Arbeitsplatz Deutschland

Megathema Migration: Kann die Arbeitsmarktintegration gelingen?

Die Beiträge unseres Schwerpunktthemas „Flüchtlinge als Arbeitskräfte“ haben viele kontroverse Diskussionen ausgelöst. Besonders intensiv diskutierten die Spielraum-User, ob es für Migranten Ausnahmen beim Mindestlohn geben sollte. Hier eine Auswahl der Kommentare.

Syrische Flüchtlinge in Budapest (©Foto: Istvan Csak / Shutterstock.com)

Syrische Flüchtlinge in Budapest (©Foto: Istvan Csak / Shutterstock.com)

Zusammengestellt von Caroline Rudelt

Es sind die Zahlen, die das Problem verdeutlichen: Bis zu einer Million Flüchtlinge werden bis zum Jahresende in Deutschland erwartet. Mit dem wachsenden Zustrom stellt sich auch immer drängender die Frage, wie anerkannte Flüchtlinge bestmöglich in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden können. Denn in einem Punkt waren sich alle Experten einig, die in dieser Woche mit der Spielraum-Community über das Thema „Flüchtlinge als Arbeitskräfte“ diskutierten: Arbeit ist für eine erfolgreiche Integration der Asylbewerber maßgeblich entscheidend.

Uneinigkeit herrschte hingegen bei den Maßnahmen, die dafür ergriffen werden müssten. Auf besondere Resonanz stieß der Vorschlag von Dr. Peter Kulitz, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages, den Mindestlohn in bestimmten Fällen aufzuweichen. Dadurch wäre es beispielsweise problemloser möglich, dass Privatpersonen Flüchtlinge für geringqualifizierte Tätigkeiten auf Stundenbasis beschäftigen könnten. Ein Teil der Spielraum-Community befand diese Maßnahme zumindest für erwägenswert. So lobte Jürgen Rudolph: „Ich finde den Beitrag gut, mutig und richtig.“ Und Michael ergänzte: „Sprengstoff liegt genug in unserer Situation, da sollten wir unsere deutsche Kritiksucht in konstruktive Gedanken wandeln.“

Viele Nutzer fürchten die Aushebelung des Mindestlohns

An Kritik wurde allerdings nicht gespart – viele Kommentatoren bemängelten eine solche Ausnahmeregelung. Holm Jürgens schrieb dazu: „Letztlich ist das für mich wieder ein Versuch, eine Möglichkeit zu schaffen, um den Mindestlohn zu umgehen. Das ist nur Wasser auf die Mühlen derer, die eh keine Zuwanderung wollen.“ Und Lutz Nitsche ergänzte: „Kann ein Mensch wirklich so unqualifiziert sein, dass er nicht mal den Mindestlohn verdient hat?“ Damit folgte er der Argumentation von Michaela Rosenberger, Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Sie warnte in ihrem Beitrag davor, den Mindestlohn anzutasten. Besonders im Gastgewerbe habe man ohnehin bereits ein Nachwuchsproblem, da viele Auszubildende als billige Arbeitskräfte angesehen würden. Nach Einführung der 8,50-Euro-Grenze hoffe man nun auf Besserung – und die sollte auch und vor allem für Flüchtlinge bestehen bleiben. Jens Rietdorf bekräftigte Rosenberger darin: „Gewerkschaften“, so sein Appell, „müssen Hilfesuchende vor Ausbeutung schützen.“

Wandbemalung in Berlin (© Foto: 360b / Shutterstock.com)

Wandbemalung in Berlin (© Foto: 360b / Shutterstock.com)

Einen weiteren Aspekt brachte Bildungsökonom Jens Ruhose in die Debatte ein: Den Unternehmen fehle es häufig an Rechtssicherheit. Zudem behindere ein weiterer Faktor die schnellere Integration, wie Bernd Mesovic von Pro Asyl feststellte. Für ihn ist die Mobilitätsbeschränkung der Flüchtlinge das größte Problem. Da die Behörden feste Aufenthaltsorte zuteilen, könnten Jobsuchende und -anbietende zu selten zueinander finden.

Ein Erfahrungsbericht motiviert zum Nachmachen

Doch es gibt auch Ausnahmen, wie der Fall von Anwältin Yvonne Draheim, Partnerin bei Hogan Lovells International LLP, beweist. Ihre Kanzlei beschäftigt seit mehreren Monaten einen syrischen Anwalt als wissenschaftlichen Mitarbeiter. Ihre Erfahrung: Die Hürden sind hoch, doch sie sind zu nehmen. Ihr Beitrag wurde teilweise äußerst emotional kommentiert. Ein Nutzer forderte: „Wir sollten uns um alle Menschen, die keine Arbeit haben, in Deutschland gleichermaßen kümmern, nicht nur um die Flüchtlinge.“ Darauf antwortete Carsten, ein Nutzer, der seinen Nachnamen nicht angab: „Das Problem ist doch eher das fehlende oder nicht ausreichende Konzept hier im Lande und Europa. Eigentlich sollte es eine Gleichberechtigung unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion, etc. geben. Aber daran habe viele kein Interesse.“ Zumindest für Albert Schomburg, der mit seiner Firma Spezialbaustoffe entwickelt und produziert, gilt das nicht. Er bot in seinem Kommentar Hilfe an: „Wenn wir das Leistungsprofil der einzelnen Flüchtlinge erfahren könnten, würden wir die Integration selbst übernehmen.“


Zum Themenschwerpunkt „Flüchtlinge als Arbeitskräfte – Wie schaffen wir jetzt 500.000 Jobs?“

Wenn die Integration gelingen soll, dann brauchen die Flüchtlinge nach Ansicht vieler Experten schnell eine berufliche Aufgabe. Aktuell häufen sich aber die Klagen: Die Vermittlung sei zu zäh, der deutsche Arbeitsmarkt zu starr. Auf XING spielraum schildern Experten, was sie aktuell beobachten und was aus ihrer Sicht jetzt unbedingt angepackt werden muss.

Montag, 21.09.2015

„Warum wir Ausnahmen vom Mindestlohn zulassen sollten“

Dr. Peter Kulitz, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertag (BWIHK)

„Der Mindestlohn darf auf keinen Fall angetastet werden“

Michaela Rosenberger, Vorsitzende, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG)

Dienstag, 22.09.2015

„Der Konkurrenzdruck für hier lebende Migranten steigt“

Dr. Jens Ruhose, Bildungsökonom, ifo Institut

Mittwoch, 23.09.2015

„Was wir bei der Einstellung eines syrischen Anwalts erlebten“

Yvonne Draheim, Partner, Hogan Lovells LLP

„Asylsuchende sollten dort leben dürfen, wo sie Arbeit finden“

Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer, PRO ASYL

8 Kommentare

Ulrich

25.09.2015

„Nachwuchsproblem“ in der Gastro-Branche? Und das sagt eine Gewerkschaftlerin? Facepalm!

Ihr habt kein Problem, sondern eure schlechte Verhandlungsposition verbessert sich gerade. Wie wär’s mit „danke“ und einen Euro mehr aushandeln für die Azubis?

Klar, dass man für einen Hungerlohn keine Lust auf die harten Gastro-Jobs hat!

S.U.N.

25.09.2015

Zwei Lager scheinen sich zu trennen. Nennen wir sie der Einfachheit halber: Das der „Schwarzseher“ und das der „Idealisten“. Während die Einen vorrangig die Kosten der Aufnahme und der Integration sehen, sprechen die Anderen von den Möglichkeiten, durch Migranten endlich die Arbeitskräfte finden zu können, die uns fehlen.

Was ist an den beiden Szenarien dran? Beide haben auf ihre Weise Recht. Was aber bislang bei dem Thema der Flüchtlinge zu kurz kommt, ist die Frage, inwieweit wir die Situation gestalten.

Integration passiert nicht von alleine. Hier haben wir bislang in Deutschland enorme Fehler begangen. Die Bundesregierung ist nun gefragt. Es geht darum, deutliche Anreize, aber auch Sanktionen zu setzen, um dafür zu sorgen, dass die „Schwarzseher“ nicht Recht behalten.

Das beginnt darin, dass beruflich qualifizierte Menschen auch die Möglichkeit bekommen, unserem Arbeitsmarkt ihre Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen. Beispielsweise werden die ausländischen Abschlüsse vieler hochqualifizierter Fachkräfte bei uns nicht anerkannt. Wirtschaftlich gesehen, vergeuden wir hier enorme Ressourcen. Persönlich betrachtet, quälen wir diese Menschen, denen wir doch helfen wollen.

Hinsichtlich der sozialen Integration ist es an der Zeit, anstelle „politisch weichgespülter“ Absichtserklärungen, klare Signale zu setzen und zu handeln: Wer als Asylsuchender anerkannt werden will, muss auch die Bereitschaft zeigen, unsere Sprache zu lernen und die Regeln unserer Gesellschaft zu akzeptieren. Wer dazu nicht bereit ist, ist auch eines Asyls nicht würdig.

Liebe Politiker, liebe Beamte, handelt endlich – und das bitte pragmatisch, mit Weitsicht und Augenmaß! Es ist bitter, wenn diese Arbeit ausschließlich auf den Schultern Freiwilliger zu liegen scheint. Appelle an die Bevölkerung sind zu wenig. Aufschreie bei ausländerfeindlichen Aktionen sind nicht nur ein Zeichen von Hilflosigkeit, sondern leider auch von Unfähigkeit. Setzt deutliche Signale die der uns Deutschen zeigen: Wir haben nicht nur Absichten, sondern auch Ziele vor Augen mit klaren Strukturen. Nur so können uns die Ängste genommen werden. Nur so erhält eine echte Willkommenskultur, die vom Volk mitgetragen wird, eine Chance!

Rain.Hardt

25.09.2015

Hm, wir brauchen Arbeitskräfte? Noch so ein Märchen. Meine Frau ist 33 studierte Ingenieurin und hat mit Mühe und Not einen Job bekommen. In der untersten Kategorie, knapp über dem Mindestlohn. Artgumentation eines Personalers: Sie wäre im gebärfähigen Alter, das müsse man berücksichtigen. Und außerdem sind weibliche Ingenieure in Deutschland nicht so gewünscht …

Ich selber habe nach 10-jährigem Auslandsaufenthalt (als deutscher Ausländer !) mit 43 ebenfalls einen Job der eigentlich keiner ist: Kurierfahre, (schein)selbständig. Ob ich mal studierte oder über welöche Fachkenntnisse ich auch verfüge – Leute über 40 mit Karriereknick bekommen mal eben keinen guten Job in Deutschland.
Und dann will man 1,3 Millionen (soviel sind seit letzem Jahr hierher geschickt worden), von denen mehr als 40% gar keinen Schulabschluss haben, in einen Arbeitsmarkt vermitteln? Für welche Stellen?

Glaubt ihr denn wirklich, dass Politiker Arbeitsplätze schaffen können? Eine kluge Firma wird eher im Ausland produzieren lassen, wo man bei niedrigen Lohnkosten bereits ausgebildetes Personal bekommt.
Mann, wie naiv seid ihr denn ???

Robbijan

25.09.2015

Die Regierungen haben viele Probleme nicht behandelt oder falsch und mit Krämerseelenmentalität und Mittelmäßigkeit angefasst und fast nichts Vernünftiges Zustande gebracht. Warum?
Erstens gibt es eine lobbyistenabhängigkeit die wiederum Vernünftige Entscheidungen negiert und Unbrauchbar nicht nachhaltig meist nur für die Großen Wirtschaftskonzerne.
Politik für Menschen kann nur Funktionieren wenn es keine Lobbyisten in Europa und Berlin mehr gibt ansonsten ist das bestechung und alle Entscheidungen werden Ungerecht und verrückt.

Horschdl

25.09.2015

Der Kommentar von S.U.N. spricht mir aus der Seele. Warum ist es in der Politik
nicht möglich, einmal so auf eine besondere Situation zu reagieren?
Viele Politiker suchen die Öffentlichkeit mit unausgereiften Informationen,Einzelpositionen und Kommentaren, die keinem helfen.
Und auch ich bin der Meinung, keiner informiert uns darüber, was uns die nächsten 10 Jahre erwartet.
Ein „Obergau“ ist für mich die Information aus der Hamburger Politik, dass man beabsichtige, für die Unterbringung der Flüchtlinge, Gewerbehallen zu beschlagnahmen. Dafür will man sogar Gesetze ändern.
Ich bin sprachlos.

Michael

25.09.2015

Unser System der Verteilung von Macht und Geld ist „alternativlos“. Niemand hat die Phantasie, dass es anders sein könnte. Jeder sucht für sich persönlich den besten Deal herauszuholen. Kein Wunder, dass Arbeitgeber dies nutzen, um selber mehr vom Kuchen zu holen. Das ist belegt. Warum sollten sie jemanden qualifizieren, wenn sie ihn genauso rauswerfen und durch einen anderen genauso Billigen ersetzen können?

Jo Wie

26.09.2015

Es wird große Anstrengungen erfordern, Flüchtlinge aus Ländern mit fremden Sprachen und Schriftzeichen zu integrieren. Bald 90% der Flüchtlinge aus dem arabischen Raum kennen nur die arabische Schrift, nicht unser Alphabet und sprechen unsere Sprache nicht. Wer hier von hochqualifizierten Fachkräften spricht, hat den Begriff „Qualifikation“ nicht verstanden,

Stefan

01.10.2015

Wir alle werden mit dem Resultat einer dummen und unbedachten Äußerung unserer Bundeskanzlerin noch sehr lange leben müssen. Kein Politiker wird in der Lage dieses „Problem“ zu lösen, da sie ein wesentlicher Teil des Problems sind!

Jedem der einigermaßen klar denken kann sollte klar sein das etwa 50-60% der „Fachkräfte“ keine Ausbildung/ Qualifikation besitzen und nicht die deutsche Sprache beherrschen! Die gut bis sehr gut ausgebildeten 10 Prozent werden von der Wirtschaft gerne genommen und integriert werden. Der Rest wird auf Kosten der Allgemeinheit alimentiert werden müssen. (incl. Kinder, Kindeskinder und Familiennachzug)

Verteilungskämpfen zwischen der deutschen Bevölkerung und den Migranten sind nur eine Frage der Zeit!

Das einzig gute daran ist, das spätestens in der nächsten Wirtschaftskrise dieser „Sozialstaat“ ein Ende hat. Am bemerkenswertesten ist die Tatsache das sämtliche politisch korrekten Gutmenschen, Weltretter und Träumer zu dumm sind dies zu bemerken.