Arbeitsplatz Deutschland

"Asylsuchende sollten dort leben dürfen, wo sie Arbeit finden"

Die Zahl der ehrenamtlichen Helfer wächst stetig, aber in der Praxis zeigt sich: Rechtliche Hürden und Bürokratie behindern oft die Integration der Flüchtlinge. Ein zentrales Problem: Sie werden in Deutschland zwangsverteilt.

"ProAsyl"-Experte Mesovic: "Die Kosten von Desintegrationspolitik sind ungleich höher." (©Foto: Shirin Shahidi)

„ProAsyl“-Experte Mesovic: „Die Kosten von Desintegrationspolitik sind ungleich höher.“ (©Foto: Shirin Shahidi)

Von Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer, PRO ASYL

Ein Großteil der Asylsuchenden, die Deutschland erreichen, wird auf Dauer hier blieben. Deshalb lauten die dringenden Fragen: Wird den hunderttausenden Menschen, die gekommen sind und noch kommen werden, eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben eröffnet? Oder werden sie in Sammelunterkünften isoliert und zur Untätigkeit verdammt? Werden sie auf ihrem Bildungsweg und bei der Arbeitssuche unterstützt und können an ihre mitgebrachte Qualifikationen anknüpfen? Oder werden ihnen Steine in den Weg gelegt?

Mit knapp 600.000 offenen Stellen, fast 40.000 offenen Lehrstellen und dem demographischen Wandel sind die Rahmenbedingungen auf den ersten Blick vielversprechend. Ein Drittel aller Neuankommenden sind Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre, ein Viertel ist zwischen 18 und 25 Jahre alt. Auch viele Ältere bringen Qualifikationen aus den Herkunftsländern mit. Sie können die Zukunft dieses Landes sein, wenn man sie nur lässt und dabei unterstützt.

Die fehlende Mobilität der Flüchtlinge ist ein großes Problem

Doch immer noch bestehen zahlreiche Hürden für Flüchtlinge beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Viele verbringen Jahre in Großunterkünften und leiden unter rechtlichen Beschränkungen, die sie von Bildung und Arbeit fern halten. Ein zentraler Faktor, warum die derzeit 2,8 Millionen Arbeitslosen in Deutschland und die offenen Stellen nicht zusammenfinden, ist neben der Qualifizierungsfrage und den teils miserablen Arbeitsbedingungen in Mangelberufen wie der Pflege die fehlende Mobilität. Job und Jobsuchende sind oft zu weit auseinander. Mobilität sollte bei Flüchtlingen das geringste Problem sein, sollte man meinen. Flüchtlinge werden jedoch zwangsverteilt. Und sie sind verpflichtet, ihren Wohnsitz an einem von den zuständigen Behörden zugewiesenen Ort zu nehmen.

Es ist nicht vorgesehen, dass dem Umzugsantrag zum Zweck der Bildung und Arbeit stattgegeben werden muss. Die Dimension dieses Problems wurde bisher nicht einmal annähernd erkannt. Bleibt es bei den Restriktionen, werden zehntausende Ausbildungs-, Beschulungs- und Arbeitsmöglichkeiten aufgrund fehlender Umzugserlaubnisse nicht wahrgenommen werden können. Dabei wird die zentrale Frage nicht einmal sein, wie schnell Flüchtlinge eine Arbeitserlaubnis erhalten. Natürlich müssen die integrationsfeindlichen Arbeitsverbote und die für 15 Monate geltende Vorrangprüfung entfallen. Entscheidender wird jedoch sein, ob durch Sprachkurse, Beschulungsangebote für junge Flüchtlinge und Qualifizierungen die Grundlage für eine Arbeitsmarktintegration abseits des Niedriglohnsektors geschaffen wird. Deshalb dürfen Bund und Länder die Fehler der Vergangenheit jetzt nicht wiederholen. Sie sollten eine Integration von Anfang an ermöglichen.

Die Bildungsstruktur muss massiv ausgebaut werden

Der Ausschluss von Asylsuchenden und geduldeten Flüchtlingen von den Integrationskursen muss dringend aufgehoben werden. Für die Zeit des Asylverfahrens sowie eventuell daran anschließende Zeiten der Duldung werden die Betroffenen bisher aus diesem wichtigsten und größten Sprachförderprogramm ausgeschlossen. So vergehen oftmals viele Jahre, ohne dass die Betroffenen professionelle Sprachförderung erhalten. Bildungschancen und Arbeitsmarktintegration werden verbaut.

Die Länder müssen endlich auch Neuzuwanderern über 18 Jahre systematisch das Nachholen von Schulabschlüssen ermöglichen. Denn ohne Schulabschluss keine Ausbildung und ohne Ausbildung keine qualifizierte Beschäftigung. Es braucht zudem Anpassungsmodule und Qualifizierungen, damit mitgebrachte Berufserfahrungen eingebracht werden können. Für all dies ist die Bildungsinfrastruktur massiv auszubauen: Neue Lehrkräfte sollten ausgebildet und eingestellt werden. Unterstützungsprogramme müssen aufgestockt werden – wie etwa das ESF-Bundesprogramm zur Förderung von Bleibeberechtigten und Flüchtlingen – um die schnelle Teilnahme an Sprachkursen zu ermöglichen.

Bund und Länder müssen dringend handeln, die Umzugsverbote aufheben und die Integrationskurse öffnen. Es braucht zudem Investitionen in Bildung und (Sprach-)Qualifizierung. Das alles kostet zu Beginn des Aufenthalts viel Geld. Die Kosten einer langfristigen Desintegrationspolitik werden jedoch deutlich höher ausfallen.

Autorenprofil:
Bernd Mesovic ist stellvertretender Geschäftsführer von PRO ASYL. Er befasst sich mit der Analyse asylrechtlicher Praxis und der Situation in den Herkunftsländern.

Aufmacherbild: Matthias Stolt / Fotolia


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7 Kommentare

Martin

23.09.2015

Wenn wir Herrn Mesovic beim Wort nehmen, dann ist ja das Problem des Flüchtlingsandrangs ja großteils gelöst, denn lt. der sicherlich berufsoptimistischen Einschätzung der Arbeitsministerin Andrea Nahles können nur weniger als 10% der Flüchtlinge in dem Arbeitsmarkt aufgenommen werden! Und was machen wir mit dem Rest?

Aber was sagt Herr Mesovic den offiziell ca. 3 Millionen, inoffiziell sicher mindestens doppelt so vielen Arbeitslosen, die wir schon in Deutschland haben?

Woher will er die Zahl haben, daß 1/3 Kinder und Jugendliche seien, obwohl anderen Quellen zufolge mindestens 90% alleinreisende Männer sind?

Und von „integrationsfeindlichen Arbeitsverboten“ zu reden, ist schon ziemlich frech, wenn nur ca. 1,5% (schwankt) Asyl und ein Drittel zeitweises Bleiberecht als Kriegsflüchtling bekommt, die meisten also rechtlich Deutschland wieder verlassen müssen und die Zeit des Arbeitsverbots nur für die Zeit der Prüfung des Asylantrags besteht. Warum fordert er nicht stattdessen, die Asylverfahren zu beschleunigen? In der Schweiz oder Norwegen werden die meisten Asylverfahren innerhalb von 48 Stunden entschieden!

Außerdem sind in Deutschland mit seinen vielen Vorschriften Arbeitnehmer ohne Sprachkenntnisse selbst für einfachste Hilfsarbeiten nicht einzusetzen, da kein Arbeitgeber es verantworten kann und darf, jemanden zu beschäftigen, der nicht in Sicherheitsvorschriften und ähnliches eingewiesen werden kann. Auch gibt es kaum noch Arbeit für Ungelernte, worunter die meisten nach deutschen Maßstäben fallen dürften.

Peter

23.09.2015

„Ein Großteil der Asylsuchenden, die Deutschland erreichen, wird auf Dauer hier blieben.“

Damit ist der grundlegende Fehler des Systems und der Ausführungen zu diesem Thema auf den Punkt gebracht.

Lehmi

23.09.2015

in der Tat ist es so, dass ortsgebunden sind. Ich hatte Platz in einer Wohnung und wollte einen jungen Mann aus Afrika aufnehmen. Er ist anerkannt hat eine Arbeit, aber wohnt noch in einer Flüchtlingsunterkunft.
Ging nicht, er hätte den Landkreis wechseln müssen, was ihm nicht erlaubt wurde.

Josef

23.09.2015

Das A und O ist. dass das Asylverfahren beschleunigt wird. Dann können, die Asylsuchenden, die ein Bleiberecht haben, sofort damit beginnen Deutsch zu lernen, und Ihre beruflichen Qualifikationen in den Betrieben unter Beweis stellen. Dazu sind allerdings auch die Betriebe aufgerufen, dass sie keine gut ausgebildeten Asylsuchenden als billige Arbeitskräfte missbrauchen!

Edgar

24.09.2015

Diese ganze Debatte geht am Problem vorbei.
Was stattfindet ist eine Einwanderung ins Sozialsystem. Und die Umschreibung von „Asylsuchenden“ (ca. 1% der aktuell zuwandernden wird Asyl gewährt) ist schon falsch, da die meisten wissen, dass sie keinen Asyl-Anspruch haben und die Beantragung nur dazu dient ins Land zu kommen.
Als Ergebnis bleibt stehen, dass Deutschland versucht selbstlos das Leid der Welt zu beseitigen was egal wie man es dreht, wohl auch eine vermeintlich reiche Nation (wenn man Schulden und Zahlungsverpflchtungen mal ignoriert, sowie das eigentlich sehr geringe Vermögen der weniger reichen Dutschen) nicht ganz einfach stemmen kann.
Keinem der Länder aus dem diese Armutseinwanderer stammen ist mit der Aufnahme dieser Menschen gedient. Und auch das seit zig Jahren sträflich vernachlässigte Demographieproblem (was primär auf einer ungerechten Umverteilung von Vermögen und Rentenanspruchen vonn arbeitenden mit Kinder auf Kinderloses fundiert) in Deutschland wird damit nicht behoben, sondern das deshalb marode Sozialsystem nur schneller zum Einsturz gebracht.

Wir stehen wenn nicht massiv umgesteuert wird am Ende einer langen und erfolgreichen „deutschen“ Geschichte.

Sparwasser

07.10.2015

Wir haben in D inzwischen eine POST-INDUSTRIELLE wissensbasierte Gesellschaft & Wirtschaft, d.h. es gibt kaum noch „körperliche Arbeit“ ohne weitergehende Sach- und Sprachkenntnisse (z.B. Bau- oder Feldhilfsarbeiter). Viele Berufe benötigen hohe fachliche Qualifikationen und haben (europäische) Standards – die weit über den üblichen Standards der Herkunftsländer der afrikanischen & Nahost-Migranten (& Flüchtlinge) liegt. Dies gilt selbst in den klassischen universitären Berufsabschlüssen (wie z.B. Arzt, Ingenieur – ganz zu schweigen von „Geisteswissenschaftlern“ wie Juristen usw. – hier kommt noch das völlig andere „Kultur- und Rechtssystem“ dazu, welches neben der unbedingten Erfordernis der Beherrschung der deutschen Sprache auf hohem Niveau auch ein Nachholen aller deutschen Examinas erfordert!), da in den (ärmeren) afrikanischen Ländern & im Nahen Osten häufig nur „niedrigere universitäre Standards“ vermittelt wurden. Eine Anerkennung von akademischen Abschlüssen wird daher eher eine seltene Ausnahme sein. Es wird daher auch häufig den afrikanischen Wirtschaftsmigranten empfohlen, bei Ingenieuren & Ärzten – in D Berufe wie Handwerker oder Krankenpfleger zur rascheren Integration zu wählen.
Andererseits sind allerdings bei uns auch die Lebenshaltungskosten sehr hoch; oftmals ist es dazu schon notwendig mindestens den gesetzlichen Mindestlohn zu verdienen, um einigermaßen einen angemessenen Lebensstandard zu halten!
Insofern ist die Einschätzung schon real, dass vielfach nur ca. 10% sich in den aktuellen deutschen Arbeitsmarkt eingliedern lassen!
Vielfache Aussage, dass in Amerika es auch viele Wirtschaftsmigranten früher auch vom Tellerwäscher zum Millionär brachten, gilt sicherlich für die vor-industrielle Zeit der USA (19.Jahrhundert!) – als die US-Wirtschaft noch viele Arbeitskräfte – gleich welcher Art – damals brauchte. Heute dürfte dies auch NICHT mehr für die hochentwickelten USA gelten!
Auch der Vergleich mit deutschen Flüchtlingen in den 50-60er Jahren ist unpassend, denn die deutschen Flüchtlinge (aus dem Osten) sprachen alle deutsch und hatten eine gleichwertige Ausbildung, die damals dann eine rasche Integration in den (west-)deutschen Arbeitsmarkt ermöglichte!

Sparwasser

08.10.2015

http://www.lto.de/recht/nachrichten/n/eugh-schlussantraege-generalanwalt-fluechtlinge-freizuegigkeit-wohnsitzauflage/
Neueste EuGH-Rechtsprechung:
Behörden dürfen subsidiär Schutzberechtigten nur unter strengen Voraussetzungen Auflagen zu ihrem Wohnsitz erteilen. Der Wunsch, sie gleichmäßig auf die Bundesländer zu verteilen, reicht dafür nach Ansicht des EuGH-Generalanwalts nicht.