Diversity

"Keine Spitzenfrau ist gerne Quotenfrau"

Xiaoqun Clever ist „Chief Technology Officer“ des ProSiebenSat.1-Konzerns und damit die erste Frau in Deutschland, die eine solch hohe Position in einer echten Männerdomäne erreicht hat. Im Interview spricht sie über ihren Karriereweg, unterschiedliche Führungsstile, die Quotenfrage – und bunte Unternehmen.

Xiaoqun Clever: "Keine Frau in einer Spitzenposition wird gerne als Quotenfrau gesehen"

Xiaoqun Clever: „Es gibt keinen typisch `weiblichen´ Führungsstil“

XING spielraum: Herzlichen Glückwunsch, Frau Clever. Die Leserinnen und Leser des Onlineportals „EditionF“ haben Sie soeben zu einer jener Frauen in Deutschland gewählt, die sie gerne bis 2025 als CEO eines DAX-30-Konzerns sehen wollen*. Freut oder erschrickt Sie diese Vorstellung?

Xiaoqun Clever: Natürlich freut mich diese Vorstellung – und ich hoffe auch, dass es nicht bis 2025 dauert. (lacht)

Wie schätzen Sie denn ihre Chancen dafür ein?

Clever: Nun, im Moment dürfte es in Deutschland zumindest als Chief Technology Officer vielleicht etwas schwierig werden.

Braucht es aus Ihrer Sicht überhaupt Instrumente wie die staatliche Frauenquote oder den permanenten Druck aus der Öffentlichkeit, damit es zu einer wirklichen Gender-Veränderung in den Führungskulturen der Top-Unternehmen kommt?

Clever: Lassen Sie es mich mal so formulieren: Keine Frau, die an der Spitze eines Unternehmens mitwirkt, wird gerne als Quotenfrau gesehen. Aber die Tatsache, dass es so eine große öffentliche und politische Diskussion über die Quote gibt, heißt aus meiner Sicht, dass sie doch notwendig ist. Dass man mit anderen, freiwilligen Mitteln doch nicht weit gekommen ist.

Sie jedenfalls haben es als Chief Technology Officer von P7S1 in einer echten Männerdomäne schon weit gebracht. Wie schwierig war das?

Clever: Als Frau auf diesem Gebiet zu arbeiten, ist ja tatsächlich noch nicht die Normalität. In den USA oder anderen Ländern gibt es weibliche CTOs auch schon in großen Konzernen, nur in Deutschland leider noch nicht. Da bin ich, so weit ich das übersehen kann, im Moment tatsächlich die einzige.

Wieso sind wir in Deutschland denn noch nicht so weit?

Clever: Ich denke, das hat historische Gründe. Aus meiner Generation zum Beispiel haben kaum Frauen Technologie studiert, weil das damals einfach noch nicht als Fach für Mädchen gesehen wurde. Als ich vor zwanzig Jahren nach Deutschland kam, waren wir in unserem Studiengang Informatik ganze vier junge Frauen – von 400 Studenten.

Sie sind in China geboren – ist die Akzeptanz von Frauen in technischen Berufe dort größer als bei uns?

Clever: Ja, zumindest bis zum mittleren Management, und natürlich gibt es in China schon von der reinen Anzahl her enorm viel mehr technisch orientierte Frauen als hierzulande.

Kommen wir zu einem anderen Aspekt: Als CTO werkelt man ja nicht nur für sich allein im stillen Kämmerchen, Sie leiten bei ProSieben auch ein großes Team. Es heißt ja immer, dass Frauen signifikant anders führen. Aber stimmt das überhaupt?

Clever: Das würde ich nicht so sagen. Ich finde es auch nicht gut, wenn generalisiert wird, dass Frauen in Führungspositionen alles anders machen als Männer. Ich würde das eher individuell sehen, jede Führungskraft hat ihren eigenen Stil. Der sich auch situativ verändern muss. Wenn man nur eintönig führt, ist man keine gute Führungskraft. Bei mir persönlich geht es vor allem darum, Vertrauen bei den Mitarbeitern aufzubauen, eine eigene gemeinsame Vision zu entwickeln und dem Team den Rücken freizuhalten. So könnte aber genauso gut auch ein Mann führen, das ist nichts spezifisch weibliches.

Wie wichtig sind Ihnen persönlich dabei die Prinzipien des „New Work“ wie etwa demokratische Entscheidungsprozesse, flache Hierachien, größtmögliche Freiheiten für den einzelnen Mitarbeiter?

Clever: Ich würde da gerne zwischen zwei Aspekten unterscheiden: Es gibt unterschiedliche Arten von Unternehmenskulturen, die man in rote, blaue, orangene und grüne einteilen kann. Die rote Kultur ist die, die bereits mit der Industrialisierung einsetzt. Die viel mit Kontrolle und starren Hierarchien zu tun hat. Danach beginnt in vielen Branchen die blaue, markt – und konkurrenzorientierte Kultur. Und wenn die rote Kultur bedeutet, die wichtigen Dinge zu tun, meint die blaue nun, diese Dinge auch schnell zu tun. Man ist extern orientiert, aber alles ist nur kurzfristig angelegt.

Mit der orangenen Kultur beginnt die Kollaboration, man arbeitet mehr zusammen, vor allem intern, das Team wird wichtiger, um flexibel zu bleiben. Die Unternehmen orientieren sich zunehmend langfristiger in ihrer Strategie.
Schließlich beginnt die grüne Kultur, das ist die kreative. Eine Kultur, die auch viele Start-ups heute auszeichnet: viel individueller, viel schneller, mehr Experimente. Zu diesen vier unterschiedlichen Kulturen kommt nun der Generationswechsel und mit ihm ein Wertewandel. Das Streben nach Anerkennung von außen verschwindet, dafür wird die Selbstverwirklichung und auch das nachhaltige Arbeiten viel wichtiger.

Wenn man diese zwei Aspekte zusammenbringt, dann entwickelt sich eine andere Art von Unternehmenskultur, allerdings abhängig von der jeweiligen Art des Unternehmens. Ein großer Konzern kann nicht so schnell eine grüne „New-Work“-Kultur entwickeln, das fällt einem Start-up natürlich leichter.

Und welche Farbe hat ProSiebenSat1 derzeit aus Ihrer Sicht?

Clever: Wir sind noch gemischt: mal blau, mal grün.

Interview: Ralf Klassen

*Mehr zur Aktion von „EditionF“, bei der per Community-Entscheid aus einer Auswahl von mehreren hundert Frauen die Top-25-Kandidatinnen für einen CEO-Posten bei einem DAX-Konzern gewählt wurden, lesen Sie hier.

2 Kommentare

Tino Cogin

03.07.2015

Die Dame drischt Allgemeinplätze, dass es einem schmerzt.

Niemand läßt sich gerne vorhalten, er/sie habe die Position aus anderen Gründen als der Qualifikation dafür erhalten.

Die „Farbenlehre der Führung“ ist ebenfall ein alter Hut, ist eine Weiterentwicklung des DISG Persönlichkeitsmodells, verbunden mit den neuen Theorien der „Augenhöhe“

Was hatte die Dame Neues zu sagen? Nichts. Schade um die Lebenszeit.

Mara Michel

09.02.2016

Sicher, es sind Aussagegen, die wir alle kennen- dennoch ist es sehr gut, sie so deutlich auszusprechen, damit sie in aller Bewusstsein gelangen.
In einer Aussage möchte ich widersprechen: es gibt ihn, den anderen Führungsstil, egal ob man ihn als weiblich oder nicht typisch weiblich bezeichnet. Es gibt derzeit noch wesentlich mehr Frauen als Männer, die bereit sind, gemeinsam an Zielen und Lösungen zu arbeiten, – ohne Machtanspruch und Egobefriedung. Dieser Arbeitsstil wird sich in diesem Jahrhundert grundlegend entwickeln und dies wiederum wird das Verdienst vieler vieler Frauen sein, die hartnäckig daran arbeiten.