Lebensläufe

„Zurück aus dem Ausland: Zwischen Albtraum, Abstellgleis und Ausweg“

Unsere Themenwoche „Pro und Contra Auslandsaufenthalt“ hat viele Reaktionen hervorgerufen. Dabei berichteten auch etliche Spielraum-User von ihren eigenen Erfahrungen. Viele wurden bei ihrer Rückkehr nach Deutschland enttäuscht: Gewonnene Qualifikationen werden oft nicht anerkannt, für den weitere Karriereweg ist vor allem Eigenverantwortung entscheidend. Hier ist eine Auswahl dieser Berichte, zusammengestellt von Caroline Rudelt

Redakteurin Caroline Rudelt fasste die Userreaktionen zusammen

Redakteurin Caroline Rudelt fasste die Userreaktionen zusammen

Aus der lebhaften Debatte um Auslandsaufenthalte, die in der vergangenen Woche an dieser Stelle geführt wurde, lässt sich eines ableiten – die Ferne bereichert, zumindest persönlich. Die Karriere, so die Meinung eines großen Teils der Spielraum-Community, hingegen kann Schaden nehmen. Der Autor unseres Auftaktstückes, Volker Müller-Behncke, hatte diese Erfahrung geteilt. Und erhielt viel Zustimmung. „Auch mir erging es so, dass die Stelle nach der Rückkehr in meiner Firma eine Frechheit war – ich kam nach zwei Jahren aus China zurück und das Chinageschäft wurde einer Kollegin zugeteilt. Ist mir bis heute unverständlich“, erzählte etwa Maren Brockmann.

Die Selbständigkeit als neue Chance

Viele Kommentatoren hatten ähnliche Erfahrungen gemacht. Es wurde nicht nur die mangelhafte Anerkennung der Auslandserfahrung durch Arbeitgeber oder Personalberater kritisiert. Einig waren sich die Nutzer mit Müller-Behncke in einem weiteren Punkt: Die Selbständigkeit scheint für viele Expats nach ihrer Rückkehr die einzige Lösung zu sein. Diese müsse aber, wie vielfach betont wurde, keinesfalls eine Verschlechterung bedeuten. So schrieb Roger Jung: „Bei meiner Rückkehr in Deutschland wurde mir einen Ersatzposten unter allerlei Zumutungen angeboten. Das Ergebnis: Mit den Erfahrungen, die ich im Ausland gesammelt hatte, konnte ich sofort und erfolgreich meinen Weg in die Selbstständigkeit finden. Dieses Jahr habe ich 25-jähriges Jubiläum.“

Allerdings verteidigten auch einige Nutzer den Sprung ins Ausland. „Der vorliegende Bericht ist sicher nicht exemplarisch“, schrieb Heribert Lenzen: „Ich habe viele Expats beobachten können, die aus ihrem Auslandseinsatz hervorragende berufliche Entwicklungen ableiten konnten und ich möchte nur nachdrücklich empfehlen: Bitte traut Euch! Eine kleine Schrittfolge im Inland ist wahrscheinlicher als im Ausland – dort ist die Schrittlänge einfach größer!“

Damit pflichtete er Christoph Kleinen bei. Der Personalberater beobachtet seit Jahren eine zunehmende Mutlosigkeit, bei Mitarbeitern und ihren Unternehmen. Aller Globalisierung zum Trotz – das Ausland gilt für viele als Abstellgleis. Und die Firmen tragen ihren Teil dazu bei, indem sie die Qualifikationen der Expats nicht zu wertschätzen wissen. Ein Vorwurf, den Anke Schmidt, Leiterin Gobal Talent Management bei BASF, so nicht stehen ließ. Die Managerin betreut bis zu 600 Expats jährlich, war selbst lange Zeit im Ausland. Für Andreas Riem ist das jedoch eher eine rühmliche Ausnahme: „Ich gehe davon aus, dass Sie das Gesagte auch tatsächlich in die Realität umsetzen und beglückwünsche alle Expats bei BASF, eine solch tolle Fürsprecherin zu haben, die die allseits bekannten Konflikte beim Thema Auslandsentsendung offensichtlich an der Wurzel packt! Ich war für den größten Automobilzulieferer in England, Frankreich, der Türkei und als Revisor für mehr als 80% des Jahres in fast allen Ländern dieser Welt unterwegs – eine Heimkehrunterstützung der vermeintlich Verantwortlichen durfte ich nie erfahren.“

Auf die Vorbereitung kommt es an

Das Glück selbst in die Hand nehmen: Das ist für viele Debattenteilnehmer ein entscheidender Punkt. Karrierecoach Jutta Boenig sieht den Expat in der Pflicht – wer sich blind auf sein Unternehmen verlasse, dem drohe am Ende ein böses Erwachen. Ähnliches berichtete Peter Glasmacher, der im Laufe seiner Karriere jahrelang im Ausland arbeitete. Seine Erfahrungen sind durchweg positiv, vermutlich auch deshalb, weil er immer auf eine schriftliche Vereinbarung pochte. So wurde das Ausland zu einer Bereicherung für sein Leben, innerhalb der Firma – und außerhalb davon.

7 Kommentare

Fadi Rifai

21.09.2015

Toller Artikel! Ich bin froh, dass endlich jemand diese Problimatik ausleuchtet.
Ich sebst war zwei auf Delegationen und kann die zitierten Erfahrungen bestätigen.
Beste Grüße
Fadi

Ernst Zinniker

21.09.2015

Bei Auslandeinsätzen sind Kompetenz und Entscheidungsbereitschaft, gepaart mit Verantwortung von Nutzen. Zurück in der Konzernstruktur werden diese Werte eher als Anmassung empfunden.

Jürgen A. Becker

21.09.2015

Hallo,

vor nunmehr 30 Jahren war ich für lange Zeit in Griechenland als Ingenieur für eine deutsche Baufirma tätig.
Ich habe vieles dort gelernt u.a. auch, dass im Ausland „anders“ gearbeitet wird und wir für den deutschen Arbeitsmarkt „verdorben“ sind.
Meine Empfehlung: Einmal Ausland immer Ausland.

mfg. Jürgen A. Becker

Birgit

21.09.2015

Ich begruesse die Personalpolitik in der BASF. Es wäre schön, wenn HR und Managementabteilungen mehr Auslandserfahrungen pro aktiv und kreativ nutzen würden, so werden alle Perspektiven, sowohl im In- als auch Ausland erweitert. Empfehlung: Talent Strategy implementieren.
Wissenstransfer, Perspektivenwechsel, Changemanagement
New Solution Management
Diversity Mangement
Ask, Listen and use…

Optimike

21.09.2015

Nach 2,5 Jahren in Florida war ich um viele persönliche Erfahrungen reicher, habe meinen Horizont erweitert und andere Kulturen (USA, aber auch in Form von Kollegen chinesische, … Kulturen) besser kennengelernt. Ja und natürlich die Englische Sprache endlich gelernt, wo ich doch in der Schule in Englisch massive Probleme hatte.
Und ich war froh, dass ich bei der Rückkehr noch einen Job bei der selben Firma hatte, was schon auf Messers Schneide stand. Von Aufstieg keine Rede, hauptsache irgendeinen Job. Und derjenige der damals beim Bewerben für USA mein Konkurrent war und „meinen“ Job in USA nicht bekommen hatte, war nun über mir in der Hierachie.
Trotzdem habe ich es nicht bereut.

Bernhard

23.09.2015

Nicht vergessen werden darf, Personalverantwortliche sind auch nur Menschen mit negativen Eigenschaften wie, Neid, Missgunst, angst usw. und solche gibt es leider viele. Nur eine fähige, qualifizierte Person schaut auf das wohl der Firma.

Dr. Tutschka

19.10.2015

Als Anwältin für Entsendungsrecht, die selbst jahrelang als Expat im Ausland gelebt hat, finde ich die Diskussion gut und nützlich – längst überfällig war sie ohnehin, da doch noch viele Mythen und Vorurteile rund um die Entsendung von Mitarbeitern im Ausland bestehen. und wenn die Diskussion eines gezeigt hat: die Standpunkte und Erfahrungen von Personalern und Expats/Mitarbeitern sind immer noch weit voneinander entfernt!