New Work

Geld, Spaß, Karriere? Auf der Suche nach dem Sinn der Arbeit

Warum arbeiten wir? Nur, um Geld zu verdienen, Karriere zu machen? Warum aber sind dann so viele Menschen unglücklich in ihrem Job? Offensichtlich wollen wir von unserer Arbeit doch mehr. Auch das hat das Team vom „betterplace lab“ bei seinem „New-Work-Experiment“ erfahren.

Medje Prahm ist "Innenministerin" des "betterplace lab" und unter anderem für die Netzwerkorganisation zuständig. Ihren Job bei der Nonprofitorganisation empfindet sie auch als eine  "Absage an das Prinzip des Sich-Hocharbeiten-Müssens” (©Foto: Nils Hasenau)

Medje Prahm ist „Innenministerin“ des „betterplace lab“ und unter anderem für die Netzwerkorganisation zuständig. Ihren Job bei der Nonprofitorganisation empfindet sie auch als eine „Absage an das Prinzip des Sich-Hocharbeiten-Müssens” (©Foto: Nils Hasenau)

Von Medje Prahm

Montagmorgen. Keine Motivation. Arbeit nervt. Hat fast jeder schonmal gedacht. Schlimm nur, wenn das jeden Morgen so geht: Laut einer Gallup-Studie von 2016 machen zwei Drittel aller Arbeitnehmer nur Dienst nach Vorschrift, 17 Prozent haben innerlich schon gekündigt. Ich möchte so nicht arbeiten.

Mir geht es da wie vielen Anderen: Eigentlich wünschen wir uns einen erfüllenden Job; einen, der Spaß und Sinn macht. Doch in vielen Unternehmen und Organisationen klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Unser Team vom „betterplace lab“ hat sich dieser Herausforderung gestellt: In unserem New Work-Experiment haben wir die Transformation hin zu einer neuen Organisationsform gewagt. Um mehr Sinn in unsere Arbeitswelt zu bringen.

Auf der einen Seite haben wir es leichter als viele andere Unternehmen oder Branchen: Die Arbeit in einem Sozialunternehmen oder einer Nonprofit-Organisation im Dienst der Gesellschaft hat für Viele etwas sehr Belohnendes. Die Vision von Betterplace sagt ja schon, dass wir die Welt zu einem besseren Ort machen wollen, einem better place eben. Auf der anderen Seite: Arbeit in der Zivilgesellschaft ist im Gegensatz zu der in der For-Profit-Welt oft schlechter bezahlt (bei ebenso vielen Überstunden). Was genau gibt unserem Team also Sinn an der Arbeit?

Zunächst haben wir uns im „betterplace lab“ für dynamische Hierarchien entschieden: Wer sich am besten auskennt, übernimmt Verantwortung und trifft die Entscheidungen. Das kann in jedem Projekt, jeder strategischen Entscheidung oder jedem Meeting jemand anderes sein. Für uns ist das eine Wertschätzung unserer verschiedenen Erfahrungen und Expertisen. Und eine Absage an das Prinzip des “Sich-Hocharbeiten-Müssens” in Großunternehmen, bei dem Entscheidungsspielraum und eigene Verantwortung an die Position geknüpft sind, nicht an die Situation. Das gibt mir und meinen Kollegen das gute Gefühl, dass wir immer die bestmöglichen Entscheidungen treffen und jeder die Chance hat, sich und seine Fähigkeiten weiter zu entwickeln.

Gleichzeitig haben wir keinen Chef mehr, der aus der Vogelperspektive über alles wacht. Für uns als Team bedeutet das: Jede Entscheidung, die meine Kollegen oder ich treffen, haben Konsequenzen für das gesamte „betterplace lab“. Stephan möchte ein neues Projekt mit einem tollen Kunden entwickeln? Dann müssen andere – freiwillig – seine bestehenden Projekte übernehmen. Ich will eine Gehaltserhöhung? Dafür müssen wir im Team erst einmal mehr Umsatz generieren.

Da es nicht “den Chef” gibt, der das Risiko und die Verantwortung für seine Mitarbeiter trägt, stehen alle unsere Entscheidungen immer in einem Gesamtkontext, und wir müssen die Konsequenzen für andere mitdenken. Damit das funktioniert, haben wir lange an unserem gegenseitigen Vertrauen gearbeitet. Vor allem aber sehen wir die Konsequenzen und Veränderungen unseres Handelns täglich und denken aneinander und füreinander – eben als ein richtiges Team. Das schweißt zusammen.

Eventhinweis - das betterplace labtogether: Innovative Technologien machen es uns leichter denn je, die Welt zu verbessern. Bei der digital-sozialen Leitkonferenz, dem "Betterplace labtogether", stellen wir uns seit 2012 gemeinsam mit Vordenkern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft der spannenden Herausforderung, die Zukunft neu zu erfinden. Dieses Jahr diskutieren wir unter anderem das Potenzial der Digitalen Flüchtlingshilfe, des Internet der Dinge, sowie der Zukunft der Arbeit. Am 20. November 2015 im Kraftwerk Berlin. Komm vorbei und denk mit: www.labtogether.org

Eventhinweis – das betterplace labtogether:
Innovative Technologien machen es uns leichter denn je, die Welt zu verbessern. Bei der digital-sozialen Leitkonferenz, dem „Betterplace labtogether“, stellen wir uns seit 2012 gemeinsam mit Vordenkern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft der spannenden Herausforderung, die Zukunft neu zu erfinden. Dieses Jahr diskutieren wir unter anderem das Potenzial der Digitalen Flüchtlingshilfe, des Internet der Dinge, sowie der Zukunft der Arbeit. Am 20. November 2015 im Kraftwerk Berlin. Komm vorbei und denk mit: www.labtogether.org

Für mich aber der wichtigste und sinnstiftendste Punkt unseres Experiments: Wir sehen uns in erster Linie als Menschen, nicht als Rollen. Jeder Mensch ist und kann ja viel mehr, als in seiner Jobbeschreibung steht, und hat seine ganz eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Und wir wollen offen sein für den gesamten Charakter, weshalb sich bei uns mit jedem neuen Mitarbeiter unser Teamgefüge wieder ganz neu zusammensetzt. Ben beispielsweise ist nicht nur ein guter Projektleiter und Übersetzer und bringt viel Wissen zum Thema Big Data in seine Kundenprojekte. Er erinnert uns auch immer wieder daran, das Philosophieren nicht zu vergessen, und versorgt uns regelmäßig mit englischem Schwarztee – pünktlich zur Tea Time. Als er vor zwei Jahren in unser Team kam, hat er seinen Job nicht angenommen, sondern selbst mit geschaffen und seinen Aufgabenraum gestaltet. So macht das jeder von uns, auch wenn wir dafür unsere Routinen und Prozesse öfter einmal ändern müssen.

Damit das gelingt, dürfen wir auch den emotionalen Teil unseres Zusammenarbeitens nicht vergessen. Auch wenn viele die Öffnung für Gefühle in der Arbeitswelt als unprofessionell oder sogar esoterisch abstempeln – ich finde es sehr wichtig, im Teammeeting als Erstes darüber zu sprechen, wie es jedem von uns geht, oder einen Konflikt mit meiner Kollegin ganz offen ansprechen zu können.

All das zusammen gibt uns das Gefühl, in einer Organisation zu arbeiten, die mehr ist als nur unser Arbeitsplatz, an dem wir Zeit gegen Gehalt tauschen. Das ist natürlich nicht ganz einfach, und birgt ein größeres Risiko zum Scheitern als ein klassischer Arbeitsplatz mit festen Rollen und einer festen Abgrenzung zwischen Jobidentität und Freizeit-Ich. Gleichzeitig birgt diese Art zu arbeiten aber zumindest für uns die große Chance, Montagmorgen mit Begeisterung und dem Gefühl der Sinnhaftigkeit ins Büro zu gehen.

Über das „betterplace lab“:
Das „betterplace lab“ ist überzeugt: Die Digitalisierung kann die Welt verbessern. Dafür forscht und experimentiert es an der Schnittstelle zwischen Innovation und Gemeinwohl. Als Forschungsabteilung von „betterplace.org“, Deutschlands größter Spendenplattform, verbreitet das „betterplace lab“ Wissen, inspiriert durch Geschichten und kämpft dafür, dass die Digitalisierung positiv genutzt wird.

5 Kommentare

Robert Kraxner

19.11.2015

Liebe Medje,

ich kenne die klassische Arbeitswelt, in der ich meinen Job nach Jobbeschreibung gemacht habe und unglücklich war.

Auch ich habe erkannt, dass ich durch meine Projekte Sinn stiften und die Welt ein Stück besser machen möchte. Für mein eigenes Wohl und dem Gemeinwohl.

Danke für diesen inspirierend Artikel und das Vorbild, das ihr seid.

Alles Liebe
Robert Kraxner

Donata Hagendorf v. Ditfurth

20.11.2015

Sinnvolles Arbeiten ist für jeden etwas Anderes; Bestimmt wird es durch seine persönlichen Werte und Motivationen. Geld gehört nicht dazu; falls doch, ist das nur kurzfristig. Wer erfüllt arbeiten möchte, erreicht das am besten durch Kenntnis seiner selbst: Wer bin ich-was brauch ich-was sind meine Talente und Fähigkeiten – wo bringe ich diese am besten ein? Arbeit sollte zur Persönlichkeit passen. So wird es für alle befriedigender und erfüllter. Eine gute Atmosphäre, wie beschrieben, ergänzt das wunderbar wie Wasser, das eine Blume zum Blühen bringen kann!

Christian O.

27.11.2015

Der Ansatz, dass jeder im Team der Lead sein kann finde ich sehr spannend! Ein guter Ansatz! Wobei ich mir auch vorstellen kann, dass der ein oder andere „lieber“ nicht die Entscheidung treffen wollen würde… Ein klassisches Team ist ja meistens nicht homogen. D.h. auch hier gibt es Leute mit mehr Einsatz und welche die eher mitlaufen (Definition von TEAM: Toll ein anderer machts :-) ). In Eurem Ansatz sind ja alle in der Verantwortung, das ist spannend und motiviert bestimmt auch, am Montag wieder gerne zu kommen und die Dinge anzupacken! Vielleicht kann man in der klassischen Arbeitswelt Euren Ansatz mit integrieren – das muss aber der Vorgesetzte mittragen bzw. initiieren. Daran wird es bestimmt oft scheitern, weil der „Monarch“ das nicht möchte oder ein „Kontrollfreak“ sich nicht ändern kann oder möchte… In diesem Sinne gutes Gelingen! Christian PS: …ich könnte mir das gut vorstellen in so einer Konstellation mitzuarbeiten!

Volker Sobieroy

01.02.2016

Liebe Medje,
ein spannender und auch für die klassische Arbeitswelt funktionsfähiger Ansatz. Ich habe viele Jahre in leitender Funktion in einem großen Konzern gearbeitet. Mein Team und ich haben nach dem Prinzip „Führen und Folgen“ gearbeitet. Wer führen will muss auch folgen können.Und das galt auch für mich als Chef. Ich habe mich also nur dann eingemischt, wenn ich auch für die Situation der Geeignete war. Ansonsten habe ich das Ruder Teammitgliedern überlassen. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit dieser Vorgehensweise gemacht. Es hat mir (und so weit ich weiß auch meinem Team ;-) viel Freude gemacht an gemeinsamen Themen zu arbeiten. Und die Performance unseres Teams war außerordentlich hoch.
Und ich denke, ihr geht auch den richtigen Weg, indem ihr vertrauensvolle Zusammenarbeit als zentrales Element betrachtet. Denn Erfolge entstehen durch Führung und Vertrauen. Ich drücke euch die Daumen.
Herzliche Grüße
Volker Sobieroy

Uwe Wegener

11.02.2016

Die Antwort warum wir arbeiten müssen ist natürlich: weil wir sonst nicht leben dürfen. Ein Grundeinkommen oder etwas ähnliches würde die gesamte Arbeitswelt ändern. Das macht erstmal Angst und macht skeptisch…aber sicher auch zufriedener und weniger ängstlich. Leider scheibt der Mensch noch nicht so weit zu sein. Der Glaube an Vollbeschäftigung ist immernoch weit verbreitet. Auf der anderen Seit nehmen aber immer mehr Maschinen die Plätze von Menschen ein. So war das nicht gedacht…