Prima Betriebsklima? Längst nicht überall!

Neue XING-Studie „Kompass Neue Arbeitswelt“: Viele Arbeitnehmer klagen über mangelnde Flexibilität und altes Hierachie-Denken.

Mehr Selbstbestimmung am Arbeitsplatz, demokratischere Strukturen in den Unternehmen, mehr Teamwork und ein besseres Verständnis für Familien – diese Prinzipien des „New Work“ sind noch nicht in allen deutschen Unternehmen angekommen. Das zeigen die ersten Ergebnisse der repräsentativen Studie „Kompass Neue Arbeitswelt“, die im Auftrag von XING durch das Hamburger Marktforschungsinstitut Statista durchgeführt wurde.

So klaffen zum Beispiel beim Thema Arbeitszeiten Wunsch und Wirklichkeit stark auseinander. Denn fast die Hälfte der Arbeitnehmer (45 Prozent) berichtet, dass ihr Arbeitgeber zeitliche Flexibilität auch über die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit hinaus erwartet. Umgekehrt ist das aber nicht so: 52 Prozent geben an, ihre reguläre, tägliche Arbeitszeit nicht frei gestalten zu können. Jeder Vierte – unterschiedslos zwischen Männern und Frauen – klagt, dass der Arbeitgeber keine Freiheit einräumt, auf private Umstände schnell und flexibel zu reagieren (s. auch unsere Infografik unten).

Ähnliche Kritik kommt auch beim Thema Auszeiten auf. So wurde nur der Hälfte jener Befragten, die eine längere Auszeit, zum Beispiel ein Sabbatical oder unbezahlten Urlaub, nehmen wollten, diese auch in vollem Umfang gewährt. 14 Prozent gaben zu Protokoll, dass ihr Arbeitgeber ihnen die Auszeit überhaupt nicht ermöglicht wurde. Hier allerdings bemängeln deutlich mehr Frauen die fehlenden Möglichkeiten für längere, berufliche Pausen im Sinne der Familie oder eigener Interessen.

XING CEO Thomas Vollmoeller:  "Der Standort Deutschland muss dringend modernere, innovativere  Strukturen aufbauen."

XING CEO Thomas Vollmoeller: „Der Standort Deutschland muss dringend modernere, innovativere Strukturen aufbauen.“

Für die Studie wurden im März und April dieses Jahres insgesamt 4.000 Arbeitnehmer aller Berufsklassen befragt – vom Kassierer über den Büroangestellten bis zum Abteilungsleiter. Die Umfrageziele: Wie beurteilen deutsche Arbeitnehmer ihre Jobsituation in Zeiten tiefgreifender Veränderungen? Welche Erwartungen stellen sie an die Zukunft? Thomas Vollmoeller, CEO der XING AG, erklärt: „Wir haben diejenigen befragt, die von den tektonischen Veränderungen der Arbeitswelt unmittelbar betroffen sind. Die Ergebnisse zeigen, dass der Innovationsstandort Deutschland dringend Arbeitsbedingungen bieten muss, die Innovationen auch künftig möglich machen. Aspekte wie Kapital und Know-how sind dazu längst nicht genug. Unternehmen, die innovativ sein wollen, müssen ein Betriebsklima schaffen, in dem Innovationen gedeihen können. Denn die stecken in den Köpfen der Mitarbeiter.“

Noch allerdings zeichnet sich die deutsche Arbeitswelt in weiten Teilen durch hierarchisch geprägte Strukturen aus, die Schnelligkeit und Kreativität oft behindern. So sagt deutlich mehr als die Hälfte der Befragten (66 Prozent), dass bei Entscheidungsprozessen oder Fragen der offizielle Weg zwingend eingehalten werden muss – allenfalls bei Kleinigkeiten wird schon mal eine Ausnahme gemacht. Folglich wünschen sich 46 Prozent der Arbeitnehmer, dass es mehr Zusammenarbeit über Hierarchiewege und Abteilungsgrenzen hinweg gibt. Innerbetriebliche Demokratie steckt ebenfalls in den Kinderschuhen. Mehr als jeder dritte Interviewte (36 Prozent) sagt, dass er bei keinem der abgefragten Punkte mitentscheiden darf. Immerhin 9 Prozent geben hingegen an, beim Thema Gehälter/Löhne mitentscheiden zu können.

Allgemein schauen deutsche Arbeitnehmer übrigens durchaus optimistisch in die Zukunft, trotz des radikalen Wandels der Arbeitswelt: 34 Prozent begrüßen sogar die Veränderungen des eigenen Berufsbildes. Weitere 37 Prozent stehen den erwarteten Veränderungen gelassen gegenüber. Lediglich knapp 12 Prozent geben an, besorgt zu sein.

Die vollständigen Studienergebnisse werden am 28. April 2015 in Berlin vorgestellt (Anmeldung und weitere Informationen zur Veranstaltung hier).

20150417_Kompass_Arbeitswelt_02

3 Kommentare

Willy W. Kellermann

20.04.2015

einfach mal hier lesen http://www.bildmeter.de/zeigen-sie-doch-mal-stolz-ihre-mitarbeiter/

Lars Hahn

20.04.2015

Merke: Nicht jeder möchte überhaupt flexible Arbeitszeiten. Denn es gibt ja da auch noch die „andere“ Fraktion der Mitarbeiter: 9 to 5 und dann Feierabend. Angst vor 24/7/365.

Und dann gibt es noch die Wissenschaftler, die das unterstützen: http://www.focus.de/finanzen/karriere/homeoffice-gleitzeit-always-on-von-wegen-grosse-freiheit-so-schaedlich-sind-flexible-arbeitszeiten_id_4596221.html

mal_nachdenken

20.04.2015

Und dann gibt es noch die „drei-Klassen-Politik“. Der Eine darf seinen Stehtisch, den er seit 10 Jahren hat, ohne Probleme in die neuen, „einheitlich gestalteten Büroräume“ mitnehmen, ein Anderer muss für die Mitnahme seines Stehtisches, den er „erst“ seit 3 Jahren hat, einen Antrag stellen, einem Dritter, welcher aus Präventionsgründen ebenfalls einen Stehtisch haben möchte (und es müsste kein Neuer angeschafft werden, denn Fähnleinführer hatte im alten Büro einen (das Baby der Jungfrau), diesen aber nie genutzt hatte und sich darum in den neuen Räumlichkeiten gegen einen entschied – diesem Dritten wurde der Stehtisch wegen der vorgeschriebenen „Einheitlichkeit der Einrichtung“ verweigert.

Suum pro quo oder quid cuique?