Arbeit & Gesundheit

Burnout, Angst, Depression: Kaum Arbeit für psychisch Kranke

Arbeit mache krank, heißt es oft. Burnout, Mobbing, zu viel Stress. Doch Arbeit könne auch gesund machen, meinen Psychologen. Psychisch Kranke aber haben auf dem Arbeitsmarkt schlechte Karten.

Psychisch erkrankte Menschen haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer. Mit etwas Hilfe sind sie jedoch oft voll leistungsfähig. (©Foto: Rolf Vennenbernd)

Psychisch erkrankte Menschen haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer. Mit etwas Hilfe sind sie jedoch oft voll leistungsfähig. (©Foto: Rolf Vennenbernd)

Von Theresa Münch

Dietmar Linne suchte einen Hausmeister für seine Firma. Der Bewerber schien ideal, bis auf diesen einen Punkt in der Bewerbung: Er war psychisch krank.
„Wenn ich als Arbeitgeber jemanden einstelle, verspreche ich mir einen Mehrwert“, sagt Linne. Ein Hausmeister müsse einfach zuverlässig sein. Linne war skeptisch, stellte den Mann trotzdem ein – und hat es nie bereut.

Doch so wie der Göttinger handeln noch immer wenige Unternehmen. Nur 10 bis 20 Prozent der schwer psychisch Kranken fänden einen Job, sagt Iris Hauth, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Zukunftsträume zerplatzen mit der Diagnose. Oft ist die Karriere schon zwischen Schule und Arbeitsmarkt vorbei.

Ein bis zwei Prozent der erwachsenen deutschen Bevölkerung, davon gehen die Experten aus, sind schwer psychisch krank. Sie haben Depressionen, schizophrene Störungen, sind manisch-depressiv. Bis zu einer Million Menschen könnten betroffen sein, wird geschätzt.

Wenn sie Arbeit haben, dann oft in Behindertenwerkstätten, hat eine Studie von Leipziger Wissenschaftlern ergeben. Die Arbeitsagenturen vermitteln sie nach eigenen Angaben oft im Niedriglohnbereich. Dabei wäre mit ein wenig Unterstützung auch ein „normaler“ Job drin. 52 Prozent der psychisch Kranken, davon geht man bei der Bundesagentur für Arbeit aus, sind grundsätzlich weiter erwerbsfähig.

„Der Wunsch nach normaler Arbeit ist bei psychisch Kranken sehr groß“, sagt Arbeitsmedizinerin Steffi Riedel-Heller. Viele Unternehmen sind jedoch zögerlich. „Sie haben Sorge, dass jemand nicht leistungsfähig ist“, weiß Christina Ramb von der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände. Gerade dass psychische Erkrankungen im Vergleich zu körperlichen Behinderungen wenig kalkulierbar seien, mache eine Anstellung schwierig. „Psychisch Kranke bringen eine Unstetigkeit in der Leistungsfähigkeit mit“, räumt Psychologin Uta Gühne ein.

Sie hätten jedoch auch besondere Qualifikationen, betont Kathrin Zeddies. Die Berlinerin ist Rehabilitationspsychologin – und zugleich selbst betroffen. Sie hat eine Borderline-Störung, die bei Erkrankten oft mit heftigen Gefühlsschwankungen und Selbstverletzung einhergeht. Heute bezeichnet sich Zeddies als „trocken“ – auch dank „guter Ausbilder und Arbeitgeber“.

Menschen mit psychischen Erkrankungen, sagt sie, hätten eine besonders hohe emotionale Intelligenz. „Viele kommen im Privatleben nicht zurecht, geben auf der Arbeit aber mehr als 100 Prozent. Sie sind Kämpfen gewohnt.“

Im Job könnte man es ihnen mit einfachen Maßnahmen aber leichter machen, meinen die Psychologen. Home-Office-Zeiten könnten das sein, für Menschen, die sich im Großraumbüro nicht konzentrieren können. Flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, verpasstes nachzuarbeiten, wenn man sich wieder besser fühlt. „Wir haben ein paar Sicherungen eingebaut“, erzählt auch Linne. Wenn sein psychisch kranker Hausmeister sich zu sehr engagiere, das Wochenende durcharbeite, schritten sie ein.

„Man darf sich nicht am Leitbild eines Vollbeschäftigten mit acht Stunden oder mehr orientieren“, betont der Vorstandschef des Vereins Gesundheitsstadt Berlin, Ulf Fink. Er fordert finanzielle Ausgleichszahlungen für Unternehmen und dass Hilfen des Arbeitsamts statt für drei Jahre unbefristet gezahlt werden.

Wirtschaftliche Kennzahlen müssten manchmal einfach zurückstehen, betont Jens Schuster. Der Berliner ist Geschäftsführer eines jungen Unternehmens mit 25 Mitarbeitern. Eine Kollegin hat eine Borderline-Störung – „ziemlich heftig“ sagt Schuster. Aber auch: „Sie ist ein starker Rückhalt für die Firma.“ Eine psychische Erkrankung müsse für Arbeitnehmer kein Nachteil sein: „Diese Menschen haben eine viel höhere Loyalität zum Unternehmen.“

5 Kommentare

Lina

13.10.2016

Sehr guter, und gerade auf mich passender Artikel! Danke dafür!
Auch ich bin psychisch erkrankt und bin aktuell auch physisch nicht voll beruflich einsetzbar. Ich HASSE diesen Zustand, denn ich MÖCHTE arbeiten! Ich möchte eine Aufgabe haben, ich möchte Geld verdienen und unabhängig vom Arbeitsamt bzw. JobCenter sein. Ich hatte auch gerade wieder mal versucht, einer normalen Festanstellung (120Std./Monat) nachzugehen… Ich habe mich wohl gefühlt und alles gegeben, damit es klappt… Jedoch nach der Arbeitszeit jedesmal fast zusammengebrochen, weil mein Körper erschöpft war und meine Psyche am Ende…
Ich möchte so gerne arbeiten, muss aber nun einsehen, dass ich nicht „hauptsache irgendeinen“ Job machen kann, sondern dass ich nach der Eierlegenden Wollmilchsau suchen muss. Genau wie in ihrem Artikel beschrieben. Sie geben mir wieder etwas Motivation, nicht auf zu geben (kein Selbstmord, sondern arbeitstechnisch) und nach MEINEM passenden Job zu suchen. Danke!

Laura

20.09.2018

Was Lina schreibt, passt auch gut zu mir. Es motiviert mich auch. Schöner Artikel. Schamgefühl wegen meiner psychischen Erkrankung habe ich seit kurzem nicht mehr, denn es heißt nicht, dass man dümmer oder schlechter ist.

Johanna

27.09.2018

Mich würde als nicht Betroffene interessieren, was Betroffenen denn am meisten helfen würde, um wieder arbeiten zu können. Sind es nur die flexibleren Arbeitszeiten, oder vielleicht das stärkere menschliche Eingebundensein, oder ein Chef, der mit aufpasst, oder sollten die Aufgaben nicht zu fordernd und mit Termindruck sein? Ich würde davon gerne mehr verstehen – und was erlebt Ihr, liebe Betroffene, als Eure besonderen Stärken wegen der Erfahrungen durch die Krankheit? Danke

yasemin

12.10.2018

Hallo,
auch ich bin Borderlinerin und erwerbstätig. Ich kann mich nur anschließen, trotz einige Schwierigkeiten sind psychisch Kranke sehr leistungsfähig. Nach meiner Erfahrung ist Gleitzeit, optional Home Office, Vertrauensvorschuss und Intelligenz des psychisch Kranken nicht zu unterschätzen, sehr hilfreich. Es wäre auch ideal, wenn der Betroffene sich selbst seiner Stärken und Schwächen bewusst ist. Wer sehr emotional und impulsiv ist und das nicht kontrollieren kann, sollte evtl. im Vetriebsinnendienst arbeiten anstatt im Außendienst z.B.. Als Arbeitgeber erreicht man mehr, wenn man die Stärken des psychisch Kranken analysiert und ihn dementsprechend an einem Position einsetzt. Ich persönlich bin trotz meine Ausnahmezustände arbeitsfähig und finde den Mittelweg. Mein Arbeitgeber weiß von meiner Erkrankung nicht, den ich es nicht nötig sehe. Ich bin leistungsfähig. Kann mich mit meinem Dämonen in Therapiesitzungen auseinandersetzen.

Johann T.

20.11.2018

Hallo Johanna,
hier der Versuch einer Antwort auf deine Frage „was Betroffenen denn am meisten helfen würde, um wieder arbeiten zu können.„ Hatte im März 2016 schweren Burnout nach 10 Jahren Selbständigkeit, wo ich in der Zeit gefühlt für 20 Jahre gearbeitet habe von der Zeit und Kraft her gesehen, also 12 bis 14 Stunden täglich und sehr sehr wenig dabei verdient. Heute, im November 2018 wäre ich nach eigener Einschätzung für 1 Stunde täglich arbeitsfähig. Mein Wunsch… mehr soziale Kontakte. Mein Problem… ich kann wegen der Reizüberflutung auf der Strasse in einer Stadt weder Auto fahren noch Bus oder Bahn und kann auch nicht einkaufen. Ich käme alleine gar nicht bis zur Arbeitsstelle hin, auch nicht mit meinem Gehörschutz. Reizüberflutung – akustisch und visuell – auf der Strasse löst sofort körperliche Erschöpfung, Panik und Sehstörungen aus. Ich muss dann sofort aus dieser Situation raus, damit es mir besser geht. Was für einen Gesunden normal ist, bedeutet für mich schon Reizüberflutung… ist schwer zu beschreiben und für einen Gesunden schwer nachvollziehbar. Mein Therapeut weiss aber immer was gemeint ist.

Ich bräuchte also einen Fahrer, der mich im Auto, wo ich die Augen geschlossen halte und Gehörschutz anlege, hinbringt zur Arbeit und ein ruhiges Zimmer mit max. 1 ruhigen Kollegen. Kann mich ca. 30 min konzentrieren, dann Pause. Konzentrieren aber nur auf eine einzige Sache. Werde ich angesprochen mit anderen Thema verliere ich sehr schnell den Faden. Pausen gibt mein Körper vor, ich würde Firmenregeln zu Pausen nicht meistern können. Essensraum mit vielen Mensche ginge nicht…. löst schnell eine Panikattacke aus wegen Reizüberflutung. Dabei habe ich aber das Wissen eines IT-Fachmannes und könnte beratend tätig sein. Mir scheint, so eine Anstellung gibt es leider nicht. Ich hoffe einfach, noch gesünder zu werden und gebe mir jeden Tag Mühe, kleine Herausforderungen wie allein vor die Tür zu gehen, zu meistern.