„Ich lege sehr viel Wert auf das Zeugnis“

Sie lesen im Jahr um die 1000 Bewerbungen. Womit kann man Sie am besten überzeugen: Mit dem Anschreiben, dem Lebenslauf oder Zeugnissen?

Stefan Nikolaus: Entscheidend ist das Gesamtbild. Das wird aber maßgeblich vom Lebenslauf bestimmt.

Welche Rolle spielen die Zeugnisse?

Die sind auch wichtig. Zum einen für die Validierung. Mit dem Zeugnis kann ich überprüfen, ob die Angaben im Lebenslauf zu den beruflichen Stationen und konkreten Tätigkeiten stimmen. Außerdem ist das Zeugnis die einzige Fremdeinschätzung in der Bewerbung. Alles andere hat der Kandidat selbst geschrieben.

Das heisst, dass Sie alle Zeugnisse gründlich studieren?

Ich lese sie zumindest im Schnellcheck. Wichtig ist etwa zu sehen, wie das frühere Arbeitsverhältnis geendet hat. Wurde das Zeugnis erst Monate nach dem Ausscheiden ausgestellt, kann das ein Hinweis sein, dass der erste Entwurf für den Mitarbeiter nicht günstig war und er sich dagegen gewehrt hat. Hellhörig werde ich auch, wenn er zu einem krummen Datum ausgeschieden ist.

Warum?

Das spricht oft für eine fristlose Kündigung.

Solche Hinweise sind wichtiger als die Beurteilung der Arbeitsleistung des Mitarbeiters?

Zeugnisse sind in der Regel ohnehin sehr gut. 90 Prozent aller Mitarbeiter bekommen die Note eins oder zwei. Das nimmt der Beurteilung etwas den Wert. Die trägt nur zum Gesamtbild bei.

Aber einen Bewerber mit schlechter Beurteilung würden Sie nicht zum Vorstellungsgespräch einladen?

Wenn das Gesamtbild gut ist, würde ich ihn einladen. Dann wäre das Zeugnis Anknüpfungspunkt für Fragen im Gespräch.

Hängt der Wert des Zeugnisses von der Hierarchiestufe ab?

Umso anspruchsvoller eine Stelle ist, umso wichtiger ist das Zeugnis. Bei einem Ingenieursjob zum Beispiel hat es große Bedeutung. Ab einer höheren Hierarchiestufe hingegen verliert es wieder an Wert. Wenn jemand sehr weit nach oben gekommen ist, erkennt man schon daran, dass er Qualifikationen mitbringt.

In anderen Ländern gibt es gar keine Zeugnisse. Sind Bewerber ohne bei Ihnen gleich aus dem Rennen?

Nein. Wir haben viele Bewerber aus Osteuropa oder Spanien, die sich ohne Zeugnis bewerben. Das ist kein Ausschlusskriterium.

Wird es auch in hier irgendwann kein Zeugnis mehr geben?

Ich glaube nicht, dass es verschwindet. Es ist eher so, dass sich etwa die USA an das deutsche System anlehnen. Dort gab es bislang nur Referenzlisten. Das ist für Personaler aber aufwendig. Sie müssen frühere Arbeitgeber des Bewerbers anrufen und Soft Skills in Assessement Centern prüfen. Das kostet Zeit und Geld.

Personaler fordern, das Zeugnis durch bloße Beschreibungen der Tätigkeit zu ersetzen. Wäre das eine Alternative?

Ich lege sehr viel Wert auf das Zeugnis. Es ist auch eine Wertschätzung für den Arbeitnehmer. Für den hat es oft große Bedeutung. Hat ein Praktikant eine gute Beurteilung bekommen, tritt er später bei Bewerbungen selbstbewusster auf.

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