Kreativität

Kreativität reloaded: Neue Ideen für eine neue Zeit

Die Kreativität, einst nur Künstlern und Werbefachleuten vorbehalten, erlebt einen wahren Boom. Auch im Job gilt es als Muss, sich möglichst originell und ideenreich zu präsentieren. Das kann Stress bedeuten – muss es aber nicht.

Von Ralf Klassen

Maler, Komponisten, Dichter – noch bis Mitte der vergangenen Jahrhunderts wurde „Kreativität“ nur den echten, wahren, schönen Künsten zugesprochen. Das Neue, Einzigartige, Originelle war diesen Berufsschöngeistern überlassen. Erfinder und Wissenschaftler, durchaus ja auch schöpferische Geister, rangierten dagegen in der öffentlichen Wahrnehmung lange Zeit als bessere Handwerker. Alle anderen redlich Berufstätigen sowieso.

Erfolgsserie "Mad Man": Kreative Machtspielchen (©Foto: Frank Ockenfels 3/AMC) Wikipedia)

Erfolgsserie „Mad Man“: Kreative Machtspielchen (©Foto: Frank Ockenfels 3/AMC) Wikipedia)

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs änderte sich das, zumindest ein wenig. Nun fand man „Kreative“ auch in der Werbe- und Medienwirtschaft, als Texter genialer Slogans etwa oder als „Art Director“, gerne mit cooler „Mad Man“-Attitüde, nächtelangen Sitzungen und unverantwortlich hohem Rauschmittelkonsum.

Doch diese Exklusivität haben die Macher und Mächtigen von einst seit geraumer Zeit schon nicht mehr.  Kreativität ist hip, zum Allgemeingut geworden, so scheint es: Keine Stellenausschreibung kommt mehr ohne Verweis auf sie aus, längst hat Kreativität im persönlichen Leistungsmix einst hoch geschätzte Eigenschaften wie „Zuverlässigkeit“, „Ausdauer“ und „Effektivität“ überholt.

Heute sitzen smarte Psychologen wie Bas Kast bei Stefan Raab auf der Couch und unterhalten ein Millionenpublikum mit lockeren „kreativen Denkspielchen“. Fußballtrainer fordern „kreative Lösungen“ von ihren Mittelfeldstars. Und sogar der Kaffeereöster bewirbt sein Nähset für 8,99 Euro als „Ihr kreatives Highlight des Tages“.

Wer will da schon beiseite stehen? Und so ist der Markt für Tricks, Tipps, Seminare und Workshops rund um die gute Idee innerhalb weniger Jahre vollkommen unübersichtlich geworden – und leider auch von etlichen schwarzen Schafen bevölkert. Jene, die meist für viel Geld schnelle Lösungen versprechen, einen Ideen-Boost für jedermann, mit Garantie auf den nächsten Karrieresprung.

Dabei bleibt, bei aller Kritik, eines richtig: Kreativität hat der Menschheit noch nie geschadet (Ausnahmen bestätigen dabei nur die Regel). Und die Möglichkeiten, sich selbst sinnvoll auch ohne große Welle und Stress in diesen Prozess einzubringen, sind durchaus da. Auch und vor allem in der Arbeitswelt kann sich die Lust auf Neues besser entfalten als je zuvor: Je mehr uns die (positiven) Folgen der Digitalisierung von der Last mühseliger und eintöniger Routineaufträge befreien, so US-Starsoziologe Jeremy Rifkin vor wenigen Wochen im spielraum-Interview, desto größer seien die Chancen jedes Einzelnen, sich auf die wirklich nachhaltigen Verbesserungen seiner Aufgaben zu konzentrieren. Nicht im Sinne ständig steigender Effektivität, sondern einer eher spielerischen Herausforderung – ganz im Sinne der „Gamification“, die einen wachsenden Einfluss in der Praxis des New Work erlangt.

Dabei seien gute Ideen „kein Exklusivprivileg einiger weniger Ausnahmemenschen mit direktem Draht zu den Musen. Kreativ zu sein, ist eine Grundeigenschaft des Gehirns“, schreibt Psychologe Bas Kast in seinem aktuellen Buch „Und plötzlich macht es Klick“. Denn es gäbe schließlich „kein menschliches Gehirn, dem die schöpferischen Fähigkeiten, die Phantasie und der Einfallsreichtum völlig fehlen. Jeder besitzt sie, man muss sie jedoch hervorzulocken wissen – etwa, indem man das Gehirn mit Ungewöhnlichem konfrontiert“, so Kast.

Diese Konfrontationen können unterschiedlichster Art sein. Schon ein einziger Urlaub, der abseits der gewohnten Pfade verläuft, kann eine vollkommen neue Perspektive auf Leben und Arbeit bringen. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass die Auseinandersetzung mit ungewohnten Situationen im Ausland unser Hirn signifikant anders und effektiver, also: kreativer, arbeiten lässt – und zwar auf Dauer. Die Geschichte vom der netten Kollegin, die nach Sabbatjahr und Weltreise vollkommen verwandelt zurückkommt, ist also (auch) eine von neu verbundenen Synapsen.

Software-Codezeilen: "Vielleicht sind ja die Nerds die größten Kreativen unserer Zeit"

Software-Codezeilen: „Vielleicht sind ja die Nerds die größten Kreativen unserer Zeit“

Umgekehrt, aber ebenso erfolgreich ist die Methode, sich innerhalb einer vertrauten Umgebung mit neuen Impulsen zu konfrontieren. Ein neues Hobby wie Gitarre- oder Golfspielen kann sich dabei genauso positiv auf die kreative Kompetenz auswirken, wie das bewusste Durcheinandermischen von Abteilungen bei der Bewältigung neuer Aufgaben. Denn in der Diskussion mit Kollegen, die möglicherweise fachlich nicht so sicher sind, dafür aber auch nicht eingefahren wie die langjährigen Teammitglieder, können durchaus neue  Sichtweisen entstehen.

Und diese ganzen bunten Büros, mit ihren netten Sitzecken und „transparenten Führungsebenen„- über die immer noch manche schmunzeln? Auch sie tragen ihren Teil zur neuen Ideenkultur in den Unternehmen bei.

Je weniger Eintönigkeit, ob in der Farbgestaltung oder der Innenarchitektur, desto höher die Chance auf motivierte, mit- und neudenkende Mitarbeiter. Neues schafft Neues. Wer als Chef allerdings nur die Büroräume gelb anmalt und ansonsten weiter starr in Hierachien und „Vorschlagswesen“-Kategorien denkt, wird bei seinen Leuten vermutlich nicht einen gewaltigen Ideenschub auslösen.

Gleichzeitig ist es wichtig, auch all jene Leistungen zu würdigen, die bisher nicht unter die klassische Kreativkategorie gefallen sind. Schließlich sind es wahrscheinlich die Entwickler von Software und Apps, die heutzutage kreativer sind, als alle Werber zusammen. Vielleicht ermöglicht es ja die kreative Idee einer Krankenschwester, eine vollkommen neue Betreuungsform für Demenzkranke hervorzubringen. Oder jemand schafft es zum Beispiel, die grassierende Dauermeetingkultur in deutschen Unternehmen zu beenden, OHNE dabei wichtige Kommunikationsstränge abzuschneiden. Das wäre tatsächlich im besten Sinne kreativ.

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