Diversity

"Das Reden über Diversity hilft uns nicht mehr weiter"

Während wir in Talkshows und intellektuellen Zirkeln immer noch über die großen Themen des Anderssein verhandeln, zeigen uns die Fakten bereits ganz neue Bilder. Das was sich unterscheidet, wird immer kleiner, detaillierter. Was wir brauchen, ist ein Diskurs über das, was verbindet. Nicht das andersartige Nebeneinander bringt uns weiter, sondern das Erkennen der Ähnlichkeiten. Teil 4 unserer Serie „Zukunftsräume“ in Kooperation mit dem Zukunftsinstitut

Von Harry Gatterer

Erstmals seit den 60-er Jahren bestehen in dieser Woche die deutschen Albumcharts wieder ausschließlich aus deutschen Alben. Nur deutsche Titel? Wie kann es sein, dass sich Deutschlands Musik-Käufer so national verhalten? Musik, das wissen wir, ist keine rationelle Entscheidung. Musik ist Emotion. Sarah Conner, einst gefeierte deutsche Künstlerin mit englischen Titeln, besetzt die Charts sogar mit dem Album „Muttersprache“. Direkt daneben finden wir schon andere Töne: ein „Best of“ von Christina Stürmer. Zwar singt sie auf Deutsch, ist aber durch und durch Österreicherin. Da beginnen die kleinen Unterschiede.

Rap-Duo "Celo & Abdi": "Diversity ist schon längst in den Herzen der Deutschen gelandet"

Rap-Duo „Celo & Abdi“: „Diversity ist schon längst in den Herzen der Deutschen gelandet“

Gehen wir noch eins weiter, finden wir „Bonchance“, von Celo & Abdi. Das Rap-Duo aus Frankfurt tönt weit weg von Muttersprache. Es ist ein Kauderwelsch aus unterschiedlichen Sprachen und Hintergründen: Deutsch, Französisch, Englisch… Es ist: die Sprache der Migration, die Celo, der aus Bosnien stammt, und Abdi, dessen Wurzeln nach Marokko reichen, uns hier kredenzen. Es ist die Idee der Differenz, die dieses Album durchdringt und zu Emotion übersetzt. Die Beiden, und noch einige andere Chart-Stürmer, führen uns deutlich vor Augen, dass Diversity jenseits von Englisch schon längst in den deutschen Herzen gelandet ist. Schon längst tacktet mitten in der emotionalen Realität Deutschlands das Herz des Miteinanders, die Idee von gemeinsamen Anderssein. Deutschland entfaltet sich, über die Grenzen hinweg, ob wir es verstehen – oder nicht.

Wir erleben also ein Anderssein innerhalb des Deutschseins, das sich auf viele kleine Details und Gesten konzentriert. Was alle verbindet, ist das Deutsch, was sie trennt, ist dessen Interpretation. Es sind Mikro-Differenzen, die uns durch eine offenere und globalere Welt beschert werden. Selbst im Alltagsleben der Menschen zeigt sich das: Wenn beispielsweise Ola Rosling, Mitbegründer von Gapminder, mittels Daten erläutert, wie ähnlich sich eine Welt wird, in der sich Mittelschichten bilden, glaubt man es ihm – trotz Zahlen und Daten – kaum. Wenn er dann die Fotos zeigt, ist man berührt: Mittelstandshaushalte in Deutschland gleichen jenen in Uganda, Indien oder China mehr, als man glaubt. Es gibt die Waschmaschinen, die Besteckladen, die überfüllten Schuhschränke – ja sogar der Wunsch nach zwei Kindern ist über die Kulturen hinweg manifestiert.

Es gibt keinen Diskurs über Diversity, ohne dadurch auszugrenzen
Die faktische Beweisführung würde sich weiter ausdehnen lassen, und uns zeigen, dass es viel „Gleichheit“ auf dieser Welt gibt. Was sich unterscheidet, ist oft marginal und winzig – und ja, auch wichtig. Aber im Vergleich zu dem, was uns verbindet, eben wenig. Doch in unseren mentalen Bildern pflegen und hegen wir diese Unterscheidungen, egal wie klein sie sind. Warum? Weil Unterscheidungen Territorien erzeugen, richtig und falsch definieren, Mein und Dein markieren. Weil wir uns im Anderssein identifizieren, und es uns darin eingerichtet haben. Wir wollen das Anderssein, und stärken es durch den Dialog über Diversity. Wir können nicht nicht denken. Wenn wir über Diversity verhandeln, weisen wir uns selbst schon einer Seite zu. Wir differenzieren, obwohl wir das Verbinden meinen. Je mehr darüber gesprochen wir, je mehr Programme es gibt, desto mehr werden wir den Unterschied pflegen. Da, wo wir dies nicht tun, sind wir längst diverser als wir das glauben. Die Hitparaden und Mittelschichten zeigen uns das.

Diversity-Thema "Frauen-Quote": "Die Gefahr, Grenzen zu zementieren"

Diversity-Thema „Frauen-Quote“: „Die Gefahr, Grenzen zu zementieren“

Das sowohl-als-auch wird zur Grundidee der Zukunft
„Eine Gesellschaft ist umso fortgeschrittener, je „konturloser“ ihre territorialen Grenzen sind.“ sagt Manfred Schoer. Je weniger wir uns um die Grenzen kümmern, desto unwichtiger werden sie. Und desto bunter und vielfältiger können wir sein. Je mehr nur in Frauenkreisen die Rolle der Frau in Führungsetagen besprochen wird, desto weniger werden wir Diversity erreichen, und stattdessen die Grenzen einzementieren: Heike Mensi-Klarbach forscht an der Wirtschaftsuniversität Wien genau an der Frage, und erklärt das so: „Wenn Frauen wirklich erfolgreich sind, haben sie keine Zeit mehr für Frauen-Netzwerke. Diese bringen sie nicht weiter.“ Dabei geht es nicht darum, die Probleme, die wir noch immer mit Diversity in der Arbeitswelt haben, zu verschweigen. Aber das reine Reden darüber bringt nichts.

Was es vielmehr brauchen wird in Zukunft, ist die Erkenntnis, dass es eben nicht um richtig oder falsch, gut oder böse, geht. Es geht um eine Kultur des Sowohl-als-auch. Es geht um die Suche nach den Verbindungen und Brücken, und nicht um das Unterstreichen der Unterschiede. Unsere Alltagskultur hat dies an vielen Stellen schon erzeugt: Einkaufen nur bei Aldi oder nur beim Feinkosthändler gibt es nicht mehr – es ist schon längst ein Sowohl-als-auch-Konsum, den wir erfahren. Die Differenz ist nicht mehr entscheidend. Es ist das gekonnte Verbinden der Welten, das ein Leben und Arbeiten in der Zukunft ausmacht. Deshalb sollten die Debatte sich lösen vom Anderssein (Diversity), und sich um das Verbinden kümmern. Connectivity ist dabei das Wort, das wir anwenden können. Oder „Bonchance“, wie Celo & Abdi es nennen würden!

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Über den Autor:

Harry Gatterer ist Trendforscher, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts und Experte für „New Living“. Seine Domäne: Die Zukunft von Leben und Arbeit, neue Lebensstile und ihre Wirkung auf Gesellschaft, Unternehmen, Konsum und Freizeit.
Das 1998 gegründete Zukunftsinstitut gilt heute als einer der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung und ist eine zentrale Informations- und Inspirationsquelle für Entscheider und Weiterdenker. Mehr über das Thema New Work und die Megatrends, die unsere Zukunft prägen, erfahren Sie auf zukunftsinstitut.de.


 

4 Kommentare

Matthias

29.06.2015

Ein kleiner Hinweis: Im ersten Paragraph steht ‚rationelle Entscheidung‘. Hier ist wohl eher ‚rational‘ gemeint. Rationell bedeutet wirtschaftlich/zweckmäßig.

Hermann Rochholz

29.06.2015

Ich möchte hier Herrn Gatterer in einigen Punkten widersprechen:

Ich lese:
„Es gibt keinen Diskurs über Diversity, ohne dadurch auszugrenzen“.
Das ist m.E. der falsche Ansatz.
Als Beispiel ist zu nennen, dass Männer im Durchschnitt mehr schwarz-weiss-Stäbchen im Auge haben,
während Frauen durch mehr Farbstäbchen besser Farben sehen können.
Über so etwas muss gesprochen werden können, ohne gleich eine Anfeindung als „frauenfeindlich“
ausgesetzt zu werden. Wo ist das Problem?
Die Gesellschaft lebt von ihrer Diversität:
Vor wenigen Tagen las ich einen Artikel, in dem stand, was man zu beachten habe,
wenn man Autisten bzw. Arbeiter mit autistischen Zügen einstellt.
SAP macht das. Und sie wissen genau, warum.
Sie können nämlich effizient und fehlerfrei programmieren.
Man benötigt jedoch bspw. für sie einen leisen Arbeitsplatz.
Das muss man aber wissen.

Das Problem liegt an einer ganz anderen Stelle:
Heutzutage traut sich keiner mehr, Defizite resp Diversitäten zuzugeben.
„Anpassung“ ist das Gebot der Stunde. Nur nicht auffallen (vgl. Ash-sches Konformitätsexperiment)
Ich kenne einen Vorgesetzten, der nicht kommunizierte, dass er rot-grün-blind ist.
Er hat lieber Stunden in Diagrammen herumgerätselt als dies mitzuteilen.
Dabei haben 10x mehr Männer als Frauen dieses Problem.
Es wäre kein Problem, das zu thematisieren und das ist’s.
Die Probleme ergeben sich genau dann, wenn diese Diversität verschwiegen/ignoriert wird.

Diversitäten werden in diesem Artikel als „Territoriale Grenzen“ dargestellt.
Diese Aussage ist für mich nicht nachvollziehbar.

Mit Verlaub: Wenn ich über Diversity „verhandle“, weise ich niemandem irgendetwas zu.
Das gilt insbesondere beim Thema „Ausländer“- Ich saß mit 2 Russen über 2 Jahre im Büro.
So böse, wie im Moment getan wird, habe ich sie nie erlebt- nur als sehr nette Kollegen.
Ich bin übrigens momentan selbst Ausländer.
Denn eine andere Herkunft resp. Sprache hat mit „Diversity“ überhaupt nichts zu tun.
Überall gibt es solche und solche.

Und „…, ist die Erkenntnis, dass es eben nicht um richtig oder falsch, gut oder böse, geht.“.
Primär gibt es gut und böse nicht- eine gute Tat zum falschen Zeitpunkt kann verheerende Folgen haben. Das wissen wir spätestens seit Watzlawick.

Gut- Brücken zwischen den Diversitäten müssen – alleine schon aus Gründen
der korrekten und klaren Kommunikation – gefunden werden. Und um Verbindungen zu finden, sollten erst die Diversitäten geklärt werden, denn auch diese lösen Kommunikationsprobleme aus.
Unterstreichen sollte man die Unterschiede nicht. Aber ignorieren oder – noch schlimmer – stigmatisieren
ist denke ich die weitaus schlechtere Option.
Man sollte sie – ganz einfach – als gegeben hinnehmen, analysieren und dann die Konsequenzen daraus ziehen.

Und – das ist jetzt meine Meinung – in der starken Diversity liegt sogar – wie oben beim Extrembeispiel
der Autisten gezeigt –
eine Chance, indem nämlich nahezu jedem eine passende Umgebung geschaffen werden kann.

Furkan Eke

29.06.2015

Einen italienische Ingenieur habe ich einmal kennengelernt, der als offiziere von EU ein fettes einkommen hat und in Muenchen lebt.

Er hat mich danach gefragt, ob ich in Deutschland oder in der Tuerkei studiert habe.

Nachdem ich gesagt habe, dass ich mein erstes Uniabschluss in der Turkei absolviert habe, hat er gesagt „er sei nicht ueberrascht“. Er hatte ebenfalls nicht in Deutschland studiert. Er hat weiterhin gefragt, wie es mit den tuerkischen Unistudenten aussehe. Ich habe gemeint, dass fast alle Unistudenten keine Migrantenkinder sind und aus der Tuerkei kommen. Er hat noch gesagt, dass sei ebenfalls nicht ueberraschend. Dann hat er seine Beobachtungen mitgeteilt: Migrantenkinder von Italiener, Tuerken waren nie als Unikandidaten vorgesehen. Diese Entwicklung war nach Plan so und lebt heute immer noch so.

Diese Ansicht ist auch bei Bundeskanzlerin gaengig, wenn sie ueber Migrantenkinder spricht, geht es um Ausbildung und nicht um Unistudium.

Ich bin der Meinung, dass viele Akademiker hoehere Herausvorderungen haben Ihre Unmut ueber Migranten noch zu verarbeiten als Vorarbeiter in Werke das schon hinter sich gebracht haben.

Obwohl Migranten seit knapp ein halb Jahrhundert da sind, es gibt leider immer noch ein breite Luecke bevon man Gleichbehandlung sprechen kann.

Es gibt auch nicht wenige Geschichten wo die im Deutschland promovierte Wissenschaftler wegen Ablehnung gleich auswandern.

Jörg Müller

07.07.2015

Aus der Systemtheorie ist das Phänomen der „Grenzziehung zwecks Identitätsstiftung“ seit langen bekannt. Und weil Menschen ihr individuelles Selbstbild immer aus sich selbst konstruieren, wird das auch auf ewig so bleiben … es wäre naiv, auf etwas anderes zu hoffen.

Ergo: Keine neue Weisheit und auch kein innovativer Gedanke, Herr Gatterer, und dennoch DANKE für die Erinnerung an eine andere, höchst betagte Weisheit: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem!

Wenn wir also genügend Kraft getankt und Bestätigung erhalten haben im Kreise unserer „eigenen kleinen Sippe“, ist es wirklich an der Zeit, die Nabelschau zu beenden und mutig über die eigenen Grenzen rauszublicken.