Arbeit & Liebe

Lieber Traumjob statt Traumpartner

Die große Liebe? Eine unrealistische Fiktion! Das Mutter-Sein? Zu kompliziert, ohne Garantie auf echtes Glück. Darum sucht die Generation Y ihre Sinnerfüllung vor allem in der Arbeit. Teil 6 in unserer Serie „Zukunftsräume“ in Kooperation mit dem Zukunftsinstitut

Von Lena Papasabbas

Trend-Expertin Lena Papasabbas: "Die Suche nach dem perfekten Job wird ebenso wichtig wie die Suche nach dem perfekten Partner."

Trend-Expertin Lena Papasabbas: „Die Suche nach dem perfekten Job wird ebenso wichtig wie die Suche nach dem perfekten Partner.“

1. Arbeit macht Sinn

Es gibt verschiedene Gründe, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen. Doch Geld verdienen und Miete bezahlen stehen dabei nicht mehr ganz oben auf der Liste. Laut einer Umfrage von PWC ist der meist genannte Grund für die Wahl eines Jobs die „Möglichkeit, sich persönlich weiterzuentwickeln“. Ganze 65 Prozent der befragten Bis-30-Jährigen gaben Selbstverwirklichung als Motivation für die Annahme ihrer Arbeitsstelle an. Das Einstiegsgehalt war nur für 21 Prozent der ausschlaggebende Faktor.

Das sind sie, die berühmten neuen Werte der Generation Y: Selbstentfaltung steht über materiellem Erfolg. Überhaupt wird Erfolg ganz anders definiert. Es geht nicht mehr um den fettesten Firmenwagen oder den Titel des Chief Irgendwas. Die klassischen Statussymbole sind tot oder zeigen bereits unübersehbare Verfallserscheinungen. Das höchste Gut in den westlichen Industrie-Nationen ist gegenwärtig: Zeit – eine ständig knappe Ressource, die uns in hypervernetzen Zeiten zunehmend durch die Finger rinnt. Der Yoga-Boom, die Slowness-Bewegung und der allgegenwärtige Achtsamkeits-Trend sind Oberflächen-Phänomene einer tiefgreifenden Sehnsucht, wieder sinnvoll über die eigene Lebenszeit zu verfügen.

2. Die Entzauberung der Liebe

Damit nimmt Arbeit eine stetig steigende Bedeutung für Sinnfindung und Selbstverwirklichung ein, Dinge die lange Zeit vor allem in der Sphäre des Privaten, vor allem der romantischen Liebe, gesucht wurde. Das romantische Liebesideal ist aber als Quelle für persönliches Glück heute für viele nur noch eine unrealistische Fiktion, der man sich vielleicht noch beim Mädelsabend im Kino hingibt. Sicher, eine funktionierende Partnerschaft gehört zum erfüllten Leben dazu. Doch sie wird zunehmend pragmatisch betrieben und dient immer weniger als ultimative Quelle des Lebenssinns.

Der Generation Clash zwischen Millennials und Babyboomern ist bei genauerem Hinsehen durch die Auflösung des tradierten Geschlechter-Modells begründet. Während sich die alte Generation von Chefs jenseits der Arbeit nicht um Essenszubereitung, Kindererziehung und Haushalt sorgen musste, sind laut Ernst & Young bei den unter 30-jährigen Angestellten rund 80 Prozent Teil eines Paares, in dem beide Vollzeit arbeiten. Diese werden eben nicht mehr von einer Ehefrau rundum versorgt und stellen schnell fest, dass die Zeit fürs Hemdenbügeln, Steakmarinieren und Nachwuchsbetreuen neben der Arbeit nicht reicht. Diese neuen Rahmenbedingungen lassen auch die Männer der Generation Y das bestehende System im großen Stil hinterfragen.

Und auch in der Elternschaft ist Erfüllung heute schwierig zu finden. Besonders das Mutter-Sein ist eine komplizierte Performance mit vielen Fallstricken geworden, die gesellschaftlich weniger hoch geschätzt wird als früher – und keine Garantie für persönliche Zufriedenheit bietet, wie etwa die #regrettingmotherhood-Debatte kürzlich zeigte. Insbesondere Frauen suchen ihre Erfüllung daher nicht länger in Liebesbeziehungen und Familienglück. An diese Stelle tritt die Arbeit.

"Der Begriff „Work-Life-Balance“ ist eigentlich überholt" (©Foto: Krasimira Nevenova / Fotolia)

„Der Begriff „Work-Life-Balance“ ist eigentlich überholt“ (©Foto: Krasimira Nevenova / Fotolia)

3. Arbeit als Passion

Im Job versuchen wir, unser Potenzial zu entfalten, unsere Talente zu entdecken und eine Tätigkeit zu finden, die herausfordert und unsere Sinnsuche befriedigt. Dieser Sinnstress wurde ausgelöst durch den Megatrend Individualisierung. Er hat traditionelle Rollenbilder und Identitätsschablonen, nicht nur für „Mann“ und „Frau“ in unendlich viele Splitter möglicher Identitäten und Lebensentwürfe verwandelt. Noch nie hatte der einzelne Mensch so viele Möglichkeiten. Individualisierung fängt bei der Kleiderwahl an – und hört nicht bei der Wahl der Arbeit auf. So wird das Streben nach Sinn und Selbstverwirklichung zunehmend vom privaten Bereich auf die Jobwelt ausgedehnt.

Der Begriff „Work-Life-Balance“ ist damit eigentlich überholt. Denn der moderne Wissensarbeiter zieht keine Linie mehr zwischen Arbeit und Leben. Selbstverwirklichung ist der Anspruch an das Leben als Ganzes. Arbeit macht da keine Ausnahme – im Gegenteil. So bietet die Optionenvielfalt nicht nur eine neu gewonnene Freiheit. Sie birgt zugleich das Potenzial zu einer neuen Art der Selbstaufgabe – ein freiwilliges Ausgeliefertsein, das strukturell der passionierten Selbstaufgabe der romantischen Liebe ähnelt.

4. Der perfekte Job: <3

Unter dem Deckmantel der Selbstentfaltung verbirgt sich nicht selten das Streben nach Selbstoptimierung. Der zweiwöchige Aufenthalt im Schweigekloster dient neben der Selbstfindung auch der Regeneration und anschließenden Leistungsoptimierung. Die Sitzung beim Rhetorik-Coach entfaltet persönliches Potenzial, ist aber gleichzeitig eine Softskill-Erweiterung. Diese Verschmelzung von Arbeit und Freizeit unter den Prämissen der Selbstoptimierung führt auch zu einer neuen Art Freizeit-Stress. Schliefen die Menschen in den USA Anfang des 20.Jahrhunderts noch durchschnittlich zehn Stunden pro Nacht, waren es vor einer Generation nur noch acht Stunden. Heute liegt der Durchschnitt bei sechseinhalb. Die Meditations-App, der Persönlichkeits-Ratgeber, die Schlafoptimierung-App, das Fitnessprogramm: Sie alle sind Aspekte eines übergreifenden Selbstoptimierungsprojekts, das Privates und Berufliches nahtlos umspannt.

Im Zuge dieses omnipräsenten Strebens nach Optimierung überträgt sich die Erwartungshaltung an die perfekte Beziehung immer stärker auf die Arbeitswelt. Künftig wird deshalb ein neues Ideal der Selbstfindung durch Arbeit für immer mehr Menschen die Selbstfindung im Kontext einer romantischen Liebesbeziehung ersetzen. Und die Suche nach dem perfekten Job wird in Zukunft ebenso wichtig wie die Suche nach dem perfekten Partner. Mindestens.

Über die Autorin:
Lena Papasabbas ist Expertin für die Megatrends der Gegenwartskultur. Für das Zukunftsinstitut arbeitet sie als Autorin, Redakteurin des Trend Update und Referentin.
Das 1998 gegründete Zukunftsinstitut gilt heute als einer der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung und ist eine zentrale Informations- und Inspirationsquelle für Entscheider und Weiterdenker. Mehr über das Thema New Work und die Megatrends, die unsere Zukunft prägen, erfahren Sie auf zukunftsinstitut.de.

9 Kommentare

Stefan Nette

31.08.2015

Perfekt, immer wieder Perfekt, 100% stimmig, Selbstverwirklichung… Sind wir doch mal ehrlich, hier werden Luftschlösser gebaut die vollkommen an der Lebensrealität vorbei gehen, Perfekt gibt es nicht, weder im Job noch in der Freundschaft und in der Liebe auch nicht… Fakt! Hören wir endlich auf den Menschen einzureden, dass alles Wolke 7 sein kann und zwar jeden Tag in jedem Jahr. Ich möchte auch einen Sinnvollen Job, bin durch und durch Gen Y, aber was hier geschrieben wird finde ich gefährlich. Denn wenn so ein Trend sich abzeichnet sollte man ihn nicht noch unterstützen und wenn er sich nicht abzeichnet, sollte man ihn vielleicht auch nicht forcieren. Es geht mir hier ausdrücklich nicht um die Frage „Liebe oder Job“ eigentlich sollte man beides unter einen Hut bringen können, sondern um die Tatsache dass alle so tun als ob alles perfekt sein müsse.. Das macht zutiefst unzufrieden, wenn nicht sogar depressiv, denn Perfekt ist ein Hologram, eine nicht greifbare Wunschvorstellung.

Renate Gregor

31.08.2015

Perfekt? DAS ist mal ein Anspruch! Nothing and nobody is perfect! Das gibt es schlicht nicht und die Suche danach ist aus meiner Sicht eine Anleitung zum Unglücklichsein.

Vor lauter Perfektionsstreben übersieht man was wirklich wichtig ist, zaudert und zögert, kommt nicht in Schwung. Weder privat noch beruflich. Und am Ende? Sitzt man alleine da, vielleicht gar mit Burnout, und trauert verlorenen Chancen nach.

Je höher die Erwartung, umso tiefer der Fall.

Mir erscheint die Suche nach der Perfektion wie eine Ausrede: Man muss sich nicht festlegen, keine Kompromisse eingehen, strebt immer weiter. Solange, bis es zu spät ist. Bis man merkt, dass man das was man suchte, längst hatte. Nur hat man verpasst, es festzuhalten.

Ist es da nicht viel sinnvoller nach dem zu schauen, was einem Freude macht und was einem gut tut? Auch mal gegen den Strom? Chancen wahrzunehmen, wenn sie sich bieten und in der „Zwischenzeit“ einfach zu leben?

Das schreibe ich als einst sehr junge Mutter, die sich ihr Leben ohne ihre beiden erwachsenen Töchter heute nicht ausmalen will! Und die erfolgreiche, selbstständige Personalberaterin ist. Mit sich und ihrem Leben im Einklang. Manchmal spielt einem das Leben die schönsten Dinge zu. Ohne, dass man danach gesucht hätte.

Roland

31.08.2015

Auf die Frage in Ihrem Titel möchte ich nur eines erwidern: NEIN. Man muss sich überhaupt nicht entscheiden. Denn es geht beides!

Zoe Marlen

31.08.2015

Das merke ich persönlich auch, dass Familie an Bedeutung verloren hat. Aber wer sich nun in den Beruf stürzt, sucht auch nur im Außen. Oft will man mit Sinnfindung und Selbstverwirklichung nur etwas anderes kompensieren. Einfach zu sein, können die wenigsten. Anyway, was haben die Leute denn für eine Vorstellung von Perfektion? Was fehlt denn wirklich? Selbst Emotionen sind in ihrer Form perfekte Erfahrungen, auch wenn es sich oft nicht gut anfühlt. Es wäre wohl an der Zeit, das Wort ‚perfekt‘ etwas anders zu betrachten. Gruß, Zoe M.

Wolfram

31.08.2015

Der Artikel folgt aus meiner Sicht dem Trend der Verallgemeinerung von Oberflächlichkeiten und Einzelfällen – und damit Alarm schlagen ….“es gibt einen neuen Trend“… usw. Ich bin Vater von 2 (fast) erwachsenenen Söhnen, Frau ist ebenfalls Berufstätig – und zwar in unserem herunterkommenden Gesundheitssystem – und wir haben beide folgende Auffassung: Menschen die sich mit solchen Selbstoptimierungs-Apps beschäftigen sind nicht wirklich „beschäftigt“ – in der Regel sind das Personen die viel über Arbeit reden – aber eben nur reden. Wir haben unsere Kinder ohne den ganzen Spielkram hinbekommen – und weisen unsere Kids auch gern darauf hin das man vor lauter Apps das reale Leben wirklich verpasst – eher ist das der Punkt. Gegen weiterbildungs-Kurse ist nie etwas einzuwenden – eher nimmt sie zuwenig in Anspruch – aber die hier angewandte Bedeutungsinterpretation wie wichtig oder unwichtig die sind ist keinesfalls für eine Allgemeinheit anzuwenden – es gibt sie durchaus – und Gottseidank noch in ausreichender Zahl – die Menschen die mit Begeisterung ihren Beruf ausüben und mit den Beinen fest auf der Erde stehen UND Familie haben/leben/entwickeln – auch mit den zitierten Typen von Arten. Vielleicht sollte man mit denen reden und nicht nur mit denen die darüber reden – aber eben nur reden. Machen !

Berliner

01.09.2015

Arbeit ist und bleibt „Sklaverei“.
Wenn ein jeder/jede seine/ihre Eltern frägt: Habt Ihr mich zum Arbeiten gezeugt, kommt mit Sicherheit ein NEIN bei raus!
Und wer einen Vertrag unterschreibt, entbindet sich von seinem freien Willen.

Stefan Nette

02.09.2015

„Arbeit ist und bleibt „Sklaverei“.
Wenn ein jeder/jede seine/ihre Eltern frägt: Habt Ihr mich zum Arbeiten gezeugt, kommt mit Sicherheit ein NEIN bei raus!
Und wer einen Vertrag unterschreibt, entbindet sich von seinem freien Willen.“

Wer entbindet sich von irgendwas? Sorry, aber selten so einen unfug gelesen.

Möchte mal sehen welcher (Steinzeit) Bauer etwas von freiem Willen geredet hat, wenn er morgens auf sein ertragsarmes Feldchen ging um die Ähren zu stutzen weil die Sonne (freundlich gesagt) ein Häufchen auf seinen freien Willen gesetzt hat. Ernte oder hungere war die Divise, dagegen finde ich die Möglichkeit bis zu 1 Jahr vom Staat getragen überleben zu können geradezu grandios. Fragen Sie mal Ihre Eltern ob sie Sie zum Fortbestand der Menschheit gezeugt haben, das werden diese auch verneinen, ist aber der EINZIGE und tatsächliche Grund warum wir hier rumeiern.. Zu Thema freier Wille unser Zeugungsdrang, Torschlusspanik etc. ist wohl sicher auch kein freier Wille.

Thomas

19.05.2016

Genau. Arbeit. Was könnte es Schöneres geben? Das Einstiegsgehalt ist mir völlig egal, schliesslich kann ich mich voll gut entwickeln. Am wichtigsten bei der Arbeit ist mir aber, dass mein Chef immer reicher wird. Dafür arbeite ich gerne.

Nicola Schmidt

20.05.2017

Perfektion erzeugt Aggression. Perfektion ist nichts anderes als als ein Luftschloss. Was kommt dann? Wenn beim Aufwachen festegestellt eird, dass eben doch nicht alles perfekt ist… weder der Mensch noch das Leben.
Mein Tipp: Mal Fünf gerade sein lassen, ein Auge zudrücken. Lernen, mit dem Unperfekten klarzukommen. Ja, dass ist eine Herausforderung. Jedoch, Sie ist durchführbar, für alle die es wollen ;)