Diversity

"Discovering Hands": So ertasten Blinde Brustkrebs

Mehr als Inklusion: Die Firma „Discovering Hands“ setzt auf die Talente einer Gruppe, die es am Arbeitsmarkt oft schwer hat. Das Sozialunternehmen nutzt den Tastsinn blinder Frauen zur Brustkrebsfrüherkennung. Mit Erfolg.

Von Peter Neitzsch

Frank Hoffmanns ungewöhnliche Geschäftsidee entstand aus einem Problem: „Ich war unzufrieden mit der Qualität der Brustkrebsvorsorge, die ich meinen Patientinnen anbieten konnte“, erinnert sich der Gynäkologe. Seit 2005 das Mammografie-Screening eingeführt wurde, durfte der Frauenarzt seine Patientinnen, die jünger als 50 Jahre waren, nur noch bei konkretem Verdacht per Röntgen untersuchen lassen.

Als Standardvorsorge blieb Hoffmann lediglich die klassische Abtastmethode, doch die war ihm, trotz aller Qualifikation und Erfahrung, zu ungenau. „Schließlich kam mir der Gedanke, dass das doch eigentlich ein Job für Menschen mit Sehbehinderung sei – da diese bekanntermaßen einen sehr viel sensibleren Tastsinn haben.“ Die Idee zu „Discovering Hands“ war geboren, eine Ausbildung wurde konzipiert. Seitdem haben Hoffmann und sein Team bereits 28 blinde Frauen zu „Medizinischen Tastuntersucherinnen“ geschult, die in Praxen und Kliniken in ganz Deutschland arbeiten.

Blinde Tasterin Pia  Hemmerling: "Viele Menschen finden keine Arbeit, weil sie blind sind. Bei mir war es umgekehrt" / ©Foto:  Alexandra Brosowski

Blinde Tasterin Pia Hemmerling: „Viele Menschen finden keine Arbeit, weil sie blind sind. Bei mir war es umgekehrt“ / ©Foto: Alexandra Brosowski

Auch in Hoffmanns eigener Gynäkologie-Praxis in Duisburg arbeiten zwei der kurz „MTU“ genannten Helferinnen. Für die Ausbildung werden laufend Kandidatinnen gesucht. Doch Hoffmann sagt auch: „Die meisten kommen von selbst auf uns zu.“ So wie Pia Hemmerling. Über einen Fernsehbeitrag hörte sie von der Initiative. „Ich habe dann ein wenig im Internet recherchiert und mich beworben“, sagt sie. Wenig später begann das Training.

„Eigentlich handelt es sich nicht um eine richtige Berufsausbildung“, sagt Hemmerling, „sondern um eine sechs Monate dauernde medizinische Qualifizierung und ein dreimonatiges Praktikum“. Danach müssen die wichtigsten Handgriffe, wie das Anbringen der Orientierungsstreifen, und das Vorgespräch sitzen. Doch ausgelernt hat man eigentlich nie: „Die Brust jeder Frau ist anders“, sagt die Expertin. „Das übt man nicht am Modell.“

Nach dem Fachabitur hatte Hemmerling eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau begonnen, die sie aber 2008 abbrach. „Weil das dann doch nicht so gut ging, wenn man nicht richtig gucken kann.“ Durch ein angeborenes Glaukom kann die 28-Jährige fast gar nichts sehen. Eigentlich sei es ja kein Problem mit einer Sehbehinderung im Büro zu arbeiten, erklärt sie. „Aber im Reisebüro braucht es halt sehr oft Visualisierungen, außerdem bin ich nicht so der Computermensch.“

Nicht sehen zu können, ist in vielen Berufen ein großes Handicap. Bei „Discovering Hands“ ist das anders: „Wir konzentrieren uns nicht auf die Behinderung, sondern auf die Begabung“, sagt Hoffmann. Und das bewiesenermaßen mit Erfolg: In einer Studie wurden Knötchen in der Brust von den Tastuntersucherinnen bereits ab einer Größe von sechs bis acht Millimetern gefunden. Ärzte entdeckten in der Regel nur solche, die 10 bis 20 Millimeter groß waren.

In der Ausbildung hat Hemmerling auch gelernt, ihre Patientinnen zur Brustkrebsprävention zu beraten. „Im Vorgespräch frage ich ab, was ich für die Untersuchung benötige.“ Dazu zählen das Alter, die Körbchengröße oder die Anzahl der Kinder. „Während des Abtastens unterhalten wir uns dann ganz normal – das ist ein wenig wie beim Frisör“, erzählt sie. „Die Patientinnen fragen auch mich ganz viele Dinge, zum Beispiel, wie lange ich schon nicht sehen kann.“

Die Diagnose stellt auch weiterhin der Arzt. „Aber ich sage der Patientin natürlich, wenn ich etwas spüre und das an den Arzt weitergebe“, sagt Hemmerling. Dafür benutzt sie ein Koordinatensystem, in dem die Fundstelle genau verzeichnet ist. In der Regel folgen dann weitere Untersuchungen wie ein Ultraschall. Denn nicht jede Auffälligkeit bedeutet gleich das Schlimmste: „Ich habe schon mehrere bösartige Tumore ertastet, aber oft sind es auch nur harmlose Gewebeverdichtungen.“

"Discovering-Hands"-Gründer Frank Hoffmann:  „Wir konzentrieren uns nicht auf die Behinderung, sondern auf die Begabung“

„Discovering-Hands“-Gründer Frank Hoffmann: „Wir konzentrieren uns nicht auf die Behinderung, sondern auf die Begabung“

Noch übernehmen nicht alle Krankenkassen die Kosten für die Untersuchung. Doch immerhin sechs Millionen Patientinnen können die Vorsorge bereits nutzen – jedenfalls theoretisch. „Natürlich können wir mit zwei Dutzend Fachkräften das Verfahren noch nicht flächendeckend anbieten“, sagt Hoffmann. Und deshalb wird nun in Berlin ein Zentrum für Tastdiagnostik mit sechs MTUs eröffnet, in das Ärzte ihre Patientinnen schicken können.

Auch Hemmerling arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis in Berlin. „Außerdem bin ich auch zweimal die Woche in Hamburg und einmal monatlich in Rostock.“ Gefragt, was sie in ihrer Freizeit macht, sagt sie lachend: „Im Moment ist mein größtes Hobby der Umzug nach Berlin.“ Außerdem gebe es da natürlich noch den elf Jahre alten Blindenhund. „Und ich gehe gerne Schlittschuhlaufen, wenn jemand mitkommt.“

Im Rückblick zieht sie eine positive Bilanz der vergangenen Jahre. „Ich hatte sehr viel Glück: Viele Menschen finden keine Arbeit, weil sie blind sind. Bei mir war es umgekehrt: Ich habe meinen Job bekommen, weil ich nicht so gut sehen kann.“

Mehr Informationen: www.discovering-hands.de

1 Kommentare

Renate

16.06.2015

Nur wenige (oder keine) gute Daten haben gezeigt, dass die Mammografie die Todesfälle von Brustkrebs reduziert – aber viel guter Beweis zeigt, dass der Test mehr Schaden anrichtet als der Vorteile bringt (Quellen: Peter Gotzsche’s ‚Mammography Screening: Truth, Lies and Controversy‘ and Rolf Hefti’s ‚The Mammogram Myth‘ – sehe http://www.supplements-and-health.com/mammograms.html ).

Jeder der dieses Thema ein wenig genauer anguckt, kann sehen, dass es fast ausschliesslich fabrizierte Statistiken und „wissenschaftliche“ Daten/Evidenz vom medizinischen Riesengeschäft sind, die diesen Test unterstützen.