Arbeitsplatz Deutschland

„Der Konkurrenzdruck für hier lebende Migranten steigt“

Bis zu eine Million Flüchtlinge werden bis Jahresende in Deutschland Schutz suchen. Doch selbst wenn man den Arbeitsmarkt öffnet, ist eine Überlastung derzeit nicht zu fürchten: Sprachbarrieren und die durchschnittlich niedrigere Bildung werden dazu führen, dass die Migranten sich eher arbeitskraftintensivere Berufe suchen – und damit zu Wettbewerbern von Einwanderern werden, die schon in Deutschland leben.

Wirtschaftsexperte Ruhose: "Unternehmen und Flüchtlinge brauchen schnelle Rechtssicherheit" (©Foto: Jens Ruhose)

Wirtschaftsexperte Ruhose: „Unternehmen und Flüchtlinge brauchen schnelle Rechtssicherheit“ (©Foto: Jens Ruhose)

Von Jens Ruhose, Bildungsökonom, ifo Institut

Es sind Zahlen, die man so lange nicht mehr in Deutschland gehört hat: Nach aktuellen Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wurden von Januar bis Juli 2015 bereits rund 196.000 Asylanträge gestellt, mehr als im gesamten Jahr 2014 (173.000 Anträge). Insgesamt rechnet das Bundesamt mit bis zu 800.000 Anträgen für 2015, Vizekanzler Sigmar Gabriel geht sogar von einer Million aus. Die Bewältigung des Zustroms stellt in der kurzen Frist eine enorme Herausforderung dar. Allerdings gilt auch: Wenn die Arbeitsmarktintegration der Flüchtlinge gelingt, kann die deutsche Wirtschaft profitieren.

Denn selbst wenn man den Arbeitsmarkt öffnet, ist eine Überlastung derzeit nicht zu fürchten. Aufgrund der Sprachbarrieren und der durchschnittlich niedrigeren Bildung werden sich die Migranten eher arbeitskraftintensivere Berufe suchen und nicht mit den hiesigen Facharbeitern konkurrieren. Letztere sind im Vorteil – allein schon deshalb, weil sie die Sprache beherrschen, im Durchschnitt gut gebildet sind, den deutschen Arbeitsmarkt kennen und ihre Netzwerke haben. Schwieriger wird es hingegen für die Migranten, die bereits in Deutschland sind – sie konkurrieren am ehesten mit den neuen potentiellen Arbeitskräften.

Jeder Asylantrag braucht fast ein Jahr Prüfungszeit

Flüchtlinge kommen aus den unterschiedlichsten Regionen nach Deutschland – und aus ganz verschiedenen Motivationen. Die Menschen aus Syrien (22 Prozent der Anträge in 2015), Irak (5%), Afghanistan (5%), Eritrea (3%) und Nigeria (2%) fliehen vor allem vor Krieg und Terror. Ihre Asylanträge haben die meiste Aussicht auf Erfolg. Die Menschen aus den Balkanstaaten (Kosovo 15%, Albanien 15%, Serbien 6%, Mazedonien 3%) sind vorrangig wegen der Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern auf der Flucht. Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina wurden jedoch mittlerweile zu sicheren Drittstaaten erklärt, der Kosovo und Albanien könnten bald folgen. Dieser Umstand führt zu einer häufigen Ablehnung von Asylanträgen aus diesen Regionen.

Was muss sich jetzt ändern? Bisher wurde im Jahr 2015 für 37 Prozent aller Antragsteller ein Bleiberecht eingeräumt. Es ist also bei weitem nicht so, dass alle Asylbewerber auch einen dauerhaften Aufenthaltstitel erhalten – und das ist die große Unbekannte, die es Unternehmen erschwert, mit Flüchtlingen dauerhaft zu planen. Sie benötigen Rechtssicherheit, damit sie einen Anreiz haben, einen Flüchtling einzustellen und aus- bzw. weiterzubilden. Gleichsam haben die Flüchtlinge nur dann Interesse, in ihre Integration zu investieren, wenn sie wissen, dass sie bleiben dürfen. Zahlen belegen das Problem: Bisher liegt die durchschnittliche Bearbeitungszeit von Asylanträgen bei 11,3 Monaten. Die Zahl der offenen Verfahren ist seit 2005 stark angestiegen.

Der Arbeitsmarkt muss sich liberalisieren

Für eine gelungene Arbeitsmarktintegration ist die Qualifikation der Flüchtlinge maßgeblich entscheidend – doch fehlt es an verifizierbaren Zahlen: Nach Einschätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gibt es eine Reihe gut ausgebildeter Asylbewerber, die durchaus auch ein Hochschulstudium vorzuweisen haben. Diesem Personenkreis steht eine große Gruppe an Menschen mit niedrigerer Schul- und Berufsbildung gegenüber (mehr als 50%). Außerdem sprechen die meisten Flüchtlinge nur unzureichend Deutsch. Tendenziell sind die Qualifikationen von Asylbewerbern aus den Balkanstaaten höher als bei denjenigen aus Syrien, Irak oder den afrikanischen Ländern. Hingegen ist eine kurzfristige Rückkehroption für Flüchtlinge vor Krieg und Terror nicht gegeben. Man kann daher erwarten, dass Flüchtlinge aus diesen Regionen eine hohe Motivation mitbringen, sich in Deutschland integrieren zu wollen.

Eine weitere Herausforderung stellen derzeit noch die institutionellen Arbeitsmarktbarrieren dar, etwa die Vorrangprüfung. Diese erlaubt eine Arbeitsaufnahme nur solange, wie sich für die gleiche Stelle kein deutscher Arbeitnehmer findet – oder ein Arbeitnehmer aus dem europäischen Ausland. Zudem ist es Flüchtlingen nicht gestattet, eine Zeitarbeit aufzunehmen. Durch Liberalisierungen in diesen Bereichen könnte Flüchtlingen die Arbeitsmarktintegration erleichtert werden. Dazu ist es auch nötig, vorhandene Abschlüsse und Zertifikate, die Flüchtlingen bei dem Nachweis ihrer bereits erworbenen Fertig- und Fähigkeiten helfen, ins Deutsche zu übersetzen. Allein so ist es möglich, sie bei den zentralen Stellen zu prüfen und anerkennen zu lassen. Insgesamt gibt es also noch viele Unwägbarkeiten, die vor allem eines erfordern: Ein gezieltes und gemeinsames Vorgehen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Autorenprofil:

Dr. Jens Ruhose (Jahrgang 1984) studierte Wirtschaftswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Paderborn und Warwick, UK. Seit 2011 arbeitet er am ifo Institut in München an migrations- und bildungspolitischen Themen. Seine Forschung befasst sich hauptsächlich mit den Ursachen und Gründen von Migration. Im Mai 2015 schloss er seine Promotion zum Dr. oec. publ. an der Volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU München mit summa cum laude ab. Seit Juni 2015 forscht und lehrt Jens Ruhose als wissenschaftlicher Mitarbeiter im ifo Zentrum für Bildungsökonomik. Er war bereits für die Europäische Kommission sowie für mehrere Stiftungen im In- und Ausland als wissenschaftlicher Berater tätig. Anfang 2014 hielt er sich für einen fünfmonatigen Forschungsaufenthalt am Hoover Institut der Stanford University auf.

Jens Ruhose auf XING; Mitarbeiterprofil beim ifo Institut

(Aufmacherbild: Flüchtlinge bei der Registrierung in München / ©Stockartfoto, Shutterstock)


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4 Kommentare

W.Wilhelm

22.09.2015

Zitat „Für eine gelungene Arbeitsmarktintegration ist die Qualifikation der Flüchtlinge maßgeblich entscheidend“. Das ist falsch. Richtig muss der Satz lauten: „Für die Arbeitsmarktintegration ist die anerkannte Qualifikation der Flüchtlinge maßgeblich entscheidend“. Da ist ein himmelweiter Unterschied. Ich nenne ihn die Einreiseherunterqualifizierung.

EIn paar Beispiele vom Arbeitsmarkt von Osteuropäern, wobei ich noch davon ausgehe, dass z.B. Syrer aus deutscher Sicht noch weniger eine Chance auf Anerkennung haben: Ein(e) Russisch-Lehrer(in) aus Russland ist kein(e) Lehrer(in), außer, die Person hat eine Aspirantur gemacht, eine Art Doktortitel. Wenn nicht, dann ist zu hoffen, dass diese Person eine Qualifikation für die Grundschule hat, damit wird die Person immerhin als Hilfskraft für KiTas (= Kinderpfleger/-in) anerkannt. Selbst bei gesuchten Lehrfächern wie Naturwissenschaften besteht keine Chance auf Anerkennung wenigstens vom fachlichen Teil der Studienleistung. Ketzerisch gefragt ist denn eine Knallgasreaktion in Russland eine andere als in Deutschland? Dass die Lehrmethoden andere sind, bestreite ich damit keineswegs, aber warum muss dann die Person eine berufliche Qualifikation bei Null beginnen?

Ein Jura-Studium „Internationales Recht“, Schwerpunkt Handelsrecht: Nichts wird anerkannt. Ist „internationales Recht“ in Deutschland wirklich so viel anders als in der GUS, außer bei der Mentalität? Bei litauischem Scheidungsrecht könnte ich noch nachvollziehen, dass ein Jurist in Deutschland damit nichts anfangen könnte. Mit „internationalem Handelsrecht“ schafft man es mit Glück zur Sachbearbeitung für den Export. Ein Studium BWL mit Schwerpunkt Buchhaltung ist pure Zeitverschwendung gewesen. Stand nach dem Anerkennungsverfahren: Aus Bachelor wird ungelernt. Auch für die Arbeitsagentur… Schlimmstenfalls damit ein Langzeitarbeitsloser.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Sogar die geschätzten Informatiker sollten sich beim Deutschlernen beeilen, sonst veralten Ihre Kenntnisse.

Dazu kommt: Zur Anerkennung muss man zu einem Amt und braucht Papiere. Glauben Sie wirklich, dass viele Flüchtlinge bei der Flucht auch an Nachweise über Ihre Ausbildung gedacht haben? An eine behördliche Handlungsweise, in dem das Adjektiv „unbürokratisch“ vorkommt?

G. Thiel

22.09.2015

Ein vielleicht ungewöhnlicher Vorschlag:
Der Aufenthaltstitel/die Aufenthalts-genehmigung sollte für die Flüchtlinge von ihrer Sprache abhängig gemacht werden:
Sehr viele Flüchtlinge geben an, aus Syrien zu stammen. Jeweils 2 Dolmetscher/Übersetzer aus dem arabischen Raum, darunter ein Syrer sollten prüfen, ob die Herkunftsangabe glaubhaft ist. Die dann als Syrer geltenden Flüchtlinge sollten einen auf 3 Jahre befristeten Aufenthaltstitel erlangen, der ihnen ermöglicht, sich selbst Arbeit und Unterkunft zu suche und kostengünstig an Sprachkursen teilnehmen zu dürfen. Für die anderen Flüchtlinge wären dann mehr Kapazitäten frei, um die Asylverfahren zügig durchführen zu können.

Martin

23.09.2015

Herr Wilhelm, Das ist eine sehr einseitige Darstellung der Dinge. Zudem noch die Kernaussage des Artikels als falsch darzustellen ist einfach Blödsinn!

1.) Geht es in der Wirtschaft sehr wohl um die tatsächliche Qualifikation der Flüchtlinge und nicht um irgendwelches Papier, das anerkannt ist oder nicht. Es ist also nicht so, dass die Kernaussage generell falsch ist. Im Gegenteil: Im Großteil der Fälle trifft das zu wie in dem Artikel geschildert.

2.) Ist das ein generelles Problem in Deutschland. Selbst zwischen den Bundesländern und einigen Studienformen ist die Anerkennung nicht immer so einfach und bedarf an viel Bürokratie. Weshalb sollte sich das also für einen Ausländer, mit einem Abschluss von einer Schule von dem nichts bekannt ist einfacher gestalten? Das wäre wieder eine Übervorteilung derer, die sich nicht durch das Deutsche Schulsystem „gekämpft“ haben. -> Nicht fair.

W.Wilhelm

23.09.2015

Sehr geehrter Herr Martin,

Ihre Aussage ist jetzt aber von meiner deutlich abweichend.
Erstens habe ich nicht _die_ Kernaussage angezweifelt. Die ist nämlich, dass unqualifizierte Arbeitskräfte unter den Zuwanderern den unqualifizierten, die bereits hier sind, Konkurrenz machen. Der Autor schreibt von der „niedrigeren Bildung“ und spricht „arbeitskraftintensivere Berufe“ an. Dazu nennt er wenigstens einmal die Zahl mehr als 50% für diese Gruppe.

Diese Aussage habe ich keinesweg angezweifelt. Eine nicht vorhandene Qualifikation kann auch nicht belegt werden. Daher sind in meinen Beispielen auch ausschließlich Universitätsstudiengänge. Das ist Ihnen sicher aufgefallen.

Was ich krititisiert habe – das steht ja auch bereits in dem ersten Satz meines Kommentars – ist die unzutreffende Aussage über die Qualifikation. Noch einmal: Wo nichts ist, kann auch nichts nachgewiesen werden. Und die anderen, die mit Qualifikation, was i.d.R. Universität bedeutet? Da wird es dann schon schwammiger. Übersetzungen für Abschlüsse und Zertifikate? Haben die Syrer, die Abschlüsse haben, auch wirklich Nachweise über diese mitgenommen? „Lieber IS / Bomber, bitte warten, ich muss erst noch meine Zeugnisse raussuchen“… Wie weltfremd!

Mir kommt Ihre Aussage so vor, als wenn Sie meine These einfach überlesen hätten.

Ach ja, die Wirtschaft. In der Wirtschaft ab Mittelstand geht es für _qualifiziertes_ Personal erst mal darum, bei der Personalabteilung entsprechenden Eindruck zu hinterlassen, um zu einem Vorstellungsgespräch zu kommen. Das ist ohne irgendetwas Schriftliches zwar nicht unmöglich aber deutlich schwieriger. Im Falle der von mir erwähnten Lehrer ist es schlicht und ergreifend unmöglich, denn da gibt es keine wie auch immer geartete „Wirtschaft“, denn selbst in Privatschulen wird anerkannte Ausbildung verlangt. Außer man wechselt das Berufsfeld, dann ist man da aber wirklich unqualifiziert!

Über ihren Punkt 2 musste ich Lachen. Entschuldigung, aber wenn etwas „viel an Bürokratie bedarf“, dann ist der Wurm drin. Wenn Sie tatsächlich gekämpft haben, dann auch. Sie werden nicht von außen übervorteilt, sondern von innen durch ein verknöchertes System benachteiligt. Damit Sie das nicht merken, wird gebetsmühlenhaft wiederholt, wie toll wir doch sind. Das ist unfair!