Digitalisierung

Gesche Joost: "Die Politik versteht zu wenig von der Digitalisierung"

Die Digitalisierung hat die Arbeitswelt auch in Deutschland in den letzten Jahren gehörig umgekrempelt. Doch für Gesche Joost, der Internetbotschafterin der Bundesregierung, geht der Wandel in Gesellschaft und Politik hierzulande viel zu langsam voran. Sie kritisiert auch die Kollegen.

Text: Stefan von Gagern

Die Digitalisierung der Arbeitswelt betrifft schon lange nicht mehr nur die klassischen Computerberufe. PC, Smartphone, Tablet, ständig online und flexibel sein, all das hält Einzug in alle Branchen, auch in denen, die eigentlich wenig mit IT am Hut haben. Der online buchbare Termin beim Frisör oder der digitale Behandlungsplan der Krankengymnastin sind für viele schon normal geworden. Autowerkstätten und Handwerker sind mit Notebooks und Tablets unterwegs, wickeln per Software Aufträge und Ersatzteilbestellungen ab. „Man kann heute gar nicht mehr von digitaler Arbeit als Sonderform sprechen. Es ist der Normalfall geworden. Jeder Job hat heute digitale Aspekte, ohne entsprechende Kompetenzen kommt man nicht mehr aus,“ sagt Gesche Joost.

Die Frau weiß, wovon sie spricht: Gesche Joost, Jahrgang 1974, ist  – neben ihrem Job als Designforscherin an der Universität der Künste in Berlin – seit genau einem Jahr „Internetbotschafterin der Bundesregierung“. Und als solche beobachtet sie die digitale Transformation sehr genau, sammelt europaweit Eindrücke und Erfahrungswerte, wirbt hierzulande für Verständnis in Wirtschaft und Politik für den fundamentalen technologischen Umbruch. Doch genau da sieht Joost noch die größten Hindernisse: „Politisch werden diese Umwälzungen durch die Digitalisierung noch zu wenig verstanden. Man geht noch davon aus, dass das „Normalarbeitsverhältnis“ mit fest definierbaren Grenzen von Zeit und Ort weiterhin Standard sei. Dabei sind viele Branchen schon seit 20, wenn nicht 30 Jahren von Digitalisierungsprozessen betroffen“, mahnt Joost im Gespräch mit XING spielraum. Dass sie damit auch und vor allem ihre Parteifreunde in den SPD-geführten Arbeits- und Wirtschaftsministerien kritisiert, ist der streitbaren Netzexpertin sicherlich bewusst.

(Foto: Nils Hasenau)

„Man kann heute nicht mehr von digitaler Arbeit als Sonderform sprechen.“ Prof. Dr. Gesche Joost, „Internetbotschafterin der Bundesregierung für die Europäische Kommission“ auf dem „New Work Day 2015“ in Hamburg (Foto: Nils Hasenau)

Natürlich kann die Digitalisierung auch eine Bedrohung sein, die ganze Berufe plötzlich überflüssig macht. Oft sind davon Traditionsberufe betroffen, die plötzlich dank Computertechnik gar nicht mehr gebraucht werden. Joost kann ein Beispiel aus der eigenen Erfahrung nennen: Im elterlichen Familienbetrieb mit hundertjähriger Tradition arbeitete einst eine Armada von Schriftsetzern, die Bleisatz für Zeitungen und andere Druckerzeugnisse gemacht haben. Heute kann jeder an einem Notebook mit tausenden Schriften in kürzester Zeit die Arbeit eines ganzen Schriftsetzer-Betriebs übernehmen.

„Das ist der gesellschaftspolitische Balanceakt: Wie viel Arbeit wird durch die Digitalisierung wegfallen, wie viel wird hinzukommen? Das Rennen ist noch nicht entschieden, da wir noch nicht die Weichen auf Wachstum gestellt haben und Chancen und Risiken ausgleichen. Wir sollten den digitalen Wandel begrüßen und die neuen Formen der Arbeit fördern“, kommentiert Joost und wiederholt ihre Kritik: „Viele Politiker sprechen immer noch von den traditionellen Rahmenbedingungen und Modellen.“ Man brauche aber dringend neue Ideen, zum Beispiel ein Baukastensystem für soziale Sicherungssysteme: „Es gibt heute immer seltener „normale“ Arbeiterbiografien. Es gibt digitale Nomaden, die ein Sabbatical machen, dann mit befristeten Verträgen aus Portugal fernarbeiten oder in Berlin ein freies Projekt wählen. So etwas lässt sich im System der Sozialversicherung kaum abbilden, weil es eher davon ausgeht, dass man mit einer Festanstellung jahrelang im gleichen Job arbeitet.“

Und Gesche Joost treibt noch eine andere, große Sorge: „Tatsächlich sind wir dabei, eine digitale Spaltung zu manifestieren, in diejenigen, die online sind und diejenigen, die kaum wissen, wovon die Rede ist. Hier geht es nicht nur um Altersgrenzen, sondern viele haben keinen Computer zuhause, keine technischen Fähigkeiten oder vielleicht kein Interesse an den Themen. Diese Menschen dürfen aber nicht abgehängt werden. Wir müssen hier immer wieder Zugänge schaffen. Hier spielt eine einfache Benutzbarkeit eine große Rolle, aber auch die richtige Ansprache für die unterschiedlichen Zielgruppen,“ so Joost.

Schon weit vor der Berufsausbildung müsse man deshalb auf den Umgang mit Internet, PC, Tablet und Smartphone vorbereitet werden. Doch viele Schulen bei uns sind noch der letzte Hort des Analogen“, stellt Joost fest. „Das kann nicht die Zukunft sein. Digitale Kenntnisse müssen ab der Grundschule in den Lehrplan aufgenommen werden.“

Gerade bei der jungen Generation habe die Digitalisierung weit mehr verändert, als nur den Arbeitsalltag rationeller zu machen. Die sogenannte „GenY“ habe eine ganz andere Erwartungshaltung an den künftigen Job, der längst nicht mehr nur das Verdienen des Lebensunterhalts ist: „Arbeit soll heute Spaß machen, man möchte sich selbst verwirklichen, man möchte Sabbaticals einplanen und ein viel stärkeres Gleichgewicht zwischen Beruf und Freizeit haben – und kann sich das auch leisten, weil viele gut ausgebildet sind und mit einer ganz anderen Motivation in den Beruf starten,“ so Joost.

Leider falle gerade im internationalen Vergleich die überaus kritische Haltung der Deutschen zum technologischen Wandel negativ auf: „Im Baltikum zum Beispiel wird die Digitalisierung begrüßt, vielfach gibt es freies WLAN und E-Government, die papierlose Verwaltung, ist heute schon Standard,“ so Joost. In Deutschland sähe man vor allem die Probleme, es herrsche Skepsis und vor allem auch Angst. „Die Angstdebatte um die Digitalisierung führt uns nicht weiter. Wir müssen die Risiken ernst nehmen, aber trotzdem konstruktiv den Schritt nach vorn wagen. Sonst werden wir international abgehängt ,“ warnt Joost.

Das gelte vor allem auch für die Kritik an den neuen Entwicklungen im Bereich „Big Data“, den Datensammlungen, die dazu genutzt werden sollen, politische Entscheidungen fundierter zu treffen, Produkte und Geschäftsprozesse zu verbessern, wissenschaftliche Forschung voranzutreiben. Gerade aus Deutschland herrsche dabei aber viel zu große Skepsis, so Joost: „Die Debatte um die „Datenkraken“ gibt es in einigen europäischen Nachbarländern in der Form gar nicht, hier werden eher die Möglichkeiten von Big Data gesehen: Staus zu vermeiden, Energienetze ausbauen oder Krebsforschung zu betreiben. In Deutschland sehen wir vor allem unsere Privatsphäre bedroht. Das hat in Deutschland historische Gründe, die ich sehr wohl nachvollziehen kann und die wichtig sind. Wir müssen wachsam sein, wie wir unsere Daten einsetzen wollen und was unsere Persönlichkeitsrechte sind.“  Bei der Debatte um die Daten gehe im Moment vieles durcheinander: „Big Data, personenbezogene Daten und Open Data werden in einen Topf geworfen. Wir müssen jedoch differenzieren: Wann sind Daten auf mich persönlich zurückführbar? In diesem Falle möchte ich über die Nutzung selbst entscheiden können“, bekräftigt Gesche Joost. „An anderen Stellen sollten wir die Potentiale von Big Data jedoch als Wirtschaftsfaktor nutzen.“

Noch eine Hausaufgabe für die Kollegen in Berlin.

6 Kommentare

RalfLippold

23.03.2015

Der Wandel des täglichen Lebens in das digitale Zeitalter ruft in Deutschland stets einen „Fluchtreflex“ bei den Menschen aus.

Noch immer ist die Verfolgung der Menschen durch staatliche Organe (ob im Dritten Reich oder der DDR) noch immer tiefer verwurzelt als vielfach in Politik und Gesellschaft bewusst.

Digitalisierung bedeutet per-se, dass die einzelne Person in gewissen Bereichen transparenter wird. Darüber hinaus betrifft dies auch Institutionen und Unternehmen.

Bei allen drei Gruppen setzt eine gewisse Angst ein, dass jemand zu viel wissen könnte. Hier geht dann sofort „die Klappe runter“. Man macht lieber gar nichts mit „Digital“ oder wenn dann nur mit vertrauenswürdigen Personen, die man persönlich vom Face-to-Face Gespräch kennt.

Doch genau hier liegt die Chance verborgen. Wieviel Digitalisierung ist gut, positiv für den Einzelnen, das Unternehmen und die Gesellschaft? Können wir uns in Deutschland allgemeinen Veränderungen widersetzen und nach wie vor auf Papier und persönliche Gespräche setzen, oder gibt es inzwischen andere Wege?

Einige Gedanken zum Thema finden sich auch in meinem Beitrag zu #ArbeitsVisionen2025, http://bosbach.mobi/wordpress/interviewreihe-arbeitsvisionen2025/ralf-lippold-arbeitsvisionen2025/

Alexander Pilar von Pilchau

23.03.2015

Der Wandel geht zu langsam vonstatten.

Vor weit über zehn Jahren habe ich im Baltikum mein Parkticket mit dem Mobiltelefon bezahlt. Viele Jahre später gab es in Deutschland ein Pilotprojekt zu dem Thema. Wow, wie innovativ.
Große Unternehmen sind sehr an Innovationen interessiert, möchten aber nicht unbedingt die Ersten sein, die sie einführen. Daran krankt es leider. Anderslautende Statements sind meist nur Lippenbekenntnisse.

So haben es Startups schwer, mit digitalen Innovationen Fuß zu fassen.
Es sind aber gerade diese Startups, die den digitalen Wandel beschleunigen können.

Sebastian Wolf Siebzehnrübl

23.03.2015

Das war wirklich eine sehr sympatische Vorstellung von Frau Joost bei Ihnen in Hamburg. Leider fehlte Herr Kruse in der Runde, dessen Satz, das Netzwerk an sich sei nicht intelligent, m.E. das passende Pendant zu den Thesen von Frau Joost gebildet hätte. Dieser Satz unterstreicht unsere Herausforderung als Dienstleister des Wandels am besten.
Im gesamtgesellschaftlichen Kontekt zur Digitalisierung bestimmen einerseits das Vertrauen in den Staat und andererseits der Glaube an die Chancen von Big Data die Geschwindigkeit. An beidem scheint es zu mangeln. Erst letzte Woche unterstrich eine doch recht analoge Cebit dies recht anschaulich.
Dennoch geben uns aktuelle Projekte, in denen wir Wandel begleiten und (mit-)formen durften, Hoffnung für eine positive Veränderung. Die Geschwindigkeit können wir letztlich nur gemeinsam bestimmen.

H. Gerd Würzberg

23.03.2015

Na klar sollten wir „den digitalen Wandel begrüßen und die neuen Formen der Arbeit fördern“. Und dass „Angstdebatten um die Digitalisierung“ und Kulturpessimismus à la Schirrmacher politisch nicht weiter helfen, wird ja zu Recht andauernd und eigentlich von allen betont.

Auch, dass die Umwälzungen durch die Digitalisierung „politisch noch zu wenig verstanden“ werden, stimmt aus meiner Sicht – allerdings in einem ganz anderen Sinn als dem von G. Joost gemeinten. Es mag ja für einzelne Politikfelder wie das der Sozialversicherung stimmen, dass „viele Politiker immer noch von den traditionellen Rahmenbedingungen und Modellen sprechen“, aber in einem ganz entscheidenden Punkt wird viel zu wenig von „traditionellen Modellen“ gesprochen: Was ist mit dem deutschen und (z.T.) europäischen Projekt einer Sozialen Marktwirtschaft, das ordnungspolitisch u.a. auf der Verhinderung von wettbewerbsverzerrenden Monopolen, ethisch auf Chancengleichheit und sozialem Ausgleich basiert? Die Umrisse einer „Sozialen Marktwirtschaft 2.0“ sind bisher noch nicht auf dem politischen Schirm.
Wer nur von Wachstum und Chancen spricht, aber die neue Dimension von Marktbeherrschung und Wettbewerbsfeindschaft (vgl. P. Thiel!) ausblendet, leistet bewusst oder unfreiwillig der neoliberalen the winner takes it all-Mentalität oder gar der kriminellen Energie Vorschub, mit der manche Internet-Anbieter die Zerstörung der für sie lästigen Rechtsordnungen betreiben.
Das pseudosoziale Mäntelchen, mit dem einige Internetkonzerne ihr radikales, antiquiertes Verständnis von „Markt“ verkleiden, unterscheidet sich nicht wirklich von dem der anderen großen Fraktion der (New Age geprägten) Masters oft the Universe, die maßgeblich zur derzeitigen, tief greifenden Vertrauenskrise gegenüber der Marktwirtschaft beigetragen haben.

Die Erweiterung des technologiepolitischen Tunnelblicks zu einer wirtschaftspolitischen Argumentation – das wäre doch mal eine schöne Hausaufgabe für die Kollegin G.J. in Berlin…

Alexander Schneider

23.03.2015

Schon komisch, dass renommierte Fachzeitschriften, wie der heise Zeitschriftenverlag, oder andere Experten, wie der Chaos Computer Club und viele Informatiker, darunter auch ich, warnen vor den Datenkraken. Scheint fast so, als hätten die gut ausgebildeten Leute, also die angeblich fehlenden Fachkräfte in Deutschland, keine Ahnung von dem Thema.
Das Gegenteil ist der Fall. Leute die völlig unbekümmert an die Sache heran gehen haben entweder keine Ahnung, oder nehmen aus Profitgier billigend in Kauf, dass die Demokratie und Freiheit massiv in Gefahr gerät.
In einer Podiumsdiskussion habe ich kürzlich erlebt, wie einer gesagt hat, früher hätte man auch keinen Sicherheitsgurt gehabt. Also sinngemäß, man solle doch jetzt ohne Sicherheitsgurt schon mal starten.
Die Wahrheit ist, dass wir in Deutschland Gesetze haben, bei denen es viel Kraft gekostet hat, diese zu implementieren. Nun wird versucht, diese einfach weg zu wischen. Das Datenschutzgesetz wird regelmäßig mit Füßen getreten und keinen kümmert es. Was ist mit dem Grundsatz der Datensparsamkeit?
Viele der Dienste die Google, Facebook und Co. anbieten, könnte man auch ohne die Datensammlung verwirklichen. Diese gehen nach dem Motto: Gib mir alle deine Daten und ich schaue mal, was ich dir anbieten kann. Ich bin aber davon überzeugt, wenn es die Dienste auch gäbe, ohne seine gesamten Daten preis zu geben, gäbe es genügend Abnehmer, die auch dafür bezahlen würden.
Schon bemerkenswert, dass die Politik die Diensteanbieter nicht zwingt, solche Dienste anzubieten. Schließlich verstoßen alle gegen das Datenschutzgesetz.
Aber die Einführung einer Maut auf Bundesstraßen, nur für Deutsche, wobei die Maut kostenneutral sein soll ergibt wenig Sinn. In Wahrheit geht es darum, die Nummernschilder scannen zu dürfen, um eben noch mehr überwachen zu können. Solche Beispiele könnte ich noch viele nennen.

Fakt ist: Sicherheit muss von Beginn an in die Architektur hinein entworfen werden. Das ist ein Grundsatz in der Softwareentwicklung, dass man die Schnittstellen und die Sichtbarkeit der Daten erst mal so klein wie möglich macht. Diesen Grundsatz sollte man auch hier befolgen. Damit behindert man keineswegs den Fortschritt, oder baut unnötige Hürden ein. Sämtliche Ziele, die für die Menschen im Gesamten wichtig sein könnten, können dennoch erreicht werden. Nur einige große Unternehmen, oder Staaten haben das nachsehen, weil die ihr Ziel nicht mehr so leicht erreichen, nämlich das des gläsernen Bürgers.

Hans-Georg Torkel

25.03.2015

Als Schulleiter an einem Berufskolleg und Vorsitzender des MINT Vereins KIT-Initiative.de schaffe ich Lernszenarien des lebensbegleitenden Lernens, gemeinsam für Jung und Alt.

In der Talenteschule als Teilbereich der „Juniorschule“ (Lernen ohne Lehrer und Hilfe zur Selbsthilfe) sind wir Impulsgeber für Innovationen und lernen die Vor- und Nachteile der Innovationen abzuschätzen.

Wir suchen junge erwachsene und erwachsene Talente, die mit uns eine neue Datenautobahn bauen, in der der Mensch wieder im Mittelpunkt steht und die Sicherheit der Cloud berücksichtigt ist.

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