Arbeit & Liebe

Du bist mehr als dein Job: Fünf Signale für mehr Distanz

Wer sich zu sehr über seinen Job definiert, engt die eigene Perspektive ein. Doch wann ist es zu viel? Silvia Follmann hat für unseren neuen Kooperationspartner „EditionF“ fünf Hinweise dafür gefunden, dass man etwas Distanz zwischen sein privates Ich und den Beruf bringen sollte.

Empty_cubes1

„Und, was machst du so?“ Wer auf diese Frage auch im Privaten reflexhaft mit seinem Beruf antwortet, darf beginnen, sich Gedanken zu machen, ob er sich vielleicht ein wenig zu sehr mit seinem Job identifiziert. Doch irgendwie tun wir das fast alle, oder nicht ? In einem gewissen Maße ist das ja auch vollkommen natürlich. Denn nicht nur wer seinen Job richtig gern macht, setzt sich eben mit seinem Tagewerk in Beziehung. Doch lässt man zu, dass sich Beruf und Selbst zu sehr vermischen, führt ein einstiges Glücksgefühl auch ganz schnell mal in die Krise. Wie viel ist aber zu viel? Das für eine Tätigkeit zu definieren, mit der man in der Regel die meiste Zeit des Tages verbringt und die uns auch oft noch Zuhause beschäftigt, wenn die Feierabend-Uhr schon längst geschlagen hat, ist gar nicht so einfach.

Eines ist klar: Unsere Jobs sollen uns im besten Fall erfüllen, sie dürfen aber keine Hülle sein, die wir uns überstülpen, um darunter zu verkümmern. Es gibt Hinweise dafür, dass man zwischen sich und den eigenen Job etwas Distanz bringen sollte. Das sind die fünf wichtigsten:

1. Verlust des Weitblicks

Wer sein Ich nicht mehr vom Job lösen kann, verliert zusehends den Weitblick und schafft nicht mehr den gedanklichen Sprung in eine Gesamtperspektive und Dinge auch mal von außen zu betrachten. Das ist schlecht, denn irgendwann sieht man vor lauter Wald die Bäume nicht mehr, versucht Probleme mit den immer gleichen Mustern zu lösen – was irgendwann einfach nicht mehr funktioniert – und schafft es im Zweifel ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr zu verstehen, was Kunden oder auch der Partner von einem erwarten. Am Ende ist es ziemlich simpel: Wem es nicht mehr gelingt, jenseits gegebener Strukturen zu denken, wird seiner Aufgabe nicht mehr gerecht werden können.

2. Aus Glück wird Krise

In der starken Identifikation mit dem Job kann ganz viel Glück liegen. Wer liebt, was er tut, ist oftmals erfolgreich, bekommt Anerkennung und kann morgen leichten Herzens aufstehen. Doch genau diese Menschen fallen auch leicht in ein tiefes Loch, wenn unerwartete Hürden oder Kritik auftauchen. Besonders leiden unter der zu starken Verbindung mit dem Job jedoch die Personen, die von vorneherein unzufrieden mit dem Job sind. Wer hier nicht abstrahieren kann, gerät in eine mentale Krise. Und wird sich dafür höchstwahrscheinlich auch noch selbst verantwortlich machen – ab diesem Moment wird es sehr schwer, einen Weg aus der Misere zu finden.

3. Fehlende Entwicklungsperspektive

Wer seinen Fokus Tag für Tag allein auf die Abläufe im Job legt, wird sich nicht weiterentwickeln. Um ein guter Mitarbeiter oder Chef zu sein, braucht es nicht nur Arbeitserfahrung, sondern auch Soft Skills und eine entwickelte Persönlichkeit. Und die kann sich nur dann heranbilden, wenn man verschiedene Einflüsse, Erfahrungen und Erlebnisse zulässt, die nicht immer nur aus einer Richtung kommen. Wer seinen Radius zu eng zieht, wird sich nicht entfalten – und damit auch keine Bereicherung für das Team sein.

4. Die Arbeit dauert nicht dein ganzes Leben

Zufriedenheit im Job hin oder her – man sollte immer daran denken, dass diese Phase des Lebens nicht ewig andauert. Und dann wird es umso wichtiger zu wissen, wer man ohne seinen Beruf oder Titel ist. Wer auf ein Leben zurückschaut, in dem schon immer wichtiger war, wer man als gesamte Person war, als das, was auf der Visitenkarte stand, wird damit keine Probleme haben – und um einiges glücklicher sein. Denn eines ist gewiss: Nun mit einem mulmigen Gefühl statt mit Lust auf die kommenden Jahre dazustehen, ist kein Job der Welt wert.

5. Verlust von Beziehungen

Wir sind soziale Wesen. Selbst der kleine Misanthrop in uns genießt nach einer Auszeit von sozialen Interaktionen das Miteinander, braucht Zuspruch und Verständnis, will sich und seine Ideen weitertragen, gesehen und geliebt werden. Und diese Zuwendung, bekommt man nicht ohne Gegenleistung. Auch wenn wir alle Phasen haben, in denen wir uns mehr auf uns selbst und auf unsere Jobs konzentrieren müssen oder wollen – bei allem Eifer sollten Beziehungen dabei nicht den Kürzeren ziehen. Es rächt sich ziemlich schnell, wenn man sich eine Karriere auf die Fahne schreiben, seinen Erfolg aber mit niemandem teilen kann. Und so sollte man auch mit viel Stress und Lust am Job nie die Fähigkeit verlieren, Glück und Kraft auch aus sozialen Bindungen zu ziehen.


EDITION F ist das digitale Zuhause für ambitionierte Frauen. EDITION F unterstützt sie dabei, ihre Ziele zu erreichen – im Job und im Leben. Die Community wird von ihren Mitgliedern mitgestaltet: Leserinnen können eigene Artikel schreiben, ihr Wissen weitergeben und debattieren. Mehr inspirierende Inhalte, Netzwerkmöglichkeiten und spannende Jobs finden Sie auf editionf.com

 

6 Kommentare

H.-J. Scherer

17.08.2015

Herzliche Gratulation für die Verfasserin resp. Verfasser dieses Artikels. Ich kann dem Geschriebenen hier nur zustimmen. Die Anregung, für Mitarbeiter und Entscheidungsträger gleichermassen über die Beziehung zur Arbeit und auch über das Leben ausserhalb des Berufes nachzudenken, finde ich sehr gelungen.

Stefan Nette

17.08.2015

Ich habe mich schon während des Studiums immer darüber gewundert, wenn Kommilitonen(innen) nach den Semesterferien geäußert haben: „Gut, dass es weiter geht, wurde auch mal Zeit“. Viele Menschen neigen dazu die Karriere über alles zu heben und vergessen dabei, dass das Leben aus mehr besteht. Mir war und wird nie langweilig werden, mit oder ohne Job. Ich habe genug Hobbies und Interessen. Sollten andere auch mal probieren, ist schon spannend was man alles tun kann ;)

Kurt Ludikovsky

17.08.2015

All jene die sich der Meinung der Authorin anschließen, sollte sich mal die Frage stellen ob sie im richtigen Beruf sind.
Leider haben wir seit ca. 150 Jahren die „Murkerl-Arbeitswelt“ (für die deutschen Mitbürger Murkerl = Karotte oder Mohrrübe). Alle laufen dem Erfolg nach, und der muss auf die Sekunde geplant werden. Koste es was es wolle. Statt mal darüber nachzudenken: ist das was ich mache, etwas was mich erfüllt, oder mache ich es nur weil es eine Menge Kohle bringt?
Das führt dazu, dass „wir die Hälfte unseres Lebens unsere Gesundheit opfern um Geld zu machen, um in der zwetiten Hälfte unser Geld opfern um unsere Gesundheit zurückzubekommen“ (Zitat geborgt)

LG

17.08.2015

„ist das was ich mache, etwas was mich erfüllt, oder mache ich es nur weil es eine Menge Kohle bringt?“

Für viele aber auch die einzige Chance, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nicht ne „Menge Kohle“. Erfüllung ist ganz großer Luxus, wenn man arbeiten muss, um leben oder seine Kinder ernähren zu können.

Klippen-Coaching, Heitzer

14.07.2016

Vielen – wenn nicht sogar den meisten – geht es so, dass sie froh sein können, mit dem Geld sich und ihre Familie ernähren zu können. Aber genau dann ist es umso wichtiger, sich außerhalb der Arbeit Energie- und Wohlfühlinseln zu schaffen, mit denen die Batterien wieder aufgeladen werden können. Denn woher sonst sollte die Kraft für die Herausforderungen des Arbeitsalltags kommen?

Maier indira

07.03.2017

Sich über den Job zu definieren ist in unserer westlichen Gesellschaft so verbreitet. Kann man jemanden kennenlernen und den Abend mit ihm verbringen ohne über den Beruf kurz zu sprechen.Der Mensch als Mensch soll im Mittelpunkt stehen. Leider oder auch nicht prägt der Beruf den Menschen. Oft ist es einem nicht mal bewusst , wie unsere Weltanschaung durch den Beruf geprägt ist. Ich habe mir einen zweiten Beruf gesucht und erfahren das.sich dadurch viel bei mir verändert hat . Vor allem lernt man Menschen mit anderen Anschauungen kennen .