Arbeit & Recht

Unterhosen-Farbe, Rocklänge, Make-Up – was darf der Chef vorschreiben?

Bankkauffrauen sollen nur Seidenstrümpfe tragen, Flughafenmitarbeiterinnen auf jeden Fall BHs – und alle vier Wochen zum Friseur. Immer wieder mischen sich Firmen in die Kleidungs-, Styling- und Schmuckauswahl ihrer Angestellte ein. Doch was darf der Chef bestimmen – und wo geht er zu weit?

Dieser Dresscode machte weltweit Schlagzeilen: Vor einigen Jahren versuchte die Schweizer Bank UBS ihren Mitarbeiterinnen vorzuschreiben, dass sie nur in hautfarbener Unterwäsche und Seidenstrümpfe zur Arbeit erscheinen sollten. Den männlichen Kollegen wurde in einer 40-seitigen Kleiderordnung diktiert, nur in schwarzen Socken ohne Muster in schwarzen Schnürschuhe mit Ledersohle in den UBS-Filialen aufzutreten. Damit nicht genug, auch an die Körper-Hygiene wurde gedacht: Parfüm sei bitte nur morgens aufzulegen – „direkt nach einer heißen Dusche, solange die Hautporen noch offen sind“. Dagegen wirkt die Aufforderung, doch bitte alle vier Wochen zum Friseur zu gehen, fast harmlos.

So viel Gängelung war allerdings auch den Schweizer Arbeitsgerichten zu krass, die USB musste ihre Outfit-Ideen nach Mitarbeiterprotesten wieder entschärfen.

In Deutschland dagegen bekam ein anderer Arbeitgeber wenig später für seine strengen Kleidervorschriften höchstrichterlich Recht zugesprochen: Den Fluggastkontrolleuren am Flughafen Köln/Bonn wurden damit von ihrem Unternehmen in der Gesamtbetriebsvereinbarung „Dienst- und Schutzkleidung“ die Unterwäsche (wahlweise in Weiß oder in Hautfarbe, ohne Muster oder Beschriftungen), für die Damen sind ein BH oder ein Bustier, für Herren ein Unterhemd Pflicht.

Auch hier gingen die Chefkontrolleure – unterstützt von den Richtern – bis in kleinste Details: Feinstrumpfhosen sowie Socken dürfen keine Muster, Nähte oder Laufmaschen aufweisen. Und auch die Kontrolle von Länge und Pflege der Frisuren wurde durch das Landesarbeitsgericht Köln ebenfalls abgesegnet.

Arbeitsrechtler Howald: "Bei der Unterhosenfarbe wird es grenzwertig"

Arbeitsrechtler Howald: „Bei der Unterhosenfarbe wird es grenzwertig“

„Manche Arbeitgeber neigen dazu, zu viel regulieren zu wollen“, berichtet der Stuttgarter Arbeitsrechtler Dr. Bert Howald. Im Interview mit spielraum gibt er Auskunft über sinnvolle Regeln bei der Kleiderordnung und Tabubereiche, bei denen der Chef nichts zu sagen hat.

Herr Howald, was tragen Sie während der Arbeitszeit?

Bert Howald: Als Rechtsanwalt trage ich im Büro Anzug und im Gerichtssaal eine schwarze Robe. An der Kleidung erkennen wir sehr oft schon auf den ersten Blick die Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe und können uns daran orientieren.

Inwiefern?

Howald: Wenn Sie morgens aus dem Haus gehen, fahren Sie mit dem Bus und der Fahrer trägt eine Weste des Busunternehmens. Dann holen Sie sich einen Kaffee im Coffee-Shop und der Barista trägt ein passendes braunes Shirt. Sie gehen zum Arzt mit weißem Kittel, und bei der Bank werden Sie vom Mitarbeiter im Anzug empfangen.

Gerade bei Banken, siehe UBS, sind die Bekleidungsvorschriften ja oft streng. Ist das erlaubt?

Howald: Grundsätzlich gilt: Wo der Arbeitnehmer Kundenkontakt hat, kann das Unternehmen auch das Tragen der branchenüblichen Kleidung vorschreiben. Die persönliche Freiheit muss hier mit der unternehmerischen Freiheit ins Gleichgewicht gebracht werden. Bei der Bank ist es relativ klar: Das Unternehmen hat das Interesse, dass alle Mitarbeiter einheitlich auftreten. Wer meint, mit dem knallbunten Sakko aus seiner Jugend kommen zu müssen, wird da Gegenwind bekommen: Da ist der Arbeitgeber im Recht.

Ok, den Anzug versteht man. Es gibt aber auch Fälle, in denen die Unterwäsche vorgeschrieben wurde. Geht das nicht zu weit?

Howald: Bei der Unterwäsche wird es sehr intim, so dass manche Juristen diesen Bereich als Tabuzone für den Arbeitgeber erklären. Wenn der Mitarbeiter aber zum Beispiel eine vom Arbeitgeber gestellte und bezahlte Uniform trägt, darf dieser vorschreiben, dass Unterwäsche getragen werden muss, damit die Arbeitskleidung nicht kaputt geht, durch Schweiß oder Reibung. Bei Frauen kann man argumentieren, dass es ohne BH zu unzüchtig aussehen könnte. Aber sobald es um die Farbe der Unterhose geht, würde ich schon sagen, dass es da grenzwertig wird.

Auch maximale Bartlängen oder das Intervall von Friseurbesuchen wurden schon in Einzelfällen vorgeschrieben. Wie viel Hygiene darf der Chef fordern?

Howald: Ich denke, dass manche Arbeitgeber dazu neigen, zu viel regulieren zu wollen. Man kann durchaus eine „gepflegte Haar- und Barttracht“ vorschreiben, aber alle vier Wochen den Friseurbesuch einzufordern, fände ich schon zu eng. Auch bei der Haarlänge gibt es Grenzen: Man kann ja auch gepflegte lange Haare haben als Mann – und wer privat Heavy-Metal-Fan ist, bei dem würde es ja schon gravierend in die individuelle Lebensführung eingreifen, wenn er sich die Haare scheren müsste. Was die Körperhygiene angeht, gibt es für einige Berufsgruppen natürlich besondere Vorschriften, die mit dem Gesundheitsschutz zusammenhängen. Aber auch, wenn eine Friseurin wahrnehmbaren Körpergeruch hat, kann die Kundenbeziehung schnell zu Ende gehen. Da darf der Arbeitgeber eingreifen.

In der Fluggastkontrolle gab es mal den Fall, dass die Länge der Fingernägel vorgeschrieben wurde. Was hat es damit denn auf sich?

Howald: Da ging es darum, dass die Länge auf maximal einen halben Zentimeter beschränkt wurde, da es sonst beim Abtasten der Fluggäste Verletzungsgefahr geben könnte. Es ist schon berechtigt, das zu fordern, wenn wirklich eine Gefährdung besteht. Aus dem gleichen Grund gibt es oft auch sehr strenge Vorgaben zum Tragen von Schmuck bei Krankenpflegern.

Apropos Schmuck: Wie steht es mit Piercings und Tattoos?

Howald: In der Bank wäre es natürlich schwierig, wenn Sie plötzlich ein großes Tattoo am Hals haben. Da kann es dann passieren, dass Sie in ein Back-Office gesetzt werden, wo Sie niemand zu Gesicht bekommt. Gleiches beim Thema Piercing: Bei Kundenkontakt geht das unternehmerische Interesse vor und auch der Arbeitnehmer ist ja verpflichtet, auf die Interessen des Arbeitgebers Rücksicht zu nehmen. Wer da permanent gegen Anordnungen verstößt, riskiert eine Abmahnung.

Darf man sich denn wenigstens schminken, wie man will?

Howald: Da greift das Unternehmen natürlich schon extrem in das kreative Äußere ein. Sehr enge Vorgaben wie mattes Make-up gehen sicherlich auch zu weit. Wenn das Gesicht aber so zugekleistert ist, dass die Mimik nicht mehr zu erkennen ist, wird man zu Recht vom Arbeitgeber angesprochen. Ebenso wenn man sich grell-grün schminken würde – natürlich ist das auch immer unterschiedlich, je nach Branche und Berufsgruppe. Besonders schwer ist es hier, zu definieren, was „normal geschminkt“ ist. Ein guter Tipp: Orientieren Sie sich wie auch bei der Kleidung an den Erwartungen der Kunden des Unternehmens.

Das Interview führte Maria Huber

14 Kommentare

Kai

11.05.2015

Wenn es in dem Betrieb einen Betriebsrat gibt, dann darf der Arbeitgeber solche Vorschriften nur im Einvernehnen mit dem Betriebsrat erlassen (BetrVG §87(1)1).

Sascha Gockenbach

11.05.2015

Mir fällt immer wieder auf, daß Standpersonal auf Messen aber auch Außendienstler etc. zwar korrekt und elegant bzw. dem Zweck entsprechend gekleidet sind, aber dafür einen Mundgeruch an sich haben der gelinde gesagt dem einer Kuh aus dem A…sch entsprechen könnte! Das finde ich wesentlich abschreckender als ein Piercing oder Tattoo.

PCD

11.05.2015

Für manche Kleidungsvorschrift gibt es gute Gründe. Aber: Die Farbe und Beschaffenheit der Unterwäsche vorzuschreiben, bedeutet einen nicht hinnehmbaren Übergriff auf die Intimsphäre der Mitarbeiter, für den es keinerlei sachliche Begründung geben kann.

Ein solcher Übergriff enthüllt nichts anderes als sadistisch gefärbte Machtallüren der Unternehmensleitung, die damit offenbar dokumentieren will, als was sich ihre Mitarbeiter fühlen dürfen: Als Leibeigene, über die nach Belieben verfügt werden darf.

Und wie soll die Einhaltung einer solchen Gaga-Verordnung kontrolliert werden? Spätestens dabei werden solche Vorschriften sittenwidrig und damit justiziabel; ein nur halbwegs guter Jurist könnte sie sofort in der Luft zerreißen.

Harri_P

11.05.2015

Selten ein so schwaches und aussageloses Interview gelesen…

Solange nicht Sicherheits- oder Gesundheitsbelange betroffen sind, halte ich Vorschriften dieser Art für lächerlich – ich bin selbst in einer Großbank tätig und täglich mit Jeans unterwegs. Mit großen Amusement beobachte ich die Kollegen im schwarzen Anzug, wenn sie – auf den ersten Blick erkennbar – der Meinung sind, dass das Outfit ihre Wichtigkeit betont. Nur bloss, die Qualität und Quantität der Arbeitsleistung wird vom Anzug leider nicht gefördert…

Und aus Kundensicht – egal in welcher Branche – ich möchte, dass meine Anliegen rasch, kompetent und zu meiner Zufriedenheit erledigt werden, ob im Anzug oder T-Shirt ist mir dabei ****egal…

thfr

11.05.2015

Das ist doch noch gar nichts. In meiner vorletzten Firma hat jeder Übergewichtige ein Problem gehabt und wurde von der GF darauf angesprochen. Einstellungskriterien: Frauen sollten am besten jung und wie Püppchen aussehen, Männer am besten mit einem Knackarsch wie ein Calvin Klein Model. Wer nicht dynamisch und vielbeschäftigt aussehend über den Flur lief, dem wurde ein Leistungsdefizit nachgesagt. Ja, ein Stück aus dem Tollhaus.

Brigitte Wohlfahrt

11.05.2015

Schon zu meiner Ausbildungszeit 1966 bei einer deutsch-südamerikanischen Bank wurde ich aufgefordert (bei Größe 70A) einen BH zu tragen, weil die Kollegen sofort erkennen könnten wann ich friere. Ich dachte, diese Unterwäscheregeln wären endgültig verschwunden.

Michael

11.05.2015

Die Farbe der Unterwäsche halte ich durchaus für diskussionswürdig. Wenn man an einen roten oder pinkfarbenen BH denkt, unter einer edlen Seidenbluse, die jemand z.B. im Service eines Edelrestaurants trägt, wäre das pikierend. Es kommt meines Erachtens sehr auf den Einzelfall an.
Da sich leider in den letzten Jahren Geschmacklosigkeit immer mehr verbreitet, halte ich es für legitim, wenn ein Unternehmen, dem ein eleganter Auftritt sehr wichtig ist, das dafür womöglich sogar bekannt ist, auch solche Punkte regeln darf. Es muss dem neuen Mitarbeiter jedoch unbedingt vorher bekannt sein, Dann ist es ja seine Entscheidung, ob er dort arbeiten möchte.

sechsauge

11.05.2015

Mich würden zwei Dinge interessieren.

1. Welche Begründung wurde angeführt, um die Farbe der Unterwäsche durchzusetzen? Ich meine… man sieht sie ja nicht. Oder könnte eher fordern, dass sie nicht zu sehen sein darf.

2. Wer KONTROLLIERT denn bitte die Farbe der Unterwäsche? °_°

Grüße
sechsauge

Skibinski

11.05.2015

Ich finde Anzüge langweilig und unnötig da es jeder sollte es sich wohl fühlen und guten Job machen, abgesehen davon was er / Sie trägt.

Aber immer diese Vorschriften …

Gibt’s es nix wichtigeres als das was man trägt?

Peter Bemmann

11.05.2015

Viele der genannten Vorschriften und Argumente sind doch aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Mir persönlich gefallen Tattoos und Piercing auch nicht immer, aber wenn ich in die Bank gehe, geht es mir um mein Geld, nicht um das Aussehen des Bankmitarbeiters. Ich glaube nicht, dass mich der/die Person ohne Piercing unbedingt besser berät, als jemand mit Piercing.

PCD

12.05.2015

@ Michael: Um auf solche Argumente zu kommen, muss man schon echte Hirnakrobatik treiben. Leider ergibt es aber auch dann noch wenig Sinn: Ein ‚Edelrestaurant‘, in dem die Servicekräfte transparente Blusen tragen (müssen?), dürfte den Namen wohl kaum verdienen, sondern würde einer anderen Kategorie zuzuordnen sein …

S.

12.05.2015

Der Grund für hautfarbene Unterwäsche liegt keineswegs in einem Sadismus, sondern dient dazu, das sich-Abzeichnen der Unterwäsche (man kann dann nämlich auch gleich in Unterwäsche kommen) zu vermeiden. Eine weiße Bluse kann auch aus bester ägyptischer Baumwolle ein kontrastfarbenes/weißes/schwarzes ‚Darunter‘ nicht verbergen. Analog gilt das für etwa beigefarbene Röcke/Hosen. Wo es den Mitarbeitern egal ist, wie ‚billig‘ sie wirken, kann ich das ‚Erklären‘ von Selbstverständlichkeiten gut nachvollziehen. Alternativ stellt man -so nett sie sein mögen- solche Menschen nicht ein. Dann muss man kein Pflege-101 katalogisieren.

Bebbi

13.05.2015

Weltbewegende diskusion und total am wirklichen Leben vorbei…

Gruss und sei frei :P

Wassertreter

14.05.2015

Woher nehmen manche Menschen eigentlich immer wieder das vermeintliche Recht, anderen die Kleidung vorschreiben zu wollen? Es sind nicht nur die „Dress Codes“ (allein diesen Begriff finde ich schon schlimm) in den Firmen. Es sind auch die sogenannten „Knigge-Experten“, die ebenfalls meinen, den Leuten vorschreiben zu müssen, wie „man“ (wer ist „man“??) sich im Job zu kleiden hat und was bzgl. der Kleidung im Job „gar nicht geht“.

Wie schon von anderen gesagt, sind Bekleidungsvorschriften oft reines Machtgehabe. Aber wer meint, sich über Äußerlichkeiten (und eben die Kleidung) anderer Personen definieren zu müssen, der hat meiner Meinung nach Minderwertigkeitskomplexe. Ein ehemaliger Kollege von mir hat bzgl. Bankern und Wirtschaftsprüfern einmal gesagt, dass diese alle wie geklont bzw. wie Pinguine aussehen: Alle gleich in ihren schwarzen Anzügen und weißen Hemden. Viele (wenn auch sicher nicht alle) verhalten sich in ihrer „Tracht“ dann auch so, als ob sie etwas Besseres wären.

Eine Bekleidung, die dazu dienen soll, dass der Kunde die Angestellten eines Unternehmens bei Bedarf als solche erkennt, ist sicher sehr sinnvoll. Dazu reicht ein einheitliches Oberteil mit dem Schriftzug oder Logo des Unternehmens aber doch völlig aus. Und was z.B. an einer gepflegten Jeans, einem modernen Polo-Shirt, einem schicken farbigen Sakko oder aber auch Freizeitschuhen verkehrt sein soll, erschließt sich mir nicht. Die Hauptsache sollte doch sein, dass die Arbeit kompetent und zur Kundenzufriedenheit erledigt wird – und das geht sicher besser, wenn man sich in seiner Kleidung auch wohlfühlt.

Ich stelle in Diskussionen zu diesem Thema gerne diese Frage: Stellen Sie sich vor, Sie wären blind und könnten den Kunden oder Geschäftspartner, mit dem Sie gerade sprechen, niemals sehen. Die Möglichkeit, den anderen anhand seiner Kleidung einzuschätzen, entfällt also. Würden Sie die betreffende Person, von der Sie bisher vielleicht eine hohe Meinung hatten, anders beurteilen, nur weil Sie (wie auch immer) erfahren, dass sie „unpassend“ gekleidet ist? Die Antworten sind dann meist ein überraschtes Gestammel und ausweichende Floskeln. Das sagt doch eigentlich schon alles.