: Was würde es für Unternehmen sowie jeden Einzelnen von uns bedeuten, wenn unser Arbeitgeber nicht mehr darüber bestimmt, was wir verdienen? Hier beginnt für mich „New Work“.

Du bist auch dieses Jahr wieder Jury-Mitglied beim New Work Award, der zukunftsweisende Arbeitsmodelle auszeichnet. Worauf achtest du bei Bewerbungen besonders?

Ich habe es eingangs schon kurz angeschnitten: Ich suche nach Ansätzen, die bestehende Strukturen neu denken anstatt eine „etwas komfortablere“ Lösung zu suchen.

„New Work“ hat ja zwei Aspekte: einen prognostischen (wie werden wir wahrscheinlich arbeiten) und einen innovativen (wie wollen wir arbeiten). Mit großer Wahrscheinlichkeit werden wir in Zukunft sehr viel flexibler arbeiten. Betriebskindergärten und Home Office, selbst agile Teams sind deshalb aber noch lange nicht innovativ, sondern – obwohl auf jeden Fall positiv – lediglich eine Reaktion auf diese Entwicklung.

Spannend wird es jedoch, wenn jemand die Frage beantwortet, wie „wollen“ wir arbeiten? Und was können wir wirklich anders machen?


Über Tina Egolf
Tina Egolf will die Zukunft der Arbeit verändern und (provokante) Konzepte für neue Organisations- und Arbeitsformen mit ihrer Leidenschaft für Technologie verbinden. Als Product Managerin für Podio, einem Online-Tool für neue Formen der Zusammenarbeit und des Prozessmanagements, entwickelte Sie digitale Produkte und leitete agile Teams. Sie koordiniert darüber hinaus als Botschafterin die „Hamburg Geekettes”, ein wachsendes Netzwerk für Frauen in der Tech- und Startup-Szene. Ihr professioneller Hintergrund reicht von zeitgenössischer Kunst über Venture Capital und Sozial-Unternehmertum bis hin zur Gründung eines eigenen Startups und macht sie zu einer Grenzgängerin und Übersetzerin zwischen den Welten. 1984 geboren, fällt Tina Egolf mitten hinein in die Kohorte jener wahlweise kreativen Freigeister oder perspektivlosen Arbeitsscheuen (je nach befragtem Medium): der Generation Y. Derzeit nimmt Tina eine Auszeit bevor sie ihren nächsten Job startet, lernt das Programmieren und zieht dafür nach Tel Aviv.

Wer sich mit Tina Egolf persönlich austauschen möchte, hat am 4. Dezember 2015 Gelegenheit dazu: Auf der New Work Session in Berlin spricht sie über New Work-Ansätze im Allgemeinen sowie die Ansprüche der Generation Y im Besonderen. Tickets sind hier noch bis zum 15.11.2015 mit 30%-Frühbucherrabatt erhältlich.


Über den New Work Award

Jetzt für den New Work Award 2016 abstimmen!
Der New Work Award ist der Preis für zukunftsweisendes Arbeiten im deutschsprachigen Raum. Gemeinsam mit dem Magazin FOCUS und dem Human Resources Manager sucht XING in diesem Jahr zum dritten Mal nach innovativen, zukunftsweisenden Ansätzen, wie Arbeit organisiert werden kann. Stimmen Sie ab über das beste Konzept zur Arbeitswelt von morgen. Die Jury hat die Best Practice-Liste erstellt, Sie entscheiden über die besten New Work Initiativen und Konzepte. Weitere Informationen unter https://newworkaward.xing.com/

8 Kommentare

Frommenwiler Peter

09.11.2015

Sehr spannendes Thema, aber im Text habe ich keinen Lösungsansatz entdeckt?

Ralf Hermann

09.11.2015

Hehre Ziele, wünschenswerte Ansätze. Doch leider herrscht in Deutschland definitiv und nicht von der Hand weisbar eine scharfe Neidkultur, und nur allzu gerne vergisst man bei der Unterhaltung über Gehälter das „Warum?“.

Ob im Freundes- oder Kollegenkreis, da werden Gehälter miteinander verglichen, deren Arbeitsgrundlage völlig ausser Acht gelassen wird. Dabei sollte für jeden klar sein: Wenn jemand seit 15 Jahren für das gleiche Unternehmen zehn bis zwölf Stunden täglich im Aussendienst tätig ist und dabei jährlich Hunderttausende Euro für das Unternehmen einbringt, „verdient“ er in Relation definitiv mehr als die Halbtags-Fleischereifachverkäuferin. Und trotzdem wird immer wieder die Frage gestellt, wieso der mehr verdient als man selber. Unverständnis und Neid.

Leistung und Aufwand stehen in direktem Zusammenhang, und eine individuelle Bezahlung ist gleichfalls Grundlage für Motivation. Wieso sollte ich sonst für mich nach Höherem streben, wenn faulere Kollegen das Gleiche verdienen würden?

Peter

09.11.2015

Leider ist das Thema Gehalt auch nach meiner Einschätzung wegen Neid ein Tabu!
Ob gerecht oder ungerecht gezahlt wird hat viele Ansichten, wobei ich dem zustimme, dass das Gehalt den Lebensumständen auch gerechter werden muss. Jeder der einer ordentlichen Arbeit nachgeht sollte in der Lage sein Essen, Trinken zu zahlen und auch Besitz seines Hauses oder Wohnung im Alter finanzieren zu können .
Entweder muss das Gehalt angepasst werden oder der Grundbedarf.
Darüber hinaus ist jede Zusatz- oder Mehrzahlung für Mehrleisting Ansporn mehr zu tun. Aber auch hier muss das Verhältnis stimmen
Ein Top Manager benötigt nicht Millionen für etwas was seine Manschaft leistet und wenn er Mist baut behält er diese trotzdem!
Da hier keine Vorschläge sind Antegungen von mir :

Grundgehalt für jeden entsprechend seiner Leistung, aber mindest für den oben beschriebenen Grundbedarf

Bonus für besondere Leistungen und oder für vorher vereinbarte erreichbare Ziele

Unternehmensbeteiligungen für Sonderleistungen ( hier sollte jeder Beschäftigte auch einen Mindesanzeil haben)

Michael Drescher

09.11.2015

Gehaltsfindung und -transparenz sind interessante Themen, zu denen die Interviewte aber – zumindest in diesem Gespräch – keine Lösungsansätze aufgezeigt hat.

FrankM

09.11.2015

Naja, man muss ja auch nicht immer gleich ein „Patentrezept“ zur Hand haben, wenn man sich äußert. Zumal, wenn man nicht initiativ kräht, sondern, weil man nach etwas gefragt wird.
Und am Anfang von Lösungen stehen nun mal zunächst immer Befunde.
Da finde ich den von Tina Egolf sehr eloquent, sympathisch und zielführend, weil die die richtigen Fragen in den Fokus nimmt. Kluges Mädel! Von der Qualität Nachdenklichkeit hätte ich gern mehr in den unendlichen Weiten des http://www...

Johanna Rieder

09.11.2015

Duskussionen interessanter Alternativen. Ich würde begrüßen, wenn wir auch mögliche Wege dorthin (Transformation) diskutierten, nicht „nur“ die Vision.
Herzliche in die Runde
Johanna Rieder

Michael M

09.11.2015

Da ich das studiert habe: Bedingungsloses Grundeinkommen (natürlich im hohen Niveau), Verdienst nach „Wertschätzung“ usw. sind meiner Meinung nach eher sozialistische Themen. Nun ist es in der Realität einer Marktwirtschaft so, dass Löhne grundsätzlich weder etwas mit „Leistung“, noch mit „Gerechtigkeit“, oder „Fairness“ zu tun haben. Das Lohnpreisniveau bildet sich, wie jeder andere Marktpreis auch, am (Arbeits-)markt. Er ist das Ergebnis von Angebot (Menge an Arbeitskraft für das Stellenprofil) und Nachfrage (offene Stellen). Viel Angebot (gering qualifizierte Tätigkeiten, da istg die „Hürde“ niedriger) und wenig Nachfrage (bestimmte Gewinnschwache Sektoren) bedingen einen niedrigen Stundenlohn. Anders ausgedrückt; der Vorstand eines Dax Unternehmens verdient nicht deswegen das ca. 300 fache (wie seine normalen Mitarbeiter), weil er 300 mal mehr leistet, sondern weil man diesen Betrag am Arbeitsmarkt bezahlen müsste, um jemand anders als Vorstand mit diesen Qualifikationen/Lebenslauf zu bekommen. In der Praxis realisiert man daher meist (leider) das eigene Marktlohnpreisniveau nur durch einen Wechsel des Arbeitgebers.

Frank H.

09.11.2015

Netter Artikel, nett hinterfragt. Leider nicht zu Ende gedacht. Das hier angerissenen Thema endet beim kommunistischen Verteilungsprinzip: Jeder nach seinen Möglichkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Das ist Sozialromantik. Ganz offen bleibt die Frage, wo das Geld eigentlich her kommt, das für „to make a living“ verwendet wird. Denken wir weiter drüber nach; ein interessantes Thema.