Digitalisierung

Neue Kolumne "Zukunftsräume": Keine Angst vor den Maschinen!

Von New Work zu Next Work: Die Digitalisierung schafft ein neues Miteinander von menschlicher und technologischer Intelligenz. Premiere für unsere neue Kolumne „Zukunftsräume“ in Kooperation mit dem Zukunftsinstitut

Von Christian Schuldt

1. Wir sind nicht mehr allein

Intelligente Maschinen bevölkern schon heute unseren Alltag. In Zukunft werden sie uns nahtlos begleiten. Als stimmgesteuerte Personal Assistants, als automatisierte Übersetzer oder als selbstfahrende Autos. Die technologische Intelligenz ist wie ein neues Familienmitglied, mit dem wir auskommen müssen.

Einerseits nichts Neues: Mensch und Technik stehen schon immer in einem Verhältnis der Co-Evolution. Und seit jeher neigt der Mensch dazu, Technik zu vermenschlichen – und seine Ängste auf sie zu projizieren. Ein Großteil des Science-Fiction-Genres lebt davon. Neu ist aber die Qualität und Komplexität der technologischen Veränderung. Die digitale Vernetzung lässt Innovationen nicht mehr nur in einzelnen Bereichen und Branchen entstehen, sondern zunehmend an den Schnittstellen – und mit immer „intelligenteren“ Lösungen.
Diese neue Komplexität macht einfache Erzählungen attraktiv.

2. Böse Maschinen, gute Maschinen

Eine dieser Erzählungen ist die Geschichte von den intelligenten Maschinen, Robotern und Algorithmen, die uns Menschen die Arbeit wegnehmen – oder uns sogar zu ihren Untergebenen machen. Prominente Köpfe wie Bill Gates, Elon Musk oder Stephen Hawking warnen vor diesem düsteren Szenario. Eine andere Geschichte erzählen die Technologie-Enthusiasten. „Robots Will Be The Biggest Job Creators In World History“, verkündete das „Forbes“-Magazin: Der technologische Fortschritt befreie uns von unnützer Arbeit, eine neue Ära der Arbeitsfreude oder der arbeitsfreien Selbstverwirklichung stünde bevor.

Beide Erzählungen reduzieren die komplexe Dynamik soziotechnischer Fortschritte auf lineare Szenarien. Aber Gesellschaft ist keine statische, eindimensionale Größe. Sie ist ein komplexes, dynamisches System. Kein Job wird 1:1 von Maschinen ersetzt, und jeder technologische Fortschritt bewirkt vielfältige Verschiebungen. Auch im Ökosystem Arbeit.

Pflegeroboter "Care-o-bot": Krankenpflegeroboter "Vita": "Wir bekommen eine innigeres Verhältnis zu den Maschinen" (Foto: Fraunhofer IPA)

Pflegeroboter „Care-o-bot“: „Wir bekommen eine innigeres Verhältnis zu den Maschinen“ (Foto: Fraunhofer IPA)

3. Smarte Hirne für eine smarte Welt

Zum einen führt jede Automatisierung zu einer Aufwertung von Jobs, die (noch) nicht automatisierbar sind. Etwa komplexe handwerkliche Tätigkeiten: Bis Maschinen eine Heizung installieren können, wird es noch lange dauern. Zum anderen öffnen neue Technologien den Blick für ganz neue Arbeitsfelder und Bedürfnisse. So wird die Digitalisierung eine neue Phase der Wissensarbeit einläuten, die genuin menschliche Fähigkeiten in den Fokus rückt: Kreativität, soziale Kompetenzen, emotionale Intelligenz – alles, was uns ermächtigt, in hypervernetzten Kontexten komplexe Entscheidungen zu treffen. Denn das smarteste aller Systeme ist und bleibt das menschliche Hirn.

Unser heutiges Selbstverständnis orientiert sich noch immer stark an kognitiven und rationalen Fähigkeiten. Aus dieser Perspektive ist es logisch, dass uns intelligente Maschinen bedrohlich erscheinen. Weil wir uns selbst als intelligente Maschinen sehen. Doch in einer digitalisierten Welt brauchen wir ein komplexeres Selbstbild: Der Mensch als widersprüchliches, nicht auszurechnendes Sozialwesen. Erst diese Perspektive kann auch die Potenziale der digitalisierten Arbeitswelt erschließen.

4. Arbeit neu erfinden

Unternehmen müssen dafür heute die Weichen stellen. Entscheidend ist eine ganzheitliche Unternehmenskultur: ein Mindset, das Komplexität nicht blockiert, sondern fördert, um innovative Verknüpfungen zu ermöglichen. Nicht nur zwischen Mitarbeitern und Kunden sondern auch zwischen Mensch und Maschine. Denn in der hypervernetzten Welt von morgen werden wir technologischer Intelligenz immer mehr auf Augenhöhe begegnen.

Eine Ahnung davon liefert Spike Jonzes Film „Her“, in dem sich der Protagonist in sein Betriebssystem Samantha verliebt. Smarte Sprachassistenten wie Apples Siri oder Microsofts Cortana zeigen, wie diese Vision schon heute Realität zu werden beginnt. Unsere Beziehung zu smarter Technologie wird näher und intimer werden, und wir werden „Arbeit“ neu definieren, so wie schon nach der Erfindung der Schrift oder des Buchdrucks.

Für diese Neuerfindung der Arbeit brauchen wir nicht nur ein neues Selbstverständnis, sondern auch ein neues Maschinenverständnis, das technologische Intelligenz ernst nimmt als integralen Bestandteil unserer Gesellschaft. Denn wir sind nicht mehr allein. Aber dank digitaler Technologien können wir uns selbst besser verstehen – und eine wirklich smarte Arbeitswelt gestalten.

(Lesen Sie dazu auch: Matthias Horx über die Zukunft der Arbeit: “Work-Life-Balance ist eine Illusion”)


Über den Autor:
CSchuldt_portrait
Christian Schuldt ist Experte für Digitale Transformation und Systemtheorie. Für das Zukunftsinstitut arbeitet er als Autor, Redakteur und Speaker. Das 1998 gegründete Zukunftsinstitut gilt heute als einer der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung und ist eine zentrale Informations- und Inspirationsquelle für Entscheider und Weiterdenker. Mehr über das Thema New Work und die Megatrends, die unsere Zukunft prägen, erfahren Sie auf zukunftsinstitut.de.

3 Kommentare

Klaus Riedel

08.04.2015

Sehr guter Artikel, dem ich im Großen und Ganzen zustimme, das Dumme ist aber leider, dass nicht alle Menschen smart sind. Was machen wir bloß mit denen, deren Arbeit doch 1:1 durch Maschinen ersetzt wird (KassiererInnen, FließbandarbeiterInnen (Automobilindustrie) usw.). Und das war bisher die große Masse der einfachen Arbeiter.
Klaus

PJ

09.04.2015

Die Frage „ist das besser oder schlechter?“ lässt sich nur im Kontext bezüglich was und für wen beantworten. Jede Technologie verteilt Vor- und Nachteile nicht gleichmäßig über die Gesellschaft oder Menschheit. Einige Gruppen werden mehr Vor- als Nachteile haben, bei anderen wird es umgekehrt sein. In der Regel ist Technologie ein Verstärker. Eine Minderheit, der es bereits überdurchschnittlich gut geht, profitiert stärker von den Vorteilen als die weniger Privilegierten. Die Nachteile werden stärker die treffen, die bereits benachteiligt sind.

Elke Purucker

04.03.2016

Ein sehr guter Artikel, der das Thema auf den Punkt bringt. Besonders interessant finde ich den Absatz: „So wird die Digitalisierung eine neue Phase der Wissensarbeit einläuten, die genuin menschliche Fähigkeiten in den Fokus rückt: Kreativität, soziale Kompetenzen, emotionale Intelligenz – alles, was uns ermächtigt, in hypervernetzten Kontexten komplexe Entscheidungen zu treffen“. Unser „Hirn“ dürfen wir keinesfalls ausschalten. Aber wer lehrt das unseren Kindern? Kreativität, soziale Kompetenz, emotionale Intelligenz sind Themen, die im Schulalltag vollkommen vernachlässigt werden. Industrie 4.0 ist das Schlagwort für die Unternehmen, aber wer denkt schon an die Schüler 5.0 oder wenigstens die Schule 4.0? Hier sind wir meiner Meinung nach noch genauso weit entfernt, wie in der Industrie. Vielleicht wäre das auch mal ein Thema für das Zukunftsinstitut..