Lebensläufe

So holen Sie sich internationale Talente ins Haus!

Europäische Studierende sind viel mobiler als die deutschen – und interessieren sich hierzulande vor allem für die IT-Branche und die Luft- und Raumfahrtindustrie. Es gibt kulturelle Unterschiede: Für junge Polen ist das Gehalt entscheidend, für Türken und Bulgaren das Prestige.

Recruiting-Expertin Dépierre: "Persönlicher Kontakt zum Kandidaten ist nach wie vor sehr wichtig." (©Foto: kircherphoto)

Recruiting-Expertin Dépierre: „Persönlicher Kontakt zum Kandidaten ist nach wie vor sehr wichtig.“ (©Foto: kircherphoto)

Von Caroline Dépierre, trendence Institut

Zu Hause ist es doch am schönsten. Dieser Satz mag zwar für immer mehr deutsche Talente gültig sein. Bei den jungen Aufstrebenden im Ausland aber sieht das anders aus: Jeder Fünfte will nach dem Studium sein Glück im Ausland suchen, ein Drittel davon zieht es in die Bundesrepublik. Deutschland zählt damit zu den beliebtesten Einwanderungsländern gut ausgebildeter europäischer Hochschulabsolventen. Unternehmen, die sich internationale Impulse erhoffen, sollten daher jetzt aktiv werden und im Ausland für sich werben.

Besonders für Ingenieure und Informatiker aus Osteuropa ist der Standort Deutschland äußerst attraktiv – und damit befinden sie sich in bester Gesellschaft. Die europäischen Techniker, die nach Deutschland kommen wollen, suchen vorrangig bei Arbeitgebern der IT-Branche einen Job, auch die Luft- und Raumfahrtindustrie sowie die Energiebranche sind für sie interessant. Die Automobilindustrie, die bei deutschen Studierenden weit oben in der Gunst steht, folgt bei den Europäern erst auf Rang Vier. Es können also gerade jene Branchen vom Zuspruch aus dem Ausland profitieren, die bei den deutschen Studierenden nicht ganz oben auf der Wunschliste stehen.

Europaweites Recruiting? Ja, aber bitte effizient!

Natürlich gibt es Herausforderungen beim europaweiten Recruiting. Arbeitgeber müssen nicht nur Sprachbarrieren überwinden, sondern auch nationale Besonderheiten beachten. Je nach Land unterscheiden sich die Informationsgewohnheiten und die Erwartungen, die Bewerber an einen Arbeitgeber stellen. Abhalten sollte das die hiesigen Unternehmen jedoch nicht. Denn die gute Nachricht gleich vorweg: In allen wichtigen Argumenten sind sich die europäischen Absolventen einig. Die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten stehen für sie an erster Stelle bei der Wahl eines Arbeitgebers – und das in allen Ländern ähnlich stark. Attraktive Arbeitsaufgaben, die Wertschätzung des Arbeitgebers und gute Karriereaussichten sind ihnen ebenfalls wichtig.

Bei anderen Kriterien gehen die Meinungen der Absolventen stärker auseinander. Ein hohes Einstiegsgehalt ist etwas, das eher Absolventen aus Polen und Ungarn überzeugt – in Spanien oder Italien dafür nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das Prestige eines Arbeitgebers ist für Türken, Bulgaren und Rumänen besonders wichtig, Skandinavier lassen sich davon kaum beeindrucken.

Online oder persönlich – was funktioniert in welchem Land?

Auch bei den Informationsgewohnheiten gibt es kulturelle Unterschiede. Das müssen Arbeitgeber insbesondere bei der Wahl der Kanäle berücksichtigen, über die sie potenzielle Bewerber ansprechen wollen. Heutzutage informieren sich die Absolventen – wie sollte es anders sein – mehrheitlich im Internet über Karrierethemen. Wer Webseiten in der jeweiligen Landessprache anbietet, die lokalen Stellenbörsen nutzt und gute, landesspezifische HR-PR macht, kann leicht punkten. Engagements in sozialen Netzwerken hingegen werden unterschiedlich wahrgenommen. Denn während Absolventen der DACH-Region wahre Social-Media-Muffel sind, nutzen osteuropäische Studierende die Netzwerke viel intensiver, um sich zu informieren.

Trotz oder gerade wegen der Informationsflut im Internet spielt weiterhin der persönliche Kontakt zwischen Arbeitgeber und Bewerber eine wichtige Rolle. Hochschulmarketing, vor allem die persönliche Vorstellung am Campus, ist bei Absolventen in Norwegen besonders gern gesehen, aber für Studierende in Polen, Ungarn oder Griechenland kaum relevant. Ein Stand auf Karrieremessen ist in Großbritannien und Irland enorm wichtig. In Italien und Griechenland sollten sich Arbeitgeber diese Investition hingegen zweimal überlegen.

Wägen Sie also ab, in welchem Land Sie Ihre Wunschkandidaten finden und wo Sie mit Ihrer Arbeitgebermarke am besten punkten können. Haben Sie keine Scheu – und machen Sie Ihr Unternehmen zum neuen Zuhause für Europas Beste.

Autorenprofil
Caroline Dépierre ist seit 2008 Research Director des trendence Instituts, eines unabhängigen Forschungs- und Beratungsunternehmens für Employer Branding und Personalmarketing in Berlin. Sie verantwortet alle nationalen und internationalen Studien, für die trendence jedes Jahr über 500.000 Talente befragt. Mit maßgeschneiderten Analysen unterstützt sie zahlreiche Arbeitgeber bei der Weiterentwicklung ihrer Arbeitgebermarke. Ihr Kommentar fußt auf dem trendence Graduate Barometer Europe, einer jährlichen Studie zu den Karriereplänen von 300.000 Absolventen aus 24 Ländern Europas.

Caroline Depierre auf XING, auf Twitter. Webseite: www.trendence.com


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Montag, 14.09.2015

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Dienstag, 15.09.2015

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Mittwoch, 16.09.2015

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Donnerstag, 17.09.2015

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Freitag, 18.09.2015

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