„Firmen und Mitarbeiter haben Barrieren im Kopf!“

Obwohl die Welt immer globaler wird, sind immer weniger Deutsche bereit, für den Job ins Ausland zu gehen. Die Unternehmen wiederum fürchten zusätzlichen Aufwand und Kosten durch die Reintegration von Expats. Diese Entwicklung ist bedenklich, sagt Christoph Kleinen, Partner bei der Personalberatung Heidrick & Struggles.

Von Christoph Kleinen, Heidrick & Struggles

Personalexperte Kleinen: "Die Rahmenbedingungen für Expats sind unattraktiver geworden" (©Foto: privat)

Personalexperte Kleinen: „Die Rahmenbedingungen für Expats sind unattraktiver geworden“ (©Foto: Julia Schwager)

Es passiert zu oft. Eine offene Stelle in München, vier geeignete Kandidaten – drei von ihnen wohnen in Hamburg, Düsseldorf und Frankfurt, einer in London. „Laden Sie mal zuerst die Drei aus Deutschland ein“, heißt es dann meist bei den Unternehmen. London, schon das ist für viele gefühlt mit großem, zusätzlichem Aufwand verbunden.

Die Welt wird immer globaler, aber in der Praxis erleben wir Personalberater derzeit genau das Gegenteil: Landesgrenzen sind in vielen Fällen heute sehr viel präsenter als noch vor ein paar Jahren. Unternehmen suchen ihre Kandidaten immer noch vorrangig im Heimatmarkt. Zugleich gibt es immer weniger Mitarbeiter, die bereit sind, ins Ausland zu gehen. China? Viele exportorientierte Firmen würden liebend gerne aus ihrer Zentrale qualifizierte Angestellte entsenden, damit die dort neue Standorte aufbauen. Bei der Suche merken wir: sehr schwierig! Mal ist den Kandidaten die Luftverschmutzung zu groß, mal möchte die Partnerin oder der Partner nicht mitziehen, andere haben schon im Vorfeld Angst, dass sie daheim dann keinen Anschluss-Job mehr finden. Wenn London schon schwierig ist, wie soll dann erst die Rückkehr aus Dubai oder Jakarta klappen?

Viele gut Ausgebildete wählen jetzt „Ausland light“

Diese Entwicklung ist bedenklich. Gerade Mittelständler müssen ihre Expansionspläne in Wachstumsmärkten wie China, Indien, Südamerika eindampfen, weil sie den Mitarbeitern vor Ort das mitunter sehr spezielle Knowhow erst beibringen müssen. Zudem lassen sich die Firmen wichtige Impulse entgehen: Mitarbeiter, die im Ausland waren, sind oft überdurchschnittlich flexibel, motiviert und können ganz neue Sichtweisen einbringen. Und die verhinderten Expats verzichten auf eine Erfahrung, die fachlich wie persönlich sehr lehrreich und prägend sein kann.

Stattdessen beobachten wir: Viele gut Ausgebildete wählen jetzt „Ausland light“. Sie gehen während des Studiums für ein halbes oder ein ganzes Jahr an eine Partner-Universität oder hängen einen Master-Titel dran. Wer den Hunger verspürt, etwas Neues zu erleben, ist damit oft schon befriedigt – und das bei überschaubarem Risiko. Denn, das muss auch gesagt werden: Die Rahmenbedingungen für Expats sind unattraktiver geworden. Früher gab es deutliche Zuschläge und bei Rückkehr meist auch sicher eine neue Aufgabe, oft verbunden mit einer Beförderung. Heute haben es die Heimkehrer deutlich schwerer.

„Den bekommen wir hier nicht mehr sozialisiert.“ Wer sagt das?

Wenn Deutschland auch in der fernen Zukunft international mitspielen will, müssen wir alle umdenken! Rein praktisch heißt das: Die Unternehmen, das merken wir in unseren Gesprächen, diskutieren schon aktiv, ob und wie sie einen Auslandsaufenthalt attraktiver gestalten können. Wichtig ist auch, Erwartungen und vorgefertigte Meinungen zu hinterfragen. Wenn jemand lange in Asien gearbeitet hat, heißt es oft: „Den bekommen wir hier nicht mehr sozialisiert.“ Wer sagt das?

Allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern wiederum raten wir, sich möglichst früh zu überlegen, welche Karriere sie anstreben und wo sie arbeiten wollen. Bin ich so heimatverbunden, dass ich einen Umzug ausschließe? Wie hoch ist meine Risikobereitschaft? Was möchte ich erreichen? Gerade die so genannte Generation Y tendiert dazu, auch beruflich vor sich hinzuleben. Was man sich aber immer klar machen sollte: Manche Entscheidungen erhöhen die Optionen, die man später hat, andere limitieren sie. Wenn sowohl Firmen als auch Arbeitnehmer daher vorher klar ihre Ziele definieren und ihre Erwartungen frühzeitig kommunizieren, dann kann das den Frust auf beiden Seiten deutlich reduzieren, wenn es dann eines Tages um die Frage geht: Ab ins Ausland – ja oder nein?

Autorenprofil:
Christoph Kleinen (geb. 1963) ist Partner der international tätigen Personalberatung Heidrick & Struggles, und leitet vom Frankfurter Büro aus die Segmente Handel und Konsumgüter. Zu seinen Kunden zählen internationale Marken, Start-Ups und schnell wachsende Unternehmen aus diesen Industrien. Vor seinem Wechsel zu Heidrick & Struggles war der Volks- und Betriebswirt für Korn/Ferry International sowie für Tengelmann und Kraft Foods tätig.

Christoph Kleinen auf XING und bei Heidrick & Struggles


Zur Themenwoche „Pro und Contra Auslandsaufenthalt“

Fast zwei Millionen Deutsche arbeiten aktuell im Ausland. Was für viele als Traum beginnt, endet jedoch oft im bösen Erwachen: Firmen und Personalberater bestrafen die Rückkehrer hart; viele haben Probleme, zuhause einen neuen Job zu finden. Die Bereitschaft, ins Ausland zu gehen, sinkt deswegen stetig. Was heißt das für Sie? Wie wird der Auslandsaufenthalt zum Turbo für Ihre Karriere?

Unsere Themenwoche bietet Ihnen jeden Tag einen neuen Experten-Beitrag.

Montag, 14.09.2015

„Wie ein Indien-Aufenthalt meine Karriere beendet hat“

Volker Müller-Behncke, Unternehmer

Dienstag, 15.09.2015

„Firmen und Mitarbeiter haben Barrieren im Kopf!“

Christoph Kleinen, Partner, Heidrick & Struggles

Mittwoch, 16.09.2015

„Auslandsaufenthalte werden immer wichtiger“

Anke Schmidt, Leiterin Global Talent Management, BASF

Donnerstag, 17.09.2015

„So holen Sie sich internationale Talente ins Haus“

Caroline Dépierre, Research Director, trendence Institut

Freitag, 18.09.2015

„7 Tipps, wie Ihr Auslandsaufenthalt sicher ein Erfolg wird“

Jutta Boenig, Vorstand bei der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung

6 Kommentare

Silvi Dias

15.09.2015

Würde gerne in etwa einem halben- einem Jahr ins Ausland gehen.
Weiß, leider nicht welches Land für mich in Frage käme.
Bin im Moment noch bis Ende November in meiner Umschulung als Bürokauffrau.
Im Anschluss möchte ich noch rinen intensiv Englischkurs absolvieren.
Hätten Sie mir dazu einen tollen Tip dazu.
Besten Dank im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Silvi Dias

Frank Martini

15.09.2015

Zitat: „Den bekommen wir hier nicht mehr sozialisiert.“ Wer sagt das?

Darauf gibt es eine einfache Antwort: Ein hochtrabend bei vielen Unternehmen „HR“ genanntes Personalunwesen, dass in allen Aspekten dieses dankenswerterweise hier aufgegriffenen Themas ein erschreckendes Maß an Mediokrität, um nicht zu sagen Kleingeistigkeit offenbart!
Auf welcher Basis bitte konnte sich denn der erhebliche Markt an Personalberatungen und im Head Hunting – der so groß ist, dass es inzwischen selbst dort von zweifelhafter Qualität wimmelt – entwickeln, wenn nicht der einer uneingestandenen absolut unzureichenden Qualität in den Personalabteilungen deutscher Unternehmen? Schon in unseren die Internationalität betreffend wesentlich offeneren Nachbarländern dürfte man sich über die tollen Deutschen allmählich nur noch schlapp lachen…
Wenn Deutschland sich tatsächlich abschafft, wie ein namhafter SPD-Angehöriger einmal getitelt hat, mag das zutreffen. Aber das hat – wie auch dieses Beispiel zeigt – eher wenig mit der Migration nach Deutschland zu tun…

RoRo

15.09.2015

War 5 Jahre in den USA (ohne Rückfahrticket) und würde es wieder machen. Mein größter Fehler war, wieder nach Österreich zurück zu kehren! Bei der Suche nach einem Anschlussjob waren gerade die Personalberater absolut nutzlos (viel Schulterklopfen und heiße Luft).

Heribert Kailbach

15.09.2015

Leider ist es tatsächlich so, dass nach erfolgreichem Auslandseinsatz in TOP-Positionen nicht automatisch die weitere Karriere problemlos in Deutschland fortgesetzt werden kann. Aber ich bin der Meinung, dass wenn sich ein Manager im Ausland durchsetzen kann, er auch wieder in der Lage ist, sich den Gegebenheiten in Deutschland anzupassen. Ich selbst war als Bankvorstand mehrere Jahre in Rumänien, habe aber auch negative Erfahrungen bei der Rückkehr erlebt.
Interessenten dürfen sich gerne bei mir melden. Viele Kollegen auch aus anderen Branchen haben ähnliche Erfahrungen gemacht, insbesondere nach langen Jahren im Ausland. Hier müssen Firmen dringend umdenken.

A. Riem

16.09.2015

Kein Kommentar, lediglich der Link zu den Branchennews vom Montag…

http://www.xing-news.com/reader/news/articles/104408?newsletter_id=7779&xng_share_origin=email

Ohne Worte!!

Rita Meier

16.09.2015

Der druck ist sehr Gross wen mann in Ausland Arbeitet weil die Firmen 100 prozent von den experten verlangen , und wenn dann noch die Familie dabei ist wird es noch stressiger weil mann nicht viel Zeit für senie Familie hatt und so damit auch die Ehen in den brüchen gehen so wie meine Ehhe . Und wenn mann es ein mal in Ausland war werd es sehr schwer wieder hier in Deutschland fuss zufassen.Am schlimsten ist es wenn mann in Asiatischen Länder arbeitet die Mänschen dort haben einen kompleten anderen Mentalitet und Arbetsweisse als hier bei uns. Deswegen ist es hier sehr schwer erst den gleiche arbeits position zu finden und zweitens mann muss auch damit rechnen dasman von unten nochmal anfangen muss oder mann bekommt gesagt du gehst nochmal in Ausland wir haben kein Job für dich hier. Also gut vorher überlegen ob mann in Ausland Arbeiten gehen möchte oder nicht und ob am schluss das Geld mehr werd ist als seine Familie und ob es für die Zukunft Beruflich was bringst weil das Leben nicht nur in Ausland ist sondern alle müssen ergendwann wieder hier her zurück.