Arbeit & Gesundheit

"Gesundes Arbeiten": Schluss mit Meetings, Mails und mieser Laune!

Flache Hierarchien, flexible Arbeitsplatzwahl, viel Freiraum zum Mitgestalten: Die Prinzipien des „New Work“ mögen unsere Arbeit „sinnvoller“ machen – aber noch lange nicht gesünder. Das Unternehmen der Zukunft wird deshalb fordernd und vitalisierend zugleich sein. Teil 8 in unserer Serie „Zukunftsräume“ in Kooperation mit dem Zukunftsinstitut.

Von Jeanette Huber

Stress wirkt wie Schokolade: Unser Körper produziert einen Hormoncocktail, der unsere geistige und körperliche Leistungsfähigkeit hochfährt – und nach der bewältigten Herausforderung ein schokoladengleiches Wohlgefühl auslöst. Die Lust auf dieses High treibt Marathonläufer und Mitarbeiter zu Höchstleistungen. Als Dauerzustand kippt dieser aktivierende Stress jedoch ins Negative, dann drohen Burn-out oder Depression. Leistung braucht Entspannung, Pausen machen produktiv. Wie gelingt es uns, mehr produktive Entspannung in den Arbeitsalltag zu schmuggeln?

Achtsamer Arbeiten, made in USA
Im Silicon Valley ist man schon seit einiger Zeit nicht mehr online, sondern „ohmmm-line“. Bei Amazon gibt es „Search inside books“, und bei Google gehört „Search Inside Yourself“ zur Arbeitsroutine. Fernöstliche  Entspannungstechniken sollen das bessere Funktionieren im Job ermöglichen.
Und am Wochenende geht’s ins smartphonefreie Digital Detox Camp. Bei uns hat die AOK mit „Lebe Balance“ ein Stress-Präventionsprogramm aufgelegt, in dem Menschen lernen, innezuhalten, Stress abzubauen und zu sich zu kommen. All das hilft, denn Entspannung kann man lernen.

„High-Flyer-Biotope“
Aber manchmal reicht das nicht. Das heutige Business baut auf Hochleistungskulturen. Die Kernwerte sind Leistung und Dynamik, auch in flachen Hierarchien mit hohen Freiheitsgraden und Kumpel-Kulturen. „ROWE“ ist das Zauberwort, „Results-Only Work Environment“. Das heißt: Den Job-Superstars gewährt man umfassende Freiheiten. Bei Netflix, dem Unternehmen, bei dem wir die coolen amerikanischen TV-Serien streamen, gilt: Wer keine überdurchschnittliche Leistung bringt, muss gehen. So einfach. Vielleicht wird auch in solchen „High-Flyer-Biotopen“ zwischendurch einmal ein Relax-Teaser auf den Bildschirm eingeblendet. Ob das hilft? In einem Umfeld, in dem nur Top-Performance möglich ist?

Ungesunde Führungskulturen  
Unternehmenskultur ist Chefsache. Aber gerade Top-Leute sind häufig Gefangene eines subtilen Leistungsdiktats. Sie sind geprägt vom Leitbild der „heroischen Führungskraft“, die lang und viel arbeitet, always on und überall mobil einsetzbar ist.

  • Dieses Führungsideal ist ungesund. Für die Top-Leute selbst und für ihre Mitarbeiter. Empathie und Achtsamkeit? Fehlanzeige.
  • Dieses Führungsideal ist unproduktiv, auf den Dauerstress folgt häufig der Burn-out.
  • Dieses Führungsideal ist anachronistisch, denn es fußt auf einem überkommenen Rollenmodell: Der Mann als „Breadwinner“, verheiratet mit einer Frau, die ihm „den Rücken frei hält“.
  • Dieses Führungsideal geht nachlässig um mit Potenzialen und Verantwortung. Wer ein Kind versorgen oder einen Vater pflegen muss, muss zeitweise weniger oder gar nicht arbeiten können.

Die Idee der heroischen Führungskraft schließt diese Menschen von Führung aus. Die Zukunft gehört deshalb eher denen, die eine Leistungskultur mit menschlichem Maß vorleben.

Das gesunde Unternehmen der Zukunft
Erwerbsarbeit ist ein Deal, Geld gegen Leistung. Doch „Leistung“ ist heute vielschichtig. Sie besteht aus Kreativität, Neugier, Lust am Neuen und viel Gespür für Kunden und Kollegen. All dies ständig pendelnd zwischen on- und offline. Arbeit ist energiezehrender als jemals zuvor.

Was bedeutet das für zukunftsweisende Unternehmen? Sie sind fordernd und vitalisierend zugleich. Sie erwarten gute Ergebnisse – und bekämpfen die klassischen Sedierungs-Elemente des Arbeitslebens: Meetings, Mails und miese Stimmung. Bei dem brasilianischen Engineering-Unternehmen Semco gilt der Grundsatz „Leave a meeting when you are bored!“ Stellen Sie sich einmal vor, wie erfrischend das wäre!

Leistung mit menschlichem Maß
Zukunftsfähige Arbeitgeber schaffen ein Arbeitsumfeld, das Energie freisetzt: Das fängt mit Licht, Luft und Farbe beim Arbeiten an – und führt bis zu einer gesunden Ernährungskultur. Frei nach dem Motto: Kunst stimuliert, Schweinebraten schläfert ein. Flexible Arbeitsmöglichkeiten ermöglichen entspannteres Arbeiten und eine Leistungskultur mit menschlichem Maß. All das sorgt dafür, dass man auch langfristig produktiv arbeiten kann. Unternehmen von morgen haben ein gewandeltes Selbstverständnis: Sie sind eine Quelle der Kraft. Sie helfen Mitarbeitern ihren Akku wieder aufzuladen.

Portrait_Jeanette_Huber1

Über die Autorin:
Jeanette Huber 
ist Associate Director und Speakerin des Zukunftsinstituts. Ihr beruflicher Hintergrund reicht von der IT-Branche über eine internationale Unternehmensberatung bis zur Leitung ihres eigenen Start-ups in Südafrika, wo sie bis 2000 lebte. Hubers selbst gewähltes Ziel ist „Future Fitness“, Zukunftsfähigkeit für Menschen und Unternehmen. Weitere Infos unter www.jeanettehuber.de.

Das 1998 gegründete Zukunftsinstitut gilt heute als einer der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung und ist eine zentrale Informations- und Inspirationsquelle für Entscheider und Weiterdenker. Mehr über das Thema New Work und die Megatrends, die unsere Zukunft prägen, erfahren Sie auf zukunftsinstitut.de.

Das könnte Sie auch interessieren…

2 Kommentare

Nandus

27.11.2015

Meiner Meinung nach wir der Kardinalfehler innerhalb unseres Gesellschafts / Wirtschaftssystems mit dem oben Geschriebenen nicht ausgeräumt: die fast schon hysterische Fixierung auf die Arbeit / den Job als primärem Lebensinhalt. Auch oben lese ich trotz aller Entspannungsvorschläge ein stetes „Höher, schneller, weiter“ raus. Wie wärs wenn man den Spieß einfach umdreht und sagt: „Hey, Ausschlafen geht vor“? Die meisten Leser werden jetzt sicher mit Abwehr und Hohn reagieren. Und genau da ist anzusetzen: wieso tun Sie das?

Fritsche

12.07.2016

Dem Kommentar kann ich nur beipflichten. Oft ist der Arbeits-Alltag geprägt von hektischem Aktionismus gepaart mit geistiger Windstille schon in der Führungsriege. Da kann selbst die schönste Arbeitsumgebung nichts helfen, wenn das Ergebnis des Hinterfragens nach Sinn und Zweck des Tuns die leere Menge ist.