Blick von außen

Arbeitszeugnisse gehören zu einer Bewerbung dazu. Doch sie verlieren an Bedeutung – viele Arbeitgeber schauen sich lieber Bewerberprofile im Internet an oder fragen bei früheren Chefs nach. 

Bei einem Profifußballer, der den Verein wechselt, würde niemand ein schriftliches Zeugnis erwarten. Wer sich ein Bild von der Leistung eines Sportlers machen will, braucht nur ein Spiel von ihm zu besuchen. Da sieht er, wie gut er kickt, ob er strategisch denkt und ein Teamplayer ist. Doch es ist nur in den wenigsten Branchen so einfach, einen potentiellen Mitarbeiter einzuschätzen. Üblicherweise sind Unternehmen auf Hinweise angewiesen, ob ein Bewerber tatsächlich das hält, was er wohlformuliert verspricht. Auf Hinweise im Zeugnis eines früheren Arbeitgebers zum Beispiel, der in offenen und versteckten Worten beschreibt, was von einem Bewerber tatsächlich zu halten ist.

Jahrzehntelang haben Personaler Zeugnisse akribisch studiert. Sie sind die einzigen Dokumente in einer Bewerbungsmappe, die jemand anderes als der Bewerber geschrieben hat. Den Rest hat er selbst verfasst: Den Lebenslauf, das Anschreiben, die Beschreibung seiner Fähigkeiten und Kompetenzen. Das Bild, das darin gezeichnet wird, ist also recht subjektiv. Und es sagt nichts darüber aus, wie der Bewerber als Kollege ist. Ob er mit anderen zusammen oder doch eher gegen sie arbeitet. Ob er umgänglich ist. Führungsqualitäten hat. Ideen entwickeln oder nur umsetzen kann. Je mehr Softskills im modernen Arbeitsleben an Bedeutung gewinnen, desto weniger aussagekräftig ist die schriftliche Bewerbung. Zeugnisse bieten da eine gute Hilfe, mehr über einen Kandidaten zu erfahren – und das selbstgezeichnete, womöglich schöngefärbte Bild etwas gerade zu rücken.

Dennoch wird immer wieder die Forderung erhoben, Zeugnisse abzuschaffen. Viele Personaler klagen, dass es zeitlich zu aufwendig sei, eine differenzierte und qualifizierte Beurteilung zu schreiben. Außerdem ist die Gefahr groß, dass der Text Auseinandersetzungen mit dem Mitarbeiter nach sich zieht. Über 30 000 Fälle landen jedes Jahr vor den Arbeitsgerichten, in denen Ex-Angestellte um einzelne Formulierungen ringen. Da die sogar eingeklagt werden können, ist der Wert einer lobenden Beurteilung ohnehin begrenzt.

Ein Zeugnis muss sogar wohlwollend formuliert sein, das ist Pflicht. Manche Unternehmen setzen nur Textbausteine ein. Andere lassen aus Zeitnot oder Sorge, mit einzelnen Formulierungen einen Rechtsstreit zu provozieren, den Text von dem abwandernden Mitarbeiter selbst schreiben. Was die Aussagekraft des Dokumentes natürlich auch nicht stärkt.

Von den Lobeshymnen im Zeugnis lassen sich Personalverantwortliche deshalb kaum mehr beeindrucken. Sie nutzen die Zeugnisse vor allem, um den Lebenslauf gegenzuchecken und Anknüpfungspunkte für das Vorstellungsgespräch zu finden. So prüfen sie im Zeugnis zum Beispiel, ob der Bewerber tatsächlich – wie behauptet – Projektverantwortung hatte oder Auszubildende angeleitet hat.

In einigen Branchen allerdings haben Zeugnisse selbst diese Bedeutung kaum mehr. In kreativen Berufen vor allem. Grafiker und Mediengestalter zum Beispiel bewerben sich mit einer Mappe voller Arbeitsproben. Daran lesen potentielle Arbeitgeber ab, ob der Bewerber vom Stil her ins Unternehmen passt. Auch kleine Startups legen weniger Wert auf schriftliche Zeugnisse. Sie schauen sich eher Profile im Web an. Gründern ist es oft vor allem wichtig, dass der neue Kollege ins Team passt, dass er sich mit der Idee identifiziert und für sie brennt. Die Mitarbeiter kommen oft auf persönliche Empfehlung. Wie andere Arbeitgeber sie beurteilt haben, fällt da weniger ins Gewicht.

Andere Länder kommen ohnehin ganz ohne Arbeitszeugnisse aus. In England und den USA sowie in asiatischen Ländern stellen die Unternehmen Mitarbeitern nach deren Ausscheiden nur eine neutrale, qualifizierte Tätigkeitsbeschreibung aus. Darin steht, welche Aufgaben ein Kollege konkret hatte, inwieweit er selbständig Projekte geleitet und Teams geführt hat. In den USA ist es zudem üblich, dass Bewerber ihren Unterlagen eine Liste mit Referenzen beilegen. Das sind zumeist frühere Vorgesetzte oder Personalchefs. Bei Interesse an dem Kandidaten telefonieren die Personalabteilungen dann die Referenzgeber ab und erkundigen sich nach dem Bewerber.

Wer im Ausland gearbeitet hat und sich für eine Stelle in Deutschland interessiert, kann sich also gar nicht mit einem Arbeitszeugnis bewerben. Wer aber eines hat, sollte es auch in die Mappe tun. Denn für die meisten Arbeitgeber gehört es zu einer Bewerbung – trotz aller Kritik – nach wie vor dazu.

 

 

0 Kommentare