Mein Wunschjob

Kommentar: Warum es nie besser um unsere Arbeit stand

Inmitten der Debatten um die gesellschaftlichen und technologischen Disruptionen unserer Zeit vergessen wir manchmal, wie gut es um eines unseres wichtigsten Fundamente steht: Hier sind vier Gründe, warum die Chancen, im Job glücklich zu werden, größer sind als jemals zuvor. Ein Zwischenruf von spielraum-Redaktionsleiter Ralf Klassen.

1. Die Jobauswahl wird immer größer

Zugegeben: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird unübersichtlicher. Jahr für Jahr erfinden Wirtschaft und Gesellschaft immer mehr neue Berufe mit teilweise immer kurioser klingenden Titeln. Aber diese Ausdifferenzierung hat unübersehbare Vorteile für Arbeitnehmer. In den sich ständig weiter ausbreitenden Nischen kann jeder den Arbeitsplatz seiner ganz individuellen Wünsche finden. Die technologischen Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung, zur Spezialisierung sind enorm. Wenn Sie also Jurist mit Schwerpunkt neue Energiewirtschaft werden wollen, oder Entwicklungshelfer in Bolivien (und zwar nur in Bolivien), oder Segelflugzeugmechaniker in Australien, sind die Chancen dafür größer denn je. Und die neuen digitale Vernetzung hilft Ihnen, innerhalb weniger Augenblicke einen Überblick über die Lage in ihrem ausgesuchten Berufsfeld zu bekommen, Erkundigungen über potenzielle Arbeitgeber einzuholen oder weltweit mit Firmen in Kontakt zu treten. Topf meets Deckel – und wenn es selbst in Bolivien ist.

2. Der Arbeitsmarkt ist günstig

Auch wenn es in der ein oder anderen Branche noch nicht ganz so weit ist: Der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften, gerade in den so genannten Wissensarbeiterjobs, wird in den nächsten Jahren auch in Deutschland immens anwachsen. Der Bevölkerungsrückgang kann voraussichtlich nicht durch Migration oder technologische Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ausgeglichen werden. Das, was heute schon beispielsweise IT-Spezialisten erfahren, dürfte dann in vielen Berufsgruppen gang und gäbe sein – ein Kampf der Unternehmen um die besten Kräfte. Sei es nun festangestellt oder als sehr gut entlohnte Freelancer. Welche Generation in Deutschland hat dergleichen jemals erlebt?

3. New Work kommt an

Früher war alles besser? Denkste. Wer Geschichten aus dem Arbeitsleben der heute 60plus-Generation hört, von der Regentschaft von Stechuhren und grauen Herren, die nie mit denen da unten sprachen, kommt sich mitunter vor, als erzähle Vater (Mutter durfte ja noch nicht so richtig mitmachen) von einem fremden Planeten. Umgekehrt schlackern der Rentnergeneration die Ohren, wenn am Sonntagstisch mit den Enkeln über Home Offices, Sabbaticals, Firmen-Kitas und Demokratie im Unternehmen geplaudert wird. Sicher, noch längst nicht überall werden die Prinzipien des New Work wirklich angewendet, nicht alles ist Gold, was da glänzt – aber mir kommt es mitunter so vor, als würden wir die radikale Transformation, die unsere Arbeitswelt in den vergangenen 20 Jahren durchlebt habt, viel zu leichtfertig als bloße Selbstverständlichkeit abtun. Und sie dabei nicht genießen.

4. Digitalisierung ist richtig

DAS Lieblingsthema für Pessimisten und Euphoriker gleichzeitig. Für die einen ist die Digitalisierung der Arbeitswelt der Killer von Millionen Jobs, ein Werkzeug der Entfremdung und gnadenlosen Effizienzgier. Die anderen loben sie in den Himmel und erschaffen dort schon mal eine Welt, fast ohne Arbeit überhaupt, in der sich die Menschheit vor allem mit gegenseitiger sozialer Betreuung und kreativem Wettstreit beschäftigen wird.
Die Wahrheit aber wird höchstwahrscheinlich in der Mitte liegen. Denn digitale Innovationen, Roboter- und Algorithmusboom, werden unter dem Strich nicht die Arbeit abschaffen, aber zu größeren Freiheiten in der Gestaltung unserer Arbeit werden: Menschen vernetzen sich weltweit, können ihre Ideen und Fähigkeiten austauschen, Probleme gemeinsam lösen. Stupides wird weiter zurückgedrängt, neue Freiräume entstehen. Dabei müssen wir aber darauf achten, möglichst viele Menschen an dieser digitalen Revolution teilhaben zu lassen – durch bessere Bildung und mehr soziale Aufstiegschancen auch jenseits der üblich verdächtigen Schichten. Nur so wird Arbeit zur Chance für alle.

1 Kommentare

Karin Brochhaus

22.09.2015

Einwurf:
Es ist aber auch Fakt, dass Deutschland immer älter wird – und leider ist es immer noch so, dass eben „ältere“ Arbeitnehmer nur schwierig einen (neuen) Job finden. Wobei man hier „älter“ durchaus schon mit 40 Jahren gleichsetzen kann. Leider ist es in den Unternehmen immer noch nicht angekommen, dass die älteren Arbeitnehmer eben immer mehr werden und diese einen immensen Vorteil bieten: nämlich ihre Berufs- und Lebenserfahrung, mit denen die jungen Menschen, die gerade mal frisch von der Uni oder auch aus der Ausbildung kommen, nun mal nicht aufweisen können. Es ist leider immer noch so, dass der „perfekte“ Arbeitnehmer möglichst jung und dynamisch ist (so um die 20), aber dabei mindestens schon 30 Jahre Berufserfahrung haben sollte. Ganz davon abgesehen, werden leider immer noch jüngere Arbeitnehmer bevorzugt, weil sie eben kostengünstiger sind – ein erfahrener Arbeitnehmer kostet eben auch ein höheres Gehalt und wird auch leider öfter mal krank.

Noch schwieriger wird es für Frauen – jungen Frauen wird grundsätzlich ein Kinderwunsch attestiert (selbst wenn dieser gar nicht vorhanden ist) und diese somit meistens nur auf Zeit eingestellt. Ältere Frauen haben es aber ebenso schwer (wenn nicht noch schwerer), da hier davon ausgegangen wird, dass diese durch die Zeiten der Kindererziehung „aus dem Beruf raus“ sind und nicht mehr auf dem Laufenden sind. Das sind übrigens auch genau die Gründe, warum es immer noch so schwer für Frauen ist, ganz an die Spitze eines Unternehmens zu gelangen und warum man eine „Frauenquote“ überhaupt erst einführen bzw. diskutieren muss.

Aufgrund dieser ganzen Tatsachen sollte man den obigen Artikel schon ein bisschen kritischer hinterfragen, obwohl er natürlich auch viel Wahres enthält. Aber jedes Ding hat nun mal zwei Seiten, die man versuchen sollte, zu sehen!