Arbeit & Gesundheit

Arbeit darf nicht krank machen. Nicht mehr.

Trotz aller Fortschritte in Technik, Organisation und Gesundheitsfürsorge steigt die Zahl der kranken Arbeitnehmer in Deutschland wieder an. Wir brauchen ein besseres Verhältnis von Arbeit und Leben.

Von Ralf Klassen

„Die Arbeit ist so zu gestalten, daß eine Gefährdung für das Leben sowie die physische und die psychische Gesundheit möglichst vermieden und die verbleibende Gefährdung möglichst gering gehalten wird“

(Aus dem deutschen Arbeitsschutzgesetz)

Ganz bequem eine Präsentation abends auf dem Sofa fertigmachen; ohne Stress auf dem Weg zum Pilates eine Sammelmail per Voice-App an das Team schicken; in der Mittagspause eben schnell mit der Kollegin in Übersee skypen. Und am Freitag locker (ein bisschen) früher ins Wochenende gehen – weil der Server ja auch am Sonntag erreichbar ist.

Überfordert vom hohen Tempo: Die Digitalisierung führt zu neuen Krankheitsbildern (©Foto: dpa)

Überfordert vom hohen Tempo: Die Digitalisierung führt zu neuen Krankheitsbildern (©Foto: dpa)

Schöne neue, entspannte, gesunde Arbeitswelt? Nein, offensichtlich nicht. Denn Tatsache ist: Nach Jahren stetig sinkender Krankheitstage steigen die Abwesenheitszeiten deutscher Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer seit 2006 wieder signifikant an. Rund 18 Tage im Jahr, also beinahe einen vollständigen Arbeitsmonat, fehlt mittlerweile ein Beschäftigter durchschnittlich pro Jahr. Das ist nicht in der Nähe der Rekordwerte, die in 70er bis 90er-Jahren oft höher lagen. Aber doch bemerkenswert hoch angesichts der vielen, zumindest auf den ersten Blick, technischen Erleichterungen bei der Arbeit und den gestiegenen Aufwänden, mit denen viele Unternehmen das Wohl ihrer Angestellten unterstützen.

Sicher, da sind viele Fälle von Schwer- und Langzeiterkrankten dabei, die den Durchschnittswert nach oben drücken. Auch spielt die Tatsache eine Rolle, dass in einer gut florierenden Volkswirtschaft, wie es sie in Deutschland immer noch gibt, die Zahl jener größer ist, die mal den ein oder anderen Tag zuhause bleiben. Doch trotzdem gibt die Steigerung der Krankmeldungen Wissenschaftlern zu bedenken, auch wenn man berücksichtigt, dass viele Menschen laut aktuellen Studien immer noch eher krank zur Arbeit gehen, als sich auszukurieren.

Vor allem die sogenannten Stresserkrankungen lassen nicht nach, im Gegenteil. Die Zahl derer, die bei ihrer Arbeit an Herz, Kreislauf und Seele krank werden, ist nach wie vor zu hoch. Umfragen zeigen, dass viele Arbeitnehmer das moderne hohe Arbeitstempo, ein ständiges Multitasking, hohe Verantwortung, die Forderung nach digitalen Kompetenzen sowie mangelnde Wertschätzung als belastend empfinden.

So haben vor allem die Krankschreibungen wegen psychischer Leiden laut eines DAK-Reports ein neues „Rekordniveau“ erreicht. Seelische Erkrankungen lagen im Jahr 2014 erstmals auf dem zweiten Platz der Krankheitsarten, über alle Branchen hinweg. Insgesamt waren 1,9 Millionen Berufstätige mit psychischen Problemen krankgeschrieben, umgerechnet jeder 20. Arbeitnehmer.

Betroffen sind dabei im Dienstleistung- und Wissensarbeitssektor hauptsächlich jene, denen die Arbeit wahrscheinlich durchaus Spaß macht, aber nicht der Fixstern ist, um den die ganze Existenz freiwillig kreist. Menschen mit Kindern, Freunden, Hobbys, die nach Feierabend gerne mal nicht mehr in der smarten digital vernetzten Welt ihrer Firma kreisen wollen, oder keinen Sinn für Chef-Emails am Sonntagmorgen haben. Die nicht der Typ für ständige „selbstbestimmte“ Entscheidungen sind, ob sie sich am Wochenende in die Whats-App-Diskussionen der Abteilungskollegen über die beste Vertriebsstrategie einbringen sollen, oder lieber doch nicht. Menschen, die deswegen häufig genug in der Zwickmühle zwischen Arbeit und Leben sind. Keine gesunde Lage.

Verantwortung: Chefs haben massive Einflussmöglichkeiten auf die Gesundheit ihrer Teammitglieder

Verantwortung: Chefs haben massive Einflussmöglichkeiten auf die Gesundheit ihrer Teammitglieder

Und auch wenn der leider nahezu inflationär gebrauchte Begriff des „Burnout“ mittlerweile von einigen Seiten als willkommene Modeerscheinung abgetan wird, sollte man nicht die Folgen der immensen Umwälzungen unterschätzen, die die Globalisierung und Digitalisierung in die Arbeitswelt getragen haben. Nicht alle davon sind rundum positiv. Im Zweifel helfen da Gespräche mit über 50-Jährigen Kollegen, die davon berichten könnten, wie gediegen der durchschnittliche Arbeitstag vor 20, 25 Jahren noch aussah. Und dass mit Verlassen des Bürogebäudes die Arbeit tatsächlich „drinnen“ blieb.

Man muss nicht einer falschen Nostalgie verfallen, um zu sehen, dass die richtige Maß zwischen dem Gestern und Heute noch längst nicht überall gefunden wurde. Noch immer gibt es eine Kluft zwischen denen, die alle Möglichkeiten des New Work nutzen, um vielleicht sogar rund um die Uhr ihren Traum einer beruflichen Erfüllung leben – und vielen anderen, die eine gesunde Mischung zwischen Leben und Arbeit anstreben. Die eine klare Trennung brauchen. Und damit auf ihre Art, das zeigen neue Untersuchungen, oft produktiver sind, als manche Workjunkies.

Wissenschaftler und Ärzte weisen darauf hin, dass Vorgesetzte, Betriebsarzt und Betriebsrat zusammenarbeiten müssen, um die psychischen Belastungen im jeweiligen Unternehmen angemessen beurteilen zu können. Insbesondere die Führungskräfte spielten dabei eine entscheidende Rolle. Wenn sie ein Gespür für die individuellen Fähigkeiten und Grenzen innerhalb ihrer Teams entwickeln, wirkt sich das nicht nur auf das Betriebsklima, sondern auch auf die Gesamtleistung aus. Übrigens auch in jenen „Boreout“-Fällen, in denen willige und fähige Mitarbeiter vor lauter stumpfsinniger und fremdbestimmter Arbeit unglücklich werden.

So kann ein wenig mehr Empathie vom Chef sogar das Ergebnis verbessern – just what the doctor ordered.

8 Kommentare

Pono Nicole Stadler

11.11.2015

Guter Artikel – nochmals ausdrücklich erwähnen möchte ich all die Frauen, die im Gesundheits/Pflege/Wohnheime tätig sind! Hier läuft eine burn-out Spirale da keine auf die Länge die langen Arbeitsschichten durchhalten kann u.weibl. Führungskräfte unterstützen den ausbeuterischen Trend anstatt es zu ändern mit Springerinnen und vielem mehr! HILFE!

Elisabeth Schmidlin

13.11.2015

Es ist leider ein langjähriger Erfahrungswert, dass Frauen so sind.
Kommt das daher, dass sie besser als die Chefs sein wollen und sich besser positionieren wollen?

Cosetti

19.11.2015

Vorbeugen statt jammern!
Wir reden also über einen Teufelskreis. Finden Sie sich darin wieder? Haben Sie permanent zu wenig Zeit? Funktionieren die diversen Zeitmanagementsysteme in Ihrem Alltag einfach nicht? Meinen Sie, dass bei Ihrem Kampf gegen die Zeit allmählich Ihr Leben auf der Strecke bleibt?

Einige essentielle Lösungen für Ihre Probleme mit diesem Dilemma zeigt Ihnen der Schweizer Manager und Führungskräfte-Coach Mauro Cosetti auf. Mit Mauros Coaching haben Sie die Chance, Ihr Arbeitspensum als Führungskraft ohne Abstriche an der Realisierung Ihrer Ziele um mindestens 50 Prozent zu reduzieren und folglich Ihre Zeitressourcen zu verdoppeln.

Winner

19.11.2015

Krank macht Arbeit auch, wenn die Personalpolitik, die Unternehmenskultur nicht gesund ist!
Ich arbeite seit vielen Jahren an einer Hochschule. Gut qualifizierte, motivierte und produktive Arbeitnehmer finden selten Anerkennung. Für mich völlig unklar. 10 Jahre habe ich stillgehalten, jetzt habe ich mehrfach versucht, mich zu wehren. Taube Ohren, Ignoranz, Desinteresse, weitere Hinhaltetaktik.
„Der Fisch stinkt zuerst am Kopf.“

Helga Peters

23.11.2015

Die Technik ist nicht daran schuld. Es sind die Menschen, an erster Stelle die Vorgesetzten und teilweise auch die eigene Einstellung.
Der Druck der Vorgesetzten steigt, die Angst vor dem Verlust der Arbeitsstelle ebenfalls. Viele versuchen es allen Recht zu machen. Das funktioniert aber nicht.
Auch belastet dieser Zustand nicht nur die Arbeitswelt. Auch das Privatleben und die Familie hat sehr stark darunter zu leiden.
Mein Mann z.B. hatte Burnout. Er hatte in dieser Firma mit „Bossing“ zu tun. (Mobbing von Vorgesetzten)
Viele Familien zerbrechen an diese „Krankheit“. Wir haben zum Glück einen Weg daraus gefunden. An erster Stelle hat er die Arbeitsstelle gekündigt. Beim psychischen Aufbau habe ich ihm unterstützt. (Als Partner kann man sehr viel machen…)
Heute hilft er anderen aus der Mobbing-Falle herauszufinden und sich vor dem Burnout zu schützen.

Gerhard Borchers

23.11.2015

Macht mich die Arbeit wirklich krank?
Machen mich die Mitarbeiter krank?
Macht mich die Umwelt krank?
Gegen alles muss ich kämpfen. Ist es das was mich krank macht? Oder sind die Ursachen anderweitig zu suchen?
Wer kommt auf die Idee, dass er es selbst in der Hand hat, nicht krank zu werden, seine Gesundheit zu schützen?

Timo R.

23.11.2015

Toller Artikel! Eines der Themen der Stunde. Auch wir nehmen uns dem BGM an und haben den Zusammenhang zwischen Mobilität und Gesundheit bzw. Krankentagen untersucht. Die Studie wird am 15.12.15 in der Stadthalle Troisdorf vorgestellt, siehe Link!

irene galler

11.01.2016

Es gibt einen Betriebsarzt, einen Betriebsrat und vielleicht einen Betriebspsychologen, aber keinen Betriebscoach als echte Maßnahme als Burnout-Prävention und Gesundheitsförderung. Der Betriebscoach ist für alle Mitarbeiter da ist, die sich gestresst, demotiviert, unproduktiv, unzufrieden und am falschen Platz fühlen.

Was krank macht, hängt auch vom Persönlichkeitstypus und von der eigenen Einstellung ab. Wer ist für die eigene Gesundheit eigentlich verantwortlich? Stressfaktoren sind nicht für alle Menschen dieselben. Eine Selbstreflexion lohn sich!