Arbeit & Liebe

Aber bitte mit Gefühl!

Liebe im Job – das galt lange als problematisch. Liebe zum Job – das war lange Zeit absolute Pflicht. Gut, dass beides allmählich wieder zur Normalität findet.

Ein Zwischenruf von Ralf Klassen

Liebe im Job? Ja, bitte!

„Bloß nicht auf derselben Kostenstelle!“ So oder ähnlich lauten immer noch vielerorts die „gut gemeinten“ Ratschläge, wenn es – in welcher Geschlechterkombination auch immer – um die Beziehung unter Kolleginnen und Kollegen geht. Romantische Gefühle im Büro, Liebe im Job – das sehen viele, übrigens nicht nur Chefs, als potenzielle Störungsquelle im laufenden Betrieb. In etlichen Unternehmen gibt es tatsächlich immer noch eine Meldepflicht, wenn es zwischen Angestellten ernster wird.

Doch – langsam, aber immerhin – reift auch hierzulande die Erkenntnis, dass menschliche Gefühle nicht zwangsläufig zu Umsatzrückgängen, Streikwellen und Mobbingschlachten führen müssen. Dass der Arbeitsplatz, also jener Ort, an dem die meisten Menschen die Hälfte ihres wachen Tages verbringen, natürlich auch ein Platz für tiefergehend Zwischenmenschliches sein kann. Auch, wenn man als Liebende „auf derselben Kostenstelle“ sicherlich ein paar Verhaltensregeln (wie diese hier) befolgen sollte.

Liebe zum Job? Ja, aber…

Ganz anders, aber mitunter ebenso kompliziert, kann es werden, wenn der Job selbst zur großen Liebe wird, die Arbeit zum Fixstern, um den sich alles dreht. Aufkleber mit „I love my Job“ auf Aktentaschen, unbezahlte Überstunden en masse, Topmanager, die Veitstänze aufführen – das war jahrtausendelang eher unüblich. Eine derart innige emotionale Verbindung zum Job wurde nur Künstlern, Erfindern und anderen Sonderlingen eingeräumt.

Dies galt solange, wie „normales“ Arbeiten in den allermeisten Fällen anstrengend, stupide und hierarchisch rigide organisiert war – und im schlimmsten Fall alles zusammen. Seinen Beruf wirklich zu lieben, das kam lange Zeit kaum jemanden in den Sinn.

Dann aber folgte – auch ausgelöst von Arbeitserleichterungen durch Technik, Gesetzen und Gewerkschaften – eine teilweise immer noch aktuelle Phase, in der es fast schon Pflicht war (ist), die „Liebe zum Job“ bei jeder Gelegenheit zu betonen. Leben und Arbeit sollten nicht mehr zu trennen sein, erst ein „erfüllender“ Beruf bedeutete wahre Daseinsfreude. Diese Zeit war übrigens sinnigerweise auch die Hochzeit von Controllern, Börsengängern und Effizienzfanatikern, mit ihrem unkritischen Glauben an ein ungebremstes Wachstum.

Erst der globale Crash vor fünf, sechs Jahren hat der Erkenntnis geholfen, dass diese Theorie alle Äste, und nicht nur die wirtschaftlichen, abschneidet, auf denen wir gemeinsam sitzen. Und unter dem Schlagwort „New Work“ zählt nun nicht mehr ein vollständiges Verschmelzen von Arbeit und Leben, sondern ein gleichberechtigtes Nebeneinander der beiden Pole als erstrebenswert. Und man kann es sich als Arbeitnehmer auch wieder gesellschaftlich leisten, diese Balance zu fordern, ohne gleich in die Leistungsverweigererecke geschoben zu werden.

Viele Deutsche, so ergab eine aktuelle Umfrage, wünschen sich eine geringere Wochenarbeitszeit. Gleichzeitig registrieren Studien sehr Jahren schon ein wachsendes Interesse der Menschen an mehr Teilhabe und Verantwortung in ihren Unternehmen.

Ist das ein Widerspruch? Keinesfalls: Denn wer erfolgreicher und kreativer sein will, so eine andere Untersuchung, MUSS weniger arbeiten, als es die gängige Durchschnittsarbeitszeit der westlichen Welt vorschreibt. Es geht also beides: mehr (zeitliche) Distanz zu seinem Job UND mehr berufliches Engagement. Liebe und Arbeit, das passt in allen denkbaren Varianten. Es kommt eben immer nur auf das richtige (Fingerspitzen-)Gefühl an.

2 Kommentare

Jörg Hohlfeld

19.08.2015

Ein wunderbarer Artikel Herr Klassen-vielen Dank!
In meiner Arbeit mit Fach- und Führungskräften ist u.a. genau die erwähnte Balance und Eigenverantwortung oft die Herausforderung. Es gibt durchaus sehr motivierte Mitarbeiter, die Ihre Tätigkeit mit Liebe ausführen, mit Gefühl, authentisch und leidenschaftlich. Wenn sich der Einzelne traut klar zu vertreten, dass Feierabend und Wochenende für ihn wichtige Grenzen sind, dann ist viel gewonnen. Was helfen hoch motivierte Mitarbeiter, wenn Leistungsträger immer noch mehr aufgebürdet bekommen, nur weil sie zu den 15 Prozent der motivierten Mitarbeiter in Deutschland gehören (lt. Gallup-Institut)?

Für mich heißt Führung vor allem auch wie gut ich mich selbst führen kann, z.B. welche Wertschätzung ich mir selbst entgegenbringe.

Je mehr Menschen hier Vorbild sind, umso besser für die Kultur in einem Unternehmen, das sich dann auch von innen heraus verändert, wenn Mitarbeiter mit sich selbst eigenverantwortlicher umgehen.

Hier kann jeder selbst für sich reflektieren, vor allem als Führungskraft, wie er/sie mit sich und anderen umgeht. Führen heißt auch für mich Vorbild sein, so gut es eben geht. Kinder lernen ja auch am besten vom Verhalten der Eltern und nicht von deren Worten. Erwachsene sind da meiner Meinung nicht anders.

Dieses Innehalten und reflektieren, ganz ohne Eigenwertung, ist aus meiner Erfahrung einer der Schlüssel, um zu erkennen und anzuerkennen, wie ich mich gerade verhalte. Vor allem, was für Antreiber und Motive sind denn die, die mich vom Verhalten her unbewusst steuern. Und das kann dann durchaus interessant sein und neugierig machen sich hier etwas mehr kennenzulernen.

Daniela

14.12.2015

Ja , sehr guter Artikel. Nur sollte man auch arbeiten auf Arbeit und nicht immer zu an Feierabend denken.