Burn-out-Gefahr: "Chefs sind wichtiger als der Hausarzt"

Burn-Out ist häufig noch ein Tabuthema. Dabei ist die Zahl der Menschen, die wegen psychischer Belastungen im Job ausfallen, in den vergangenen Jahren gewachsen. Immer mehr große Konzerne setzen nun auf ihre Führungskräfte, die früh gegensteuern sollen.

Wer sich im Job überfordert oder selbst Druck auferlegt, kann im schlimmsten Fall in eine Burnout-Spirale geraten. (Foto: Julian Stratenschulte)

Wer sich im Job überfordert oder selbst Druck auferlegt, kann im schlimmsten Fall in eine Burnout-Spirale geraten. (Foto: Julian Stratenschulte)

Ständig aufblinkende neue Mails, rund um die Uhr klingelnde Telefone, Arbeitsaufträge, die am besten schon erledigt sind, wenn sie eintreffen. Das hohe Tempo in der modernen Arbeitswelt bleibt nicht ohne Folgen für die Gesundheit der Belegschaft. Nun sollen Führungskräfte als Vorbild dienen.

Immer häufiger sind psychische Belastungen der Grund, dass Menschen nicht mehr arbeiten können. Die psychischen Anforderungen im Job sind der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) zufolge seit Mitte der 90er Jahre deutlich gestiegen. Im Gesundheitsreport des BKK Dachverbands heißt es: Etwa 15 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage der etwa 4,3 Millionen BKK-Versicherten in Deutschland seien psychisch bedingt. Die mittlere Ausfalldauer bei psychischen Leiden sei mit gut 40 Tagen so hoch wie bei keiner anderen Erkrankung. In den vergangenen zehn Jahren hat die BKK eine deutliche Zunahme der Krankheitstage wegen psychischer Störungen registriert.

„Zugleich zeigt sich, dass die Dauer psychischer Erkrankungen stark vom Führungsverhalten eines Chefs abhängt“ sagt Boschs Personalchef Christoph Kübel in einem Gespräch mit den „Stuttgarter Nachrichten“. Der Technik-Konzern hat nun nach hartnäckigem Drängen, so der Betriebsrat, eine Betriebsvereinbarung geschlossen: Sie sieht unter anderem vor, dass Führungskräfte und Mitarbeiter sensibilisiert und anonyme Hilfsangebote bereitgestellt werden.

„Vor psychischer Überlastung ist niemand gefeit, sei der Auslöser auferlegter Druck oder Selbstüberforderung„, sagt Betriebsratschef Alfred Löckle, der die Betriebsvereinbarung ausgehandelt hat. „Deshalb wollen wir mit dieser Vereinbarung das Stigma des Makels durchbrechen und den offeneren Umgang mit seelischen Belastungen erleichtern.“

Bosch ist nicht der einzige Konzern, der sich des Themas annimmt. Auch beim Stuttgarter Autokonzern Daimler werden Führungskräfte in Schulungen sensibilisiert, damit sie Anzeichen für persönliche Krisen bei Mitarbeitern wahrnehmen und gegebenenfalls den Werksarzt einschalten können.

Bei der Deutschen Bahn wurde das Betreuungskonzept, dass ursprünglich für Lokführer vorgesehen war, die Unfälle mit Menschen verarbeiten mussten, schon 2012 auf alle Mitarbeiter ausgeweitet. „Seit gut vier Jahren arbeiten wir daran, dass wir ein besseres Führungsverständnis bekommen“, sagt eine Bahn-Sprecherin. So gebe es Gesundheitscoachings, in denen Führungskräfte lernen, Anzeichen psychischer Probleme zu erkennen.

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Bei der Bundesanstalt für Arbeitsmedizin und Arbeitsschutz (BAUA) macht man den Wandel der Arbeitswelt für die Zunahme psychischer Belastungen verantwortlich. In einem Forschungsprojekt soll die Wirkung von Belastungen erkundet werden, um dann Messstandards und Grenzwertempfehlungen zu erarbeiten. Starker Termin- und Leistungsdruck werden dabei ebenso als Belastungen angesehen wie häufige Störungen und Unterbrechungen und sehr schnelles Arbeiten.

Beim Softwarekonzern SAP verhandelten Betriebsräte mit dem Arbeitgeber fast zwei Jahre über eine Betriebsvereinbarung, mit deren Hilfe psychischen Erkrankungen entgegen gewirkt werden kann. Das hohe Tempo, das SAP-Chef Bill McDermott bei dem Softwarekonzern vorgibt, macht etlichen Mitarbeitern zu schaffen.

An dem höheren Tempo in der IT-Industrie könne man wenig ändern, entgegnet SAPs Gesundheitsmanagerin Natalie Lotzmann. SAP versucht in einem Index die Gesundheit in der Organisation abzubilden. Ein Prozentpunkt Verbesserung in dem Index, so rechnet man bei SAP vor, bringt dem Softwarekonzern bis zu 70 Millionen Euro mehr Gewinn.

Nur mit einem Beschluss oder einer Vereinbarung werde keine Bewusstseinsänderung erreicht. Deshalb setzt man wie bei Bosch auf Vorbilder: 600 Führungskräfte bei SAP werden aktuell geschult, damit sie ihren Mitarbeitern eine andere Kultur vorleben. „Ein Manager muss sich bewusst sein, dass er wichtiger für die Gesundheit ist als ein Hausarzt“, so Lotzmann. Betriebsrat Ralf Kronig sieht das allerdings eher kritisch: Die Verantwortung für gesundheitsverträgliche Arbeitsbedingungen liege am Ende doch beim Betriebsarzt.

Text: Annika Graf


 

9 Kommentare

Bettina Stein

13.08.2015

Wo kommt diese Burn-out Gefahr denn her? Ist es nicht so, dass immer mehr Unternehmen „kostenbewusster“ arbeiten möchten und das auf dem Rücken der noch verbliebenen Mitarbeiter austragen. Überall hat man in der Vergangenheit Stellenabbau betrieben, um das Unternehmen noch rentabler zu machen. Es ist eigentlich nicht mehr wie richtig, dass die Unternehmen nun die Rechnung dafür zahlen, in dem die Mitarbeiter sich endlich anfangen selbst zu schützen. Personal kostet halt Geld…aber hat genau dieses Personal in der Vergangenheit nicht auch zum Erfolg der Unternehmen beigetragen. Genau dieses Personal (besonders langjährige erfahrene Mitarbeiter) wird meines Erachtens seit einiger Zeit mit Füßen getreten.

Toralf

13.08.2015

„„Ein Manager muss sich bewusst sein, dass er wichtiger für die Gesundheit ist als ein Hausarzt“, so Lotzmann. Betriebsrat Ralf Kronig sieht das allerdings eher kritisch: Die Verantwortung für gesundheitsverträgliche Arbeitsbedingungen liege am Ende doch beim Betriebsarzt.“

Ich kann die Meinung von Herr Krone nicht nachvollziehen.
Ein Betriebsarzt hat weder Einblick, geschweige denn Einflussmöglichkeiten, wie das operative Geschäft die Belegschaft/den Einzelnen belastet geschweige denn, es „verträglicher“ zu organisieren.
Hier sind m.E.ganz klar die Chefs / Manager gefordert.

Michael Paul (Mike) Herbst

13.08.2015

Da liegt Frau Stein völlig richtig:
Aristotels hatte schon vor über 2ooo Jahren erkannt: „Nur Freude an der Arbeit bringt gute Ergebnisse“.

Das scheint bis heute noch nicht so richtig durchgedrungen zu sein. Und wie es auschaut, wird sich daran ersteinmal nicht viel ändern.Aber es
gibt sie schon: Fortschrittliche Unternehmen, die trotz widriger Marktverhältnisse, die ihre Muitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit mehr Mitgefühl und Respakt führen. Gratulation!

Michael Paul Herbst

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Henning

14.08.2015

Ja nee, is klar ….
Auf Umwegen möchte sich der Arbeitgeber (Vorstand, Geschäftsführung oder wie das Kind heißt) sich seiner Verantwortung entledigen, den Druck auf das Middlemanagement an die „Arbeiter“ weiterzuleiten.
Da soll doch der Bock zum Gärtner gemacht werden…

r.semb@web.de

14.08.2015

als Hausarzt gebe ich zu bedenken, dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Ärzten ein wichtiger Bestandteil der Verbesserung der Arbeitsatmosphäre darstellt.

Michael

14.08.2015

Chefs bzw. Vorgesetzte sind wichtig für die Gesundheit der Mitarbeiter. Aber warum? Das Führungsverhalten trägt stark dazu bei. Aber nicht nur das. Auch die psychischen Belastungen durch den Arbeitsplatz (Enge, Büroausstattung, Geräuschpegel,…). Wenn Unternehmen wachsen, aber kein Platz für Mitarbeiter geschaffen wird, ist auch das ein sehr großes Problem. Wenn z.B. die Arbeitsstättenverordnung mit Füssen getreten wird (Mitarbeiter sitzten wie in einer Legebatterie) ist auch das ein Grund der dazu beiträgt.
Wenn die Personalabteilung zu Schulungen einläd, aber die Vorgesetzten trotzdem dabei nichts mitnehmen oder umsetzen dann ist das ein großes Problem. Im Grunde genommen wollen die Unternehmen (Firmenchefs) doch nur „mehr Geld“ verdienen. Wenn da der eine oder andere Mitarbeiter auf der Strecke bleibt ist das, nach meiner Meinung, schon einkalkuliert. Oder er bekommt bei dem nächsten „Zielerreichungsgespräch“ gesagt das er nur eine schlechte Note bekommt und er überlegen sollte ob der Beruf wirklich der richtige ist.

Bruno Keller

14.08.2015

Chefs und Vorgesetzte, allen voran Business-Unit-Manager könnten in der Tat mit einer „emotionalen Intelligenz“ dem Burn-Out klar entgegenwirken.
Doch das tun sie nicht. Die Ralität ist so, dass
1. nur die Gewinn-Optimierung im Vordrgund steht, wenn es auch Mitarbeiter kostet, sei es durch keine Vertragsverlängerung, oder eben durch Krankheit wie eben Burn-out, weil aufgrund geringener Mitarbeiterzahlen immer mehr auf den verbliebenen Rücken ausgetragen wird,wie Frau Stein richtig anmerkte.
2. Vieles wird in den Abteilungsgesprächen schön geredet, manches Problem ist bei Vorgestzten bekannt, doch man will doch keine Probleme hören, nur gute Nachrichten sind von Interesse.
3. Emotionale Intelligenz (EI) und dessen Kompetenz könnte hier greifen und Abhilfe schaffen, doch die Wahrheit ist, dass hier Führungskräfte absolut (auch bewußt) versagen und einen betroffenen Mitarbeiter (MA) eher mißkreditieren und gar abteilungsübergreifend geheimnisvoll negatives äußern, so, dass sich überraschend viele andere MA von diesem MA zurückziehen, dieser also Ausgrenzung und gar Beleidigungen erfährt. Das einst gute Verhältnis zwischen Vorgesetzten und MA ändert sich drastisch, vor allem wenn man erst einmal das ungeliebte Thema Mobbing und Burn-out anspricht. Und das macht krank, sogar sehr krank. Sich hier zuwehren, ein klares Dilemma.
3. Emotionale Intelligenz könnte bei richtigem Umgang absolut positives bewirken: zufriedene MA, weil angenommen und respektiert, dadurch motiviert und engagiert, wovon die Arbeitsleistung und das Ergebnis eine positive und gute Effizienz erfahren könnte.
Doch die EI wird von Vorgestzten (auch von Kollegen) vornehmlich in einer ‚Umkehrung‘ angewandt, weil die doch so einfache ‚Negativbetrachtung‘ von Dingen Einzug hält, womit die wahren Kleingeister zu erkennen sind. Denn EI kann auch egoistisch und rücksichtsloser machen.
4. Betriebsarzt: stellt man diesen diese Problematik dar, blicken einen aufgeschreckte Augen entgegen (huch, ein unerwünschtes Problem), welche/r dann die Frage stellt, „…wie könnte ich Ihnen bloß helfen?“ Rezept haben die keines, denn das ist etwas anderes wie Pflästerchen kleben. Zwanghaft wird überlegt, was man bei der nächsten Schulung für Führungskräfte hierzu tun könnte…??! Na prima. Dem wird geholfen werden.
Fazit: ein Mitarbeiter ist bei dieser wirklich schwerwiegenden Problematik allein. Wird das Thema mutig angesprochen, wird deutlch, das will man alles gar nicht hören. Die schmerzhafte Erkenntnis kommt nach Monaten dieses kaum mehr erträglchen Zustands: am besten kündigen und neuen Job suchen, wobei entsprechender Vorgetzter froh wäre; denn: Problem endlich gelöst!

Nandus

26.09.2015

Hier wurden ja schon einige wichtige und richtige Dinge geschrieben. Ich denke aber, wir könnten uns viel BlaBla, Nachdenken und Hinrzermarterung sparen, wenn wir uns auf das wesentliche Problem konzentrierten, welches hinter all diesen Symptomen steckt: ein grassierender Manchester-Kapitalismus, dem die politik freien Lauf lässt, weil sie längst Teil davon geworden ist. Ich frage mich, wann endlich auch der letzte, gutgläubigste „Arbeiter“ (im Sinne von: den Menschen, die es nötig haben den ganzen Tag zu arbeiten um ihr leben bestreiten zu können, durchaus die höheren MGNT-Ebenen mit ein geschlossen) spitz kriegt, daß er wie ein Esel der Möhre hinterrennt, welche diejenigen, die nicht arbeiten müssen, Ihnen vor die Nase halten. Wer das begriffen hat UND dagegen hält (handelt, Konsequenzen zieht), der hat kein Problem mehr mit den im Artikel genannten sekundären und tertiären Symptomen. Alle Anderen mögen sich in der sich immer schneller mahlenden Mühle zerdrücken lassen. Man hat immer eine Wahl.

Daniela

11.12.2015

Was sind Führrungskräfte eigentlich! Sie sind Marionetten der Chefs, oder?
Welcher Chef schickt Führungskäfte zur SCHULUNGEN um VORBILD ZU SEIN?
Ist ein Chef ein Ars…… , wird er auch nur solche Führungskräfte einstellen.
Man beist ja nicht die Hand, die einen füttert. Menschen ändern sich nicht. Habgier, Eifersucht und Neid nehmen Oberhand in der Gesellschaft.Ein Gewissen hat kaum noch einer. Doch die, die noch eins haben WERDEN KRANK!