Arbeit & Geld

Mehr als Geld: Der Wert der Arbeit für unser Leben

Jeder achte Arbeitnehmer verbringt mehr als 48 Stunden in der Woche im Job und sogar ein Viertel aller Deutschen arbeitet abends bis 23 Uhr, fand in diesen Tagen das Statistische Bundesamt heraus. Nehmen wir das alles in Kauf, nur um Geld zu verdienen? Oder ist da vielleicht noch mehr? Wertet die Arbeit selbst unser Leben auf? Psychologe Ulrich F. Schübel erklärt, was unser Job uns geben kann.

Ulrich F. Schübel leitet zwei Beratungsunternehmen, in denen er Unternehmen auch in Fragen des Personalmanagements unterstützt. Er berät Firmen vom Dax30-Unternehmen bis zum Mittelständler. Das Thema psychische Belastung, Stress und Burnout sind Gegenstand vieler seiner Projekte.

Ulrich F. Schübel leitet zwei Beratungsunternehmen, in denen er Unternehmen auch in Fragen des Personalmanagements unterstützt. Er berät Firmen vom Dax30-Unternehmen bis zum Mittelständler. Das Thema psychische Belastung, Stress und Burnout sind Gegenstand vieler seiner Projekte.

XING spielraum: Herr Schübel, welchen Wert hat denn Arbeit für Sie ganz persönlich?

Ulrich F. Schübel: Sehr großen, denn sie gibt mir die Möglichkeit, mich einzubringen, meine Ideen zu verwirklichen und mit unglaublich vielen und verschiedenartigen Menschen an Themen zu arbeiten, die mir persönlich wichtig sind. Ganz zentral ist, wie viel Freiheit ich dabei habe: Je mehr Freiheit bei der Ausführung der Arbeit und ihrer zeitlichen Einteilung, desto weniger Beanspruchung oder Stress erlebe ich.

Welche Funktionen übernimmt die Arbeit in unserem Leben?

Schübel: Zum einen führt sie natürlich im Idealfall dazu, dass man von dem, was man verdient, gut leben kann, auch mit seiner Familie. Dadurch ist Arbeit eine Voraussetzung dafür, in unserer Gesellschaft überhaupt integriert zu sein. Wie wichtig das ist, zeigt sich, wenn man das Gegenteil betrachtet: Reicht der Verdienst nicht und braucht man zusätzlich staatliche Unterstützung, entstehen Gefühle: Man glaubt, nichts zu taugen, nichts wert zu sein, es nicht hinzukriegen.

Aber Arbeit ist doch mehr als bloße Existenzsicherung?

Schübel: Natürlich. Sie stiftet Sinn und gibt Struktur. Besonders plastisch erlebe ich das, wenn ich Organisationen in der Behindertenhilfe begleite. Wenn Sie behinderte Menschen bei der Arbeit beobachten und mit ihnen sprechen, dann spüren Sie, wie stolz sie auf das sind, was sie leisten, und wie sehr sie sich freuen, wenn sie dafür Anerkennung bekommen. Und da sind wir bei einem weiteren Aspekt: Arbeit führt zu Anerkennung, etwas, das wir als Menschen alle ganz dringend brauchen, um psychisch gesund zu bleiben.

Arbeit macht also gesund?

Schübel: So könnte man es sehen. Denn: Die Personengruppe mit dem bei weiten größten Prozentsatz psychischer Erkrankungen sind die Menschen, die keine Arbeit haben. Je länger der Zustand anhält, desto häufiger werden vor allem depressive Erkrankungen. Insofern bin ich fest davon überzeugt, dass Arbeit sinnstiftend ist, egal ob man Reinigungskraft oder Lehrstuhlinhaber ist. Ob der Beruf dann die Möglichkeit bietet, diesen Sinn auch konkret zu erfahren, ist die andere Frage. Interessant ist dabei aber, dass der Sinn dann stärker an anderer Stelle gesucht wird. Sinnstiftend ist es oft, für die Familie zu sorgen oder Angehörige zu pflegen – das ist ja auch Arbeit, obwohl sie meist nicht entlohnt wird.

Erst der Fulltime-Job, dann die Eltern pflegen – Arbeit jeder Art strukturiert unseren Alltag, engt uns manchmal sogar ein. Brauchen wir diese Struktur wirklich?

Schübel: Wie sehr, zeigt sich erst, wenn sie wegbricht. Bekannt aus Studien sind Probleme von Menschen, gut in den Ruhestand zu kommen. Mit der Arbeitsstelle ist auch ein großer Teil der bisherigen Struktur weggebrochen, von der Tagesstruktur bis hin zu den ganzen Kontakten des Arbeitstages, die nun weg sind. Plötzlich „kehrt Ruhe ein“ – eine gefährliche Situation, die beispielsweise zu vermehrten Herzinfarkten bei beruflich sehr engagierten Menschen führen kann. Ruheständler sind so oft gezwungen, sich neue Strukturen zu suchen. Damit sollte man sich früh beschäftigen. Vielleicht besteht die Möglichkeit als „Senior Experte“ fallweise weiter zu arbeiten und dem Alltag so Struktur und Inhalt zu geben.

Arbeit gibt uns also Struktur, Sinn – aber hat ja nicht nur Positives, sondern bringt auch Herausforderungen und Probleme mit sich…

Schübel: Aber selbst das ist etwas Gutes: Wir wachsen daran. Ein Leben ohne Herausforderungen ist wohl tödlich langweilig. Es gehört dazu, großen Herausforderungen zu begegnen und auch mal daran zu scheitern. Aber gelingt es uns, das alles zu bewältigen, so entsteht etwas, das die psychologische Forschung Resilienz nennt. Übersetzt heißt das in etwa, die Kraft, negativen Erfahrungen bis hin zu Schicksalsschlägen zu trotzen und immer wieder aufzustehen – wie ein Stehaufmännchen.

Fallen und aufstehen, Probleme lösen: Können wir aus der Arbeit sogar etwas mitnehmen für andere Bereiche in unserem Leben?

Schübel: Da gibt es viele Beispiele: So kann uns eine Führungsfunktion im Betrieb besser darin machen, als ehrenamtlicher Trainer eine Mannschaft zu coachen. Ein längerer Auslandsaufenthalt vergrößert unser Verständnis für andere Kulturen und befähigt uns, sinnvoll in einem Flüchtlingsprojekt mitzuarbeiten. Doch auch die andere Richtung darf man nicht vergessen: Auch Erfahrungen außerhalb des Berufs können uns – und damit unserer Arbeit – mehr Wert geben: Betreuung von Kindern und Pflege von Angehörigen schult die soziale Kompetenz, das Ehrenamt in der Feuerwehr fördert die Stressresistenz.

Das Interview führte Maria Zeitler

1 Kommentare

Paloma Treu

20.04.2018

Ausgezeichneter Beitrag!
Gratulation!
Möchte heute mit chronischen Schmerzpatienten über den Wert der Arbeit sprechen.
Dieser Artikel gibt gute Anregungen. Danke!