„Die jungen Väter stecken in einem Dilemma“

Volker Baisch, Geschäftsführer der Beratungsagentur „Väter gGmbH“, über die oft schwierige Rolle des modernen Mannes zwischen Kind und Karriere.

Volker Baisch ist Deutschlands bekanntester Väter-Lobbyist. Schon seit 2001 hat es sich der Hamburger Unternehmensberater zur Aufgabe gemacht, Männer bei ihrer neuen, ungewohnten Aufgabe als Familienvater zu helfen. Mit seiner Beratungsagentur Väter gGmbH hilft erUnternehmen, Hochschulen und Organisationen dabei, ihre angestellten Väter besser zu unterstützen. Im Interview mit XING spielraum berichtet er, woran es bei der „Väterfreundlichkeit“ in Deutschland trotz aller Fortschritte immer noch fehlt. Und warum sich auch die Frauen verändern müssen.

Herr Baisch, wieso brauchen berufstätige Väter im Sinne der Familienförderung eigentlich eine spezielle Behandlung?

Volker Baisch: Eine spezielle Behandlung brauchen Sie nicht. Es gibt in den meisten großen Unternehmen konkret eine ganze Reihe von unterstützenden Maßnahmen, wie Home-Office- oder Teilzeitangebote. Aber es braucht eine neue Perspektive, eine neue Haltung, vor allem bei den Personalern, weil Familienpolitik in den letzten Jahren – trotz Elterngeld etc. – überwiegend aus der Sicht der Frauen umgesetzt worden ist.  Das hat immer noch zur Folge, dass nur 13 Prozent aller berufstätigen deutschen Väter sagen: “Familienfreundlichkeit ist auch Väterfreundlichkeit.”

Man erkennt diese fehlende Haltung auch sehr gut daran, dass die gesetzliche Norm, die durch das an sich ja erfolgreiche Elternzeitgesetz 2007 geschaffen worden ist, bisher nur dazu geführt hat, dass die allermeisten Väter auch nur zwei Monate in Elternzeit gehen – und nicht länger. Es braucht deshalb noch verstärkt eine Kommunikation über die Möglichkeiten für junge Väter und vor allem braucht es Vorbilder, auch aus den Führungsetagen, damit Väter sich ermutigt fühlen und ihre Wünsche nach Vereinbarkeit, auch umsetzen.

Ist die meist kurze Elternzeit von Vätern dann doch mehr Alibi zur Beruhigung des Gewissens oder geschieht das aus Angst vor beruflichen Konsequenzen?

Baisch: Das Problem ist komplexer als es auf den ersten Blick aussieht. Auf der einen Seite ist – wie gesagt – durch das Gesetz eine funktionierende gesellschaftliche Norm geschaffen worden und zumindest in den großen Unternehmen werden ja Väter mittlerweile auch komisch angeschaut, wenn sie überhaupt nicht in Elternzeit gehen. Doch rund 80 Prozent aller Väter bleiben nicht länger vom Job fern und sind dann auch gleich wieder voll dabei.  In den meisten Unternehmen fehlen Teilzeitangebote, obwohl viele Väter, wie einige Studien es schon nach gewiesen haben, es sich wünschen würden, nach der Elternzeit wieder mit reduzierter Stundenzahl einzusteigen.

Und auch von den Führungskräften muss das Signal kommen, dass eine längere Elternzeit und Karriere in ihrem Unternehmen vereinbar sind. Aktuelle Studien besagen, dass fast 50 Prozent aller berufstätigen Väter daran zweifeln, ob sie sich eine längere Auszeit in ihrer Firma wirklich leisten könnten bzw. ob eine Elternzeit Folgen für das berufliche Fortkommen hat.

Schließlich kommt bei vielen Männern noch der Druck, sich nach der Geburt des Kindes auch für eine stabile finanzielle Versorgung der Familie verantwortlich zu sein. Auch da könnten die Unternehmen besser gegensteuern, mit flexibleren Lösungen.

Sie beraten ja viele Unternehmen, die mehr für ihre angestellten Väter tun wollen. Wie genau sieht das aus?

Baisch: Wir machen zuerst einmal eine Analyse des Status Quo, setzen uns mit einer für die Firma repräsentativen Gruppe aus allen Unternehmensbereichen zusammen und schauen uns die Situation der Väter dort genau an. Dann nehmen wir auch Vorschläge auf, die aus der Belegschaft kommen und entwickeln ein für den jeweiligen Betrieb passendes Konzept mit passenden Angeboten. Das Wichtigste jedoch ist eine männergerechte Kommunikation des Themas, die sicherstellt, dass die Angebote auch wahr- und angenommen werden. Und schließlich geht es auch darum, den Vätern Wissen mitzugeben, durch Workshops und Vorträge etwa, und zwar nicht nur durch uns, sondern auch durch andere Väter aus dem Unternehmen, die über ihre Erfahrungen berichten und Ihr Wissen weitergeben. Wir machen seit drei Jahren sehr gute Erfahrungen mit unternehmensübergreifenden Netzwerken und einer Plattform zum Austausch. Denn Väter wollen oft ganz konkret wissen: Wie hat der Kollege das genau gemacht, mit der Elternzeit oder Teilzeit?

Manchmal hat man den Eindruck, dass immer noch vieles, was die Unternehmen in punkto Familienförderung machen, mehr Pflichterfüllung ist, denn Überzeugung.

Baisch: Ja, genau, das ist das große Problem, was wir in Deutschland haben, es gibt noch keine wirklich familienfreundliche Kultur der Arbeitswelt hierzulande. Wir haben eher so eine Art Maßnahmenkultur. Das ist auch typisch deutsch, dieses Vorgehen, streng nach Regeln und Gesetzen. Dann bekommt man ein Zertifikat “Familienfreundliches Unternehmen” und dann ist gut.

Aber wir haben gar kein Maßnahmenproblem hierzulande, in der Theorie ist viel möglich, wir haben ein Problem mit der inneren Haltung. Dass es eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dass junge Paare, Väter und Mütter, sich frei entscheiden können, wie sie Beruf und Familie vereinbaren wollen. Das ist in anderen Ländern, Holland etwa und natürlich auch in Skandinavien mit ihren Teilzeit-Kulturen, ganz anders. Da ist es völlig legitim, wenn man als Eltern, gerade mit kleinen Kindern, aussteigt, mal weniger arbeitet und auch mal langsamer ist, eine Karrierepause einlegt. Und dann wieder einsteigt. Bei uns ist es eher so: Zwei Monate Pause sind inzwischen akzeptiert – aber dann soll man wieder voll einsatzfähig sein.

Diese Haltung ist aber doch ein Problem aller beteiligten Seiten, nicht nur der Unternehmen, oder?

Baisch: Ja, das macht die Diskussion ja manchmal auch so schwierig, weil der Schwarze Peter immer hin und her geschoben wird. Die Unternehmen sagen: “Aber Du kannst doch so lange aussteigen wie Du willst.” Aber der Vater sagt: “Unsere Firmenkultur hier macht es mir aber doch schwer, Karriere zu machen, wenn ich länger draußen bin.”
Wichtig ist, dass der Vater sich wirklich darüber im Klaren ist, wie er die nächsten Jahre gestalten möchte, welchen Preis er für seine jeweiligen Wünsche, egal ob pro Kind oder pro Karriere, bezahlen möchte. Individuelles Prioritätenmanagement ist da einfach extrem wichtig.  Für Unternehmen ist dabei bedeutsam: Jeder Arbeitnehmer, der klar weiß, was er will, und das auch jeden Tag managen kann, ist deutlich effektiver, als einer, der sich zwischen Familie und Job im Hamsterrad aufreibt.

Zu diesem Prozess gehört aber auch natürlich noch die Partnerin und Mutter. Provokant gefragt: Müssen auch die Frauen dazulernen, über die neue Rolle der Männer?

Baisch: Wenn sich ein Teil des Systems verändert, verändert sich das ganze System. Wenn sich ein Teil des Mobiles bewegt, bewegt sich zwangsläufig auch das ganze. Die emanzipatorischen Errungenschaften der Frauen in den letzten Jahren haben ja auch Auswirkungen auf die Väter von heute.

Das ist jetzt für mich der springende Punkt: Natürlich ist es auch wichtig, vor allem auch finanziell, dass die Mütter dann mehr arbeiten, wenn die Väter mehr Zeit mit dem Kind verbringen wollen. Natürlich müssen sich die Frauen auch verändern, wir sind jetzt erst am Anfang einer partnerschaftlichen Familienpolitik. Die gab es in diesem Sinne bisher gar nicht. Und es ist ebenfalls wichtig, dass auch die Unternehmen diesen Prozess verständnisvoll begleiten sollten und zum Beispiel passende Workshops dazu anbieten. Inzwischen haben viele Unternehmen im Rahmen unseres Väternetzwerk (siehe www.väternetzwerk.de), solche Angebote für Väter und Paare in Ihrem Weiterbildungsprogramm aufgenommen.

Ein wichtiger Player in diesem Spiel ist auch die Politik, die die Rahmenbedingungen dafür setzt. Trotz aller Fortschritte sind wir dabei in Deutschland aber noch nicht ausreichend weit gekommen, sagen Sie.

Baisch: Nein, das reicht noch nicht. Wir haben in den vergangenen sieben Jahren, nach der Einführung des Elternzeitgesetzes, quasi Stillstand in der Familienpolitik gehabt. Unter der neuen Familienminsterin Manuela Schwesig wird ein neuer, zukunftsweisender Ansatz verfolgt, nämlich genau jener des partnerschaftlichen Familienmodells, über das wir gerade gesprochen haben. Das soll auch im kommenden Jahr in einem Gesetz münden – und wir brauchen solche Gesetze dringend, um die gesellschaftlichen Normen zu verändern, um besonders jungen Paaren die Möglichkeit zu geben Ihre Vereinbarkeitswünsche um zu setzen.

Sie haben jüngst das Bild eines “Historisch großen Prozess” gewählt, vor dem die jungen Väter stehen. Was genau haben Sie damit gemeint?

Baisch: Es geht im Endeffekt um eine Neudefinition des Vater-Seins, weil den jungen Männern von heute ja die Möglichkeit fehlt, sich an ihren eigenen Vätern zu orientieren. Für die war so etwas wie Elternzeit ja undenkbar. Bei den Frauen hat es durch die Emanzipation diese Vorbilder bereits eine Generation früher gegeben, viele Mütter haben in den 70er- und 80er-Jahren ja schon viel selbstverständlich gearbeitet und waren damit Vorbild für ihre Töchter. Unsere Väter haben nicht versucht, Beruf und Familie miteinander sinnvoll zu verknüpfen. Das ist in den allermeisten Fällen zu Lasten der Familie oder der eigenen Gesundheit gegangen. Und vor dem gleichen Dilemma stehen viele junge Väter auch heute. Die wollen zwar, aber die Voraussetzungen dafür sind noch nicht ideal. Deshalb brauchen sie konkrete Angebote und vor allem Ermutigung neue Wege zu gehen.

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