Kreativität

„Wer kreativ sein soll, muss Fehler machen dürfen“

Wie entsteht Kreativität? Und was können wir tun, um kreativer zu werden? Der Psychologe und Kreativitätsforscher Siegfried Preiser* erklärt im Spielraum-Interview, warum Konventionen unkreativ machen und wie man auch am Arbeitsplatz auf gute Ideen kommt.

XING spielraum: Herr Professor Preiser, um das Thema Kreativität ist eine ganze Coaching-Industrie entstanden. Sind wir zu langweilig, um ohne Hilfe kreativ zu sein?

Kreativitätsforscher SIegfried Preiser:  "Unter Druck kommen keine guten Ideen"

Kreativitätsforscher Siegfried Preiser: „Unter Druck kommen keine guten Ideen“

Siegfried Preiser: In unserer sozialen Umwelt und in der Arbeitswelt sind viele Hemmnisse vorhanden, die uns daran hindern, kreativ zu sein. Da gibt es gesellschaftliche Konventionen oder den vorauseilenden Gehorsam gegenüber dem Chef. Oft bestehen auch Vorannahmen darüber, was der Kunde will, ohne dass der Kunde überhaupt gefragt wurde.

Lässt sich Kreativität erlernen oder ist das vielmehr eine Gabe?

Preiser: Kreativität ist angeboren. Jedes Kind entwickelt Hypothesen über die Welt und testet diese. Da wird einfach ausprobiert und manchmal klappt es und ein anderes Mal nicht, weil zum Beispiel der Turm aus Bauklötzen schief ist und umfällt. Aber ein Kind erfährt auch normative Grenzen seiner Kreativität: Wenn es die Tapete bemalt, werden die Eltern einschreiten.

Wir werden also in unserer Kreativität eingeengt?

Preiser: Der größte Knick in der Kreativitätsentwicklung kommt mit der Einschulung. Dann wird die Spielfreude und Fantasie begrenzt, was zum Teil auch notwendig ist: Nur weil wir alle die gleichen Schriftzeichen benutzen, können wir uns verständigen. In China verleihen schon kleine Unterschiede in der Schreibweise einem Wort eine ganz neue Bedeutung, deshalb sind Schulkinder dort beim Zeichnen sehr viel weniger kreativ als bei sprachlichen Aufgaben. Da wird der Einfluss von Normen sichtbar.

Wie entstehen denn neue und originelle Ideen im Gehirn?

Preiser: Kreativität ist dadurch gekennzeichnet, dass das Gehirn breiter als gewöhnlich aktiviert wird. Dabei werden Verknüpfungen genutzt, die bei einer Routine-Tätigkeit nicht zum Einsatz kommen. So werden beispielsweise visuelle, sprachliche und mathematisch-logische Vorstellungen gleichzeitig aktiviert.

preiser_buchcover

Lässt sich Einfallsreichtum gezielt fördern?

Preiser: Kreativität wird vor allem durch Freiräume gefördert. Das ist in Kindergärten und Schulen genauso wie im Betrieb. Auch im Job sollte es die Möglichkeit geben, zu experimentieren und Neues auszuprobieren. Dafür braucht es aber eine offene Fehlerkultur: Unternehmen müssen verstehen, dass Fehler keine Katastrophe sind, sondern eine exzellente Lerngelegenheit.

Was macht ein kreatives Arbeitsumfeld aus?

Preiser: Studien zum Kreativitätsklima zeigen, dass es vor allem auf vier Faktoren ankommt. Neben den erwähnten Punkten, Freiräume und Fehlerkultur, ist auch der Anregungsgehalt der Arbeit wichtig. Wie abwechslungsreich ist eine Tätigkeit? Sind Diskussion und Austausch möglich? Der vierte Punkt ist die zielorientierte oder intrinsische Motivation: Um kreativ eine Aufgabe zu lösen, muss man das Ziel sinnvoll finden und Freude am Weg dorthin haben.

Was können Arbeitgeber konkret tun, um das Kreativitätsklima zu verbessern?

Preiser: Wer eine Weile die Farbe Grün ansieht, hat hinterher oft mehr Einfälle. Deshalb alle Büros grün zu streichen, wäre aber naiv – so etwas nutzt sich ab. Statt auf pauschale Ratschläge kommt es vielmehr auf eine Grundhaltung an, die es den Mitarbeitern erlaubt, neue Wege auszuprobieren, ihnen also „grünes Licht“ gibt.

Wie wichtig ist der Einfluss der Arbeitsumgebung? Schaden Großraumbüros der Kreativität?

Preiser: Wichtiger als der Unterschied zwischen Großraum und Einzelbüro sind Variationsmöglichkeiten, also dass der Arbeitsplatz auch mal gewechselt werden kann. Ein Mitarbeiter muss sich zurückzuziehen können, um in Ruhe nachzudenken. Genauso braucht es einen Raum zum Austausch unter Kollegen. Auf diese Weise kann je nach Arbeitsphase die passende Umgebung gewählt werden.

Brauchen wir gelegentlich Druck, um kreativ zu sein?

Preiser: Druck kann zum Handeln aktivieren, wenn wir einen Anstoß brauchen. Aber generell ist Druck und Stress allein aus physiologischen Gründen für die Kreativität eher hinderlich. Eine Wettbewerbssituation ist nur dann kreativitätsfördernd, wenn die Wettbewerber auch aus einer inneren Motivation heraus antreten.

Was kann man tun, wenn sich gar kein Einfall einstellt?

Preiser: Kreativitätstechniken können helfen, Einfälle zu generieren. Am Anfang muss das Blickfeld erweitert werden. Eine Frage könnte sein: Wie würde ich das Problem einem kleinen Jungen erklären? Und welche Fragen würde er stellen? Laien können Fachprobleme oft nicht lösen, aber sie bringen einen frischen Blick auf die Dinge mit. Die Gefahr beim klassischen Brainstorming ist, dass die Ideen schnell wieder in genormte Bahnen gelenkt werden – vor allem wenn der Chef anwesend ist. Da greift der Konformitätsdruck der Gruppe.

Welche Kreativitätstechniken können Sie empfehlen?

Preiser: Bei dem von mir entwickelten „Brainwalking“ werden Flipcharts im Raum verteilt, auf diese Weise können mehrere Fragestellungen gleichzeitig bearbeitet werden. Beim „Brainwriting“ werden Ideen notiert und dann von anderen weiter entwickelt. Das funktioniert auch als E-Mail-Kette. Und wer gar keine Einfälle hat, dem wird beim kreativen Schreiben geraten, genau das aufzuschreiben: „Ich habe eine Schreibhemmung.“ Allein dieser Vorgang regt schon bestimmte Partien im Gehirn an.

Die besten Einfälle kommen doch ohnehin unter der Dusche oder beim Rauchen?

Preiser: Wenn wir uns für einen Moment nicht mit dem Problem befassen, können wir eine Denkblockade auflösen. Oft löst dann schon der Blick aus dem Fenster eine spontane Assoziation aus. Beim Grübeln wiederholen wir dagegen immer wieder dieselben Gedanken. In so einer Situation sollte man den Arbeitsplatz einfach kurz verlassen.

*Zur Person: Prof. Siegfried Preiser ist Inhaber der Professur für Lebenslanges Lernen und Rektor an der Psychologischen Hochschule Berlin. Mit Kreativität befasst sich Preiser bereits seit seinem Studium. Seine Forschungsarbeiten zum Thema führten ihn in Kindergärten, Schulen, Kliniken, Behörden und Betriebe, aber auch nach Senegal, Ägypten und China.

Das Interview führte Peter Neitzsch

(©Aufmacherbild: Yeko Photo Studio / shutterstock)

5 Kommentare

Olaf Ventzke

16.07.2015

Meine eigenen Beobachtungen bestätigen dies. Ich kann unter Druck zwar einfache Arbeiten erledigen, aber kreativ sein, fällt mir dann schwer.

Michael Schimming

16.07.2015

Gerade die Welt der Kinder öffnet uns die Augen beim Thema Kreativität:

Waren wir nicht alle gerne Kinder? Weil jeder Gedanke zunächst einmal erlaubt war? Weil wir ausprobieren durften? Weil „falsch“ nur die Leitplanke war auf dem Weg zum „richtigen“ Ziel? Weil uns, der Spaß an der Sache antrieb und nicht die Anerkennung des Vorgesetzten?

Sie beschreiben diese Welt in der abstrakte Gedanken akzeptiert sind und kein vorauseilender Gehorsam herrscht als idealen Nährboden für gute Ideen. Das Ziel: Es sollen nicht die lautesten oder angepasstesten Ideen gewinnen, sondern die besten.

Aber wie schafft man eine Arbeitsumgebung in der die Idee im Mittelpunkt steht und nicht die Teamdynamik?

Manche trennen die Teams und verlegen die Zusammenarbeit in virtuelle Welten. Andere beauftragen Dienstleister mit aufwändigen Kreativ-Workshops in ungewöhnlichen Locations. Es kann aber viel einfacher sein. Unsere Erfahrung bei mindflow ist, dass die besten Ideen entstehen, wenn drei Dinge vorhanden sind:

1. Trennung von Beiträgen und den Lebensläufen der Teilnehmer – bei Kindern zählt nur das hier und jetzt.

2. Spielerische Fokussierung auf Inhalte – Kinder wollen Spaß und kleine Herausforderungshäppchen.

3. Zielorientierung – klare Leitplanken von Mama & Papa.

Wer diesen Dreiklang beherrscht macht die kreative Zusammenarbeit demokratischer, spielerisch-effektiver und effizienter. So macht die Arbeit im Team Spaß und es entstehen bessere Ergebnisse.

Smollie

17.07.2015

Eine Sichtweise, die der meinen entspricht, obwohl ich den Chef temporär gern dabei hätte, um seine Sichtweise ebenfalls kennen zu lernen Eine komplette Ausgrenzung des Chefs halte ich nicht für sinnvoll.Schließlich kann man auch den Trainer austauschen und nicht nur immer teile der Mannschaft.

Monika Möller

28.02.2017

Um Kreativität zu leben – eigenständiges (Mit-)Denken – müssen wir zusätzlich unser Selbstvertrauen stärken. Habe ICH keine Angst davor Initiativen zu ergreifen / Ideen zu formulieren, habe ICH die Möglichkeit meine Kreativität anzuzapfen.

Das ist für mich neben dem im Artikel genannten elementar.

Grit Wagner

09.03.2017

Ich war sehr Kreativ denn Not macht erfinderisch. Ich bin 43 Jahre alt und seit meiner Geburt Behindert. Ich habe über mein Leben ein Buch geschrieben. Der Titel lautet: Ich das Kind aus der Schnapsflasche. Ich hatte sehr zu kämpfen Früher. Da ich nur die Förderschule besucht habe war ich nicht sehr gefragt. Denn mit einem Hirngeschädigten Menschen kann man ja nicht viel anfangen. So dachten alle um mich herum. Heute bin ich viel Unterwegs und mache Buchlesungen. Ich habe einen gut strukturierenten Tag. Mit Aufgaben im Alltag und Therapien. Ich komme sehr gut vorwäts. Es kommt halt darauf an was mir am Tag wichtig ist. Voran kommen und daran arbeiten das mein 2 Buch gestalt annimmt oder nur rumspielen und Fernsehen oder Computerspiele machen. Ich entscheide mich immer dafür vorwärts zu kommen und vor allem dadurch das ich aus einer Alkoholikerfamilie stamme mache ich das ganze Gegenteil ich Trinke keinen Alkohol, keinen Kaffee und ich Rauche auch nicht. Ich trage viel zu meiner Instabilen Gesundheit bei damit ich so eingeschränkt wie ich bin Trotzdem meine Ziele erreiche. Deshalb Koche ich auch selbst und bin auch so sehr gut umsorgt. Ich nehme Therapieangebote war wie Physiotherapie und Psychologische Termine. Meine Betreuer sind mit mir sehr zufrieden. Ich muss mich halt ständig bemühen am Ball zu bleiben und mich bemühen um öffentlichkeitsarbeit gut zu erledigen. Das ist sehr Aufwendig aber es macht spaß.