Arbeitsplatz Deutschland

"Der Mindestlohn darf auf keinen Fall angetastet werden"

Das Gastgewerbe könnte mit Flüchtlingen das Nachwuchsproblem lösen. Die Schutzsuchenden als Billigarbeitskräfte auszunutzen wäre aber das falsche Signal, warnt Michaela Rosenberger, Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Sie antwortet damit auf unseren Themenwochen-Beitrag „Warum wir Ausnahmen vom Mindestlohn zulassen sollten“ von Peter Kulitz

Gewerkschaftsvorsitzende Rosenberger: "Flüchtlinge dürfen nicht ausgenutzt werden." (©Foto: www.ngg.net)

Gewerkschaftsvorsitzende Rosenberger: „Flüchtlinge dürfen nicht ausgenutzt werden.“ (©Foto: www.ngg.net)

Das Gastgewerbe leidet unter einem Nachwuchs- und Fachkräftemangel wie kaum eine andere Branche. In deutschen Hotels, Restaurants, Küchen und Cateringbetrieben fehlen zehntausende Fachkräfte. Ein großer Teil der rund 40.000 Lehrstellen, die mangels Bewerbern in diesem Jahr unbesetzt bleiben, wurden von Betrieben aus dieser Branche angeboten. Hoteliers und Gastronomen blicken voller Sorge in die Zukunft. Denn der Mangel wird sich noch verschärfen: Wo es heute keine Auszubildenden gibt, gibt es morgen keine Fachkräfte.

Der Flüchtlingsstrom könnte helfen, das Fachkräfteproblem im Gastgewerbe zu lösen. Rund 800.000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland Asyl beantragen – ohne Frage eine riesige Herausforderung für unser Land. Aber viele der Schutzsuchenden sind hochmotiviert und ausbildungsbereit. Junge Menschen aus Syrien, dem Irak oder Eritrea könnten die unbesetzten Lehrstellen füllen und viele würden es mit Freude tun.

Das deutsche Gastgewerbe könnte bei der Integration sehr helfen. Könnte.

Für Ausländer ist das Gastgewerbe schon lange eine erste Anlaufstelle auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Fast ein Viertel der Beschäftigten stammt nicht aus Deutschland – branchenübergreifend liegt der Ausländeranteil bei nur 7,2 Prozent. Das zeigt: Bei der Integration der Flüchtlinge könnte das deutsche Gastgewerbe eine wichtige Rolle übernehmen. Könnte.

Der Konjunktiv ist angebracht – leider. Besteht doch wenig Grund zur Annahme, dass man in der Branche diesmal die Zeichen und Chancen der Zeit erkennt. Unverantwortlich wäre es, wenn, wie bereits öffentlich (auch hier) gefordert, der Mindestlohn für Flüchtlinge herab- oder gar ausgesetzt würde. Schnell würde so ein Arbeitsmarkt unterhalb der gerade eingezogenen Mindestlohngrenze entstehen – nicht nur, aber auch und gerade im Gastgewerbe.

Schließlich kommt der Nachwuchsmangel nicht von ungefähr, sondern ist die Quittung der jahrelangen Versäumnisse vieler Arbeitgeber und ihres Arbeitgeberverbandes, dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Obwohl es sich junge Menschen heute aussuchen können, in welchem Beruf sie sich ausbilden lassen, werden Auszubildende im Gastgewerbe weiterhin viel zu oft nicht als Lernende und lohnende Investition in die Zukunft, sondern als besonders billige Arbeitskräfte betrachtet. Obgleich angesichts des Fachkräftemangels eigentlich unverantwortlich, sind die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen vielerorts noch immer miserabel.

Neun Monate nach seiner Einführung ist längst klar, dass der Mindestlohn keine Jobs gekostet, sondern maßgeblich zum derzeitigen Boom auf dem Arbeitsmarkt beigetragen hat – nie zuvor gab es so viele sozialversicherungspflichtige Jobs wie heute. Das Aussetzen des Mindestlohns für eine solch große Gruppe wie die der in Deutschland Schutzsuchenden, wäre de facto das Ende des Mindestlohns in Deutschland.

Die vielen hochmotivierten Menschen kommen wie gerufen

Asylkritikern und Rechtspopulisten böte das einen idealen Nährboden. Denn viele, die heute vom Mindestlohn profitieren, würden ihren Job an die noch schlechter bezahlten Neuankömmlinge verlieren. Und überhaupt: Was wäre es für ein Signal an die Flüchtlinge, dass ihre Arbeit grundsätzlich weniger wert ist, als die ihrer Gastgeber? Schlimm wäre es, wenn es die Politik skrupellosen Arbeitgebern leicht machen oder gar erlauben würde, Menschen, die vor Krieg und Elend geflüchtet sind, als Billigarbeitskräfte auszunutzen.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge mit Blick auf die demographische Entwicklung „einen Segen“ genannt. Für das Gastgewerbe hat sie damit ohne Zweifel Recht, hier kommen die vielen hochmotivierten jungen Menschen wahrlich wie gerufen.

Bleibt zu hoffen, dass jetzt viele Betriebe die Chance ergreifen, sich proaktiv um die Flüchtlinge zu bemühen, auf Betreuungseinrichtungen und Ämter zugehen und den Schutzsuchenden eine qualitativ gute Ausbildung und Arbeit zu fairen Bedingungen bieten. Das Gastgewerbe kann einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten, kann vielen Flüchtlingen eine erste Anlaufstelle auf dem deutschen Arbeitsmarkt sein und gleichzeitig dem eigenen Fachkräftemangel entgegenwirken.

Die Politik darf diese wichtige Integrationsarbeit nicht durch bürokratische Hindernisse erschweren. Und jene, die eine Ausbildung begonnen haben, müssen natürlich auch in Deutschland bleiben dürfen. Vor allem aber muss es den schwarzen Schafen der Branche unmöglich gemacht werden, Flüchtlinge gnadenlos auszunutzen und sich so einen Vorteil gegenüber ihren Konkurrenten zu verschaffen.

Autorenprofil:
Michaela Rosenberger (*12. Mai 1960) ist gelernte Hotelfachfrau und Berufsschulfachlehrerin und wurde Anfang der 1990er Jahre in Lübeck zur Gewerkschaftssekretärin ausgebildet. Seit 2013 ist Michaela Rosenberger Vorsitzende der ältesten Gewerkschaft in Deutschland, der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Die NGG vertritt heute rund 205.000 Mitglieder in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie, im Lebensmittelhandwerk und der Gastronomie.

Aufmacherbild: Wandbemalung in Berlin / ©Foto: 360b / Shutterstock.com


Zum Themenschwerpunkt „Flüchtlinge als Arbeitskräfte – Wie schaffen wir jetzt 500.000 Jobs?“

Wenn die Integration gelingen soll, dann brauchen die Flüchtlinge nach Ansicht vieler Experten schnell eine berufliche Aufgabe. Aktuell häufen sich aber die Klagen: Die Vermittlung sei zu zäh, der deutsche Arbeitsmarkt zu starr. Auf XING Spielraum schildern Experten, was sie aktuell beobachten und was aus ihrer Sicht jetzt unbedingt angepackt werden muss.

Montag, 21.09.2015

„Warum wir Ausnahmen vom Mindestlohn zulassen sollten“

Dr. Peter Kulitz, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertag (BWIHK)

„Der Mindestlohn darf auf keinen Fall angetastet werden“

Michaela Rosenberger, Vorsitzende, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG)

Dienstag, 22.09.2015

„Der Konkurrenzdruck für hier lebende Migranten steigt“

Dr. Jens Ruhose, Bildungsökonom, ifo Institut

Mittwoch, 23.09.2015

„Was wir bei der Einstellung eines syrischen Anwalts erlebten“

Yvonne Draheim, Partner, Hogan Lovells LLP

„Asylsuchende sollten dort leben dürfen, wo sie Arbeit finden“

Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer, PRO ASYL

2 Kommentare

Sebastian

22.09.2015

Natürlich ist es ein absolut falsches Signal an die Ankommenden, dass sie als Arbeitnehmer zweiter Klasse gelten, aber eine solche Entscheidung würde sich sofort als Bumerang erweisen: Selbst mit Mindestlohn sind Arbeitnehmer in einigen Regionen auf staatliche Hilfe angewiesen. Das arbeitsmarktpolitisch einzig richtige Ziel kann es sein, aus den Flüchtlingen so schnell wie möglich Steuerzahler zu machen – und das geht nicht, wenn der Staat neben dem Unter-Mindestlohn regelmäßig noch Wohngeld oder HartzIV zahlen muss.

Jens Rietdorf

22.09.2015

Sehr richtig, Frau Rosenberger, die Hilfesuchenden müssen vor Ausbeutung geschützt werden. Hier können die Gewerkschaften eine wichtige Aufgabe übernehmen. Jede leistungsfähige Volkswirtschaft profitiert von Zuwanderung. Es gilt nun endlich eine funktionierende Infrastruktur zu schaffen, damit die Reibungsverluste verringert werden. Ich hoffe alle Beteiligten, Bürger, Tarifpartner und Gesetzgeber schaffen es unter dem gegebenen, teilweise selbst erzeugten Termindruck jetzt effizent zu handeln.
Zuallererst jedoch sind die Ankommenden der unbürokratischen Hilfe und Nächstenliebe bedürftig. Sie sind mehr als künftige Arbeitskräfte.