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Digitalisierung

"Deutsche Chefs haben Angst vor dem Scheitern"

Die deutschen Unternehmen verpassen die großen Chancen der Digitalisierung. Schuld daran sind vor allem die allzu zögerlichen Bosse, erklärt IT-Businessexperte Tim Cole im Interview mit XING spielraum

Tim Cole ist ein Experte für Themen rund um das Internet, eBusiness. Social Web and IT Security. Er wurde 1950 in Washington geboren, lebte aber mehr als 40 Jahre in Deutschland, wo er als Journalist, Buchautor, TV-Moderator und Referent auf Kongressen und Firmenveranstaltungen arbeitet.

Tim Cole ist Experte für Themen rund um das Internet, eBusiness. Social Web and IT Security. Er wurde 1950 in Washington geboren, lebt seit mehr als 40 Jahren in Deutschland, wo er als Journalist, Buchautor, TV-Moderator und Referent arbeitet.

XING spielraum: Na Herr Cole, ist schon jemand aufgewacht?


Tim Cole: Deutsche Unternehmen jedenfalls nicht, wenn Sie das meinen. Die schlafen mehrheitlich immer noch tief und fest, jedenfalls digital gesehen.

Und das, obwohl Sie in Ihrem neuen Buch „Digitale Transformation“ großen Teilen der deutschen Wirtschaft mehr als deutlich zurufen, wie verschlafen sie ist. Ist diese Lautstärke wirklich nötig?


Cole: Wissen Sie, ich versuche es ja seit 20 Jahren mit der sanften Masche, mit gutem Zureden und Überzeugungsarbeit. Das können Sie in meinen vielen Büchern nachlesen, von „Erfolgsfaktor Internet“ aus dem Jahr 1999 bis zu „Unternehmen 2020“ elf Jahre später. Aber es hat kaum etwas genutzt. Ja, der Chef von „s.Olivier“ hat mir mal gesagt, dass mein neues Buch bei jedem seiner Führungsleute als Pflichtlektüre auf dem Schreibtisch steht, aber das ist die große Ausnahme. Die meisten haben schlicht nicht zugehört. Jetzt wird bei mir die Zeit langsam knapp: Ich bin 65, und lange kann ich diese Rolle als „Wanderprediger des deutschen Internets“, den mir die „Süddeutsche Zeitung“ mal in einer Buchkritik zuschrieb, nicht mehr spielen. Deshalb bin ich in „Digitale Transformation“ tatsächlich mal etwas lauter geworden. Ich habe das Buch ja auch einen „Weckruf“ genannt. Ein Wecker muss laut sein, sonst hört man ihn nicht.


Sie urteilen, es seien gerade die Führungskräfte der deutschen Wirtschaft, die die Entwicklung verpassen. Was haben die nicht, was andere haben?

Cole: Sie haben Angst – Angst vor dem Scheitern. Wer nichts tut, kann wenigstens nichts falsch machen. Den Eindruck bekommt man jedenfalls, wenn man beispielsweise die Stimmung in meiner amerikanischen Heimat mit der in Deutschlands Unternehmenslandschaft vergleicht. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Deutsche Unternehmen haben in der Vergangenheit eine Menge richtig gemacht, sonst stünden wir nicht dort, wo wir stehen. Aber mit den alten Methoden kommen wir nicht mehr weiter. Wir stehen am Übergang von einer analogen Welt in eine digitale, und da gelten andere Spielregeln, und die Uhren laufen anders.

„Präsenzpflicht? Das stammt aus der digitalen Steinzeit“



In ihrem Buch sprechen Sie von kleinen, schnellen Beibooten, die den großen Tankern zuhilfe kommen müssen. Was ist damit gemeint?


Cole: Die Idee kam mir im Gespräch mit Leuten von der Robert Bosch GmbH, die sich selbst als das „größte mittelständische Unternehmen der Welt“ bezeichnen. Sie haben ihr eigenes Unternehmen als einen Tanker beschrieben, und den bringt man nun mal nicht so leicht auf einen neuen Kurs. Junge Bosch-Leute mit einer guten Idee war das alles viel zu langsam, und viele von ihnen haben deshalb das Unternehmen verlassen, um sich als Startup selbständig zu machen. Darüber waren die Verbliebenen natürlich frustriert, und sie haben eine tolle Idee gehabt: Lass uns doch einen eigenen Inkubator in der Firma bauen, zu dem jemand mit einer guten Idee gehen kann und wo ihm geholfen wird, mit Geld, aber auch mit Business-Know-how, mit Mentoring und Kontakten. Sie stellten sich das vor wie ein Mutterschiff, das kleine Beiboote zu Wasser lässt, die flink und wendig sind und neue Ideen ausprobieren können, aber immer noch mit dem Mutterschiff verbunden sind, sozusagen an einer ganz langen Leine. Und wenn sie erfolgreich sind, dann können sie zurück an Bord kommen: Die Konzernmutter hat sich eine Option gesichert, den Startup entweder ganz oder teilweise zu übernehmen und bei sich einzugliedern – sozusagen eine eingebaute Exit-Strategie. Mir hat dieses Vorgehen sehr imponiert. Ich denke, das können andere große Unternehmen auch tun, also sozusagen etwas Neues ausprobieren, ohne das Alte, Bewährte gleich infrage stellen zu müssen.

Cole-Buch "Digitale Transformation": "Ein Wecker muss laut sein, sonst hört man ihn nicht"

Cole-Buch „Digitale Transformation“: „Ein Wecker muss laut sein, sonst hört man ihn nicht“

Das Versagen in Sachen Digitaliserung ist der eine, die fehlende Transformation in Richtung moderne Arbeitswelt der andere ihrer Hauptvorwürfe. Hängt das eventuell miteinander zusammen?

Cole: Klar, denn beides hat weniger mit Technologie und mehr mit Führungskultur zu tun. Angst lähmt, aber Engstirnigkeit auch. Ein Chef, der deshalb von seinen Mitarbeitern Präsenzpflicht im Büro verlangt, weil er befürchtet, sie würden im Home Office nichts arbeiten, leistet damit einen Offenbarungseid: Er hat es nicht verstanden, sein Team auf ein Ziel einzuschwören. Denn sonst könnte er sie ja autonom arbeiten lassen und könnte trotzdem sicher sein, dass am Ende das gewünschte Ergebnis herauskommt. Diese Kultur des Misstrauens den eigenen Leuten gegenüber ist erschreckend weit verbreitet: Drei Viertel aller Arbeitgeber in Deutschland lehnen laut einer Bitkom-Studie Home Office und alternative Formen von Arbeitsorganisation strikt ab: Sie verlangen Präsenzpflicht! Diese Neunbisfünfuhr-Denke stammt aus der digitalen Steinzeit.


Wir freuen uns sehr auf Ihren Auftritt bei der XING New Work Session in Berlin, für Sie ist das ja übrigens die „Hauptstadt des Scheiterns“…

Cole: Ja, und darauf sind die jungen Berliner sehr stolz. Ich fühle mich dort sehr wohl, vielleicht weil es mich so an meine Heimat erinnert. Wissen Sie, wenn der Amerikaner scheitert, dann steht er auf, klopft sich den Staub von der Hose und gründet die nächste Firma. Scheitern ist dort keine Schande, sondern eine Auszeichnung. Beim nächsten Mal klappt’s ganz bestimmt! Das glauben sie jedenfalls, und das gibt ihnen die Kraft und den Mut, es noch einmal zu probieren. Ein bisschen mehr von dieser Kraft und diesem Mut würde deutschen Managern und Unternehmern heute wirklich helfen, die Herausforderungen der digitalen Transformation zu meistern. Ohne sie wird Deutschland zurückfallen. Das ist meine große Sorge, denn andere Länder, zum Beispiel in Asien schlafen nicht. Sie wollen uns die Butter vom Brot nehmen. Wenn ihnen das gelingt, wo bleibt dann Deutschland mit seinem Wohlstand und seinen Ansprüchen? Unser Lebensstandard ist nicht selbstverständlich: Er muss immer wieder verdient und verteidigt werden.

Interview: Ralf Klassen


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Die New Work Sessions
Die XING New Work Sessions sind ein an ein BarCamp angelehntes Veranstaltungsformat mit Impulsen, Best-Practices, Workshops, Diskussionen zur Arbeitswelt von morgen. Die New Work Session mit Tim Cole und vielen interessanten Speakern findet am 3. und 4.Dezember in Berlin statt, im Fokus steht das Thema „Brave New Work – Innovation im Mittelstand“

5 Kommentare

Walid

24.11.2015

…weswegen viele Unternehmen ihre recht verhaltene deutsche IT Spitze gegen eine mutigere amerikanische Spitze austauschen. Die Gefahr zu scheitern ist also geringer als die Gefahr ausgetaucht zu werden.

Peter Müller

24.11.2015

Zur Zeit wird in allen Fachmedien ins selbe Horn geblasen, die Unternehmen stecken zu wenig in IT, kümmern sich zu wenig um den digitalen Kunden, haben zu wenig Ahnung von der IT-Digital-Materie. Interessanterweise kommen diese ganzen Beiträge von Interviewpartner und Autoren, die genau diese angeblich mangelnden Kenntnisse und Leistungen verkaufen. Hony soit qui mal y pense!

Nüchtern an der Realität betrachtet ist vieles nur alter Wein in neuen Schläuchen und das primäre IT-Problem besteht darin, dass die Software viel zu instabil läuft, über diese ach so gehypten Webplattform viel zu langsam sind und unsinnig viele Daten erfasst werden, die ad realiter nicht benötigt werden. Im Ergebnis beschäftigen sich Nicht-ITler im Unternehmen ganze Arbeitswochen damit, auf die IT zu warten oder ihre Rechner neu zu starten. Würde diese Arbeitszeit für Arbeit zur Verfügung stehen, könnte man auf die Kunden eingehen. Da liegt ein Vielfaches an Potential für Umsatz und Ertrag im Vergleich zur Digitalisierung. Aber die nächste Sau kommt sicherlich bald, die durchs Dorf getrieben wird…

Verena Czerny

24.11.2015

Angst lähmt, blockiert und versetzt die Angsterfüllten in Starre. Was wir im Unternehmen brauchen ist Mut zur ehrlichen Konfrontation, Mut zur Wahrheit.

JN

24.11.2015

Eine Anmerkung zu dem Thema Präsenzpflicht:
Aus meiner Sicht ist die Entscheidung zur Anwesenheit der Mitarbeiter nur zum Teil einer mangelnden Einschwörung auf ein Ziel / Motivation geschuldet. Eine zweiter – sehr wichtiger – Aspekt ist das mangelnde Verständnis einer Führungskraft von der weitergegebenen Aufgabe und damit die Möglichkeit zur zeitlichen Einschätzung der delegierten Aufgaben. Der weitaus größte Teil der Mitarbeiter arbeitet nicht AUS Freude sondern bestenfalls MIT Freude und wird daher – mit gewonnen Freiheiten – sehr wohl seine persönlichen Ziele optimieren die aber nicht notwendiger Weise mit den Unternehmenszielen übereinstimmen müssen. Dies gilt wenn er keine Sanktionierung seines Verhaltens befürchten muss!

Ricardo Schäfermeier

20.05.2016

I moved to Germany two years ago.. and I was schocked to realise that management is so afraid of risk taking. I also noted that many do not speak English and still use fax maschines. But there is also a part that is highly modern and really efficient. I would say Germany is more conservative although it shows everytime super innovative projects..engineering etc. The progress comes more with certified „Schulung“ I guess.

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