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Digitalisierung

"Roboterjournalismus": Vormarsch der Schreib-Maschinen

Die Digitalisierung macht auch vor der Medienbranche nicht halt: Nachrichtentexte, Newsvideos, Agenturticker – all diese Formen journalistischen Handwerks könnten schon in naher Zukunft hauptsächlich von  intelligenten Softwareprogrammen automatisch produziert werden. 

Von Lorenz Matzat

Auch das noch: ein weiterer Journalismustrend. Nach Datenjournalismus, Drohnenjournalismus und Sensorjournalismus kommt jetzt auch noch der Roboterjournalismus. Er dreht sich um Software, die in Teilbereichen des Journalismus selbstständig Artikel und Berichte erstellt.

Vornehmlich wird er im Newsjournalismus stattfinden – und nicht bei Analyse, Kommentar, Interview und Investigation. Vor allem in den USA experimentieren Nachrichtenagenturen und Verlagshäuser bereits jetzt mit automatisierter Texterstellung, unter anderem bei Börsen- und Sportberichten, also Ereignissen, die meistens in den gleichen – Ergebnis fokussierten und damit berechenbaren – Abläufen stattfinden.

Aber auch in Deutschland gibt es erste Beispiele. Etwa bei der Stuttgarter Firma Aexea, die hauptsächlich kurze „Gebrauchstexte“ für Online-Kataloge und Fachinformationen produziert und deren „Schreibkapazität“ nach eigenen Angaben bis zu 3,6 Millionen Texte umfasst – täglich, wohlgemerkt. Oder beim Berliner Start-up „Text-on“, das nun auf dem Portal „Finanzen100“ „künstlich“ hergestellte Börsenberichte veröffentlicht. Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut hat die Firma des ehemaligen DAPD-Chefs Cord Dreyer einen Algorithmus entwickelt, der „für alle Bereiche, in denen Daten erhoben werden, einfach lesbare Zusammenfassungen“ liefert.

Schon bis 2020 dürften nicht wenige Jobs im Journalismus von Maschinen erledigt werden. In der ersten Phase werden Roboter hauptsächlich redaktionelle Assistenz leisten: bei automatisierter Recherche, bei der Faktenüberprüfung, beim Scannen von Social Media und Sensornetzwerken; beim Mitlesen, -hören, -schauen von Websites, Radio-und TV-Sendern.

Entsprechend werden sie in den Redaktionssystemen Gerüste für Beiträge anlegen, die schon Fakten, Satzbausteine, Zitate und Links enthalten. Denkbar ist auch, dass während ein Autor an einem Beitrag arbeitet, Software das bislang Verfasste interpretiert und entsprechend ständig weiteres Material sowie Satzbausteine heranschafft. Software wird zudem auch Bilder vorschlagen, schlichte Diagramme erstellen, Karten- und Videoausschnitte bereitstellen. Schon heute etwa können Online-Redaktionen mithilfe der Software der US-Firma „WochIt“ nahezu vollautomatisch Video-Newsclips produzieren.

Auch die Spracherkennung wird immer besser – man schaue sich die automatisierte Untertitelung englischer Beiträge bei Youtube an. Politikerreden bei »Phoenix«, im Bundestags-TV oder andere Streams zu überwachen, kann Software übernehmen. Mittels semantischer Verfahren, dem Vergleich mit anderen Reden aus Archiven, aber auch durch Auswertung der Resonanz bei sozialen Netzwerken wird Software die Kernaussagen von Reden identifizieren. Damit ließe sich der weitverbreitete »Verlautbarungsjournalismus« automatisieren, der mehr oder minder unterhinterfragt Ausschnitte aus Pressekonferenzen wiedergibt.

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Die zweite Phase im Roboterjournalismus wird dann eintreten, wenn die semantischen Fähigkeiten der Algorithmen so weit gediehen sind, dass sie in brauchbarer Qualität Beiträge für eine Vielzahl von Themenbereichen erzeugen können. Die kontrolliert dann noch ein Mensch vor Veröffentlichung und greift gegebenenfalls sprachlich etwas ein. Je mehr Informationen über Schnittstellen daherkommen, je mehr Vorgänge gemessen und in Metriken beschrieben werden, umso mehr Bereiche der Berichterstattung werden sich automatisieren lassen. Und die Software wird immer besser werden, weil sie lernt.

Nein, es wird nicht zum vielgerühmten „Qualitätsjournalismus“ per Roboter kommen. Aber für das, was heute im alltäglichen Nachrichtengeschehen als Journalismus gilt, wird es allemal reichen. Schon das ist eine Vision, die viele fürchten. „Bloßer Meldungsjournalismus, der könnte beispielsweise vollständig von Maschinen ersetzt werden. Wenn man sieht, wie die Rationalisierungsbestrebungen aussehen im Verlagsbereich, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass es in Zukunft in diese Richtung gehen wird“, sagt etwa Volker Tripp von der Digitalen Gesellschaft:

Der Clou am Roboterjournalismus ist, dass er Inhalte „on the fly“ erzeugen und ständig aktualisieren kann. Eine Individualisierung von Nachrichten wird so auf einem völlig anderen Niveau möglich. Nutzer erhalten anhand ihrer Schwerpunktsetzung auf ihre Hausnummer genau zugeschnittene Nachrichten. Offizielle Informationen ihrer Gemeinde, Pressemitteilungen, Agenturticker, Sportergebnisse, Terminkalender, Transkription von Radio-, Fernseh- und Videobeiträgen, Wetter- und Verkehrssensoren in ihrer Umgebung und weitere Quellen werden dafür ausgewertet. Anhand dessen werden kurze Berichte verfasst und gegebenenfalls illustriert.

Die Qualität der Roboterjournalisten-Software – der Engine, die sich ein Medienanbieter leistet oder selbst entwickelt – wird ein Kriterium sein, welche Rolle er im Nachrichtengeschäft spielen wird. Neben Anbietern von Technologieplattformen dürften sich hier auch neue Player etablieren, die keinen klassischen Verlag im Rücken haben. Ebenso können Medienmarken aus anderen Sprachräumen mittels Roboterjournalisten Sprachbarrieren einfacher überwinden. Rein betriebswirtschaftlich wird sich das Ganze ab einem bestimmten Preispunkt lohnen. Impuls könnte dafür hierzulande nicht zuletzt auch der Mindestlohn sein, weil sich in der ohnehin klammen Branche die Anschaffung von Roboterjournalisten-Software lohnt.

Selbstredend birgt – wie jede Technologie – auch Roboterjournalismus Gefahren und kann missbraucht werden. So wird das große Branchenvorbild „Narrative Science“ von einem Risikokapital-Arm des US-Geheimdienstes CIA mitfinanziert.

Auch im ständigen Kampf der Algorithmen von Google und Co. mit denen der Suchmaschinen-Firmen, die teilweise auf automatisch generierte Inhalte für »Linkfarmen« setzen oder auf halbautomatische Prozesse, wie bei den Plattformen des Unternehmens „Demand Media“, liegen Risiken dieser automatisierten Content-Erstellung. Wenn Software nach ihrer eigenen „Logik“ bestimmen kann, welche Themen auf den prominenten Plätzen des Nachrichtengeschäfts zu sehen sind, und welche nicht, wenn Maschinen und nicht mehr Menschen darüber urteilen, welche Meldungen wichtig sind, ist die Gefahr von Manipulation nicht weit.

Neben den Auswirkungen der Roboter auf den Arbeitsmarkt der Journalisten und anderen Berufsgruppen – denen sich Gewerkschaften und Politik beginnen sollten zu widmen – braucht es deshalb auch andere Vereinbarungen: vielleicht ein Zertifikat oder eine Clearingstelle für Roboterjournalismus-Software, die ihr ein journalistisches Verfahren bescheinigt, einen Presseausweis ausstellt.

Der Pressekodex könnte Maßstab für die Modellierung der Algorithmen sein, die unmittelbar für das Erstellen und Anreichern von Texten zuständig sind. Letztlich bräuchte es so simple und klare Regeln wie die berühmten drei Robotergesetze von Asimov.

Die sollen dafür sorgen, dass keine Maschine jemals einen Menschen schadet.


Matzat_portrait

Autoreninfo:

Lorenz Matzat lebt und arbeitet als Journalist und Unternehmer in Berlin und gilt als einer der führenden Experten in Deutschland zum Thema Datenjournalismus. Dieser Beitrag ist eine mit freundlicher Genehmigung des Autoren von uns bearbeitete und aktualisierte Version seines Textes „Was ist eigentlich Roboterjournalismus?“, der im Original auf seinem Blog Datenjournalist.de veröffentlicht wurde.

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