„Die Zeit einsamer Entscheidungen durch den Chef ist vorbei“

Neue Geschäftsfelder, Organisations- und Strukturwandel: Markus Reithwiesner, Holding-Geschäftsführer der Haufe Gruppe, über die aktuellen Pläne und künftigen Herausforderungen des badischen Familienunternehmens. Dieses Interview ist im Original im Beileger “FOCUS Network – 44 Seiten Karriere-Extra” des aktuellen FOCUS-Magazins (Nr. 42/2015) erschienen. In Kooperation mit XING bietet der Beileger zahlreiche weitere Karriere-Themen, Interviews, Network-Tipps, Termine und Events.

Herr Reithwiesner, die Haufe Gruppe hat einen beeindruckenden Wandel hinter sich. Wie ist das zurückliegende Geschäftsjahr, das am 30. Juni 2015 endete, gelaufen?

Sehr gut. Mit einem Wachstum um knapp zehn Prozent auf 292 Millionen Euro haben wir unsere gesetzten Ziele sogar übertroffen – und das, obwohl wir spürbare Strukturanpassungen hatten und uns in schrumpfenden Geschäftsbereichen von Mitarbeitern trennen mussten. Unsere digitalen Initiativen sind deutlich stärker gewachsen, als wir das geplant hatten. Unsere Organisation hat den Strukturwandel positiv bewältigt.

Statt Standardwerken für den Büroalltag wie „Das Personal-Büro in Recht und Praxis“ bietet die Haufe Gruppe Firmen jetzt Computerprogramme für Buchführung oder Personalmanagement und Weiterbildungsseminare für Manager an. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Es ist unser Ziel, die Haufe Gruppe als Familienunternehmen zu erhalten. Wenn man mit dieser Perspektive aus dem Tagesgeschäft einen Schritt zurücktritt, wird einem bewusst, dass die tradierten Geschäfte sicher noch zehn, 15 Jahre exzellent funktionieren. Aber eben nicht die nächsten Generationen lang – dann werden sie verschwunden sein. Wir wussten also, dass wir uns neu erfinden müssen.

Wie ist das Unternehmen damals auf die kleine Software-Firma Lexware gestoßen?

Etwas zu machen statt darüber zu lesen – das war für uns damals die Zukunft. Lexware machte Software-Anwendungen, saß in Freiburg und war in unserem Themenfeld aktiv.

Wie leicht ist es der Haufe Gruppe gefallen, strategisch neu – quasi digital – zu denken?

Als uns bewusst war, dass unser Geschäft das Unternehmen nicht nachhaltig für die Zukunft aufstellt, war die Entscheidung, uns zu verändern, klar. Der Weg war und ist steinig, denn die digitalen Modelle ändern unsere Struktur, Organisation und die Geschäftsmodelle von Grund auf. In diesem fundamentalen Wechsel stecken wir heute noch.

Wie kam der Umbruch bei den Mitarbeitern an?

Wir dachten erst: gut! Dann haben wir unsere Beschäftigten befragt und mussten feststellen, dass zwar die Top-Manager gut abgeholt waren, die Mitarbeiter aber noch nicht. Wir haben die Notwendigkeit von professionellem Change-Management akzeptiert, uns ein Jahr und einen siebenstelligen Betrag dafür genommen, um die ganze Organisation auf dem Weg in die Zukunft mitzunehmen.

Heute erzielt die Haufe Gruppe Millionenumsätze. Geben Sie sich damit zufrieden?

Nein. Das ist nur ein Zwischenschritt. Wir glauben, dass unsere Kunden zukünftig einen Partner wollen, der ihnen hilft, Ergebnisse zu erzielen und erfolgreich zu sein. Das ist unser – zugegeben ehrgeiziges – Ziel. Da haben wir noch eine Menge vor uns.

Plant die Haufe Gruppe weitere Zukäufe?

Ja. Sowohl im Wachstums- und Innovationsbereich als auch zur Konsolidierung der reifen Märkte, in denen die Haufe Gruppe aktiv ist. Alle weiteren Details sind aber noch offen.

Stichwort Digitalisierung: Welche Herausforderungen erwarten Sie in den nächsten Jahren für Ihr Unternehmen?

Es sind im Wesentlichen zwei große: Zum einen müssen wir das Tempo der Innovationen mitgehen, zum anderen in immer knapper werdenden Arbeitsmärkten die dafür notwendigen Talente finden.

Wie versuchen Sie in diesem permanenten Prozess, Ihre Mitarbeiter mitzunehmen?

Das geht nur über Einbeziehung der Mitarbeiter, Teamwork und Kommunikation. Die Zeit der einsamen Entscheidungen seitens des Vorstands ist inzwischen vorbei. Wir binden die Teams und Verantwortlichen so früh wie möglich in die Prozesse ein und stellen in Strukturen jenseits der Hierarchien die idealen Mitarbeiter für die jeweiligen Themen zusammen. So versuchen wir, die besten Entscheidungen zu treffen, aber natürlich auch, die Mitarbeiter für ihre Sache zu motivieren. Kommunikation und Information über das, was man macht und zu tun gedenkt, sind enorm wichtig, um die Mitarbeiter auf die Reise in die Zukunft mitzunehmen.

Inwieweit hat die Digitalisierung die Führungskultur in Ihrem Unternehmen generell verändert?

Klassische Hierarchien und Linienorganisationen verlieren deutlich an Bedeutung, Projektorganisation und situative Strukturen werden bei uns wichtiger. Die Herausforderungen sind unterschiedlich. Auch Diversity müssen wir zulassen, aber trotzdem gemeinsame Werte haben, gemeinsame Ziele verfolgen und kooperieren – statt gegeneinander arbeiten. Das sind die Säulen, die unser Unternehmen in Zukunft tragen.

Bei Ihrer Tochter Haufe-Umantis wählt die Belegschaft ihre Chefs demokratisch. Ein gängiges Modell für Unternehmen in der Zukunft?

Das ist ja im Grunde nur ein formaler Ausdruck. Kein Manager kann sich heutzutage in einem Unternehmen, das auf seine Mitarbeiter angewiesen ist, ohne die Zustimmung und Überzeugung der Belegschaft halten. Ob er nun formal gewählt wird oder nicht.


NetworkNov15Titel4 x jährlich erscheint das “FOCUS Network – 44 Seiten Karriere-Extra” als Beileger des FOCUS-Magazins. In Kooperation mit XING informiert der Beileger über Job & Karriere und die neue Arbeitswelt, mit Interviews, Reportagen, Network-Tipps, Terminen und Events. Die aktuelle Ausgabe „Vertrieb 4.0“ ist aktuell am Kiosk erhältlich.

 

 

 


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