Lebensläufe

„Warum ich meine Auslandsaufenthalte nie bereut habe“

Die Themenwoche zum Für und Wider von beruflichen Auslandsstationen hat ein großes Echo unter den Spielraum-Usern ausgelöst. Vielen Dank dafür. Stellvertretend für viele Kommentatoren haben wir einen Leser gebeten, seine eigenen Erfahrungen aufzuschreiben. Hier ist sein Beitrag.

Von Peter Glasmacher

Vor einigen Tagen berichtete an dieser Stelle Volker Müller-Behncke über seine Erfahrung nach der Rückkehr aus dem Ausland – die offensichtlich nicht nur eine herbe Enttäuschung, sondern sogar eine wirtschaftliche Bedrohung für ihn darstellte. Ich war im Laufe meiner Karriere selbst mehrfach, oft langjährig, im Ausland und kann diese Meinung nicht teilen. Meines Erachtens muss man die Sache differenzierter sehen: So macht es schon einen Unterschied, ob man für vergleichsweise kurze Zeit außerhalb Deutschlands arbeitet – oder gleich eine mehrjährige Abwesenheit vom heimatlichen Horst anstrebt. Ersteres wird in der Regel als eine willkommene Gelegenheit gesehen, mal etwas andere Luft zu schnuppern, letzteres dagegen ist ein etwas tieferer Einschnitt.

Vorsicht vor einer wechselnden Kostenstelle

Ich habe beides hinter mir. Ein mehrjähriger Aufenthalt in Kalifornien Anfang der 90er-Jahre, sowie ungezählte ‚Kurztrips‘ von sechs Wochen bis zu drei Monaten Länge in den zwei Dekaden danach. Glücklicherweise (oder leider?) hat sich dies alles immer innerhalb des eigenen Konzerns abgespielt. Allerdings habe ich dabei instinktiv einige Dinge beachtet. Auch wenn mein Job eher technischer Natur gewesen ist, und damit meist anders verfahren wird als mit anderen Funktionen in einem Unternehmen, sind meine Erfahrungen sicher relativ allgemeingültig.

Solange die auswärts geleistete Tätigkeit über die eigene Kostenstelle vergütet wird, gilt der Job als ‚Inlandsjob‘ und bereitet selten Probleme. Sobald die Tätigkeit jedoch als Abordnung im Sinne eines temporären Abteilungs- oder Firmenwechsels verstanden wird, sollte man hellhörig werden. Die eigene Abteilung benötigt dann nämlich Ersatz. Und dieser Ersatz könnte sich im Laufe der eigenen Abwesenheit durchaus als bessere Alternative herausstellen. Also habe ich meinen Abgang, vor allem jedoch meine Wiederkehr, immer sorgfältig geplant. Dabei war für mich von Vorteil, dass mein Arbeitgeber als multinationaler Konzern bereits einige Prozesse entwickelt hat, wie mit einem Mitarbeiteraustausch umzugehen ist. Zudem hatte ich immer ein gewisses Gespür dafür, ob das Angebot für mich ein Karrieresprung darstellte – oder eben nicht.

Jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich

Ich persönlich bin immer gut gefahren, direkt nach einem der Angebote für einen längeren Trip über mehrere Zeitzonen hinweg die hier aufgeführten Punkte eindeutig und schriftlich zu vereinbaren: Ist bei Rückkehr ein Job in der ursprünglichen Abteilung oder zumindest im eigenen Konzern/Heimatstadt garantiert? Oft bekommt man sein erstes einschlägiges Angebot, wenn der Innenputz im gerade gebauten Haus noch nicht ganz getrocknet ist. Das scheint ein universelles Gesetz im Feld der Auslandjobs zu sein. Aber gerade die Art der geplanten Rückkehr in die Heimat muss zwingend schriftlich vereinbart werden.

Wird ein Schriftstück über die Art, den Zeitraum und die Tätigkeit angefertigt? Verpflichtet sich der Arbeitgeber, zumindest die Übernahme in die ursprüngliche Position nach Ende der Auslandstätigkeit zu garantieren? Unterstützt die abgebende- oder aufnehmende Abteilung bei der Wohnungssuche und der Arbeitsaufnahme? Auch wenn man die Sprache des Ziellandes beherrscht – es wird immer einen kleinen Kulturschock geben und man muss Feinheiten erlernen. Da ist Hilfe angebracht
Aber auch die aufnehmende Abteilung sollte man ‚verpflichten’. Ist die angebotene Position höher eingestuft? Gibt es dafür auch eine Kompensation? Wie sieht sie Hilfe beim Umgang mit Behörden im Gastland (speziell der Finanzbehörden aus)?

Diese Punkte habe ich schriftlich vereinbart – und habe wohl auch deshalb meine Erfahrungen im Ausland nie bereuen müssen.

Autorenprofil:
Peter Glasmacher arbeitete 36 Jahre lang als Consulting IT Specialist für IBM Global Services. In Dortmund, dem deutschen Standort des Unternehmens, arbeitete er nur zeitweise – meist zog es ihn für teils mehrjährige Aufenthalte ins Ausland, etwa in die USA. Mittlerweile ist er im Ruhestand. Mit seinem Beitrag antwortet er auf die Aussagen von Volker Müller-Behncke, der am Montag über seine Erfahrungen als Expat berichtete.

Peter Glasmacher auf XING

6 Kommentare

Volker Tristram

18.09.2015

Lieber Herr Glasmacher,
Ihre Erfahrungen, so wie sie beschrieben sind, bestätigen die von Herrn Müller und mir: Sie sagen ja sinngemäß, man solle sich selbst um die richtigen Bedingungen für ein assignment kümmern. Das ist auch das erste, was mir zu Herrn Müllers Artikel einfiel. Aber: Das ändert nichts an seiner Aussage, daß es eigentlich im Sinne des Unternehmens liegt, solche Auslandsaufenthalte positiv zu prozedieren, d. h. schon bei Abreise festzulegen, a. was im Ausland getan wird ( damit für die agebende Abt.,ein Gewinn entsteht ), b. welche Art von Aufgabe nach Rückkehr auf den Abgeordneten warten wird. Es ist also Aufgabe(!) des Managements, dafür zu sorgen, daß diese Prozedur sauber ausgeführt wird, weil,es im Sinne des Unternehmens ist! Leider haben aber die Vorgesetzten meist nur ihre jeweiligen unmittelbaren Interessen im Auge, z. B. headcount Abbau, oder Erfülling ener Quote. Nach dem Weggang des Mitarbeiters gilt dann: „aus den Augen, aus dem Sinn“. Wenn dann der Mitarbeiter (in) zurückkommt, wird das als ‚Problem‘, nicht als Führingsschance betrachtet. Und so sehen dann die ‚Lösungen‘ für das Problem aus, …. und es kommt zu den von Herrn Müller beschriebenen Mißständen.
Fazit: Das top management sollte dafür sorgen, daß diese felxiblen, intelligenten, ehrgeizigen MA gefördert werden.
Ihr Verhaltensvorschlag ist eine pragnatische Lösung eines Führungsmangels; er läßt sich aber nur realisieren, wenn das jeweilige management mitspielt. Ich habe es erlebt, daß solche Versuche der ‚Rückkehrabsicherung‘ abgewehrt wurden, weil es eben Arbeit macht!

c-jaeger@online.de

18.09.2015

Vorgesagtem kann nur zugestimmt werden, d. h. mit einem bestehenden Arbeitsvertrag in der Tasche auch an die „Rückkehr“ denken. Bei einem Arbeitgeber, der wirklich an Interesse hat, einen Mitarbeiter zu halten und einen Auslandseinsatz als wichtigen Schritt innerhalb der Entwicklung zu sehen, eigentlich kein Problem. So war es bei mir. Dennoch wurde ich mit meiner Frau und zwei kleinen Kindern (3 bzw. 6 Jahre alt) mit einem one-way Ticket in die Ferne geschickt. Trotz exzellenter Betreuung seitens der dortigen Organisation gab es viele Steine aus dem Weg zu räumen; es gab Tränen, Schimpfen und Heimweh… Das war nicht immer einfach; aber: daran ist die ganze Familie gewachsen und wurde geprägt für Offenheit mit fremden Kulturen, andere Sichtweisen… Als wir nach 4 Jahren zurückkamen sind wir diesen Weg konsequent weitergegangen; das half mir in meiner Führungsaufgabe genauso wie meiner Familie. Wir möchten die Zeit nicht mehr missen und fragen uns, warum nicht mehr Leute diesen Schritt wagen – gerade und mit der Familie… Klar, in enger Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeber – für ein echtes win-win.
Christian

Andreas Riem

19.09.2015

Zustimmung zu beiden vorigen Kommentaren, die zeigen, wie facettenreich das Thema Auslandsaufenthalt ist und wie unterschiedlich es von verschiedenen Unternehmen bzw. Mitarbeitern erlebt und behandelt wird. Eines wollte ich jedoch noch zum Thema beitragen – Herrn Glasmacher beschreibt in seinem Bericht eine für meine Begriffe sehr ausgeprägte „Absicherungsmentalität“, indem er beschreibt, dass er sich alles schriftlich bestätigen ließ, wie z.B. seine Position bei Rückkehr aus dem Ausland. Ich habe die sehr ernüchternde Erfahrung gemacht, dass solche Garantien – wenn überhaupt – dann nur sehr pauschal gegeben werden und diese dann immer so formuliert sind, dass man wenig Chancen hat, diese Mindestgarantien dann überhaupt einzufordern! Das größte Problem ist jedoch, dass nach einer Rückkehr aus einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt derjenige, der die entsprechenden Garantien gegeben hat, gar nicht mehr in der entsprechenden Verantwortung ist und der/die neue Verantwortliche sich in keinster Weise an die gegebenen Garantien gebunden fühlt! Und das Schriftstück mit den formulierten „Garantien“, dass sie in den Händen halten ist das Papier nicht wert, auf dem es steht – so sieht leider (meistens) die Realität aus…außer bei BASF, wie wir diese Woche schon gelernt haben! ;o)

Peter Glasmacher

19.09.2015

Eigentlich war meine ‚Absicherung‘ ein implementierter Prozess innerhalb meines Unternehmens, welches auch von Nachfolgern des Vertragspartners (erstmal) eingehalten wurde. Wobei ich zugeben muss, dass diese Dinge auch bei mir in die Kategorie ‚free for the asking‘ fielen. Aber grundsätzlich waren ( und sind) dass immer nocht Rechte und keine ‚Kann Bestimmungen‘.
Aber vielleicht habe ich auch einfach Glück gehabt. Wobei, soviel Glück ist statistisch gesehen unmöglich……

Andreas Riem

20.09.2015

Statistik hin oder her – aus meiner Perspektive und vor dem Hintergrund dessen, was ich persönlich erfahren habe (ebenfalls „implementierte Prozesse“, global agierender Konzern mit > 300.000 MA): Sie haben m. E. wirklich Glück gehabt!
Oder das gegebene Wort galt damals noch wirklich was und die Verantwortlichen standen auch dazu…

Jürgen Rossmann

21.09.2015

Ich kann dem Artikeln und Kommentaren aus eigner Erfahrung nur zustimmen. Ich bin seit 38 Jahren für meine Firma im Ausland unterwegs. Am Anfang längere Aufenthalte mit Familie (2-3 Jahre) in den letzten Jahren kürzer. Aber ich habe auch gemerkt das in den letzten Jahren bei uns immer mehr Führungskräfte kommen die keinerlei Auslandserfahrung haben. Es gipfelte in der Beurteilung darin das mir vorgeworfen wurde nur ins Ausland zu gehen, weil ich keine Lust zu Arbeiten hätte. Bei solchen Vorgesetzten wird es schwierig junge Leute dazu zu motivieren eine Auslandstätigkeit anzunehmen.