Digitalisierung

Das Androiden-Experiment: Wie viel Arbeit bleibt für uns übrig?

Werden wir alle bald von Maschinen und Robotern ersetzt? Wie realistisch sind die Schreckensszenarien, die manche Wissenschaftler über unsere Zukunft entwerfen? In ihrem aktuellen Bestseller „The Second Machine Age“ beschreiben die beiden US-Autoren Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee sehr anschaulich die Auswirkungen der Digitalisierung auf die globale Gesellschaft – auch auf unsere „menschlichen“ Arbeitsplätze. Wir veröffentlichen Auszüge.

Von Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee

„Die Digitalisierung bringt heikle Herausforderungen mit sich. Das sollte uns an sich weder überraschen noch beunruhigen. Selbst die vorteilhaftesten Entwicklungen haben unangenehme Folgen, die wir in den Griff bekommen müssen. Mit der industriellen Revolution gingen Rußschwaden über London und die grauenhafte Ausbeutung der Arbeitskraft von Kindern einher. Was werden die modernen Parallelen dazu sein?

Zukunftsforscher Brynjolfsson (li.) und McAffee:  "Wir denken einfach nicht genug nach, was zu tun ist."

Zukunftsforscher Brynjolfsson (li.) und McAffee: „Wir denken einfach nicht genug nach, was zu tun ist.“

Rasche und immer schnellere Digitalisierung dürfte eher wirtschaftliche als ökologische Verzerrungen mit sich bringen, die sich aus dem Umstand ergeben, dass Computer leistungsfähiger werden und Unternehmen für bestimmte Tätigkeiten weniger Mitarbeiter brauchen. Der technische Fortschritt in seiner rapiden Weiterentwicklung wird den einen oder anderen hinter sich lassen – möglicherweise auch viele. (…) Nie gab es eine bessere Zeit für Arbeitskräfte mit speziellen Kompetenzen oder der richtigen Ausbildung, denn solche Menschen können die Technik nutzen, um Wert zu generieren und abzuschöpfen. Für Arbeitnehmer mit „gewöhnlichen“ Kompetenzen und Fähigkeiten gab es dagegen kaum eine schlechtere Zeit, denn Computer, Roboter und andere digitale Technik erwerben solche Kompetenzen und Fähigkeiten mit beispielloser Geschwindigkeit. (…)

Das Androiden- Experiment

Stellen Sie sich vor, ein Unternehmen würde morgen Androiden auf den Markt bringen, die absolut alles beherrschen, was ein menschlicher Arbeitnehmer kann – sogar die Herstellung neuer Androiden. Es gibt ein endloses Angebot an solchen Robotern, die billigst zu haben sind und langfristig praktisch kostenfrei arbeiten. Und das rund um die Uhr, tagaus, tagein, ohne Pause.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen einer solchen Entwicklung wären äußerst tiefgreifend. Zunächst würden Produktivität und Output explodieren. Die Androiden würden Bauernhöfe und Fabriken betreiben. Nahrungsmittel und Produkte wären billiger herzustellen. Auf einem Wettbewerbsmarkt würden die Preise dafür de facto fast bis auf die Materialkosten fallen. Rund um die Welt würde das Angebot enorm viel größer, vielfältiger und erschwinglicher. Kurz, die Androiden würden enormen Wohlstand mit sich bringen.

Doch in der Erwerbsbevölkerung würden sie starke Verzerrungen auslösen. Jeder wirtschaftlich denkende Arbeitgeber würde lieber Androiden beschäftigen, da sie im Vergleich zum Status quo gleiche Leistungen zu geringeren Kosten bringen. Sie würden daher rasch die meisten, wenn nicht gar alle menschlichen Arbeitskräfte verdrängen. Unternehmer würden auch weiterhin neuartige Produkte entwickeln, neue Märkte erschließen und Unternehmen gründen. Die entstehenden Arbeitsplätze würden sie jedoch mit Androiden besetzen statt mit Mitarbeitern. Die Eigentümer der Androiden und anderer Kapitalwerte oder natürlicher Ressourcen würden in der Wirtschaft den gesamten Wert abschöpfen und den gesamten Konsum auf sich vereinen. Die Unvermögenden hätten nur ihre Arbeitskraft anzubieten, die wertlos wäre.

In diesem gedanklichen Experiment spiegelt sich die Realität: Kein „ehernes Gesetz“ besagt, dass technischer Fortschritt grundsätzlich im großen Stil Arbeitsplätze schafft. Eine kleine Abwandlung dieser hypothetischen Konstellation geht davon aus, dass die Androiden alles genauso gut können wie Menschen bis auf eins – sagen wir kochen. Die wirtschaftlichen Folgen wären die gleichen, nur dass es noch menschliche Köche gäbe. Weil diese Jobs so begehrt wären, könnten Unternehmen Köche jedoch zu weitaus niedrigeren Gehältern einstellen und trotzdem alle freien Stellen besetzen. Die Gesamtzahl der auf das Kochen entfallenden Arbeitsstunden in der Wirtschaft würde gleich bleiben (zumindest solange noch Menschen in Restaurants gehen), doch der Köchen gezahlte Lohn würde insgesamt fallen.

Bestseller "The Second Machine Age" von Age Erik Brynjolfsson und Andrew McAffee: "Kein „ehernes Gesetz“ besagt, dass technischer Fortschritt grundsätzlich im großen Stil Arbeitsplätze schafft."

Bestseller „The Second Machine Age“ von Age Erik Brynjolfsson und Andrew McAffee: „Kein „ehernes Gesetz“ besagt, dass technischer Fortschritt grundsätzlich im großen Stil Arbeitsplätze schafft.“

Einzige Ausnahme wären vielleicht Starköche, die aufgrund einer Mischung aus Fähigkeiten und Reputation nicht so schnell ersetzbar sind. Solche Superstars würden nach wie vor hohe Gehälter verlangen können, doch andere Köche nicht. Neben enormer Output- Fülle würden die Androiden die Einkommensschere also drastisch vergrößern.

Wie aussagekräftig sind solche gedanklichen Experimente, die sich mehr nach Science- Fiction anhören als nach der heutigen Realität? Vorerst sind ja noch keine voll funktionsfähigen humanoiden Androiden in amerikanischen Unternehmen unterwegs. In Wirklichkeit gibt es noch gar keine, und bisher vollzog sich die Entwicklung von Maschinen, die menschliche Mitarbeiter ersetzen können, in Bereichen wie Mustererkennung, komplexer Kommunikation, sensorischer Leistung und Mobilität sehr langsam. Doch wie wir gesehen haben, hat sich das Entwicklungstempo in den letzten Jahren stark beschleunigt. Je besser Maschinen Menschen ersetzen können, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie die Löhne von Mitarbeitern mit entsprechenden Kompetenzen drücken.

Aus Betriebswirtschaft und Unternehmensstrategie wissen wir, dass niemand gegen nahezu gleichwertige Bewerber antreten möchte, die noch dazu einen Kostenvorteil bieten. Grundsätzlich können Maschinen aber ganz andere Stärken und Schwächen haben als Menschen. Wenn die Ingenieure darauf hinarbeiten, dass sich diese Unterschiede noch verstärken, dürften Maschinen Menschen vermutlich eher ergänzen als ersetzen. Effektive Produktion wird vermutlich beide Produktionsfaktoren erfordern, Mensch und Maschine. Und der Wert des Produktionsfaktors Mensch wird mit wachsendem Einfluss der Maschine steigen, nicht schwinden.

Eine zweite Lehre aus der Betriebswirtschaft und der Unternehmensstrategie besagt, dass es von Vorteil ist, eine Erscheinung zu ergänzen, die immer häufiger auftritt. Außerdem dürfte dieser Ansatz mit größerer Wahrscheinlichkeit Chancen zur Produktion von Gütern und Dienstleistungen eröffnen, die Menschen ohne maschinelle Unterstützung vermutlich nie entwickelt hätten – und ebenso wenig übrigens Maschinen, die Menschen lediglich nachahmen. Diese neuen Waren und Serviceleistungen erschließen einen Pfad zu Produktivitätssteigerungen, die sich aus mehr Output speisen, nicht aus geringerem Input.

Im Endeffekt ist Arbeitslosigkeit, solange es noch ungedeckten Bedarf und Mangel auf der Welt gibt, ein lautes Warnsignal dafür, dass wir schlicht nicht gründlich genug darüber nachdenken, was zu tun ist. Wir sind nicht kreativ genug bei der Lösung der Probleme, vor die uns die gewonnene Zeit und Energie der Menschen stellen, deren Jobs wegautomatisiert wurden. Wir können noch viele Technologien und Geschäftsmodelle erfinden, die die einzigartigen Fähigkeiten der Menschen ergänzen und verstärken, um neue Quellen für Wertschöpfung zu erschließen, anstatt die bestehenden zu automatisieren.

XING_Premium-BannerDarin besteht die eigentliche Herausforderung für unsere Politiker, unsere Unternehmer und für jeden Einzelnen von uns.“

Redaktion: Thorben Hansen

(Die Auszüge wurden mit freundlicher Genehmigung des Plassen-Verlags übernommen, die deutschsprachige Ausgabe des Buches „The Second Machine Age“ können Sie dort über diesen Link direkt bestellen)

5 Kommentare

Johannes Krauth

25.03.2015

Die einzigartigen Fähigkeiten des Menschen – welche bitte schön sind das denn? Und wie lange bleiben sie einzigaratig?
Die Frage, ob es noch Arbeit für Menschen geben wird, scheint mir die falsche Frage zu sein: Wofür brauchen wir (Erwerbs-)Arbeit? Wenn es dank der Androiden immer mehr Wohlstand gibt, immer mehr Waren und Dienstleistungen zum Kauf angeboten werden, aber alle arbeitslos werden und deshalb niemand mehr Geld verdient, um sie kaufen zu können – dann sollten sie eben ohne Geld verteilt werden. Oder es sollte Geld ohne Arbeit verteilt werden. Warum nicht?
Hierin sehe ich die größere Herausforderung für unsere Kreativität: Visionen für ein Leben ohne Erwerbsarbeit zu entwickeln.

Sebastian

25.03.2015

Auch Piloten sind nicht so einfach durch Computer zu ersetzen – zumindest, wenn wir weiterleben wollen – scienceblogs.de/flugundzeit

Brad Roderick

25.03.2015

„Wir sind nicht kreativ genug bei der Lösung der Probleme, vor die uns die gewonnene Zeit und Energie der Menschen stellen, deren Jobs wegautomatisiert wurden.“

Nein, die Kreativen werden unterdrückt und klein gehalten. Die Geldelite wünscht dies so.

Till

25.03.2015

Wenn Arbeit in großer Fallzahl keinen monetären Wert mehr hat, ist die Zeit eines bedingungslosen Grundeinkommens endgültig erreicht. Das nützte dann allen, vom Großkapitalisten, dem so noch zahlungsfähige Kunden übrig bleiben, bis zum Tagträumer, der ohnehin keine Arbeit gewollt hàtte.
Es darf nur nie dazu kommen, dass Maschinen selbst Geld besitzen.

Carlos

26.03.2015

Der Mensch ist auf diesem Planeten sowieso völlig überflüssig, denn er ist das einzige Lebewesen, was seine eigene Existenzgrundlagen zerstört.
Andererseits ist hier natürlich der ökonomische Ansatz völlig fehl am Platz. Angenommen, alle Unternehmen ersetzen ihre Mitarbeiter durch Androide: wer soll denn dann bitte die erzeugten Produkte kaufen? Das Thema gab es schon einmal. Schon Henry Ford hat einmal gesagt, dass Autos keine Autos kaufen würden.
Das Problem kann nur dadurch gelöst werden, dass bei der Ökonomie die wirklichen Bedürfnisse des Menschen im Mittelpunkt stehen und nicht die Maximierung der Profite einzelner Unternehmer. Aber leider hört beim Geld bekanntlich der Spass auf.
„Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv und waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“ (karl marx)