Selbstständigkeit & Gründung

Event-Hit "FuckUpNights": Spaß am Scheitern

Wir sind gescheitert und stolz darauf: Das ist das Motto der weltweit erfolgreichen „FuckUpNights“. Hier erzählen Gründer, wie sie ihren Karren so richtig gegen die Wand gefahren haben. Das Publikum amüsiert sich – und lernt dazu.

Ein Ortstermin von Maria Huber

Wenn Andreas Kitzing von seinem größten Scheitern erzählt, leuchten seine Augen. Es sprudelt geradezu aus ihm heraus: Dass das Programmieren nicht geklappt hat. Die Seite nicht fertig wurde. Es keine Kunden gab. Dann meldete sich ein Investor. Und dem hat er auch noch abgesagt. Die Menge lacht lauthals, der Applaus dauert minutenlang.

Szenen wie diese spielen sich bei der FuckUpNight ab, einer Veranstaltung, auf der gescheiterte Gründer und insolvente Selbstständige erzählen, wie sie mit ihrer Businessidee so richtig auf die Nase gefallen sind. Das Event – ein bemerkenswertes Franchise-Konzept aus Mexiko – feiert weltweit große Erfolge. Seit Februar auch in Hamburg. Jeden zweiten Donnerstag laden drei Hamburger Jungs dazu ein, vom Scheitern zu erzählen – auch, weil sie selbst ein Start-up, einen Vertrieb des Szenegetränks „Mate-Tee“,) gegründet haben: „Da hat man ab und zu kleine FuckUps, und wir waren es leid, dass immer nur alle erzählen, wie toll sie sind.“

Damit haben sie offenbar den Nerv vieler Hamburger getroffen, denn die rennen den Veranstaltern die Bude ein: Rund 150 Menschen, vom schicken Hipster bis zum Nerd in Kapuzenpulli und Schlabberhosen drängeln sich in das winzige MUT!-Theater im Hamburger Schanzenviertel. Die Plätze auf den Rängen sind schnell belegt, wer spät kommt, muss am Boden sitzen, doch daran soll’s nicht scheitern. Es ist eine düstere Kulisse – nur die zehn Folien, mit denen die Redner ihr Scheitern verdeutlichen dürfen, bringen Licht ins Dunkel.

Gescheiterter Gründer Kitzing bei der Hamburger "Fuckup NIght": Keine Ahnung vom Geschäft

Gescheiterter Gründer Kitzing bei der Hamburger „Fuckup NIght“: Keine Ahnung vom Geschäft (©Foto: Lara Mögle)

Andreas Kitzing spricht heute als Erster, Mut kostet ihn das nicht, im Gegenteil: „Ich sehe das als Übung, vor Leuten zu sprechen.“ Dass er davon erzählt, wie er voll versagt hat – so what? Er war bei der ersten Hamburger FuckUpNight, hat aus dem Scheitern der anderen gelernt und sich gedacht, er könnte ja auch mal allen erzählen, wie er es so richtig verbockt hat. Und das tut er heute. Angekündigt wird er mit den Worten: „Das ist Andreas Kitzing, und er hat auch ein super FuckUp!“ Seine Idee: Eine Art Facebook in Ungarn aufbauen. „Das war schon das erste FuckUp“, sagt er. Nicht, weil es das schon gegeben hätte – 2007 nutzte Ungarn ein „umgebautes Gästebuch“ als Facebook und die echte US-Version war noch nicht angekommen. Nein, als Kitzing mit einem Freund „College Friends“ gründen wollte, scheiterte es eher an der Expertise der beiden. „Man muss sich das vorstellen, wie im Film `The Social Network`. Nur, dass wir keinen Plan hatten.“ Das Gelächter aus dem Publikum steigt, Kitzing hat es mit seiner ganz persönlichen Katastrophe fasziniert.

In blauem Kapuzenpulli, Jeans und Dreitagebart macht er seinen Zuhörern leicht, sich den 20-jährigen euphorischen Studenten vorzustellen: „Wir waren total überzeugt von der Idee, die war damals auch gar nicht schlecht, wir hatten nur keine Ahnung. Hier seht ihr unsere Berufserfahrung, unser Team und unsere Programmierkenntnisse“ – drei leere Folien.

Das ernüchternde Resultat: “Es hat sich halt voll nicht gelohnt.“ Ein dreiviertel Jahr hatten die beiden 80 Stunden pro Woche in das Projekt gesteckt, nach der Rückkehr aus Ungarn fiel Kitzing mit einer Ausnahme durch alle Klausuren. Und das Projekt war auch tot. Zeit, es zu begraben, fanden die beiden. Aber dann ist auch noch das Scheitern gescheitert: „Wir haben das Projekt für 100 Euro bei Ebay vertickt. Am Ende haben wir ein total schlechtes Projekt mit total guten Domains total unter Marktwert verkauft.“ Denn der Käufer warf die Website weg und machte viel Geld mit den Domains rund um die „College Friends“.

Insolvenz-Experte Andreas Henkel: "Keine gute Zeit für Lohnerhöhung" (©Foto:  Lara Mögle)

Insolvenz-Experte Andreas Henkel: „Keine gute Zeit für Lohnerhöhung“ (©Foto: Lara Mögle)

Kitzing erzählt das alles aus der Erinnerung, denn sein Notebook wurde gestohlen – mit allen Unterlagen zum Projekt. Und das Publikum ist gnadenlos: Von einer Frau Mitte 20 bekommt Kitzing zu hören: „Gab es denn überhaupt irgendwelche Erfolge?“ Alle hoffen, dass doch nicht alles schlecht war, aber: „So richtige Erfolge gab es nicht, nein“, lacht Kitzing. Und dann fällt ihm doch noch was ein – was fast erfolgreich gewesen wäre. Irgendwann meldete sich nämlich ein Investor, ein Startup mit einem Schülernetzwerk aus Weißrussland. „Aber unsere logische Antwort war natürlich: Nein. Wir wollten das selbst aufziehen.“ Über so viel jugendlichen Leichtsinn muss Kitzing jetzt mehr lachen als das Publikum. Der einzige Trost: „Ich glaube, der ist auch gescheitert. Wenn auch professioneller als wir.“

Doch ganz gibt das Publikum noch nicht auf: „Wie viele Mitglieder hattet ihr denn maximal?“, schallt es aus der hintersten Reihe: „Maximal 20“, sagt Kitzing. „Aber fünf waren Testnutzer. Und der Rest Freunde.“ Warum er trotzdem so happy ist? Er hat wieder gegründet, diesmal erfolgreich: Sponsoo.de ist eine Plattform, auf der sich Sponsoren und Sportler finden, den Partner dafür fand er über XING. Entscheidender Fortschritt: Die Seite ist live und mit 600 Nutzern nach einem dreiviertel Jahr schon ziemlich erfolgreich. Was ihm geholfen hat? „Das Scheitern hilft total, die Angst vorm Scheitern zu verlieren und neu zu gründen.“ Deshalb hört er sich auch noch die anderen Geschichten an diesem Abend an. Von Lars Brücher, der mit dem Hamburger Co-Working-Space Betahaus in die Insolvenz rauschte – und wieder heraus fand („Wir hatten null Ahnung und waren selbst unser größter Gläubiger“). Und von Julia Schramm, Ex-Piratin, Shitstorm-Opfer und „alter Hase im Scheitern“ („Es lief. Aber es lief halt scheiße.“).

Tipps_gegen_Scheitern_

Zum Schluss dieses Abends spricht noch ein Insolvenzverwalter, um auch mal nützliches Sachwissen in die Angelegenheit zu bringen. In Anzug und roter Krawatte fühlt sich Anwalt Andreas Henkel im Revier der Start-upper – die ihn duzen – offensichtlich leicht unwohl. Doch nach wenigen Sätzen hat er sie in seinem Bann, wenn auch wegen des unfreiwillig trockenen Humors. Er habe eben „von Berufs wegen eher die Perspektive, dass es nicht so gut läuft“. Aber es gebe ja „Paragrafen, die für den Neustart sorgen“ und schließlich zwinge „das Recht ja nicht zum Aufgeben“. Das „Abstellen von Schwachstellen“ sei wichtig, und überhaupt, Insolvenz keine Zeit für Lohnerhöhung: „Cèst la vie“.

Andreas Kitzing geht nach Hause, als der Insolvenzverwalter die Bühne betritt. Scheitern ist für ihn keine Option mehr.

(Aufmacherbild: ©FuckUpNights)


 

2 Kommentare

Roland Borch

17.04.2015

Gute Hinweise für Neu-Gründer. Jugendwahn ist ein weiteres Problem.
Aber man kann es auch noch mit 59 schaffen.

Mark

31.01.2017

Klasse Sache, ich wäre nächstes Mal gerne dabei!