New Work

"Die Vier-Tage-Woche steigert unsere Produktivität"

Arbeiten rund um die Uhr? Überstunden, Nachtschichten, verlorene Wochenenden? Nix da. Das Grazer Start-up „Bike Citizens“ probiert einen ganz anderen, entspannteren Weg. Und ist damit sehr erfolgreich.

Wie viel sollen wir arbeiten? Seit Jahrhunderten ist diese Frage Gegenstand heftiger Diskussionen und massiver Arbeitskämpfe. Das Feilschen um Stunden und Minuten dauerte teils Jahrzehnte. Doch in Zeiten des New Work scheinen die Uhren anders zu laufen. Immer mehr Unternehmen experimentieren mit sehr flexiblen Arbeitszeitlösungen, in Schweden haben einige öffentliche Betriebe vor kurzem probeweise den Sechs-Stunden-Tag eingeführt.

Ein Unternehmen, das schon länger Erfahrungen mit solch veränderten Arbeitszeiten hat, ist die Firma „Bike Citizens“ aus Graz. Das österreichische Start-up, das mit App- und Webtechnologien für Fahrräder bereits einige Erfolge feiern konnte, praktiziert eine Vier-Tage-Woche bereits seit Anfang 2014, mit „sehr guten Ergebnissen“, wie CEO und Mitbegründer Daniel Kofler berichtet.

Seine Erfahrungen und Philosophie wird Kofler auch ausgiebig bei seinem Auftritt als Speaker im Rahm der „XING New Work Session“ am 9. Dezember in Frankfurt erläutern (siehe auch Info am Ende des Textes). Vorher gab er Spielraum schon mal ein Interview.

XING Spielraum: Herr Kofler, ein erfolgreiches Start-Up-Unternehmen mit einer Vier-Tage-Woche, das passt auf den ersten Blick nicht zusammen, oder?

Daniel Kofler: Naja, in den ersten Tagen hatten wir eine gefühlte 8 Tage Woche. Aber das war am Beginn auch nicht wichtig, weil wir sehen wollten, dass etwas weiter geht und sich das Projekt weiterentwickelt. Ein Mentor meinte am Beginn einmal, dass es sich bei einem Start-up nicht um einen Sprint, sondern eher um einen Marathon handle. Andernfalls könnte man Ihrer Frage auch etwas frech entgegnen, dass wenn eine Idee und deren Umsetzung gut genug sind, dann reichen auch 4 Tage.
Auf den zweiten Blick sehe ich die Aufgabe von Start-ups nicht nur darin, Geschäftsmodelle und (Kunden-)Bedürfnisse aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, sondern auch die Arbeit an sich und damit die gesamte Organisationsform aus einem anderen Winkel zu betrachten, um sich seine eigene Antworten auf eine wichtige Frage zu geben: Wie wollen wir unsere Zeit gestalten? Auch Arbeitszeit ist schließlich Lebenszeit.

Sie haben ja sogar eine ganz spezielle Formel für das Verhältnis von Arbeitstagen zu Freizeittagen. Was hat es damit auf sich?

Kofler: Wir änderten das Arbeit-/Freizeit-Verhältnis von 2,5 auf 1,3. Normalerweise stehen 5 Tage Arbeit 2 Tage Freizeit gegenüber. Verändert man dies auf 4 zu 3 Tage, bleibt mehr Zeit für Familie, Freunde und Freizeit. Gleichzeitig reduzierten wir die Arbeitszeit auf 36 Stunden und gingen davon aus, dass durch mehr Freizeit sich sowohl Motivation als auch Produktivität steigern lässt. Dabei legen wir sehr viel Wert auf das Arbeitsklima und es war wichtig, dass dann nicht das gleiche Pensum auf weniger Zeit verteilt wird. In unserer heutigen Zeit findet Arbeit nicht immer am Schreibtisch statt. Kreativität braucht Platz und die wollten wir auch einräumen.

Bike Citizens hat die Vier-Tage-Woche ja schon vor anderthalb Jahren eingeführt – als eines der ersten deutschsprachigen Unternehmen. Wie sind Ihre organisatorischen Erfahrungen damit und wie die Reaktionen der Kunden?

Smartphone-App von "Bike Citizens": "Kreativität braucht Platz und Zeit"

Smartphone-App von „Bike Citizens“: „Kreativität braucht Platz und Zeit“

Kofler: Am Beginn hatten wir nicht immer nur positive Effekte. Einerseits haben einige von uns von 6 auf 4 Tage reduziert. Dadurch brauchte es eine Übergangszeit, in der sich nicht immer alles so ausgegangen ist, wie wir es uns erhofft hatten. Es brauchte nicht nur einen unternehmensweiten Konsens, die verbleibenden drei Tage nicht bzw. nur in Ausnahmefällen zu nutzen, sondern auch vor allem dessen konsequente Umsetzung. Gleichzeitig kamen unerwartete Zweifel auf, wie z.B.“wenn ich einen Tag weniger Arbeite, dann habe ich einen Tag mehr Zeit Geld auszugeben…“.
Von unseren Kunden kamen ausschließlich positive Rückmeldungen. Die meisten sagten, „Ihr macht das richtig“, einige kamen damit wohl auch auf die Idee, dass sie auch so etwas haben wollten. Es war schön zu beobachten, wie die Menschen reagieren, wenn scheinbar in Stein gemeißelte Rahmenbedingungen verändert werden.

Sie selbst nutzen den freien Freitag, so heißt es, um in Ihrem alten Job als Fahrradkurier zu arbeiten. Eine hübsche PR-Idee oder Ihre Art von Biker-Romantik?

Kofler: Weder noch. Es hilft, den Büroalltag aus dem Kopf zu bekommen und am Ende des Tages körperlich zu fühlen, was man geleistet hat. Darüber hinaus bin sehr dankbar, ein andere Rolle einzunehmen, in der ich dieselbe Verantwortung trage, wie jeder andere meiner Radkurier-Kollegen. Aber natürlich, die wenigsten Fahrradkuriere üben ihren Job in erster Linie wegen der Bezahlung aus, uns eint eine gewisse Leidenschaft.

Bike Citizens sammelt gerade mit einer Crowdinvesting-Kampagne Kapital für den weiteren internationalen Ausbau des Unternehmens. Wenn das klappt, können Sie dann immer noch bei Ihrem Arbeitsmodell bleiben?

Kofler: Auf jeden Fall. Wenn man sich die Geschichte ansieht, wurde die Arbeitszeit in Deutschland seit 1900 von anfänglich 60 Stunden auf 48 und dann weiter auf 40 Stunden reduziert. Mittelfristig wäre unser Ziel, auf 30 Stunden pro Woche zu kommen. Dabei spielt der Erfolg der Crowdinvesting-Kampagne eine wichtige Rolle. Mit dieser Investition können wir den anstehenden Wachstumsschritt gehen. Wir wollen weitere Produkte entwickeln und vermarkten und den Ausbau unserer Online Plattform auch in der USA vorantreiben. Es gibt noch viel zu tun für die Menschen, die gerne in der Stadt mit dem Rad unterwegs sind. Geht der Plan auf, steht der Umsetzung einer 30-Stunden-Woche ab 2017 nicht mehr viel im Weg.


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Die New Work Sessions
Die XING New Work Sessions sind ein an ein BarCamp angelehntes Veranstaltungsformat mit Impulsen, Best-Practices, Workshops, Diskussionen zur Arbeitswelt von morgen. Die New Work Session mit „Bike Citizens“-Chef Daniel Kofler und vielen interessanten Speakern findet am 9. Dezember in Frankfurt statt, im Fokus steht das Thema „Digitalisierung und Unternehmenskultur“

2 Kommentare

Roland Plath

07.02.2017

Als Mitarbeiter im öffentlichen Dienst (Gesundheitsbereich) sehe ich die erhöhte Motivation von Teilzeitbeschäftigten Mitarbeitern. Zudem wird gleichzeitig der Druck durch die mehr kleiner werdenden Zeitfenster in der Kräfte für die Betreuung benötigt werden immer größer. Deshalb werden auch immer weniger Mitarbeiter mit 40 Std eingestellt, da sie nicht voll verplanbar sind. Eine grundsätzliche Reduzierung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn wäre deshalb sehr sinnvoll. Doch hierzu müssten die Kostenträger bereit sein, mehr Geld in die Hand zu nehmen, woran dieses dann aber wohl scheitern wird.

Edwin Kuss

07.02.2017

„…und es war wichtig, dass dann nicht das gleiche Pensum auf weniger Zeit verteilt wird“

Selbst das ist aber nach meiner eigenen Erfahrung denkbar. Wenn ich etwas positiven Zeitdruck habe und es schaffe, was leider nicht immer der Fall ist, im sog. Flow oder der „Zone“ zu sein, also eine Phase der höchsten Konzentration, schaffe ich Dinge in der Hälfte der Zeit. Mein alter Herr wusste schon vor 30 Jahren zu berichten (als Geschäftsführer einer Spedition), dass nur 50% der Büroarbeitszeit effektiv gearbeitet wird. Etwas Small Talk am Kopierer, ein Kaffee, eine Zigarette usw. Kann ich mit meiner eigenen Zeit in Büros nur bestätigen. Kollegen wollen über was auch immer sprechen und oft ließ ich mich verleiten. Jetzt im Home-Office reichen mir 4 Std. täglich, wenn ich nicht durch Privates oft unterbrochen würde.

Ein anderes Beispiel: Wenn meine Frau sagt, ich soll die Hemden in einer Stunde gebügelt haben, dann bin ich tatsächlich nach einer Stunde fertig. Hätte sie gesagt in 45 Min. dann wäre ich aber auch in 45 Min. fertig geworden. Der Rahmen setzt irgendwie die Geschwindigkeit – unbewusst.