Die Körner-Könner

Mymuesli zählt zu den erfolgreichsten Start-ups Deutschlands. Das Geheimnis der drei Macher: Spaß an der Sache – und das Ziel, gemeinsam erwachsen zu werden. Dieser Artikel ist im Original im Beileger “FOCUS Network – 44 Seiten Karriere-Extra” des aktuellen FOCUS-Magazins (Nr. 23/2015) erschienen. In Kooperation mit XING bietet der Beileger zahlreiche weitere Karriere-Themen, Interviews, Network-Tipps, Termine und Events (zum kostenlosen Download).

Woran denkt man bei dem Wort Gentechnik? Die Jungunternehmer Max Wittrock, Philipp Kraiss und Hubertus Bessau dachten an einen dreiäugigen Zyklon. Grinsend, davon darf man ausgehen. Weil ihnen der Spaß an der Sache eigentlich ebenso wichtig ist wie die Sache selbst.

Als es um das kleine Symbol ging, das auf ihren Müsli-Packungen den Verzicht auf Gentechnik verdeutlichen sollte, entschieden sie sich für den durchgestrichenen mehräugigen Monstermutanten. „Wir sind extreme Mikromanager“, sagt Hubertus Bessau, in dem Dreigestirn für Marketing und IT zuständig. „Wir kümmern uns wirklich um die Details. Weil sie ein gutes Produkt von einem exzellenten unterscheiden.“

buntevielfalt

Bunte Vielfalt – Das Team bearbeitet die Bestellungen der Kunden

Das „beste Müsli der Welt“ wollten sie auf den Markt bringen, als individuelle Mischung aus 80 möglichen Zutaten online bestellbar. Im Jahr 2005 aus einer launigen Idee geboren, wagten sich die drei damaligen Studenten damit im April 2007 auf den Markt – zu einer Zeit, als Lebensmittelbestellungen im Internet noch ein Unding waren. Mit 3500 Euro Startgeld zogen sie ihre kleine Müsli-Manufaktur auf – und trafen ganz offensichtlich mit ihren bunt beschrifteten Dosen und den individualisierten Müsli-Mixturen den Zeitgeist: Schon im ersten Jahr knackten sie die Umsatzmillion. Heute beschäftigt Mymuesli 400 Mitarbeiter, betreibt 20 Läden in Deutschland und Österreich, versendet sein Müsli in fünf Länder und hat das Körner- Geschäft um ein Tee-, Kaffee und Früchteabo-Segment erweitert. Ein Bilderbuch-Startup: ohne Fremdkapital, ohne Unternehmensberatung, ohne Werbeagenturen – und ohne Businessplan.

bessau„Wir hatten eine abstrakte Vorstellung von dem, was es werden soll“, sagt der 32-jährige Mitgründer Wittrock. „Niemand hätte gedacht, dass es so einschlagen würde.“ Wittrock ist der Jurist im Team. Kraiss und Bessau, beide 34, haben Betriebswirtschaft studiert. Ob es geholfen hat? „Anfangs gar nicht“, sagt Kraiss. „Da ging es um Gewerbeanmeldung, Steuererklärung, Ordnungsamt.“ Heute könne er manches im Studium Erlernte im Controlling oder Finanzbereich anbringen. Das meiste war und ist aber nach wie vor Learning by doing. „Wir konnten gar nicht anders, als mit extrem steiler Lernkurve ranzugehen“, bemerkt Bessau. „Sonst hätte es uns zerlegt.“

Lernkurve ist ein Wort, das des Öfteren fällt, wenn man mit den mehrfach prämierten Unternehmensgründern spricht. Wohl auch deshalb, weil ständig Neues dazukommt. „Wir können uns schnell in neue Themen reinarbeiten“, sagt Bessau. „Das ist eine unserer wesentlichen Stärken.“

Eine weitere, dass sich ihre persönlichen Talente so gut ergänzen. Hubertus, „Hubs“, Bessau, empfindet es sogar als „Glück, dass wir von unserem Background her so komplementär sind“. Während er sich den Themen Marketing und IT widmet und die erste Mymuesli- Website mit Hilfe von Fachbüchern im Alleingang programmierte, kümmert sich Kraiss um Finanzen, Controlling, Einkauf, Logistik und Produktion.

Kraiss ist als Einziger im niederbayerischen Passau geblieben, wo die drei als Studenten einst ihre ersten Müslis in einer kleinen Klitsche in der Altstadt mischten. Inzwischen ist ein Teil der Produktion nach Berlin verlegt, Wittrock und Bessau sind in die Hauptstadt umgezogen. Wittrock, der sich als „Rampensau“ (O-Ton Kraiss) um Kommunikation, Werbung und Außendarstellung kümmert, pendelt zwischen beiden Standorten.

Stationärer Handel In Österreich und Deutschland gibt es mittlerweile 20 Mymuesli-Läden

Stationärer Handel – In Österreich und Deutschland gibt es mittlerweile 20 Mymuesli-Läden

Kommuniziert wird meist per Mail, SMS, Telefon und Videokonferenz. Das Entscheidungstempo ist dennoch hoch. „Wir sind immer noch sehr schlagkräftig“, sagt Wittrock. Er steht, lässig in Jeans und Sneakers, zwischen Spinden des Pausenraums vor der Produktionshalle in Passau, auf Muesli-Deutsch Manufaktur genannt. Schließlich ist der Anteil der Handarbeit trotz eines gigantischen Mischautomaten nach wie vor hoch. Auf dem Tisch steht eine Schüssel mit einer neuen, noch unveröffentlichten Müsli-Mixtur. Wittrock kostet, nickt anerkennend und verteilt sie an die Umstehenden. Jeder soll probieren, Kommentare und Mitarbeiterpartizipation sind ausdrücklich erwünscht. Am Ende aber entscheidet vor allem der Bauch der drei Müsli-Manager – im sprichwörtlichen wie im übertragenen Sinn. Intuition und Innovation – für beides sind die Körner-Könner inzwischen bekannt. Ein neuer Laden in Frankfurt? Aber ja. Ein Müsli mit getrocknetem Gemüse – wieso nicht? Ein veganes mit 40 Prozent Proteinen? Einen Versuch wert. Nur zwei Wochen vergehen von einer neuen Produktidee bis zum Verkauf im Handel. Ein atemberaubendes Tempo, das nur möglich ist, weil keine Zwischenabteilungschefs und Zielgruppenversteher die einzelnen Schritte abnicken müssen. Mit Zeit raubender Marktforschung hält sich das Trio generell kaum auf. Ihre erste und bisher letzte Marktumfrage lancierten die drei zu Beginn ihres Studenten-Start-ups im Bekanntenkreis. Eindeutiges Votum der Befragten:wittrock Online- Müsli-Versand braucht kein Mensch. Die Entrepreneurs haben es trotzdem gewagt. Es gab ja nicht viel zu verlieren. „Wenn man etwas probiert, das es vorher noch nicht gab, hilft einem Marktforschung nicht weiter“, konstatiert Bessau. „Man muss es einfach mal machen und sehen, ob es klappt.“ So geschehen bei den Läden, die eine Rückkehr sind zum analogen Lebensmittelmarkt. Gleiches gilt für die Geschäfte mit Tee, Kaffee und dem Saft- Projekt, bei dem sich Kunden Orangen im Abo nach Hause schicken lassen können.

„Wir preschen gern vor“, beschreibt Bessau die Geschäftsphilosophie, die dem Trio einiges abverlangt. Die drei Müsli-Männer arbeiten überdurchschnittlich viel, mitunter mehr als 80 Stunden pro Woche. Kraiss ist in all den Jahren selten nach halb sieben Uhr früh ins Büro gekommen. Wenn die drei nach einem XL-Tag beim Bier beisammensitzen, was sie gern tun, reden sie über: ihr Business.

kraiss„Wir nutzen jede Minute, um uns abzustimmen“, sagt Bessau. Zweimal im Jahr zieht sich das Triumvirat außerdem zu einer Art Zielabstimmung an einen anderen Ort zurück. Nach acht gemeinsamen Geschäftsjahren sei das gegenseitige Vertrauen groß, sagen alle. Und natürlich hält jeder den gleichen Anteil am Unternehmen. Daran hat sich seit dem ersten Tag nichts geändert.

An anderen Dingen umso mehr. Anfangs mögen der Kicker in der großen Office-Cafeteria und zwei Kisten Bier am Abend noch genügt haben, um die Motivation hochzuhalten. Inzwischen ist das vormalige U30-Team gewachsen, auch an Jahren. Die Ersten sind verheiratet, reden neuerdings über Eigenheim und Kita-Plätze. In den Personalgesprächen geht es nun nicht mehr nur um das geile Produkt“, sondern auch um Themen mit weniger Sex- Appeal: betriebliche Altersvorsorge etwa. Oder ein persönliches Karriere-Feedback. Auch das lange hochgehaltene Do-ityourself- Credo der Chefs stößt qua Größe an Grenzen.

Lange Zeit haben die Müsli- Mischer noch vieles in Eigenregie gewuppt. Vom YouTube- Spot über die Logo-Idee bis zum Text auf der Müsli Packung. „Jetzt lernen wir zu delegieren“, sagt Wittrock. Viele Experten sind inzwischen an Bord, zum Beispiel für Logistik, Vertrieb, Produktion. Auch Unternehmensberater – die ersten Jahre eher verpönt – wurden bereits gesichtet: Deren Besuch hat das Trio dem Gewinn des Deutschen Gründerpreises zu verdanken, den das Müsli- Start-up 2013 einheimste.

„Die Herausforderung ist, den Überblick zu behalten“, fasst Bessau zusammen. Das Management sei mehr geworden. „Auch wenn es wehtut, das zuzugeben: Wir können heute nicht mehr über jedes einzelne Icon diskutieren.“

Text: Barbara Esser / Fotos: Marko Priske für FOCUS-Magazin, Reinhold Bader, Presse


cover4 x jährlich erscheint das “FOCUS Network – 44 Seiten Karriere-Extra” als Beileger des  FOCUS-Magazins. In Kooperation mit XING informiert der Beileger über Job & Karriere, die neue Arbeitswelt, mit Interviews, Reportagen, Network-Tipps, Terminen und Events. Die aktuelle Ausgabe „Die Anders-Macher“ ist in der Woche vom  30. Mai bis 5. Juni 2015 am Kiosk erhältlich.

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