Digitalisierung

Job-Killer oder Segen? Das bringt die Digitalisierung

Bedrohen Roboter, Computer und sonstige „intelligente“ Maschinen tatsächlich Millionen von Arbeitsplätzen? Wer muss sich Sorgen um seinen Job machen, wer ist sicher? Klaus F. Zimmermann vom IZA – Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit gibt Antworten.

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1. Die digitale Zukunft ist jetzt

Werden wir Zeugen einer digitalen Revolution, die unsere Arbeitswelt auf den Kopf stellt? Nehmen uns Roboter und Maschinen unsere Arbeitsplätze weg? Diese Fragen bekommen immer mehr Aufmerksamkeit, denn tiefgreifende Änderungen unseres Lebensalltags sind spürbar. Man braucht längst keine Science-Fiction-Literatur mehr zu bemühen, um ein Bild des digitalen Zeitalters zu erhalten. Es genügt vielmehr ein neugieriger Blick in die Welt. So erleben wir in unserem persönlichen Umfeld hautnah, wie das „Internet der Dinge“ mehr und mehr zur Realität wird. Wenn Kopierer und Drucker bereits wie selbstverständlich autonom Toner nachbestellen, dann wird unser nächster Kühlschrank die Einkäufe bestellen und spätestens unser übernächstes Auto wird autonom fahren. Schließlich sind unsere Arbeitsplätze schon heute weltweit vernetzt und es macht keinen Unterschied mehr, wann und wo wir unseren Laptop öffnen.

2. Nichts ist so beständig wie der Wandel

Die Menschheit sieht sich schon seit Jahrtausenden mit den Herausforderungen konfrontiert, die der technische Fortschritt mit sich bringt. Neu ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der sich dieser permanente Transformationsprozess derzeit vollzieht. So haben sich in den letzten Jahren viele Industrien erheblich gewandelt. Heute produziert das weltgrößte Medienunternehmen keine eigenen Inhalte („Facebook“), der weltgrößte Anbieter von Unterkünften besitzt keine eigenen Immobilien („Airbnb“) und das weltgrößte Taxiunternehmen hat keine eigenen Fahrzeuge („Uber“).
Trotz zunehmender Geschwindigkeit haben wir es jedoch weiterhin mit einem Prozess der „kreativen Zerstörung“ zu tun. Dazu gehört, dass bekannte Unternehmen und einstmals mächtige Wirtschaftszweige vom Markt verschwinden. Gleichzeitig entstehen ständig neue Firmen und ganze Branchen, die es zuvor nicht bzw. nicht in dieser Bedeutung gegeben hat. Das sind unaufhaltsame, aber keineswegs neue Entwicklungen, die jedoch mit Unsicherheiten verbunden sind.

3. Auch besser Qualifizierte sind von der Automatisierung bedroht

Ängste vor diesen Veränderungen sind nachvollziehbar. Denn während Rationalisierungsmaßnahmen bislang vor allem Beschäftigte mit geringer Qualifikation betroffen haben, bedroht die Automatisierung zunehmend auch besser Qualifizierte. Es wird sogar prognostiziert, dass fast jeder zweite Arbeitsplatz in den nächsten 20 Jahren durch Maschinen, Roboter und Computerprogramme ersetzt werden könnte. Dazu zählen neben Telefonverkäufern, Büroangestellten, Köchen und Packern unter anderem auch Piloten und Richter, wobei letztere einen ungleichen Kampf gegen Autopiloten und Algorithmen antreten.
Es sind somit vor allem Berufe bedroht, in denen Präzision und Routine eine hohe Bedeutung zukommen. Hier sind uns Maschinen überlegen. Umgekehrt zeichnen sich zukunftssichere Arbeitsplätze durch hohe Anforderungen in den Bereichen Kreativität, soziale Intelligenz und unternehmerisches Denken aus. Dazu zählen Architekten, Ärzte, Lehrer und Psychologen – aber etwa auch Förster und Fitnesstrainer. Daneben werden neue Berufe entstehen, von denen wir heute noch gar keine Vorstellung haben.

4. Risiken verlagern sich stärker auf Individuen

Unsere Arbeitswelt ist also stark in Bewegung. Sie wird vielfältiger und informeller. Dies hat auch Auswirkungen auf unsere künftigen Arbeitsformen. Mir erscheint es plausibel, dass ein neuer Typus des „Arbeitnehmerselbständigen“ entsteht. Er ist überall verfügbar und vereint die Merkmale der Erwerbsgesellschaft von morgen in sich, zu denen vernetztes Arbeiten, Denken und Handeln zählen. Beruf und Privatleben verschmelzen und flexible Arbeitszeiten werden zum Standard.
Hinweise auf diese Entwicklungen sehe ich bereits. Das Beispiel „Uber“ zeigt, wie auf einem virtuellen Marktplatz Gelegenheitsfahrer und Fahrgäste zusammengebracht werden. Die Übertragung dieses Prinzips auf andere Branchen und auf Fach- und Geistesarbeiter führt zu einer Verlagerung von unternehmerischen Risiken auf Arbeitnehmer. Auch deshalb wird unternehmerisches Denken immer mehr zu einer Schlüsselkompetenz.

5. Rahmenbedingungen aktiv gestalten

Um den Wandel auf Augenhöhe zu begleiten, müssen wir unsere Institutionen in Wirtschaft und Gesellschaft weiter entwickeln. Insbesondere in den Bereichen der Wettbewerbspolitik, des Datenschutzes, des Sozialstaates sowie auf unseren Arbeitsmärkten stehen wir vor größeren Herausforderungen. Diesen Entwicklungen müssen sich auch die Gewerkschaften stellen. Noch haben wir es selbst in der Hand, die Rahmenbedingungen zu gestalten. Dann kann es gelingen, die neuen Chancen und vielfältigen Potenziale der digitalen Arbeitswelt bestmöglich zu nutzen. Darüber hinaus muss Bildung endlich zum Top-Thema gemacht werden, um einer breiten Bevölkerung digitale Teilhabe als Voraussetzung zur wirtschaftlichen und sozialen Integration zu ermöglichen.

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