Selbstständigkeit & Gründung

Die Gründer der Zukunft: älter, erfahrener, entspannter

Deutschland ist nicht gerade als Hochburg der Gründerkultur bekannt. Aber Trend- und Zukunftsforscher Patrick Mijnals, Gründer der Crowdfunding-Plattform bettervest, sieht gute Chancen, dass sich das bald ändert. Eine neue Ausgabe unserer Kolumne „Zukunftsräume“ in Kooperation mit dem Zukunftsinstitut.

Von Patrick Mijnals

Dass unsere Ökonomie Schumpeters „kreative Zerstörung“ braucht, ist inzwischen Common Sense. Selbst die Kanzlerin plädiert für eine Kultur des Scheiterns, um Startups in Deutschland einen wachstumsförderlichen Nährboden zu bereiten. Eine zentrale, für die Zukunft unserer Wirtschaft und Gesellschaft entscheidende Frage lautet: Betrachten Menschen das Gründen als realistische Option auf ihrem persönlichen Karriereweg – oder nicht?
Doch während die Gründer-Kultur in den USA fest in der Gesellschaft verankert ist und der „Startup-CEO“ in jugendlichen Kreisen echte Popstar-Potenziale hat, ist die Zahl der Gründungen hierzulande seit rund einem Jahrzehnt stark rückläufig. In den vergangenen Jahren lag die Gründungsquote stets deutlich unter zwei Prozent. Für das Jahr 2050 geht das Institut für Mittelstandsforschung gar von einem Fünftel weniger Gewerbegründungen im Vergleich zu heute aus.
Ist der Gründungs-Boom also schon vorbei, bevor er richtig begonnen hat? Wirft man einen Blick hinter die blanken Zahlen, zeigen sich in der Gründerszene in jüngster Zeit einige interessante Phänomene – Trends und Gegentrends, die auf eine positivere Zukunft hoffen lassen:

1. Von Teenpreneur bis Silverpreneur
Die gute Botschaft vorweg: Tatsächlich lernen inzwischen immer mehr junge Menschen das Unternehmertum schon früh als eine mögliche Berufsoption kennen. Seit einigen Jahren werden beispielsweise an vielen Schulen Schülerfirmen gegründet. Vorangetrieben von Initiativen wie Gründerrepublik, Rockit Biz oder NFTE, die sich für die frühzeitige Sensibilisierung von Jugendlichen für Unternehmertum engagieren, könnte Gründen eines Tages durchaus zum Teil des Curriculums werden.
Auch am anderen Ende des Altersspektrums tut sich einiges. Während der durchschnittliche Gründer in Deutschland 34,9 Jahre jung ist, verzeichnet man europaweit in den vergangenen Jahren ein Anstieg weitaus älterer Gründer. Dienstleister wie Gründer50plus konzentrieren sich darum auf die künftig am stärksten wachsende Zielgruppe in einer schrumpfenden Gesellschaft: Sie coachen und begleiten alterserfahrene, aber gründungsunerfahrene „Silverpreneure“ auf den ersten Schritten zum eigenen Unternehmen. Die IHK-Gründungsberatung stellt in der Kategorie „Ü50″ seit 2007 einen Anstieg von zwölf auf über 20 Prozent fest.

2. Vom Entrepreneurship zum Intrapreneurship
Wie die nächste Generation der Entrepreneure aussieht, ist aber nicht primär eine Altersfrage, sondern eine des Mindsets. Die einflussreichsten Entrepeneure der Zukunft sind wohl keine coolen Mitzwanziger, die wie Mark Zuckerberg mit Badelatschen ins Büro kommen. Denn auch Konzerne erkennen inzwischen, dass die Förderung unternehmerischen Denkens und Handelns ihrer Mitarbeiter nicht zum gefürchteten Brain Drain führt, sondern vielmehr dazu beiträgt, die besten Köpfe langfristig an Bord zu halten.
Intrapreneure, also Gründer innerhalb bestehender Unternehmensstrukturen, arbeiten irgendwo zwischen Fikus und Firmenwagen mit Hilfe von „Silicon Valley“-Philosophien wie der LeanStartup-Methodik. Sie pitchen Ideen, um die besten Köpfe aus anderen Abteilungen für ihr Team abzuwerben, und nutzen unternehmensinterne Venture Capital Fonds, um Visionen in die Tat umzusetzen.

3. Von Gewinnmaximierung zu Sinnmaximierung
Auch die Ziele und Visionen, die umtriebige Gründer sich vornehmen, sind einem Wandel unterzogen. En vogue sind zurzeit vor allem zwei Formen des Entrepreneurship, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. „Finanz-Innovationen“ wurden bislang von linken Blockupy-Aktivisten und Tante Erna gleichermaßen als Grundübel und Wurzel der Finanzkrise wahrgenommen. Jetzt kommen mit den sogenannten „Fintechs“ technologiegetriebene, agile Störer in den Markt, die die verschlafene und bislang noch bit- und bytearme Branche mit Stichworten wie Robo-Advice, Crowdfunding oder Cryptocurrency ordentlich wachrütteln.
Während die einen dem „glasfaserschnellen“ Geld hinterherrennen, treiben auf der anderen Seite des Spektrums soziale und ökologische Aktivisten „in disguise“ die kapitalistische Sinn-Maximierung voran. An Orten wie den Social Impact Labs in Frankfurt, Leipzig und Potsdam nutzen sie betriebswirtschaftliche, zuweilen ebenfalls stark technologie- bzw. datengetriebene Geschäftsmodelle, um nicht nur ökonomische, sondern auch gemeinwohlorientierte ROIs zu generieren.

Eine neue Gründerzeit
Diese neuen Tendenzen lassen ein gründungsfreundlicheres Klima entstehen. Nicht nur im vermeintlichen Startup-Hotspot Berlin, sondern überall im „Land der Ideen“. Denn coden, pitchen und Venture Capital auftreiben kann man auch im polyzentrischen Rhein-Main-Gebiet, im Ruhrpott oder in einem Industriegebiet auf der grünen Wiese in Ostwestfalen-Lippe.

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Über den Autor
Patrick Mijnals ist als Trend- und Zukunftsforscher sowie als Referent für das Zukunftsinstitut tätig. Zudem ist er Gründer und Geschäftsführer von bettervest, der weltweit ersten Crowdfunding-Plattform, über die Bürger Energieeffizienzprojekte von Unternehmen, Vereinen und Kommunen finanzieren und dafür an den Einsparungen beteiligt werden.
Das 1998 gegründete Zukunftsinstitut gilt heute als einer der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung und ist eine zentrale Informations- und Inspirationsquelle für Entscheider und Weiterdenker. Mehr über das Thema New Work und die Megatrends, die unsere Zukunft prägen, erfahren Sie auf zukunftsinstitut.de.

7 Kommentare

Gast

29.04.2015

Herr Mijnals,
„Von Teenpreneur bis Silverpreneur“
Was sind das bitte für Worthülsen?

Barbara

29.04.2015

Danke für diesen Artikel! Ich selbst gehöre zu gleich zweien der genannten Kategorien: ich bin 60, habe mein ganzes Leben in einem stressigen Job gearbeitet und Karriere gemacht, bin krank geworden. Dann kam die Frage nach dem Sinn, dass ich nicht einmal weiß, ob ich meine Rente erreichen werde, wenn ich so weitermache. Und so kam die Entscheidung, meine Leidenschaft zu meinem Job zu machen und habe mich mit „Wege durch Afrika“ selbständig gemacht. Nun vermittle ich Reisen in Afrika, verkaufe moderne afrikanische Kunst und schreibe einen Reiseblog. All das (größtenteils jedenfalls) von meinem Homeoffice aus. Und Zeit fürs Reisen bleibt auch bzw. ist ein absolutes Muss.

Patrick Mijnals

29.04.2015

Lieber anonymer Gast,
es ist ein häufiger Vorwurf gegenüber der Trend- und Zukunftsforschung, dass sie Begrifflichkeiten – oder wie sie sagen Worthülsen –  „aus dem Nichts erschafft“. Von diesem Vorwurf kann auch ich mich nicht freimachen. Sinn und Zweck ist nämlich genau das: Zukunft „haptisch“ zu machen, entstehende Realitäten wahrnehmbar zu machen oder ganz einfach dem Neuen einen Namen zu geben. So wird Zukunft kommunizierbar, diskutierbar und letztlich gestaltbar.
Beste Grüße
Patrick Mijnals

Patrick Mijnals

29.04.2015

Danke Barbara,
schön zu hören! Ihr Beispiel ermutigt hoffentlich viele andere es Ihnen gleich zu tun. Kennen Sie Dienstleister wie http://madame-grand-mere.de/ oder https://www.granny-aupair.com/de, die ganz ähnliche Bedürfnisse befriedigen? Vielleicht ja interessante Kooperationspartner für Sie.
Beste Grüße
Patrick

Alexander Weinhard

30.04.2015

Von Intrapreneurship habe ich bislang noch nie gehört. Allerdings klingt das Thema sehr spannend. Ich persönlich habe ein zu starkes Sicherheitsbedürfnis um ernsthaft über eine Selbständigkeit nachzudenken. allerdings könnte ich mir gut vorstellen, eine „selbständige Einheit“ innerhalb meines Unternehmens zu gründen. Hätten Sie zu diesem Thema vielleicht noch mehr Links oder Quellen, anhand derer ich mich dem Thema nähern kann?

Katja Schernhusen

30.04.2015

Vielen Dank für diese Fakten,
ich bin mit 42 Jahren ,dachte ich beinahe zu alt um meinen eigenständigen Weg zu gehen. Viele sagten, dass ich wahsinnig wäre meine „Sicherheit“ aufzugeben. Sicher es ist ein steiniger Weg, doch die Freiheit zu tun was mir Spaß macht entschädigt.
Meine Berufserfahrung ist für andere Einzelhändler eine Berreicherung, denn diverse Branchen bieten wertvolle Tipps für die Existenz ihres Ladengeschäftes.

Günther Endres

02.05.2015

Vielen Dank, Patrick!
Mich würde interessieren, welche ähnliche Unternehmen bzw. Websiten du noch kennst wie Gründer50plus.
Vielen Dank im voraus!
Günther