Diversity

Was machen eigentlich...die Portugiesen von Schwäbisch Hall?

Die Geschichte machte 2012 weltweit Schlagzeilen: Nach einem missverständlichen Zeitungsbericht bewarben sich 15.000 Portugiesen um Jobs in Schwäbisch Hall. Sehr, sehr viele kamen tatsächlich, einige blieben – heute leben in dem idyllischen Städtchen Menschen aus mehr als 100 Nationen entspannt miteinander.

Von Silja Schriever

Maschinenbauer Pedro Moura dos Santos   (©Foto: Jan Reich)

Maschinenbauer Pedro Moura dos Santos: „Ich habe mich sofort entschieden, nach Deutschland zu kommen.“ (©Foto: Jan Reich)

Klar, manchmal vermisst er das Meer und das Essen, sagt er. All die köstlichen Fischgerichte. Doch Pedro Moura dos Santos bereut nichts. Der studierte Maschinenbauer hat 2012 eine Entscheidung getroffen, die sein Leben komplett verändert hat: Er ist aus dem portugiesischen Porto am Atlantik in den deutschen Landkreis Hohenlohe, nicht weit von Stuttgart entfernt, gezogen. Wegen einer sicheren Arbeitsstelle und weil in einer Zeitung stand, man würde dort gebraucht. „Ich las von der Suche – und habe mich sofort entschieden“, sagt Moura dos Santos.

Moura dos Santos ist ein Zuwanderer wie aus dem Bilderbuch. Jung, gut ausgebildet, fleißig und integriert. Eine Bereicherung für das Ländle, seine Immigration ist eine Erfolgsgeschichte aus Schwäbisch Hall und der Region Hohenlohe. Und alles hatte mit der Werbeaktion des romantisch-hübschen, deutschen Städtchens begonnen.

Ende Januar 2012 besuchten sieben Journalisten, eingeladen vom Oberbürgermeister und dem Goethe-Institut, Schwäbisch Hall: vier Griechen, ein Italiener, ein Spanier und eine Portugiesin. Die portugiesische Journalistin Madalena Queiros war besonders beeindruckt: Diese hübschen Fachwerkhäuser, die mittelalterlichen Gassen, die aufgeschlossenen Menschen – und vor allem: Die Jobs schienen hier im Süden Deutschlands auf der Straße zu liegen. Schwäbisch Hall sei eine „Stadt, in der die Arbeit hinter den Menschen herläuft“, schrieb Queiros also im Februar 2012 im „Diario Economico“.

Der Artikel, auch auf Facebook verlinkt, schlug große Wellen: Mehr als 15.000 Portugiesen, gebeutelt durch die schwerste Wirtschaftskrise in der Geschichte ihres Landes, bewarben sich um Jobs in der Stadt am Kocher. Der Server des Rathauses brach regelrecht zusammen. Bei der Arbeitsagentur mussten Hunderte Überstunden geleistet werden, weil die Flut an Bewerbungs-Emails nicht abbrach. Sogar die amerikanische Tageszeitung „USA Today“ berichtete von einer bevorstehenden neuen Gastarbeiterwelle.

Es klang aber auch zu paradiesisch im „Diario Economico“. Superlöhne (im Artikel wurde der Netto- mit dem Bruttolohn verwechselt), tolle Unternehmen, viele davon Weltmarktführer, vom Ventilatoren-Hersteller Ziehl-Abegg über die Bausparkasse Schwäbisch Hall bis zum Verpackungsmaschinenhersteller Optima. Und Deutsch müsste man auch nicht unbedingt sprechen können.

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Viele Portugiesen wagten tatsächlich den großen Sprung in den Norden, einige blieben – wie Moura dos Santos. Doch nicht wenige kehrten auch ernüchtert wieder zurück. Das Hotel Adelshof zum Beispiel, das zwei portugiesische Akademiker im Service beschäftigte, verlor die neuen Mitarbeiter nach einigen Monaten wieder. Sie wollten gern an der Rezeption arbeiten – doch mit nur geringen Deutschkenntnissen war das unmöglich.

Pedro Moura dos Santos hält genau das aber für elementar: „Ich muss Deutsch sprechen können, um mich zu integrieren“, sagt er. Gleich nach der Ankunft im neuen Land machte er einen mehrwöchigen Sprachkurs am Goethe-Institut in Schwäbisch Hall. Sein neuer Arbeitgeber Ziehl-Abegg unterstützte ihn dabei – und besorgte auch für die ersten zwei Monate eine Wohnung.

„Durch das Goethe-Institut, die Kultureinrichtungen in der Stadt und unsere weltweit aktiven Unternehmen ist Schwäbisch Hall schon länger international geprägt“, sagt Hermann-Josef Pelgrim, der Oberbürgermeister. „Menschen aus über 100 Ländern leben in Schwäbisch Hall friedlich zusammen, darunter inzwischen auch so einige Portugiesen. Die Integration über den Arbeitsmarkt funktioniert hier.“

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Bürgermeister Hermann-Josef Pelgrim: „Die Integration funktioniert hier“

„Unser Arbeitsmarkt bietet schließlich viele Chancen“, sagt Thorsten Hauck, Persönlicher Referent des Oberbürgermeisters. Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosenquote liegt bei gerade einmal rund drei Prozent. Fachkräfte werden gesucht, ob Ingenieure oder Handwerker. Zwar wird es kein PR-Event wie die schon jetzt legendäre Pressereise der südeuropäischen Journalisten nach Schwäbisch Hall mehr geben. Doch die Berichterstattung über die Fachkräfteanwerbung im Ausland hat einiges bewirkt. „Es gibt einen Run auf die deutsche Sprache, auf das Goethe-Institut der Stadt. Das Bewusstsein hier vor Ort für die Situation der Leute in Südeuropa wurde geweckt. Und wir werden nun stärker als attraktive Stadt in einem wirtschaftsstarken ländlichen Raum wahrgenommen“, sagt Oberbürgermeister Pelgrim.

Rainer Grill, Pressesprecher von Pedro Moura dos Santos’ Arbeitgeber Ziehl-Abegg, glaubt an die Chancen von Diversity. „In unserem Unternehmen arbeiten Menschen aus 34 Nationen, das gehört zu unserem Erfolgsrezept als internationales Unternehmen. Alle unsere Auszubildenden gehen für eine Zeitlang ins Ausland, zum Beispiel in unser Werk in Indien – und wenn sie zurückkommen, wissen sie, wie es sich anfühlt, neu und fremd irgendwo zu sein.“ Diese Erfahrung würde dazu beitragen, dass man nicht nur bei der Arbeit freundlich sei zu den ausländischen Kollegen. Sondern man hilft auch mal beim Ummelden oder lädt zum Grillen ein. „Da beginnt unsere Willkommenskultur.“

Während Thorsten Hauck sein Obst sehr gern von einem ihm bekannten Portugiesen am Stand in der neuen Markthalle „Kornhausscheune“ in der Altstadt kauft, ist auch Moura dos Santos zeitig unterwegs. „Im Gegensatz zu Portugal fangen wir hierzulande sehr früh an, morgens um 7.30 Uhr bin ich oft schon in der Firma.“ Doch auch daran hätte er sich gut gewöhnen können. Auf die Frage nach dem Klima im Winter lacht er. Das sei eine ebenso große Herausforderung wie die Sprache. Aber den Schwarzwald, eines seiner liebsten Ausflugsziele, findet er großartig.

2 Kommentare

Gpf

24.06.2015

Hier werden die Bedingungen für erfolgreiche Zuwanderungen überdeutlich: Beide (!) Seiten müssen die Vorteile erkennen und beide müssen dann auch aktiv werden, um die notwendige Integration zu realisieren. Und es muss zudem auch schnell gehen, und verwaltungsseitig unterstützt werden.

Pott

28.06.2015

Bereicherung? Sind Deutsche so arm an Kultur und Geist?
Ich finde es ganz und gar keine Bereicherung, wenn durch zweifelhafte Werbekampagnien Massen an Ausländern nach Deutschland gepumpt werden.
Bei einem Wirtschaftswachstum von 1,5% gibt es auch in Deutschland nicht unendlich viele Arbeitsplätze und Wohnungen. Das Resultat der Masseninvasion aus Südeuropa und der halben Welt wird ein Existenzkampf für Deutsche werden in ihrer Heimat werden.
Das verschweigen aber die Medien und politisch Verantwortlichen grundsätzlich.