Digitalisierung

Programmieren für jedermann: "We love to code"

„Jeder sollte programmieren lernen“ lautet das Credo vieler Experten angesichts der Digitalisierung der Arbeitswelt. Das Hamburger Start-up „App Camps“ will dabei helfen – und fängt schon mal in den Schulen an.

Von Silja Schriever

Diana Knodel ist sehr früh dran an diesem Morgen. Es ist zwanzig vor acht. Bevor ihr App-Workshop am Hamburger Heilwig-Gymnasium beginnt, stimmt sie sich noch mit der Lehrerin ab, bereitet die Videopräsentation vor, legt Tablets in bunten Schutzhüllen parat.

IT-Expertin Diana Knodel: „Wer programmieren kann, findet auf jeden Fall einen Job“

IT-Expertin Diana Knodel: „Wer programmieren kann, findet auf jeden Fall einen Job“

Langsam trudeln die 15 Schüler einer 11. Klasse ein, die sich mit Hilfe von Diana Knodel und ihrem Start-up App Camps erste Programmier-Kenntnisse aneignen möchten. Es ist bereits ihre zweite Doppelstunde zu diesem Thema. Vor einer Woche haben sie gelernt, eine virtuelle Katze mit einem Klick miauen zu lassen. Heute zeigt Knodel zunächst ein Video, das demonstriert wie eine „Wahrheitskugel“ entwickelt werden kann. Anschließend können die Schüler – anhand von vier großen Lernkarten – die erste Schritte machen, bis die App auf Fragen jeder Art eine zufällig generierte Antwort gibt.

Die Lernkarten erklären das Design der App und die Komponenten, die benötigt werden. Derweil geht Diana Knodel von Schreibtisch zu Schreibtisch, beantwortet Fragen und gibt Tipps: „Geht doch noch mal auf den ‚speed recognizer’.“ Neben Grundkenntnissen der Informatik vermittelt der Workshop auch angewandtes Englisch. Von „pick a random item“ über „get text“ – IT-Fachbegriffe gehören einfach dazu.

„Digitale Medien haben heute einen sehr großen Einfluss“, sagt die promovierte Informatikerin (unter anderem auch mit einer Berufsstation bei XING) Diana Knodel. „Deshalb ist es wichtig zu verstehen, wie digitale Produkte entstehen. Es geht nicht darum, dass in Zukunft alle Programmierer werden“; erklärt die 33-Jährige. „Aber wir sind umgeben von Code und Algorithmen, deshalb sollten gerade junge Menschen diesen Bereich kennen lernen. Nur so kann man Entwicklungen im digitalen Zeitalter besser verstehen und einordnen.“

Der Idee zu App Camps lieferte ein Sommerferien-Workshop 2013, den Diana Knodel und ihr Mann Philipp für Schülerinnen organisiert hatten. „Wir wollten den Spaß am Programmieren weitergeben – als einmaliges Projekt in unserer Freizeit.“ Doch nachdem das ZDF darüber berichtete, kamen viele Anfragen von Schulen und Bildungsorganisationen. Das Start-up App Camps war geboren – und soll nun als Non-profit-Unternehmen Programmier-Workshops an möglichst alle deutschen Schulen bringen. Motto der Firma: „We love to code“.

Nun wird die „Wahrheitskugel“-App erweitert. Eine zufällige Antwort wird per Sprachausgabe ausgegeben. „Bin ich ein Volltrottel?“ fragt ein Schüler witzelnd. „Auf keinen Fall“ antwortet die App. Alle, die im Klassenraum neben ihm sitzen, lachen. Mit der Überzeugung, dass Programmieren Spaß macht, sind die Gründer von App Camps nicht allein.

„Bisher waren eigentlich immer alle Schüler begeistert, wenn sie erst einmal mit dem Programm
vertraut sind,“ sagt Lehrerin Stephanie Müller-Wessel. „Ein Mindestmaß an Grundwissen von Programmierung ist heute ja extrem wichtig. Ich lerne auch viel von den Schülern. Das gemeinsame Ausprobieren macht viel Spaß. Außerdem sehen sie dann, dass Lehrer auch nicht unbedingt alles können – und das ist gut so.“

Die Schüler Hannah, 16, und Jasper, 17, vom Heilwig-Gymnasium erzählen beide übereinstimmend, sie fänden den Workshop vor allem dank der Lernkarten sehr verständlich. „Eine simple App zu entwickeln, ist so nicht schwer und vor allem spaßig.“

Von Schülern programmierte Apps:  „Man ist sehr kreativ. Es macht einfach Spaß.“

Von Schülern programmierte Apps: „Man ist sehr kreativ. Es macht einfach Spaß.“

Mittlerweile hat das Start-up der Knodels mehr als 500 Apps gemeinsam mit Jugendlichen entwickelt. Doch der zeitliche Aufwand für die Offline-Workshops, in denen Lehrer (auch ohne große Vorkenntnisse) mit den Lernmaterialien unterrichten, ist groß, wenn die Mitarbeiter immer persönlich vor Ort sind. Aus diesem Grund werden die Lehrkräfte perspektivisch mit dem Material und den digitalen Schulungsunterlagen von App Camps selbstständig die Kurse anbieten können.

Die technischen Skills, die sich Jugendliche früh aneignen sollten, sind nicht nur für das Chatten auf WhatsApp, für Profile auf Instagram oder fürs Microblogging nützlich, sondern vor allem auch gefragte Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt. „Wer programmieren kann, findet auf jeden Fall einen Job“, sagt Diana Knodel. „Wir wünschen uns deshalb, möglichst allen Schülern einen ersten Zugang zu Informatik ermöglichen zu können.“ Gerade für sozial eher benachteiligte Kinder seien Programmierkenntnisse eine sehr gute Chance, ihre Berufsperspektiven zu verbessern.

In Diana Knodels Büro im Schanzenviertel sitzen unterdessen die Schülerpraktikantinnen Clara und Leonie Gremmelspacher. Die 15-jährigen Zwillinge sind jetzt seit einer Woche bei App Camps und tüfteln unermüdlich an einem kleinen Spiel, in dem ein Hund in seine Hütte zurückfinden soll. „Programmieren ist alles andere als langweilig“, sagt Clara. „Man ist sehr kreativ. Es macht einfach Spaß.“ Jetzt schon würden sie Apps sehr viel bewusster nutzen: „Allein zu wissen, welche Arbeit dahinter steckt.“

Und welche Voraussetzung sollten Schüler für die Workshops mitbringen? „Geduldig sein und nicht gleich aufgeben“, antwortet Leonie. „Englisch sollte man schon einigermaßen drauf haben und logisch denken können. Doch wofür braucht man das nicht?“ Vor ein paar Tagen waren sie in einer anderen IT-Firma zu Besuch. „Wie locker die Informatiker sind“. Das hat sie erstaunt. „Die waren alle einfach cool.“

Aber nicht nur für Schüler sind die Programmier-Kurse interessant. Im nächsten Schritt will sich die Online-Lernplattform auch an interessierte Einzellerner, auch im Erwachsenenalter, richten – und darüber könnten erstmals Einnahmen generiert werden. Allerdings nur, um die Kernaufgabe des gemeinnützigen Unternehmens weiterzutreiben: Schließlich haben die meisten Schulen knappe Budgets und können „Sponsoren“ aller Art gut gebrauchen.


(Aufmacherbild: App-Camp-Gründerin Diana Knodel mit Hamburger Schülern, Foto: Andrea Kantioler)

10 Kommentare

Michael

30.03.2015

„Jeder sollte programmieren lernen“ -wirklich?
Unsere Gesellschaft hängt auch ( noch immer) sehr stark von Mobilität ab. Da gibt es allerdings kein Aufrufe: „Jeder sollte Auto reparieren können.“

Wenn jeder seine eigenen „Werkzeuge“ programmiert na dann viel Spaß mit IT-Security, zielgerichteter Arbeit und Burn Out.

Nicht jeder ist zum Programmieren berufen.

Sibylle1969

30.03.2015

Es muss nicht jeder programmieren können, aber es kann nicht schaden, wenn Schüler/innen da mal reinschnuppern können. Wen es dann interessiert, der kann es ja vertiefen. Wichtig wäre vor allem, dass auch und gerade bei Mädchen das Interesse daran geweckt wird. Denn mit gutem Unterricht kann auch bei Mädchen das durchaus vorhandene Interesse geweckt und ausgebaut werden. Viele talentierte Mädchen haben eine berufliche Laufbahn in der IT gar nicht auf dem Schirm, oft weil es an Vorbildern im Umfeld mangelt, weil das Umfeld (Eltern, Lehrer, Freunde) oft implizit und unterbewusst die Botschaft sendet „Das ist nichts für Mädchen“ oder weil die Mädchen es sich selbst nicht zutrauen. Also Mädels, Programmieren ist gar nicht so schwer, und nicht alle Programmierer sind Nerds…

Werner

30.03.2015

Hilfe nur das nicht….Wir benötigen in der Zukunft keinesfalls mehr Programmierer (Programme), sondern nur Bessere, welche noch logischere, einfachere, bedienungsfreundlichere Software herstellen. Den meisten Programmierer fehlt aber leider der PRAKTISCHE Bezug. Von Code alleine hat man nicht gegessen!

Peter

30.03.2015

Natürlich ist Programmieren nicht alles, aber Mobilität heißt auch nicht nur Auto fahren. Wenn aber Computer immer stärker unseren Alltag bestimmen, dann sollte man mehr können als nur Programme bedienen. Ist für mich auch eine Notwendigkeit um nicht einer kleinen Elite den Umgang mit Software zu überlassen.
Schön wäre auch, wenn – neben der kulturellen, künstlerischen und sprachlichen Förderung – die Schüler mehr von wirtschaftlichen Zusammenhängen lernen würden…

Patrick

30.03.2015

Jede Hilfe ist willkommen auf dem Weg, Deutschland zu digitalisieren!

Thomas Kofler

30.03.2015

“Jeder sollte programmieren lernen?”: nein. Für das Gros der Menschen genügt ein Verständnis, das eine sachgerechte Beurteilung ermöglicht. Michael hat völlig recht: Viele fühlen sich berufen, aber nur wenige können es. Eine solide Ausbildung und ein wenig Talent sind Voraussetzung! Im weiteren besteht die Kunst der Software-Entwicklung aus deutlich mehr als Programmieren.

Kerstin

30.03.2015

Die Idee der beiden Informatiker, Schülern das wichtige Thema im digitalen Zeitalter genau auf diese Art und Weise näher zu bringen, ist genial! Ich selbst würde mich für eine OnlineSchulung für „IT-affine- und IT- interessierte Erwachsene“ bei Knodels anmelden. Weiter so – mit grundlegenden IT- Kenntnissen wird es für jeden Berufseinsteiger einfacher einen präferierten Job zu finden!

Andres Manz

30.03.2015

Aber selbstverständlich sollte jeder programmieren lernen. So, dass noch mehr Leute, die keine Ahnung von sauberer Software-Entwicklung haben, ihren hässlichen Code in Umlauf bringen möchten. Die Maintainer von Open Source-Projekten freuen sich immer sehr über Einsendungen von Leuten mit übergesundem Selbstvertrauen, die „Java in sieben Tagen“ und „Instant-C für Faule“ gelesen haben. Wobei ich da nun etwas viel erwarte, weil der Grossteil der hier gemeinten Leute natürlich lieber „Websites programmieren“ möchte.

Es ist cool, wenn man durch ein paar Wochen mit Kursen denjenigen die Jobs vor der Nase wegschnappen kann, die jahrelang dafür gelernt und gearbeitet haben. Und weil es dann jeder „kann“, ist das ja sowieso super, weil der Programmierer im Schnitt dann auch günstiger wird. Zunächst.

Bis halt dann die hohen Tiere durch die tollen Erfahrungen auch zwischen Amateur und Profi unterscheiden können. Mal im Ernst – grundlegende IT-Kenntnisse sind durchaus eine gute Sache. Aber das Programmieren sollte man dann doch eher den Spezialisten überlassen. Oder sich wirklich aufrichtig dafür begeistern und _alles_ darüber lernen. Da reicht ein Kurs nicht.

RallyVincent

31.03.2015

Programmieren ist nicht gleich programmieren. Ich plädiere wohl das jeder Programmieren lernen sollte, das man dadurch kein Professioneller Entwickler wird ist wohl klar. Aber da die Welt immer digitaler wird und die Berufswelt mehr als nur Word Kenntnisse verlangt, sind Grundkenntnisse in Programmieren das A und O. Egal ob, Automechaniker der die Ursache eines Fehlers im Auto in der Kausalitätskette des Bordcomputers finden muss, oder die einfache Büroangestellte die durch zwei einfache Wenn-Dann-Klauseln in Excel sich ein Überstunden-Wochenende spart. Und auch im Privatleben sollte man beim neuen Haus auch Wissen warum die Heizung nicht angeht oder woher die Kinder wissen, dass man gerade mit dem Kochen fertig geworden ist.

Michael Göhring

21.09.2017

Ich finde alles gut, was Kinder an die MINT Fächer ranführt, ob es wirklich alles Programmierer werden, sei dahingestellt. Aber hier geht es doch auch um Problemanalyse und -lösungskompetenz, strukturiertes Denken und dann daqs ganze umzusetzen und stolz darauf zu sein.
Mit den Bootcamps und Programmier-Schnellkursen kommen ständig neue Programmierer auf dem Markt, inselbegabt in einem speziellen Bereich, aber das sind noch keine Software Engineers. Und nach meiner Erfahrung fehlen diese.