Mein Wunschjob

Die Arbeit ist überall - wo bleiben wir?

Mit dem Wandel der Arbeit ändern sich auch die Orte und Organisationsformen unserer Tätigkeiten. Für die Zukunft brauchen wir neue „Heimat-Konstruktionen“ am Arbeitsmarkt, über die wir uns verwurzeln können. Teil 7 in unserer Serie „Zukunftsräume“ in Kooperation mit dem Zukunftsinstitut.

Von Kirsten Brühl

„Arbeit verleiht Würde und Identität“: So steht es im aktuellen Grünbuch „Arbeiten 4.0“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Und weiter: „Arbeit … ermöglicht Menschen Teilhabe, Aufstieg, Prestige und Erfolg.“ Was aber passiert, wenn wir diese Art von Arbeit in Zukunft einer steigenden Zahl von Menschen nicht mehr anbieten können? Und was, wenn auch gut Qualifizierte nicht mehr quasi-automatisch angeschlossen sind an das große Arbeits-Netz, Daseinsberechtigung und Status inklusive?

Zukunftsinstitut-Expertin Brühl: "Es ist nicht unbedingt die Arbeit an sich, die uns ausgeht. Aber die Arbeit, wie wir sie lange Jahrzehnte kannten."

Zukunftsinstitut-Expertin Brühl: „Es ist nicht unbedingt die Arbeit an sich, die uns ausgeht. Aber die Arbeit, wie wir sie lange Jahrzehnte kannten.“

Dabei ist es nicht unbedingt die Arbeit an sich, die uns ausgeht. Aber die Arbeit, wie wir sie lange Jahrzehnte kannten. Als Alleinlieferant für alles, was wir brauchen: Einkommen, aber eben auch soziales Umfeld, Zugehörigkeit und vor allem Verortung der eigenen Identität. Zwei Treiber könnten einer solchen Langfrist-Veränderung Vorschub leisten:

1. Substitutionsrisiko: Maschinen werden schlau

47 Prozent aller Jobs in den USA seien durch die Automatisierung gefährdet, rechneten die Forscher Osborne und Frey 2013 in „The Future of Employment“ vor. Technologiebasierte Arbeitslosigkeit ist zwar ein altbekanntes Thema, neu aber ist: In Zukunft könnte es erstmals auch die besser Qualifizierten treffen. Die MIT-Forscher Brynjolfsson und McAffee legten 2014 in „The Second Machine Age“ mit ähnlichen Thesen nach. Seitdem geistern Geschichten von automatisierten Juristen-Robots und fehlerfrei textschreibenden Maschinen durchs Netz.

Und es wird fieberhaft nachgerechnet, in Europa und in Deutschland. Die Forscher des Europäischen Instituts für Wirtschaftsforschung schätzen das Risiko, demnächst ohne Arbeit zu sein, hierzulande zwar deutlich geringer ein. Trotzdem bleibt ein Learning: Automatisierung und neue komplementäre Mensch-Maschine-Vernetzungen sind ein Zukunftsthema. Ob oder wann es für einen persönlich relevant wird, hängt vor allem davon ab, wie stark der eigene Job von Kreativität und Sozialkompetenz geprägt ist.

2. Strukturumbau: Organisationen werden fluide

Für die Arbeit heißt das: Spezialisten organisieren sich zunehmend eigenständig, und vor allem nicht mehr notwendigerweise entlang von Unternehmensgrenzen. „Nicht mehr die Organisationszugehörigkeit, sondern nur noch die fachliche Expertise leitet Loyalitäten“, hieß es im August 2015 im Ergebnisbericht zum Projekt „Arbeit 4.0 – Megatrends digitaler Arbeit der Zukunft“, das Shareground, ein Unternehmensbereich der Telekom, zusammen mit der Universität St. Gallen durchführte. Und an anderer Stelle: „Unternehmen greifen für die Erbringung spezifischer Leistungen immer weniger auf die dem Unternehmen fest verbundene Workforce zurück.“

Das Learning: Wer ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit hat, wird das in Zukunft vermutlich immer öfter nicht beim Arbeitgeber stillen können, sondern muss sich andere „Home-Hubs“ suchen, ähnlich wie die Selbständigen, die in Coworking Spaces und neuen Berufsvereinigungen zumindest temporäre Heimathäfen mit persönlichen Bezügen kreieren.

Die Diskussion um erzwungene Flexibilität durch neue Arbeitsstrukturen und -kulturen ist nicht neu, betrifft in Zukunft aber potenziell deutlich mehr Menschen. Ob es ihnen (und uns) gelingen wird, das als Chance und nicht als innere Heimatlosigkeit zu erleben, hängt davon ab, wie gut wir künftig andere identitätsstützende Wurzeln ausbilden, um individuelle Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Zugehörigkeit zu stillen. Und das wiederum ist gebunden an die persönliche Verhandlungsmacht am Arbeitsmarkt.

Drei Zukunftshypothesen:

1. Hochkreative mit viel Innovationskraft werden von Unternehmen verstärkt hofiert und aktiv in deren Beziehungs-Netze integriert.
2. Experten, die tendenziell und perspektivisch eher austauschbar sind, organisieren sich dagegen zunehmend in professionellen Netzwerken. Sie bilden sich dort weiter, professionalisieren sich, tauschen sich aus – und können auf diese Weise neue Heimathäfen finden.
3. Die „Human Cloud“ mit wenig Marktmacht und wenig Lobby bleibt übrig – und konkurriert um Einzelaufträge, oft digital vermittelt über spezielle Plattformen. Wer so arbeitet, hat perspektivisch wenig Chance, Sicherheit und Zugehörigkeit zu erleben. Bildung und „Aufstieg“ sind hierfür auch nicht unbedingt eine Lösung. Vielmehr geht es um Ein- und Anbindung an soziale Systeme, an „Hubs“, die mehr bieten als es reine Arbeitsvermittler oder Job-Plattformen können.

Fazit:

Für die Zukunft brauchen wir Ideen und Experimente für neue „Heimat-Konstruktionen“ am Arbeitsmarkt, über die wir uns verwurzeln und mit denen wir uns ein Stück weit identifizieren können. Und zwar auf allen Qualifikations-Leveln. Das könnte nicht nur individuelle Entlastung, sondern auch gesellschaftliche Stabilität bringen. Und die brauchen wir dringend. Denn wie formulierte es Jim Clifton, Chef des Gallup-Instituts, so treffend: „Der nächste Krieg, der uns bevorsteht, ist ein globaler Kampf um gute Arbeitsplätze. Wenn es den einzelnen Ländern nicht gelingt, Arbeitsplätze zu schaffen, brechen ihre Gesellschaftssysteme auseinander.

Über die Autorin:
Kirsten Brühl arbeitet als Zukunftsforscherin und Speakerin für das Zukunftsinstitut sowie unter dem Slogan „LinkingMinds“ als Business-Coach und Beraterin in eigener Praxis. Ihre Themen sind die Arbeitswelt der Zukunft und New Leadership.
Das 1998 gegründete Zukunftsinstitut gilt heute als einer der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung und ist eine zentrale Informations- und Inspirationsquelle für Entscheider und Weiterdenker. Mehr über das Thema New Work und die Megatrends, die unsere Zukunft prägen, erfahren Sie auf zukunftsinstitut.de.

(Aufmacherbild ©Foto: GaudiLab / Shutterstock)

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